27. September 2011

Entweltlichung der Kirche

In seiner Freiburger Rede vor engagierten Laien hat Papst Benedikt die Notwendigkeit betont, dass sich die Kirche »ent-weltlicht«.
»Durch die Ansprüche und Sachzwänge der Welt wird ... immer wieder das Zeugnis verdunkelt, werden die Beziehungen entfremdet und wird die Botschaft relativiert.«
Säkularisierungsvorgänge könnten dazu beitragen, dass die Kirche wieder zu ihrem eigentlichen Auftrag zurückfindet:
»Die Säkularisierungen – sei es die Enteignung von Kirchengütern, sei es die Streichung von Privilegien oder ähnliches – bedeuteten nämlich jedesmal eine tiefgreifende Entweltlichung der Kirche, die sich ja dabei gleichsam ihres weltlichen Reichtums entblößt und wieder ganz ihre weltliche Armut annimmt.«

Kontext Reformdebatte 

Weil der Papst zu Beginn recht deutlich auf die Reformdebatte angespielt hat, besteht ein Kontext dieser Mahnung zur Entweltlichung und zur Armut der Kirche in den Punkten, die in dieser Debatte eine Rolle spielen. Also: keine Änderung kirchlicher Strukturen und Regelungen aus Rücksicht auf geänderte gesellschaftliche Bedingungen, Absage an das Kirchensteuersystem, das den Reichtum der deutschen Kirche begründet. Zu diesem Kontext passt, dass der Papst es ablehnt, »eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen. Vielmehr gilt es, jede bloße Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen«. Kritisch bemerkt er, die Kirche gebe »nicht selten Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zur Offenheit auf Gott«.

24. September 2011

Von Fisch, Glaube, Vernunft und Fahrrad

»Quidquid recipitur modo recipientis recipitur«, zu deutsch: »Was aufgenommen wird, wird nach Art des Aufnehmenden aufgenommen.« An dieses scholastische Axiom fühlt man sich erinnert, wenn man die Antworten betrachtet, die Wissenschaftler im Tagesspiegel aus Anlass des Papstbesuchs auf die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Vernunft gegeben haben (»Wie vernünftig ist der Glaube?«). Jeder fasst die Frage und die in ihr enthaltenen Begriffe im Horizont des eigenen Faches auf. Entsprechend fallen die Antworten aus.

Der Mathematiker (Günter M. Ziegler) meint: »Glaube steht immer außerhalb des Vernünftigen, und das ist auch gut so«. Was Vernunft ist, wird nicht näher ausgeführt, aber der Wissenschaftler kommt auf sein Fach zu sprechen und dieses habe »absolute und ewig gültige Einsichten und Erkenntnisse anzubieten«. Es trenne aber auch sauber zwischen »wissen« und »vermuten« und kenne die Grenzen seiner Erkenntnis. Er endet mit dem Seufzer: »Wenn nur Theologen und Moralprediger die Grenzen ihrer Erkenntnis und ihrer Aussagen und Vorschriften ähnlich scharf erkennen könnten...« Ja, wenn sich alles mit mathematischer Gewissheit sagen ließe! Warum aber soll unvernünftig sein, was nicht in diesen Bereich menschlicher Vernunft passt?

22. September 2011

Finanzberatung für Theologie und Kirche

Der Freiburger Pastoraltheologe Hubert Windisch hat sich in einem Gastkommentar mit dem Titel Kaputte Kirche? auf kath.net zu Wort gemeldet. Der Text ist nicht besonders originell, aber gerade deshalb nicht uninteressant, fragt sich doch, welches Bedürfnis zu seiner Veröffentlichung führte. Der Papstbesuch wird ein Anlass sein, er verbindet sich aber mit einem grundsätzlichen Anliegen. Windisch erinnert an eine Aussage von Erzbischof Zollitsch aus dem Frühjahr, den Papst werde eine lebendige Kirche erwarten, und versteht sie als »das berühmte Pfeifen im Walde«. Darin drücke sich die Angst vor der Wahrheit über den Zustand der Kirche hierzulande aus. Damit der Papst sich keine Illusionen macht, bringt der Pastoraltheologe diese Wahrheit ans Licht. Weil von Windischs Pauschalkritik auch die universitäre Theologie betroffen ist, gehe ich hier auf seinen Kommentar ein.

