20. November 2011

Diakoninnen

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat auf der Herbstvollversammlung einen Entschließungsantrag angenommen, der u.a. die Zulassung von Frauen zum Diakonat gefordert hat. Der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, P. Hans Langendörfer, hat dies als »erhebliche Belastung für das Gespräch zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und dem ZdK« gewertet. Die Forderung nach dem Diakonat der Frau sei »mit den weltkirchlich verbindlichen theologischen Überzeugungen und Festlegungen nicht vereinbar« (s. hier). Ob diese Überzeugungen absolut unabänderlich sind, dürfte auch davon abhängen, wie überzeugend sie sind.

Nehmen wir das Thema vom Neuen Testament aus in den Blick, so besteht zunächst eine grundsätzliche Schwierigkeit: in ihm finden sich zwar die Begriffe des dreigeteilten Amtes (Bischof, Presbyter, Diakon), aber es ist nicht möglich, die drei Ämter nach unterschiedlichen Aufgaben und Kompetenzen voneinander abzugrenzen. 

Paulinische Gemeinden

Zur Zeit des Paulus hat es noch keine Ämterstruktur gegeben. In den unumstritten echten Briefen wird deshalb immer die ganze Gemeinde angeschrieben, es gibt keine Verantwortlichen, die etwa auf ihre Aufgabe, Missstände abzustellen, hätten angesprochen werden können. Es gibt persönliche Autorität (z.B. die des Stephanas nach 1Kor 16,15f), aber keine amtliche. Aus diesem Grund muss Paulus auch dafür werben, dass solche Autoritätsträger anerkannt werden (s.a. 1Thess 5,12).

Wegen dieser Gegebenheiten ist die Erwähnung der »Episkopen (Bischöfe) und Diakone« in Phil 1,1 ein Rätsel. Aus dem Brief wird nicht ersichtlich, welche Funktionen solche Amtsträger in der philippischen Gemeinde wahrgenommen haben könnten. Nach dem Eingangsgruß ist im Brief von ihnen nicht mehr die Rede. Eine überzeugende Erklärung dafür, dass Paulus beide Ämter an dieser einen Stelle erwähnt, scheint kaum möglich. Deshalb ist auch denkbar, dass es sich hier um eine spätere Zufügung handelt. Aber auch wenn man diese Annahme ablehnt, muss man doch zugeben: Welche Bedeutung »Episkopen und Diakonen« für paulinische Gemeinden (bzw. für diejenige in Philippi) gehabt haben, lässt sich nicht mehr erheben.

Und Phoebe?
 

Die dargestellte Sachlage hat auch Auswirkung auf die Beurteilung jener Stelle, an der Phoebe, also eine Frau, als »Diakon der Gemeinde von Kenchreae« genannt wird (Röm 16,1). Häufig sprechen die Kommentatoren von einem Amtstitel. Ulrich Wilckens etwa sieht hier eines der frühesten Zeugnisse für die Entstehung des Diakonats (Der Brief an die Römer, 3 Bde., Einsiedeln/Neukirchen-Vluyn 1978-82, Bd. III 131). Mir scheint ein solches Urteil angesichts des Gesamtbefundes der unumstritten echten Paulusbriefe nicht problemlos zu sein. Die Notiz ist sehr knapp und wäre auch dann verständlich, wenn es noch kein festes Amt des Diakons gegeben hätte, das den Adressaten bekannt war. Wenn Phoebe sich besonders für die Gemeinde von Kenchreae eingesetzt hat, wäre die Ausdrucksweise des Paulus auch erklärlich. Wir können Röm 16,1 als Beleg dafür sehen, dass in der ersten christlichen Generation Frauen verantwortliche Aufgaben übernommen haben (weitere Frauen werden in Röm 16,3-12 genannt), aber eben nicht im Rahmen eines Amtes - weil ein solches noch nicht existierte, nicht weil Frauen davon ausgeschlossen worden wären.
 

