29. März 2013

Sonntagsevangelium (71)

Die Feier der Heiligen Osternacht (C): Lk 24,1-12

In der Osternacht wird die erste der drei Ostergeschichten des Lukas-Evangeliums gelesen. Die Frauen kommen zum geöffneten und leeren Grab – und sind ratlos (24,3f). Das leere Grab ist für sich genommen kein Hinweis auf die Auferstehung; dazu wird es erst durch das deutende Wort der zwei Männer, die durch ihre Kleidung als himmlischc Boten ausgewiesen werden. Abgesehen vom 
»geliebten Jünger« im Johannes-Evangelium (Joh 20,8) führt das leere Grab nach der neutestamentlichen Ostertradition nicht zum Glauben. Es stellt also keineswegs den Kern des Osterzeugnisses dar. 

24. März 2013

Alter-Sack-Hüpfen mit Deniz Yücel

Ein Kommentar in der taz sorgt derzeit für Aufregung unter Katholiken. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Alois Glück, hat in einem Brief an die Chefredaktion der Zeitung protestiert. Die geschätzte Zeitschrift »Christ in der Gegenwart« sieht den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt (hier  auch im Netz verfügbar) und fordert gerichtliche Schritte. Die Wirkung des Artikels zeigt sich auch in der Tatsache, dass es die Online-Version auf ungewöhnliche 471 Leserreaktionen gebracht hat. 

Sicher habe ich mich auch über den bewusst provokativen Ton geärgert. Da ich aber zuvor schon andere Beiträge von Deniz Yücel gelesen hatte, war ich zumindest nicht besonders überrascht: So schreibt er, nicht nur, wenn es um die katholische Kirche geht. Das Autorenfoto ist so inszeniert, dass man sich erst gar nicht auf allzu feingeistige Ergüsse einstellen soll. Als Signal wird (selbstironisch?) ausgesendet: Hier kommentiert der Links-Proll. Und der findet für den Papst keinen anderen Ehrentitel als »alter Sack«. Und weil unter den Soutanen »der Muff von 2000 Jahren« ungelüftet geblieben ist, muss man den alten Sack auch als »reaktionär« bezeichnen. Ja, die jüngere Papstgeschichte ist als eine Abfolge von solch alten Säcken zu beschreiben: 

»Alter Sack I. folgte Alter Sack II., Alter Sack II. aber folgte Alter Sack III., in einem fort, jahrein, jahraus.« 
Vor den Katholiken müssen sich hier, gleich welcher Konfession oder Weltanschauung, die Grammatiker empören, muss es doch heißen »Altem Sack I. folgte Alter Sack II. usw.« (ich übernehme gerade die Rolle des römischen Soldaten in »Das Leben des Brian«, der darauf besteht, dass die antirömischen Parolen an den Hauswänden grammatisch korrekt formuliert sind). Außerdem wird den Historikern viel zugemutet, denn »jahrein, jahraus« fanden solche Sackwechsel in letzter Zeit nicht statt. 

22. März 2013

Sonntagsevangelium (70)

Palmsonntag (C): Lk 22,14-23,56 

Schon früh beginnt im Lukas-Evangelium der Weg Jesu nach Jerusalem (ab 9,51). Zweimal erinnert der Evangelist in der Folge an dieses Ziel der Wanderung (13,22; 17,11); außerdem kommt ausdrücklich zur Sprache, dass dieser Weg ins Leiden führt (13,32-35; 18,31-33). Dass sich der Weg Jesu in der Passion erfüllt, wird durch solche Notizen vorbereitet. Grundsätzlich orientiert sich Lukas in der Leidensgeschichte an Markus (s. dazu hier), er verändert diese Vorlage aber stärker als Matthäus und greift dabei auch auf Sonderüberlieferungen zurück. 