Im Blick auf den »Zustand der Kirche und ihrer Theologie in Deutschland« diagnostiziert Windisch einen Prozess »rasante[r] Minderung an Christlichkeit und Kirchlichkeit, und zwar in quantitativer und qualitativer Hinsicht«. Ich übergehe die Seitenhiebe auf »die protestantischen Kirchen«, in denen der Autor die Ökumene auf ähnliche Weise vorantreibt wie Arnd Brummer in der September-Nummer von chrismon (s. dazu hier). Betrachten wir zunächst, wie der Zustand der deutschen Theologie analysiert wird.

15. September 2011

Freie Ketzer - hinterhertrabende Schafe?

In der vergangenen Woche sorgte das Buch von Arnd Brummer »Unter Ketzern« für einigen Wirbel und für eine gewisse ökumenische Missstimmung – noch vor seinem offiziellen Erscheinungstermin am 13. September, da in der Monatszeitschrift Chrismon ein Ausschnitt bereits veröffentlicht wurde (auch online verfügbar: hier). Der Chefredakteur des evangelischen Magazins beschreibt darin seinen Weg in die evangelische Kirche. Als persönliche Geschichte ist das interessant und respektabel und nicht zu kritisieren. Die Missstimmung rührt daher, dass Brummers Weg nicht nur in die evangelische Kirche hinein führte, sondern zuvor aus der katholischen Kirche heraus. Und dies ist mit Enttäuschungen verbunden, die sich in dem Text in einigen, sagen wir, unfreundlichen Passagen über diese verlorene Heimat niederschlagen. 

11. September 2011

Scheinbar die Südosthälfte

Bei der Lektüre eines aus dem Katalanischen übersetzten Jesusbuches ist mir aufgefallen, wie häufig dort das Wort »scheinbar« im Sinne von »anscheinend« verwendet wird. Es ist natürlich wenig originell, auf den Unterschied hinzuweisen, nachdem er schon 2003 in der Zwiebelfisch-Kolumne von Spiegel online behandelt wurde. Ich erinnere mich zudem, dass schon vor 30 Jahren mein erster Lehrer des Alten Testaments, Alfons Deissler, sich in einer Vorlesung darüber beklagt hat, dass die Studenten die beiden Wörter nicht auseinanderhalten könnten: scheinbar heiße »nur dem Schein nach, nicht in Wirklichkeit«, während »anscheinend« so viel bedeute wie »allem Anschein nach, wohl«. Als gelehriger Schüler meines damaligen Lehrers weise ich heute selbst die Studenten auf den Unterschied hin, wenn in Seminararbeiten scheinbar für anscheinend gebraucht wird (die Verwechslung geht immer nur in diese Richtung). Vielleicht wird der eine oder die andere ja einmal Lektor bei einem Verlag und könnte dann Übersetzer oder Autoren verbessern, die anscheinend scheinbar mit anscheinend verwechseln. 

4. September 2011

Ehescheidung - neutestamentliche Perspektiven

Nach einer ebenso langen wie notwendigen Sommerpause melde ich mich heute zurück und greife ein Thema auf, das zum einen auf dem Dialogforum in Mannheim eine bedeutende Rolle gespielt hat, zum andern auch in dieser Woche durch Äußerungen von Erzbischof Zollitsch (in der Zeit) auf der Tagesordnung stand: die Frage nach dem Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen. Welche Impulse können sich beim Blick ins Neue Testament ergeben?

In der synoptischen Tradition ist das Thema der Ehescheidung in zwei Zusammenhängen überliefert: zum einen im Rahmen eines Streitgesprächs (Mk 10,2-9; Mt 19,3-8), zum andern in der Form eines (unterschiedlich überlieferten) Wortes, das Wiederheirat nach der Entlassung der Frau aus der Ehe als Ehebruch einstuft (Mt 5,32; Lk 16,18; Mk 10,11f; Mt 19,9). Ich beschränke mich im Folgenden auf die Worttradition und gehe dabei von der Gestalt aus, die der Spruch in Mt 5,32 hat – abzüglich der Wendung »außer im Fall von Unzucht«, die nach allgemein geteiltem Urteil ein späterer Zusatz ist. Denn nur im Matthäus-Evangelium findet sich diese Klausel, dort aber konsequent: auch in 19,9 ist diese Formulierung belegt (zu ihr später mehr). Dann lautet das Wort in seiner ursprünglichen Form:

»Jeder, der seine Frau entlässt, macht, dass sie zum Ehebruch verleitet wird. Und wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch.«