31. Dezember 2011

Sonntagsevangelium (6)

Oktavtag von Weihnachten: Lk 2,16-21

Wie schon im ersten Teil der Weihnachtsgeschichte (2,1-14) spielt auch beim Besuch der Hirten das neugeborene Kind selbst nur eine Nebenrolle. Allein eine kurze Bemerkung, dass die Hirten das Kind in der Krippe fanden (2,16): kein Niederfallen, keine Anbetung, kein Lobpreis – sofort rückt die Bot­schaft über das Kind in den Mittelpunkt (2,17). Deshalb staunen auch nicht die Hirten (über das Kind), sondern Leute, die ganz unvermittelt in der Szene auftauchen (2,18).

Dass plötzlich ein solches Auditorium für die Botschaft der Hirten anwesend ist, deutet darauf, dass sich der Evangelist die Szene nicht in einem abgelegenen Stall vorstellt. Von einem Stall ist in der Weihnachtsgeschichte nirgends die Rede, sondern nur von der Krippe. In sie wird das neugeborene Kind gelegt, weil »in der Herberge kein Platz für sie war«. Das griechische Wort, das zumeist mit »Herberge« übersetzt wird (κατάλυμα/katalyma), hat eine weitere Bedeutung, als es diese Übersetzung nahelegt. Es kann jede Art von Unterkunft bezeichnen, auch ein Privathaus mit seinem Großraum, in dem nach damaliger Bauweise ein Futtertrog denkbar ist, denn auch das Vieh konnte im Haus untergebracht sein - abgetrennt nur durch eine erhöhte Wohnterrasse. 

24. Dezember 2011

Sonntagsevangelium (5)

In der Heiligen Nacht: Lk 2,1-14

Am Beginn der Weihnachtsgeschichte des Lukas steht der Kaiser Augustus. Er bringt mit seinem Befehl, den ganzen Erdkreis aufzuschreiben, das Geschehen in Gang. Deutlich ist das theologische Interesse des Evangelisten, denn seine Angaben lassen sich historisch nicht bestätigen. Dass das ganze römische Reich in einer allgemeinen Steuerschätzung erfasst wurde, ist in den Quellen sonst nicht überliefert. Folgt man Flavius Josephus, hat Quirinius erst im Jahr 6 n. Chr. einen Zensus durchgeführt (beschränkt auf Judäa, Samaria und Idumäa); außerdem deckt sich seine bekannte Amtszeit nicht mit der Regierungszeit des Herodes. Die Annahme einer früheren Statthalterschaft in Syrien bleibt spekulativ; ebenso der Versuch, eine Steuerschätzung zur Zeit des Herodes zu rekonstruieren. 

Das Anliegen der Weihnachtserzählung wird verpasst, wenn man es in historischer Korrektheit sucht. Lukas berichtet nicht, sondern verkündigt. Die Figur des Augustus nutzt er, um die Bedeutung des Erzählten herauszustellen. Nicht nur Maria und Josef, die ganze Welt ist in Bewegung (2,3), als Jesus geboren wird. Und diese Bewegung führt dazu, dass der Messias der Verheißung entsprechend in der Stadt Davids geboren wird.

20. Dezember 2011

Wer behält den Überblick in der Herodes-Dynastie?

Der Versuch eines Klatsch-Blattes, sich fiktiv in die Zeit Jesu zurückzuversetzen, hat im Zusammenhang mit Jesu Geburt zu einem eher unbefriedigenden Ergebnis geführt (s. hier). Tatsächlich könnte man sich vorstellen, dass andere Themen diesem Genre besser entsprochen hätten. Wenn es also Blätter wie das neue im 1. Jahrhundert schon gegeben hätte, dann hätten sie sich auf dem Gebiet nützlich machen können, auf dem sie zuhause sind. 

An Herodes dem Großen hätte die Klatsch-Presse mit ihrem (wissenschaftlich noch nicht restlos geklärten) Interesse für Königshäuser und ihre Skandale ihre wahre Freude gehabt. Hätte es zu seiner Zeit schon Paparazzi gegeben, Herodes und sein Haus hätte sie regelmäßig mit Stoff versorgen können: Mit zehn Frauen verheiratet (nicht nur nacheinander), brachte Herodes eine nicht geringe Menge von Nachkommen mit erheblichem Intrigenpotenzial hervor.

Die Fülle bringt aber ein Identifizierungsproblem mit sich. Einfallslosigkeit bei der Namensgebung, in Dynastien nicht selten, führt nämlich zu einer gewissen Unübersichtlichkeit in der herodianischen Familie. Wenn Mk 6,14 von »König Herodes« erzählt, so könnte man meinen, es sei von Herodes dem Großen die Rede. Gemeint ist aber einer seiner Söhne, mit vollem Namen Herodes Antipas, der von 4 v.-39 n.Chr. in Galiläa und Peräa regierte und so Landesherr Jesu war - allerdings ohne den Königstitel.

