26. Januar 2012

Sonntagsevangelium (10)

4. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 1,21-28

Das Wirken böser Geister gehörte zum Weltbild der Antike. Die Menschen gingen davon aus, dass ihr Leben durch solche personal gedachten Mächte beeinflusst und bedroht war. Von »Besessenheit« sprachen sie, wenn ein Mensch ganz in der Gewalt eines Dämons war, nicht mehr Herr seiner selbst. Die Zeugnisse für dieses Phänomen sind so zahlreich, dass es offensichtlich weithin zur antiken Welterfahrung gehörte. Die Welt wurde anders erlebt als heute: nicht bestimmt von einer konstanten Naturgesetzlichkeit, sondern vom Wirken guter und böser Mächte. Dann ist historisch auch wahrscheinlich, dass es zu Phänomenen von Krankheit und Heilung gekommen ist, die für unsere Welterfahrung nicht typisch sind.

23. Januar 2012

»(Junge) Freiheit für Pfarrer Oblinger!«

Der Bischof von Augsburg, Konrad Zdarsa, hat einem seiner Priester ein Publikationsverbot erteilt. Pfarrer Georg Alois Oblinger soll nicht mehr in der rechtskonservativen Wochenzeitung Junge Freiheit veröffentlichen. Die genauen Hintergründe der Maßnahme sind unklar, da sich das Ordinariat bedeckt hält und darauf verweist, in Personalangelegenheiten keine Auskünfte zu geben. Dass das eine günstige Strategie ist, lässt sich bezweifeln, befördert man so doch Theorien über eine Verschwörung gegen jene Kreise in der Kirche, denen Pfarrer Oblinger aus der Seele spricht.

Ich gehöre diesen Kreisen nicht an, aber auch als Nichtbetroffener hätte ich gern erfahren, warum das Veröffentlichungsverbot ausgesprochen wurde. Hat der Bischof Bedenken, dass ein Amtsträger seines Bistums regelmäßig in einer Zeitung publiziert, der »Scharnierfunktion zwischen dem rechtskonservativen und dem rechtsextremen Spektrum« zugeschrieben wird (s. hier)? Wenn es sich so verhält, wäre es gut, dies auch auszusprechen. Dann ergäbe sich eine politische Positionierung, die dem Vorwurf die Grundlage entziehen könnte, es solle einfach eine unliebsame Stimme zum Schweigen gebracht werden. 

21. Januar 2012

Sonntagsevangelium (9)

3. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 1,14-20 

Es gehört zu den historisch gesicherten Daten des Wirkens Jesu, dass Jesus Jünger in seine Nachfolge berufen hat. Dennoch sind die Geschichten, in denen von solchen Berufungen erzählt wird, keine historischen Berichte. So will auch die Szene von der Berufung der ersten vier Jünger im Markus-Evangelium (1,16-20) vor allem zeigen, wie bedingungslos Nachfolge sein soll: Allein auf das Wort Jesu hin verlassen die Jünger ihren Beruf (1,18) und ihre Familie (1,20). 

Der programmatische und ideale Charakter der Szene wird auch dadurch deutlich, dass sie an den Anfang des Wirkens Jesu gesetzt ist. Zuvor wird nur die Botschaft vom Reich Gottes in einer kurzen Notiz zusammengefasst (1,15). Jesus hat noch nichts getan, das die Jünger zur Nachfolge motivieren könnte. Entscheidend ist allein der Ruf Jesu. Lukas übernimmt diese Darstellung in seinem Evangelium nicht. Dort wird die Berufung der ersten Jünger nach einer ersten Phase des öffentlichen Wirkens und in Zusammenhang mit einer Wundergeschichte erzählt (Lk 5,1-11).

17. Januar 2012

Who's who (10) - Lösung

Wir suchen einen Inselstämmigen, der zwar zwischendurch auf seine Insel zurückgekehrt ist, dabei aber keineswegs auf Heimaturlaub war. Der ganze Text noch einmal hier.

14. Januar 2012

Sonntagsevangelium (8)

2. Sonntag im Jahreskreis (B): Joh 1,35-42

Den Weg der ersten Jünger in die Nachfolge Jesu erzählt Johannes ganz anders als die übrigen Evangelien. Jesus beruft nicht von sich aus, vielmehr finden Menschen durch das Zeugnis anderer zu Jesus (einzige Ausnahme: die Berufung des Philippus in 1,43).

Am Beginn steht das Zeugnis des Täufers über Jesus als das Lamm Gottes, auf dieses Bekenntnis hin folgen zwei Jünger des Johannes Jesus nach (1,36f). Es ist zwar historisch durchaus wahrscheinlich, dass auch Täuferanhänger zum Jüngerkreis Jesu gehörten. Dennoch ist die Darstellung dieser Szene wesentlich von theologischen Motiven geprägt. Wenn der Täufer selbst seine Jünger zu Jesus schickt, ist dies ein Moment seines Zeugnisses für Jesus (1,7), das an späterer Stelle in die Worte gefasst ist: »Jener (Jesus) muss wachsen, ich (Johannes) muss abnehmen« (3,30). Im Johannes-Evangelium ist der Täufer ganz in die Christus-Botschaft eingefügt. 