Versteckte Diakoninnen in den Pastoralbriefen
 

Anders stellt sich der Befund in den Pastoralbriefen dar (1/2Tim, Tit). Diese Briefe stammen nach heute vorherrschender Auffassung nicht von Paulus selbst, sondern wurden in der dritten oder vierten Generation als Reaktion auf neue Herausforderungen unter dem Namen des Paulus verfasst. Nun haben sich Ämter herausgebildet. In den Briefen werden Episkopos (Bischof), Presbyter und Diakone genannt. Amtsprofile lassen sich auch hier nicht erheben. Deutlich zeigt sich allerdings das Bemühen des Verfassers, Frauen aus verantwortlichen Positionen in der Gemeinde zurückzudrängen und auf ihre Rolle in Haus und Familie zu beschränken (1Tim 2,11-15; 5,3-16; Tit 2,3-5).

Erkennbar wird mit diesen Äußerungen kein Ist-Zustand beschrieben: die Gemeindewirklichkeit ist noch nicht so, wie sie dem Verfasser als Ideal vorschwebt. Gerade deshalb wählt er recht scharfe Töne, wenn er Beteiligungsansprüche von Frauen zurückweist. Außerdem versucht er, die noch gegebene aktive Beteiligung von Frauen möglichst zu verschleiern. Was Witwen für die Gemeinde leisten, erscheint nur knapp (1Tim 5,5) oder polemisch verzerrt (5,13). 


Dass Frauen das Diakonenamt wahrgenommen haben, ist aus 1Tim 3,11 nur noch zu erschließen; offen gesagt wird es nicht. Im Abschnitt über die Diakone heißt es: 
»Die Frauen ebenso: besonnen, nicht verleumderisch, nüchtern, zuverlässig in allem.«
Dass hier nicht die Frauen der Diakone gemeint sind, sondern Frauen im Diakonenamt, ergibt sich aus den folgenden Überlegungen, die auf Jürgen Roloffs   Kommentar zum 1. Timotheusbrief zurückgreifen (Der erste Brief an Timotheus, Zürich/Neukirchen-Vluyn 1988, 164). 

Die Passage setzt ein mit der Formulierung »die Frauen ebenso«, es heißt nicht »ihre Frauen«. Der Anschluss mit »ebenso« weist darauf, dass die Funktion des nachfolgend beschriebenen Personenkreises auf derselben Ebene liegt wie im Fall der zuvor Genannten (Episkopos und Diakone). Ein Bezug auf Ehefrauen der Diakone könnte diesen Anschluss nicht erklären. Außerdem wäre überraschend, dass im Rahmen eines »Ämterspiegels« überhaupt auf die Ehefrauen eingegangen würde, zumal dies im Falle des Episkopos nicht geschieht. Warum sollten zu den Diakonen Anforderungen an deren Ehefrauen formuliert werden, nicht aber zum Episkopos, obwohl dieses Amt dem Verfasser offensichtlich wichtiger ist und er vom Normalfall des verheirateten Episkopos ausgeht (s. dazu hier)? Des Weiteren wäre eine Einbindung in die familienbezogenen Aussagen von 3,12 zu erwarten, wenn es denn um die Frauen der Diakone gehen sollte. So schreibt Lorenz Oberlinner:
»Der Verfasser weiß um die Mitarbeit von Frauen im Amt eines Diakons in christlichen Gemeinden, und er kann dies nicht einfach ignorieren, wenn er von der Verantwortung der Amtsträger für Leben und Glauben, für sich selbst, für die Gemeinden und umfassend für die Kirche spricht« (Die Pastoralbriefe, 3 Bde., Freiburg 1994-96, Bd. I 141)
Doch der Verfasser versteckt dies etwas, indem er die Aussage sehr knapp hält und einbettet in die Anforderungen an die männlichen Diakone. Ein Missverständnis von 3,11 auf deren Ehefrauen hin wäre ihm wohl nicht unwillkommen (vgl. ebd. 142).