Auch die Apostelgeschichte kennt, zur Zeit der Urgemeinde, einen »König Herodes« (Apg 12,1). Hier handelt es sich um Agrippa, einen Enkel Herodes des Großen, dem wohl volkstümlich der Name »Herodes« beigegeben wurde. Er regierte ­ von 41-44 von Roms Gnaden ­ als König in etwa über dasselbe Gebiet wie einst sein Großvater. Sein Sohn trägt denselben Namen, die Apostelgeschichte nennt ihn dankenswerterweise ohne den üblichen Herodes-Zusatz. Mit »König Agrippa« (Apg 25,13) ist dieser Urenkel des ursprünglichen Herodes gemeint, obwohl sein Vater genauso heißen könnte.

Dass es bei dieser Überfülle von Herodessen, Brüdern und Halbbrüdern zu Verwechslungen kommen kann, ist verständlich. In der Geschichte vom Tod Johannes des Täufers (Mk 6,17-29) heißt es, Herodes (also: Antipas) hätte die Herodias (gewissermaßen die weibliche Form von »Herodes«), Schwester des in Apg 12,1 erwähnten Herodes und Tochter eines Halbbruders des Herodes Antipas, seinem (Halb-)Bruder Philippus ausgespannt. Der jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus nennt statt Philippus einen anderen Bruder, der - wie wohl? - Herodes hieß. Wahrscheinlich kam Philippus durch eine Verwechslung in die Geschichte, denn er war mit der Tochter der Herodias, Salome, verheiratet. Oder soll jener Herodes-Bruder noch den Beinamen Philippus getragen haben?

Wahrscheinlich wäre die Quellenlage sicherer, wenn es damals schon eine Klatsch-Presse gegeben hätte.

17. Dezember 2011

Sonntagsevangelium (4)

Vierter Adventssonntag (B): Lk 1,26-38

Die Geschichte von der Ankündigung der Geburt Jesu ist nach alttestamentlichen Vorbildern gestaltet, nicht nur in einzelnen Wendungen wie »fürchte dich nicht!« (s. z.B. Gen 15,1; Jos 8,1), »bei Gott ist kein Ding unmöglich« (Gen 18,14) oder »der Herr ist mit dir« (Ri 6,12).

Auch die Struktur ist geprägt durch Erzählungen von der Verheißung der Ge­burt bedeutender Ge­stalten der Heilsgeschichte. Solche Er­zählungen sind nach einem bestimm­ten Muster aufgebaut. Ein himmlisches Wesen erscheint, Gott selbst oder ein Engel. Es kündigt die Geburt eines Sohnes an und bestimmt dessen Namen. Schließlich wird die Zukunft des Kindes offen­bart – sicher der zentrale Erzählzug einer Geburts­verhei­ßung (vgl. z.B. Gen 16,7-12; 17,15-19). 

Wenn sich die Geschich­te des Lukas dieses Musters bedient, dann muss ihr wesent­liches Aussageziel in den Sätzen liegen, die von der künf­tigen Bedeutung Jesu sprechen (VV. 32f). Sie greifen eben­falls zurück auf das Alte Testament, auf die Verhei­ßung an David, dass sein Königtum dauer­haften Bestand haben wird (2Sam 7,8-16). Diese Verheißung wird aber messianisch in­terpretiert: Es geht nicht mehr um Dauerhaftigkeit im Sin­ne einer fortlaufenden Reihe von Königen, sondern um den einen Sohn Davids, der erwartet wurde als idealer Herr­scher der Heilszeit. Dass Jesus dieser Messias ist, ist die zentrale Aussage der Erzählung. 

Ein zweites Erzählmuster wird aufgegriffen: die Prophetenberufung. Zwar erfolgt in der Verkündigungsgeschichte keine Berufung, die anderen Bausteine des Schemas lassen sich aber in ihr entdecken: Bedenken werden vorgebracht (V.34), die Bedenken werden durch eine Erklärung zerstreut (V.35), die Erklärung wird durch ein Zeichen bekräftigt (VV.36f; vgl. etwa Jer 1,4-10; Ri 6,12-21). 

