28. September 2012

Sonntagsevangelium (45)

26. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 9,38-43.45.47-48

Wurde die Belehrung über das Dienen durch eine Frage Jesu ausgelöst (Mk 9,33, s. Evangelium vom letzten Sonntag), so leitet die Bemerkung eines Jüngers das nächste Thema ein: Wie sollen sich die Jünger zu jemandem verhalten, der im Namen Jesu Dämonen austreibt, aber nicht zur eigenen Gruppe gehört (9,38)? Auffällig ist die Formulierung, die den Außenstehenden charakterisiert: »... weil er uns  nicht nachfolgt.« Sie weist darauf hin, dass eine Frage der urchristlichen Gemeinde verhandelt wird. Bei einem Bezug auf das Wirken des geschichtlichen Jesus wäre zu erwarten, dass die Nachfolge auf Jesus  bezogen wäre. Der fremde Wundertäter handelt also wie die Apostel in der Erzählung der Apostelgeschichte unter Anrufung des Namens Jesu (s. Apg 3,6; 9,34; 16,18), bekennt sich aber nicht zum Christusglauben.

24. September 2012

Prozess gegen den Dialog

Am vorletzten Wochenende fand in Hannover die zweite Runde des Dialogprozesses statt. Anders als im letzten Jahr kann ich nicht als Teilnehmer berichten, sondern nehme nur die Reaktionen auf diese Veranstaltung wahr. In diesem Beitrag soll es nur um die unfreundlichen gehen. Sie werden dadurch verstärkt, dass zur selben Zeit der Kongress »Freude am Glauben«, veranstaltet vom »Forum Deutscher Katholiken«, stattfand. Denn so können die Berichte über dieses Ereignis mit der Kritik am Dialogprozess verbunden werden. 

Kritische Stimmen

Dass Pater Walter Ockenfels auf jenem Kongress keine lobenden Worte zum Dialogprozess fand, überrascht nicht im Übermaß. Was einem Sachargument wenigstens entfernt ähneln könnte, wird in dem kurzen Bericht auf kath.net allerdings nicht mitgeteilt. Es »gebe es bisher keine Rückbesinnung auf den Kern des Glaubens« und da sei »Nichts Neues unter der Sonne, sondern nur viel Schatten«. Die Kirche habe ein »gewaltiges Führungsproblem«, es gebe zu wenig »kritische und wache Bischöfe«. Pater Ockenfels ist mit der Gesamtsituation unzufrieden und dank des inhaltsarmen Berichts können nun alle ähnlich Unzufriedenen in sein polemisches Lamento einfallen (wie z.B. kaiserin: »DANKE,Herr Ockenfels! Jawohl, der deutsche DiaLÜG-prozess ist NUR streng zu verurteilen …«).

20. September 2012

Sonntagsevangelium (44)

25. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 9,30-37

Zum zweiten Mal im Verlauf des Markus-Evangeliums kündigt Jesus sein Leiden an (s. 8,31). Wieder richtet sich die Ankündigung an die Jünger, nun sogar deutlicher als ausschließliche Hörer des Jesus-Wortes gekennzeichnet (9,30). Wieder aber verstehen sie das Wort nicht, wie ausdrücklich festgestellt (9,32) und in der folgen den Szene illustriert wird durch den Streit der Jünger, wer unter ihnen der Größte sei (9,34; zum Motiv des Jüngerunverständnisses s. hier). Eine solche Frage steht in starkem Kontrast zur Erniedrigung des Menschensohnes, von der gerade die Rede war. Wer sich der eigenen Größe vergewissern will, kann den Weg des Menschensohnes in die Niedrigkeit nicht verstehen. Markus kommt es wohl nur auf diesen Kontrast an. Deshalb speilt die Frage, worauf sich das Großsein genau bezieht, keine Rolle. 

13. September 2012

Sonntagsevangelium (43)

24. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 8,27-35

Verstehen und Unverständnis liegen im Messiasbekenntnis des Petrus nahe beieinander. Gegen die umlaufenden falschen Meinungen über Jesus (8,28) bekennt Petrus als Sprecher der Jünger Jesus richtig als den Messias. Doch was dies bedeutet, hat er noch nicht erfasst. Der Messias-Titel wird nachfolgend ausgelegt auf das Leiden und so, verglichen mit der alttestamentlich-jüdischen Tradition, mit neuem Sinn gefüllt (8,31). 
Zugleich erfährt auch die Rede von Jesus als dem Menschensohn im Ablauf des Markus-Evangeliums eine neue Nuance. Bislang war sie auf die Vollmacht ausgerichtet (2,10.28), jetzt erscheint der Menschensohn als Leidender (siehe auch 9,31; 10,33f). 

11. September 2012

Die Vergebungsbitte des Vaterunsers

Die Universitätsgottesdienste der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität München waren in diesem Sommersemester dem Vaterunser gewidmet. Ich wurde eingeladen, in der Predigtreihe die Predigt zur fünften Bitte zu halten. Kleine Vorwarnung: Der Text ist etwas länger als sonstige Beiträge auf diesem Blog. 

»Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern«

Liebe Gemeinde!

Ein Gebet, das seit Kindertagen vertraut ist und täglich gesprochen wird, trägt biographische Spuren an sich. Ich verbinde gerade mit der Vergebungsbitte eine besondere Erinnerung. Die Zeile »... wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« blieb mir als Kind lange Zeit verschlossen. Aus dem Substantiv Schuldigern hatte ich das Adverb gern herausgehört und war dann damit überfordert, dem Rest des Wortes, den Schuldi, einen Sinn abzugewinnen. Man sollte irgendwie gern vergeben – das war für mich die Botschaft dieses Satzes. Dass ich jetzt im Auszug aus Luthers Kleinem Katechismus auf dem heutigen Programmblatt lesen kann, gar nicht so falsch gelegen zu haben, freut mich zwar im Nachhinein. Dennoch: Den Aha-Effekt, den ich erlebt habe, als mir klar wurde, was es mit den Schuldigern wirklich auf sich hat, habe ich als Befreiung empfunden. Zu verstehen, was man betet, ist keine üble Erfahrung.

8. September 2012

Sonntagsevangelium (42)

23. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 7,31-37

Die Geschichte von der Heilung eines Taubstummen zeigt den typischen Aufbau einer Wundergeschichte, zeichnet sich aber auch durch einige Besonderheiten aus. So ist die Wunderhandlung recht breit geschildert - ähnlich nur noch in 8,22-26 -, und sie schließt die Verwendung heilender Mittel ein. Matthäus und Lukas haben diese Geschichte nicht übernommen.

Dass Jesus den Finger in die Ohren des Tauben steckt (7,33), könnte zu verstehen sein als zeichenhafte Durchbrechung des verschlossenen Gehörganges. Vielleicht erklärt sich der Gestus auch aus der Vorstellung heilender Kraftübertragung, die besonders über die Hand geschieht. Speichel galt in der Antike als Heilmittel, wohl weil er als Ausscheidung des Mundes in Beziehung zum Atem gesehen wurde, und damit als Träger besonderer Lebenskraft.