In der Besonderheit, dass sich Menschen durch den Anstoß anderer auf Jesus zubewegen, spiegelt sich die Glaubenssituation zur Zeit des Evangelisten. Er will nicht erzählen, wie Jesus zu seinen ersten Jüngern kam; er will zeigen, wie es jetzt zum Glauben an Jesus kommt und was der Glaube für den Menschen bedeutet. Nach Jesu Tod, seiner Rückkehr zum Vater, eröffnet sich der Weg zu Jesus durch diejenigen, die sich zu ihm bekennen. Auf ihr Zeugnis hin kann man sich aufmachen und Jesus begegnen, der als Erhöhter in der Gemeinde gegenwärtig ist. 

Wer so zu Jesus kommt, wird Großes sehen: Jesus offenbart den verborgenen Gott und eröffnet so den Zugang zu ihm (1,50f; siehe auch 14,6). Zugleich ist eine Bedingung der Existenz als Jünger Jesu angedeutet: bei Jesus bleiben (1,39; siehe auch 6,56; 15,4-7).

13. Januar 2012

Who's who (10) - Rätsel

Biblische Personen in ungewohnter Beschreibung. Heute eine männliche Gestalt aus dem Neuen Testament. 

Wir suchen einen Inselstämmigen, der zwar zwischendurch auf seine Insel zurückgekehrt ist, dabei aber keineswegs auf Heimaturlaub war. Er hatte Besitz, hing aber nicht daran, sondern war bereit, ihn zum Wohl des Ganzen einzusetzen. Für einen anderen Großen aus der Zeit des frühen Christentums, dem man diese Rolle zunächst gar nicht recht zutrauen konnte, setzte er sich ebenfalls ein und bildete mit ihm fortan ein starkes Team, das vor allem das Evangelium verkündete. Als die beiden in Kleinasien einmal mit griechischen Göttern identifiziert wurden, schrieb man dem Gesuchten - nach heutigen Begriffen unvorstellbar - ausgerechnet deshalb die Chef-Rolle zu (Zeus), weil der andere das Wort führte (und aus diesem Grund als Hermes galt). Die Verfilmung seines Lebens, jedenfalls des Teils, von dem Überlieferungen existieren, ergäbe im Wesentlichen ein Roadmovie: Er war viel unterwegs, einmal zu einem wichtigen Termin in Jerusalem, bei dem eine grundsätzliche Frage zu klären war. Sein Begleiter aus der genannten Episode in Kleinasien war mit von der Partie und hat bei den Diskussionen kräftig mitgemischt. Hätte es das Wort damals schon gegeben, hätte dieser Begleiter das erreichte Ergebnis sicher als »alternativlos« bezeichnet. Ganz klar ist es zwar nicht, warum das Verhältnis zwischen »Zeus« und »Hermes« in die Brüche ging. Aber wahrscheinlich war der Gesuchte seinem Kollegen in einem konkreten Streit nicht kompromisslos genug. Damit verschwindet er von der Bildfläche unserer Quellen, während der Kollege erst nach diesem Bruch zu richtig großer Form auflief.

Ausführliche Lösung in Kürze.

7. Januar 2012

In eigener Sache

Heute ist in der Welt ein Artikel über Lectio brevior erschienen, der hier auch bereits online zugänglich ist. Autor des Beitrags ist der Journalist Marc Reichwein. Er ist selbst an einem Blog beteiligt (Der Umblätterer) und beobachtet die Blog-Szene. Über das Blog Begleitschreiben hat er bereits einen schönen Beitrag veröffentlicht (hier). Auf Lectio brevior wurde Marc Reichwein durch einen Link bei bildblog.de aufmerksam - ein Beispiel dafür, wie das Internet neue Verbindungen schafft.

Nachtrag 8.1.: Hier sind Links zu den in dem Artikel erwähnten Beiträgen: 

Sonntagsevangelium (7)

Taufe des Herrn (B): Mk 1,7-11

Die Botschaft Johannes des Täufers wird im Markus-Evangelium nur ganz knapp wiedergegeben, konzentriert auf die Ankündigung des Stärkeren (1,7f; vgl. dagegen Mt 3,7-12; Lk 3,7-17). Wer diese angekündigte Gestalt ist, wird in den Worten des Täufers (wie auch bei Matthäus und Lukas) nicht mitgeteilt. Markus stellt den Bezug auf Jesus durch seine Erzählung her. Johannes verkündet: 
»Es kommt der Stärkere als ich nach mir ...« (1,7)
Dies greift der Erzähler auf:
»Und es geschah in jenen Tagen, da kam Jesus von Nazaret in Galiläa ...« (1,9)
In diesem nur indirekten Bezug schlägt sich der historische Befund nieder, dass Johannes selbst nicht ausdrücklich auf Jesus als den Kommenden hingewiesen hat. Diese Gleichsetzung geht auf urchristliche Deutung zurück. Deren Anliegen war es, den Täufer so in die Christus-Botschaft zu integrieren, dass die übergeordnete Stellung Jesu unangetastet blieb. Deshalb erwähnt Markus auch die Taufe Jesu durch Johannes nur ganz knapp und lässt die Szene zulaufen auf die Offenbarung vom Himmel her, die zeigt, dass der Täufling Jesus über dem Täufer steht. Diese Offenbarung wird auch nicht unmittelbar durch den Taufakt ausgelöst, denn sie geschieht nicht während, sondern nach der Taufe.