Deutet man die Verkündigungsgeschichte in diesem Sinn als narrative Theologie, und nicht als Erlebnisbericht, erklärt sich auch die Schwierigkeit von Marias Einwand (»Wie soll das geschehen ...?«): Als Verlobte müsste sie sich über eine angekündigte Schwangerschaft eigentlich keine Gedanken machen. Im Rahmen einer realen Szene wäre zu erwarten, dass Maria diese Ankündigung auf ihre künftige Ehe bezieht und nicht fragt, wie eine Schwangerschaft möglich sein soll. Als literarisches Motiv bietet der Einwand keine Probleme: Er gibt den Anlass für die Aussage von der geistgewirkten Empfängnis.

Berücksichtigt man die verschiedenen Gattungen, ist zu folgern: die Aussage von der geistgewirkten Empfängnis ist nicht der eigentliche Zielpunkt der Erzählung. Sie soll die Offenbarung Jesu als des Messias und Gottessohnes unterstützen: Dass der Ursprung der menschlichen Existenz Jesu mit dem Geist Gottes verbunden wird, bekräftigt die enge Verbindung zwischen Gott und dem verheißenen Kind, die in der Geburtsankündigung bereits ausgesprochen wurde (s.o. zu VV.32f). Diese Gewichtung wird durch eine weitere Beobachtung gestützt: Die geistgewirkte Empfängnis ist im ganzen Neuen Testament nur hier und in Mt 1,18-25 erwähnt; dagegen zieht sich das Bekenntnis zu Jesus als Messias und Gottessohn durch alle Schichten der neutestamentlichen Verkündigung.

Wer keinerlei Schwierigkeiten hat, sich Lk 1,26-38 als historische Szene vorzustellen, muss sich das durch die vorgetragenen Überlegungen zur literarischen Eigenart der Erzählung nicht austreiben lassen. Diese Überlegungen zeigen aber: Wer den Text als Theologie in Form einer Erzählung versteht, verkürzt die biblische Botschaft nicht. 

Die vorgestellte Deutung greift zurück auf Gerhard Lohfink, Jetzt verstehe ich die Bibel, Stuttgart 1973, 109-120. 

11. Dezember 2011

Die Bibel als Klatsch-Blatt

Wer mit der so genannten Yellow-Press nur beim Friseur oder in Wartezimmern von Ärzten in Berührung kommt, staunt gewöhnlich darüber, dass es für diese Titel ein offenbar zahlungsbereites Lesepublikum gibt. Das Staunen des Außenstehenden wird noch größer, wenn die Zeitschrift das neue, vielleicht weil ihr zur heiligen Schrift nur noch das Testament fehlt, eine ganz besondere Weihnachtsnummer herausgebracht hat. Chefredakteur Jörg Mandt fragt:
»Liebe Leserin, lieber Leser, wie würde unser Weihnachtsheft aussehen, wenn es uns vor zwei Jahrtausenden schon gegeben hätte?«
Man könnte streng sein und sagen: Wenn es das Heft das neue vor zweitausend Jahren schon gegeben hätte, dann hätte es über die Geburt Jesu sicher nichts berichtet. Dies würde sich nicht allein aus einem kritischen historischen Urteil ergeben, sondern auch aus den Geschichten um die Geburt Jesu, wie sie im Neuen Testament überliefert sind: Nirgends wird erzählt, dass Jesu Geburt auf ein breiteres öffentliches Interesse gestoßen wäre.

Dennoch ist es nicht ohne Reiz, einmal etwas näher zu betrachten, wie sich die Redaktion ihre originale Weihnachtsausgabe vorstellt. Unternehmen wir also einen kleinen Ausflug in das 72-seitige Heft.

10. Dezember 2011

Sonntagsevangelium (3)

Dritter Adventssonntag (B): Joh 1,6-8.19-28

Alle Evangelisten erzählen vom Wirken des Täufers, ehe Jesus öffentlich auftritt. Nur im Johannes-Evangelium aber legt der Täufer ausdrücklich Zeugnis ab für Jesus (1,29-34). Auch wird in keinem anderen Evange­lium die Frage nach der Bedeutung des Täufers so di­rekt ge­stellt wie in Joh 1,19: »Wer bist du?« 

Der Evange­list Jo­hannes lässt den Täufer alle Hoheitstitel zurückwei­sen, nach denen er ge­fragt wird – sogar einen, nach dem er nicht gefragt wird. Die Identität des Täufers wird nämlich zu­nächst negativ geklärt: Er ist nicht der Messias (1,20), tritt also nicht in Kon­kurrenz zu Jesus. Er ist aber auch nicht Elija (1,21). Diese Bestimmung über­rascht, denn Mat­thäus setzt zweimal den Täufer mit Elija ausdrücklich gleich (Mt 11,14; 17,13), Markus deutet eine solche Identifizierung an (vgl. Mk 9,11-13). 

