War er nun, oder war er nicht?

Dass ein Papyrusfetzen das Interesse der Medien findet, ist eigentlich nicht zu erwarten - es sei denn, es gibt einen Hinweis, der das überlieferte Jesusbild in Frage stellt: War Jesus verheiratet? Diese Frage beschäftigte in den den letzten zwei Wochen so manche Feuilleton- oder Wissensseite in den Zeitungen, nachdem auf einem Koptologen-Kongress in Rom ein kleines Papyrus-Fragment präsentiert worden war, in dem Jesus meine Frau erwähnt. Dr. Stephan Witetschek, Habilitand an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität München, hat an dem genannten Kongress teilgenommen und die anschließende Diskussion verfolgt. Ich habe ihn gebeten, seine Einschätzung zur Debatte um die Echtheit des Fragments darzulegen (die Links führen überwiegend auf Seiten aus dem englischsprachigen Raum, wo die Debatte besonders intensiv geführt wird ). 


Von Stephan Witetschek

Zwei Wochen sind eine lange Zeit – jedenfalls in den Medien. Zwei Wochen ist es nun her, dass Prof. Dr. Karen King (Harvard) beim internationalen Koptologen-Kongress in Rom einen in mancherlei Hinsicht aufregenden Fund vorgestellt hat: ein koptisches Papyrusfragment (Vorderseite und Rückseite), auf dem Jesus anscheinend eine Maria (Magdalena?) als „meine Frau“ bezeichnet. Das Fragment heißt inzwischen „The Gospel of Jesus’s Wife“ und hat bei der Harvard University seine eigene Internetseite


„Koptisch“ besagt schlicht, dass der fragliche Text in koptischer Sprache verfasst ist, also in der spätesten Form des Ägyptischen, die heute noch die Liturgiesprache der koptischen Christen in Ägypten ist. Während der römischen Kaiserzeit begann man, für Texte in ägyptischer Sprache das griechische Alphabet (mit einigen Sonderzeichen) zu verwenden, und zugleich flossen zahlreiche Lehnwörter aus dem Griechischen in die Sprache ein. In dieser Sprache sind viele christliche Apokryphen erhalten, und das hat seinen Grund: Anders als die kanonischen Schriften des Neuen Testaments, wurden die so genannten Apokryphen nur selten von fleißigen Abschreibern ins Mittelalter gerettet. Wir kennen diese Texte also nur durch antike Handschriften, die seit dem späten 19. Jahrhundert immer wieder von Archäologen zutage gefördert werden oder aus oft obskuren Quellen auf den Antiquitätenmarkt kommen. Solche Handschriften (auf Papyrus oder Pergament) haben sich vor allem im trockenen Klima (Ober-)Ägyptens erhalten. In feuchteren Gegenden sind sie schon längst verfault und zerfallen. 

Zurück zu unserem Fragment. Der Name, den die Herausgeberin ihm gegeben hat, zeigt, worum es auf diesem kleinen Papryrusfetzen (4x8 cm) geht, und damit steht die Frage im Raum: Ist das nun ein (oder: der) Beleg dafür, dass Jesus doch verheiratet war? Ganz so einfach ist die Sache nicht. Wie die Herausgeberin es darstellt, ist dieser koptische Text, den sie ins 4. Jahrhundert datiert, die Übersetzung eines griechischen Textes aus dem 2. Jahrhundert, als Christen sich manchmal sehr erbittert über den Stellenwert, die Berechtigung oder die Notwendigkeit von Askese stritten – Spuren davon findet man in den Pastoralbriefen (v.a. 1Tim 4,3-4.8, evtl. auch 5,23) oder auch bei Clemens von Alexandreia (
Stromateis 3,48-49.87). 

Das bedeutet: Wenn dieses Fragment echt ist und die Datierung stimmt, dann belegt es, dass es im 2. Jahrhundert Christen gab, die glaubten, Jesus sei verheiratet gewesen. Diese Auffassung wäre im frühen Christentum sehr ungewöhnlich gewesen, und in der Auseinandersetzung mit radikalen Asketen (Enkratiten) kommt dies als Argument nicht vor. 