Folgerungen


Was bedeutet dieser Befund für die heutige Diskussion um den Diakonat der Frau? Wenn sich zeigen lässt, dass es im frühen Christentum Diakoninnen gegeben hat, ist daraus noch nicht abzuleiten, es müsse heute Frauen im Diakonenamt geben. Ein historischer Befund hat als solcher keine normative Kraft. Aber er kann insofern klärend wirken, als er Wandlungen deutlich macht, die die Kirche durchlaufen hat, und er kann dadurch bestimmte Argumentationen treffen. Wenn heute gesagt wird, es sei nicht möglich, Frauen zu Diakoninnen zu weihen, weil dieses Amt nach einer ununterbrochen geübten Tradition nie an Frauen verliehen wurde, so bewegt man sich historisch auf so dünnem Eis, dass man das Einbrechen nicht verhindern kann.

Wichtiger als der historische Befund scheint mir aus neutestamentlicher Sicht der Anstoß, der von der paulinischen Ekklesiologie ausgehen kann. Paulus spricht davon, dass »in Christus« anderweitig geltende Unterschiede aufgehoben sind: da ist nicht mehr Jude und Grieche, Sklave und Freier, Mann und Frau (Gal 3,28). Diese Einsicht hat Paulus selbst nicht vor patriarchalen Denkmustern bewahrt, wie 1Kor 11,2-16 zeigt. Zu fest waren diese Denkmuster in seiner Zeit verankert. Dass sie heute aufgebrochen und gerade nicht mehr plausibel sind, könnte dazu führen, mit der Aufhebung der Unterschiede »in Christus« auch im Blick auf die Ämterfrage ernst zu machen. Immerhin lässt sich noch erkennen, dass die Änderungen, die die Pastoralbriefe (mit der Zurückdrängung von Frauen) an der paulinischen Tradition vorgenommen haben, von den Plausibilitäten ihrer Zeit geleitet waren. Darauf werde ich bei Gelegenheit zurückkommen.

8 Kommentare:

Volker Schnitzler hat gesagt…

Peter Pilhofer (Philippi. Band I) scheint mir das Rätsel der "Bischöfe und Diakone" in der adscriptio des Philipperbriefes schlüssig zu lösen, wenn er sie vor dem Hintergrund des lokalen Vereinswesens deutet: "Es gilt vielmehr, die lokalen Gegebenheiten – vor allem in (kultischen) Vereinen – als Hintergrund zu berücksichtigen.
Auf diesem Weg gelangt man zu dem Ergebnis, daß die christlichen episkopoi sich ohne weiteres in die Reihe ihrer paganen Funktionärskollegen einordnen lassen. Besondere Beachtung verdient auch der Plural episkopoi, der eigentlich eine christliche Einordnung von vornherein ausschließt, denn der christliche Bischof tritt in jeder Gemeinde nur im Singular auf.

Man kann dagegen m. E. nicht einwenden, diese Ableitung aus den lokalen Gegebenheiten empfehle sich deshalb nicht, weil der Titel episkopos in den profanen Vereinen in Philippi nicht belegt ist. Das Studium der zahlreichen Funktionäre und ihrer verschiedenen Titel macht ja gerade deutlich, daß man nicht nur einen Titel haben wollte,
sondern es sollte offenbar nach Möglichkeit auch ein besonders origineller Titel sein: So
haben die Silvanusverehrer in Philippi und nur in Philippi einen aedilis. Die Anhänger des
Thrakischen Reiters haben in Philippi und nur in Philippi procuratores. Ist es dann nicht
fast zu erwarten, daß die Christen in Philippi und nur in Philippi episkopoi ihr eigen nennen?"

Für das Problem des Diakonats für die Frau ist das kaum von Bedeutung. Dass Frauen in den paulinischen Gemeinden "prophetisch reden" und Paulus diese Rede besonders schätzt, ist nach dem Zeugnis des 14. Kapitels des Korintherbriefes aber unbestritten. In der besonderen Zeit der akuten Naherwartung war wohl vieles möglich, was später dann wieder dem antiken Zeitgeist zum Opfer fiel. Die Pastoralbriefe sind ein Beispiel dafür.

Gerd Häfner hat gesagt…

Es scheint mir fraglich, ob man Phil 1,1 mit Bezug auf "Titelsucht" in Philippi erklären kann. Immerhin ist das Begriffspaar "Episkopen und Diakone" im folgenden frühchristlichen Schrifttum durchaus belegt (Didache 15,1: der Plural "Episkopen" ist also nicht singulär). Außerdem bleibt auch in Pilhofers Vorschlag ungeklärt, warum diese Funktionsträger in der Briefadresse eigens genannt werden, wenn es nur um besondere Bezeichnungen für Funktionen ginge, die auch in anderen paulinischen Gemeinden vorhanden waren.