Markus gestaltet sie als Vision Jesu, nicht als ein allgemein sichtbares Geschehen: Jesus sieht den Himmel sich öffnen (1,10); die Stimme teilt nichts über Jesus mit, sondern spricht ihn an: »Du bist mein geliebter Sohn« (1,11; anders Mt 3,17: »Dieser ist ...«). Dennoch gibt es einen weiteren Adressatenkreis dieser Aussage. Die Leser des Evangeliums erhalten einen grundlegenden Hinweis für die Lektüre des ganzen Werkes: In ihm ist die Geschichte des Sohnes Gottes erzählt. Und doch erfahren die Leser schon bald, dass diese Identität Jesu nicht bekannt werden darf. Den Dämonen gebietet Jesus zu schweigen, »denn sie wussten, wer er war« (1,34; siehe auch 3,11f).

Dieser für das Markus-Evangelium charakteristische Zug weist auf ein besonderes Anliegen des Evangelisten. Er will zeigen, auf welche Weise Jesus Sohn Gottes ist: nicht nur als vollmächtiger Wundertäter, sondern auch und vor allem als Gekreuzigter. Deshalb muss das Bekenntnis zu Jesus als Sohn Gottes zurückgehalten werden, solange der Weg Jesu noch nicht vollendet ist (s.a. 9,7-9). Erst unter dem Kreuz kann man sich offen zu Jesus als Sohn Gottes bekennen (15,39).

3. Januar 2012

Diakoninnen (2)

Ein früherer Beitrag hat sich mit der Frage befasst, ob urchristliche Schriften die Existenz von Diakoninnen bezeugen. Dabei hat sich gezeigt, dass die Pastoralbriefe (1/2Tim, Tit) versuchen, Frauen aus verantwortlichen Positionen in der Gemeinde zurückzudrängen und die noch gegebene aktive Beteiligung möglichst zu verschleiern (s. hier). Nur angedeutet wurden in jenem Beitrag die Gründe, die zur Neufassung der Rolle von Frauen in christlichen Gemeinden führten. Darum soll es im Folgenden gehen. Wegen des inneren Zusammenhangs mit jenem früheren Beitrag habe ich auch den Titel aufgegriffen, obwohl sich die folgenden Überlegungen nicht speziell auf das Diakoninnenamt richten.
 

Warum fassen die Pastoralbriefe die Rolle von Frauen so restriktiv, wenn in der paulinischen Tradition die Akzente ursprünglich ganz anders gesetzt waren? Eine Antwort kann an zwei Überlegungen ansetzen. Die erste richtet sich auf die bekämpften Gegner, die wohl der religiösen Strömung der Gnosis zuzuordnen sind. Aus der Ablehnung der materiellen Welt folgte für die Gnostiker meist eine asketische Haltung. Aus dem 1. Timotheusbrief erfahren wir, dass die Gegner die Ehe ablehnen (1Tim 4,3). Sie stehen also in Gegensatz zum Ideal, das die Pastoralbriefe vertreten. Ihm zufolge sollen die Frauen ihre Aufgaben in Haus und Familie erfüllen:
»Sie (die Fau) wird aber gerettet werden dadurch, dass sie Kinder zur Welt bringt, wenn sie bleiben mit Besonnenheit im Glauben und in der Liebe und in der Heiligung.« (1Tim 2,15)
»Ich will nun, dass jüngere Witwen heiraten, Kinder gebären, den Haushalt führen, dem Widersacher keinen Anlass zur Schmähung geben.« (1Tim 5,14)
(Die älteren Frauen sollen die jüngeren unterweisen), »ihre Männer zu lieben, ihre Kinder zu lieben, besonnen, ehrbar, mit häuslichen Arbeiten beschäftigt, gütig zu sein, den eigenen Männern sich unterzuordnen, damit das Wort Gottes nicht verlästert werde.« (Tit 2,4f).
Die Propagierung dieses Ideals könnte auch dadurch bestärkt worden sein, dass die Gegner gerade unter Frauen Anhänger gewonnen haben (2Tim 3,6f). Vielleicht hat auch eine Rolle gespielt, dass Frauen bei den bekämpften Gegnern führende Funktionen übernommen haben. Die einschränkende Bestimmung der Frauenrolle als ein Aspekt des Kampfes gegen die Falschlehrer – dies ist eine mögliche, aber kaum die ganze Antwort auf die eingangs gestellte Frage.