So weit ist die wissenschaftliche Diskussion über unser Fragment aber noch gar nicht gekommen, denn sie steckt in einer ganz grundlegenden Frage: Ist dieses Blättchen überhaupt echt? Zweifel daran wurden sofort laut, nachdem Prof. Karen King ihren Vortrag vor dem Koptologen-Kongress beendet hatte, und in der Woche nach dem Kongress wurden sie in Blogs (siehe vor allem hier) und auf Facebook ausgeführt. Karen King selbst nimmt dazu sehr zurückhaltend Stellung. Vor allem ist aber ein Beitrag von Alin Suciu und Hugo Lundhaug, zweier Experten für koptische Handschriften, hervorzuheben, dem kurz darauf eine kleinere Spezialstudie folgte
. Noch schärfer wird die Kritik in einem Kommentar von Gesine Robinson

Worum geht es? Die Schrift auf diesem Fragment ist, gemessen an ihrer Größe, mit einer extrem dicken bzw. stumpfen Feder geschrieben; für literarische Texte, namentlich Bibelhandschriften oder auch apokryphe Evangelien, ist das zumindest ungewöhnlich. Der Schreiber scheint zwar im Prinzip ein geübter Schreiber gewesen zu sein, aber seine koptischen Buchstaben wirken wie von einer modernen koptischen Druckschrift abgemalt. In ihrem Schwung (vor allem bei Epsilon, My, Ny und Sigma) macht die Schrift insgesamt einen eher modernen Eindruck. Das ist zwar kein hieb- und stichfester Beweis für eine Fälschung, aber bei genauerem Hinsehen kommen immer mehr Indizien zusammen, die eher für einen modernen als einen antiken Schreiber sprechen. Dennoch kann das Papyrusblatt selbst antik sein (es ist denkbar, dass jemand auf ein nicht, bzw. nur auf der Rückseite beschriebenes Blättchen geschrieben hat). 

Was den Inhalt angeht, so steht im Zentrum der Umstand, dass Jesus von seiner Frau spricht. Das allein kann Anlass für einen Fälschungsverdacht sein – es passt einfach zu gut. Daneben fällt aber auf, dass der sonstige Text auf der Vorderseite dieses Blättchens fast ausschließlich aus dem Thomasevangelium zitiert: „Meine Mutter gab mir Leben“ (EvThom 101); „Maria ist [nicht] würdig“ (vgl. EvThom 114); „sie wird mein Jünger sein können“ (vgl. EvThom 55); „kein schlechter Mensch bringt hervor (?)“ (EvThom 45); „ich bin mit ihr“ (EvThom 30). Auch dies ist kein zwingender Beweis für eine Fälschung – das Thomasevangelium wurde ja auch in der Antike gelesen und zumindest in bestimmten Kreisen geschätzt. Dennoch lässt sich diese Dichte von Parallelen zumindest als ein weiteres Indiz dafür auffassen, dass hier jemand bewusst ein „apokryphes“ Fragment schaffen wollte. 


Manche Kritik an der Echtheit das Fragments ist über das Ziel hinausgeschossen und hat dafür Kritik erfahren. Allerdings hat sich bisher, so weit ich sehe, noch niemand die Mühe gemacht, die Echtheit des Fragments argumentativ zu begründen. Es wäre auch, scheint mir, ziemlich schwierig …

Zurück zur Ausgangsfrage: War Jesus nun verheiratet oder nicht? Nachdem das „Gospel of Jesus’s Wife“ bekannt geworden ist, wissen wir auch nicht mehr als vorher. 



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Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Ja, auch solche Jesustexte sind geschichtlich ernst zu nehmen.

Doch wer den Kopten unterstellt, sie hätten bei dem Text, über den hier spekuliert wird, die Frau oder die Beischläferin eines jungen jüdischen Heilspredigers beschrieben, muss der nicht von allen guten Geistern verlassen sein bzw. nimmt der all das Wissen, das wir heute über die Anfänge haben, wirklich ernst?
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Zum Teufel noch mal, für was hat uns der Schöpfer all das Wissen gegeben, das wir heute über die anfängliche Diskussion haben, in der auch diese Apokryphen Texte entsprungen sind?

Wie können wir gerade den afrikanischen Denkern unterstellen, sie hätten über hier über die Frau eines Heilspredigers berichtet.

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