Der Punkt, auf den es mir ankam, bleibt von dieser Streitfrage allerdings unberührt: Phil 1,1 ist auch nach Pilhofers Vorschlag kein Indiz dafür, dass es zur Zeit des Paulus schon eine ausgeprägte Amtsstruktur gegeben hätte.

Volker Schnitzler hat gesagt…

Völlig richtig, von festen Amtsstrukturen geht auch Pilhofer nicht aus. Nach ihm haben die Titel mit den lokalen Besonderheiten in Philippi zu tun. Doch könnte es sich durchaus um Vorläufer handeln, bestimmte Funktionen werden auch zur apostolischen Zeit in den Gemeinden vergeben worden sein. So werden die Hausbesitzer, die der neuen Gemeinschaft einen Ort gaben, sicherlich in die Gemeindeleitung eingebunden gewesen sein. In Philippi also die Purpurhändlerin Lydia.

Volker Schnitzler hat gesagt…

PS: In Bezug auf eine einzelne Gemeinde ist der Episkopos (pater familias) in späteren Zeiten wohl singulär, die Didache ist wohl eine gemeindeübergreifende Schrift bzw. Kirchenordnung.

Warum sollte Paulus, wenn er die Gemeinde anschreibt, nicht die besonderen Titel nennen, das Gegenteil wäre doch eher ungewöhnlich, oder?!

Ameleo hat gesagt…

Sehr bedenklich finde ich folgendes:

1976:
"Die Synode (darunter immerhin 58 Bischöfe!) bittet den Papst, die Frage des Diakonats der Frau entsprechend den heutigen theologischen Erkenntnissen zu prüfen und angesichts der gegenwärtigen pastoralen Situation womöglich Frauen zur Diakonatsweihe zuzulassen." (Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland - Beschlüsse der Vollversammlung. Freiburg - Basel - Wien 1976, S. 616f)
58 Bischöfe

2011 (= 35 Jahre später):
"Die Forderung nach dem Diakonat der Frau ist mit den weltkirchlich verbindlichen theologischen Überzeugungen und Festlegungen nicht vereinbar. Diese Forderung des ZdK-Papiers bedauere ich."

Was ist mit den Bischöfen dazwischen passiert? Zuwachs an Weisheit? Neue Einsichten? Schärfste Zurechtweisung? Gehirnwäsche?

Wie sich die Zeiten ändern! Ich finde es traurig.
Dennoch danke für die Zusammenstellung und Einschätzung des neutestamentlichen Befunds!

Volker Schnitzler hat gesagt…

@Ameleo

Ich kann Ihre Bedenken und Gefühle gut nachvollziehen! Gerade die paulinischen Briefe zeigen, wie sich die urchristliche Taufformel Gal 3,28 auf das konkrete Leben der Gemeinden auswirkte. Paulus nennt viele Frauen, die an der Verkündigung und Mission beteiligt waren. Wenn Paulus im Philipperbrief Lydia, von der Lukas in Apg 16 berichtet, nicht erwähnt, dann könnte es durchaus sein, dass sie zu den erwähnten Episkopen und Diakonen gehörte.

Ameleo hat gesagt…

Danke, Volker Schnitzler, für die Unterstützung. Ich befürchte allerdings, dass die die Entscheidungen treffenden Stellen solange an biblischen Befunden nicht interessiert sind, wie sie ihren anderen Interessen (welchen?) widersprechen.

Heiner Claus hat gesagt…

Die Aussage Langendörfers sollte man nicht allzu ernst nehmen und im Zusammenhang mit den Ereignissen um den Weltbild-Verlag deuten. Hier steht er massiv unter Druck und muss wohl ein paar Punkte aufseiten des konservativen Flügels machen, um sein Pöstchen nicht zu verlieren. Schade, dass der Druck scheinbar zu groß geworden ist, man hätte sich mehr Standhaftigkeit von ihm gewünscht.