War­um wird dies im Johan­nes-Evangelium abgelehnt? Wahrschein­lich bezieht sich der Evangelist auf die ur­sprüngliche Form der Elija-Erwar­tung. Nach Mal 3,23 ist der wiederkeh­rende Elija nämlich nicht Vorläufer des Mes­sias, sondern Gottes. Elija ist hier die einzige Heils­gestalt, für den Messias bleibt kein Raum. So verstanden kann der Täufer nicht Elija sein. Weg­bereiter Jesu ist er dennoch, da das Zitat vom Rufer in der Wüste aus Jes 40,3 auf ihn angewendet wird. 

Die Sonderstellung des Johannes-Evangeliums zeigt sich auch bei diesem Schriftbezug, mit dem in allen Evangelien die Gestalt des Täufers gedeutet wird. Nur in Joh 1,23 bezieht der Täufer selbst das Schriftwort auf sich: »Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste« (1,23). Der vierte Evangelist bindet Johannes den Täufer noch konsequenter in die Christusverkündigung ein, als es Markus, Matthäus und Lukas tun.

8. Dezember 2011

Falsche Polemik gegen den SPIEGEL

In der Reihe »Der Spiegel/Geschichte« ist ein Heft über Jesus von Nazareth erschienen. Es hat den Unmut von Rolf Hille, Vorsitzender des Arbeitskreises für Evangelikale Theologie, auf sich gezogen. Er stellt enttäuscht fest: Im »Spiegel« ist nicht der Jesus der Bibel (auch hier). Mit gleichem Recht könnte er in der Apotheken-Umschau den Sportteil vermissen. Dass ein Heft zur geschichtlichen Gestalt des Jesus von Nazareth sich auf historische Methoden beschränkt, ist kein Mangel, sondern eine Notwendigkeit.  

Objektive Fassbarkeit der Offenbarung? 

Das methodisch notwendige Absehen vom Wirken Gottes bedeutet für Hille:
»Dass Gott als Person redet und handelt, wird damit praktisch ausgeschlossen.«

3. Dezember 2011

Sonntagsevangelium (2)

Zweiter Adventssonntag (B): Mk 1,1-8

Markus beginnt sein Werk mit Johannes dem Täufer, dem »Anfang des Evangeliums von Jesus Christus« (1,1). Zu­nächst wird mit Rückgriff auf die Schrift die Bedeutung des Täufers als Wegbe­reiter des Herrn geklärt (1,2f). Anders als in Vers 2 angekündigt, bietet Markus nicht nur ein Zitat aus dem Jesaja-Buch, sondern schaltet ihm noch ein Mischzitat aus Ex 23,20 und Mal 3,1 vor. Während im folgenden alttestamentlichen Bezugstext Jes 40,3 mit dem »Herrn« JHWH gemeint ist, bezieht Markus auf der Linie urchristlicher Verkündigung den Titel auf Christus. Für die frühen Christen war es wichtig, die Gestalt des Täufers in die Christusbotschaft zu integrieren. Dies geschah auch durch Neuinterpretation von Schrifttexten.

Im Anschluss schildert der Evangelist das Auf­treten des Johannes in der Wüste. Dadurch wird der end­zeitliche Charakter des Täuferwirkens deutlich. Die Wüste galt in der jüdischen Tradition als Ort des endzeitlichen Neubeginns. Es gab die Erwartung, dass sich die Wunder aus der Zeit der Wüstenwanderung Israels (nach dem Auszug aus Ägypten) wiederholen, wenn Gott Israel rettet. Jene Ver­gangenheit wurde verstanden als ideale Zeit, in der Gott bei seinem Volk war und sich ihm offenbarte. Die­ser Zu­stand wurde für die Endzeit wieder erwartet. »Wüste« ist deshalb nicht nur ei­ne Ortsangabe, sondern zugleich ein Hinweis auf die Bedeu­tung der Botschaft des Johannes: Es geht um Gericht und Heil für Israel. 

Die Deutung der Notizen über Nahrung und Klei­dung (1,6) ist umstritten. Das Gewand aus Kamelhaaren und der lederne Gürtel könnten Johannes als Propheten ausweisen, näherhin auch als den wiederkehrenden Elija (s. 2Kön 1,8). In Verbindung mit dem Hinweis auf die Nahrung (Heuschrecken und wilder Honig) könnte auch die bedürfnislose Lebensweise des Täufers akzentuiert sein. Denkbar ist aber auch ein Zusammenhang mit dem Wüstenmotiv: Johannes kleidet sich wie ein Wüstenbewohner und nährt sich von dem, was die Wüste ihm bietet. So könnte seine Lebensweise auch den endzeitlichen Charakter seiner Botschaft unterstreichen.