Vor allem drei Anliegen bestimmen das Bild Jesu in der Passionsgeschichte des Lukas. Zum ersten: Jesus stirbt als Unschuldiger. Gerade die Vertreter der römischen Macht stellen dies fest, mehrmals Pilatus (23,4.14.22), dann auch der Hauptmann unter dem Kreuz (23,47). Diese Darstellung dient in erster Linie der politischen Entlastung der christlichen Gemeinden. Der römische Statthalter hatte Jesus als Aufrührer hingerichtet; deshalb waren die Christen, die sich zu ihm bekannten, in den Augen Roms politisch verdächtig. Lukas stellt klar, dass dieser Verdacht unbegründet ist. Dadurch wird die Rolle der Ankläger auf jüdischer Seite notwendigerweise stärker profiliert. Dies gründet also nicht in einem antijüdischen Affekt. 

19. März 2013

Konklave, Papst und »böse Medien«

Dass in den letzten Tagen zu wenig über den neuen Papst mitgeteilt oder spekuliert worden wäre, könnte wohl nur ein unersättlicher Medien-Vielfraß behaupten, dem es auf das Verdauen des Aufgenommenen nicht mehr ankommt. Ich habe hier, was Papst Franziskus selbst betrifft, nichts Neues mitzuteilen oder zu spekulieren, sondern will an Blog-Beiträge anknüpfen, die sich mit den Widersprüchlichkeiten und Skurillitäten in der öffentlichen Wahrnehmung rund um die Wahl des neuen Papstes innerhalb und außerhalb der Kirche befassen. Erhellendes kann man dazu im Theosalon, bei den Notizen eines Hilfsgeistlichen oder auf kath-2-30 lesen. 

Als Aufhänger dient die gestern bei bildblog.de verlinkte Nachricht, eine Karikatur in der Mainpost über das Konklave habe Protest und (mindestens) eine Abonnements-Kündigung hervorgerufen.  Gegenstand der Karikatur war eine Szene, die der Leseranwalt der Zeitung so umschreibt: Gezeigt werden 

14. März 2013

Sonntagsevangelium (69)

5. Fastensonntag (C): Joh 8,1-11

Die Geschichte von der Ehebrecherin findet sich ausschließlich im Johannes-Evangelium. Dass sie dort ursprünglich hingehört, ist unwahrscheinlich: Wichtige Handschriften bieten diesen Abschnitt nicht; er zeigt auch nichts von den Besonderheiten in Sprache und Theologie, die für das Johannes-Evangelium kennzeichnend sind. Das Personeninventar ist eher unjohanneisch: »Schriftgelehrte« treten in den anderen Evangelien häufig auf, bei Johannes aber, abgesehen von 8,3, nicht. In die synoptischen Evangelien scheint das Stück besser zu passen, und tatsächlich gibt es Handschriften, die es nach Lk 21,38 einordnen; dies ist aber sicher auch nicht der ursprüngliche Ort.

Möglicherweise handelt es sich um eine Erzählung, die zunächst mündlich umlief und nach einer ersten Verschriftlichung (in einem apokryphen Evangelium) in das Johannes-Evangelium eingefügt wurde (vgl. Michael Theobald, Das Evangelium nach Johannes, Regensburg 2009, 550-552). Die Überlieferung kann also durchaus alt sein, aber sie reicht wahrscheinlich nicht ins Wirken Jesu zurück. Dagegen spricht: Die Frage, welche Folgen die Haltung Jesu für die Tora-Bestimmungen als Rechtssystem hat, spielt in dieser Geschichte keine Rolle; und dies wäre im Rahmen des Wirkens Jesu keine nebensächliche Frage. Der Satz »wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein« könnte »in letzter Konsequenz dahin führen, jegliches Strafrecht aus den Angeln zu heben« (ebd. 552). Wahrscheinlicher ist, dass der Umgang mit Sünde und Sündern innerhalb der christlichen Gemeinde verhandelt wird – als Absage an rigoristische Positionen. 

8. März 2013

Sonntagsevangelium (68)

4. Fastensonntag (C): Lk 15,1-3.11-32

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist eigentlich die Geschichte eines Vaters und seiner zwei Söhne. Der Aufbruch des jüngeren Sohnes, der sich das Erbe ausbezahlen lässt, wird nicht negativ gewertet, begründet in sich keine Schuld. Die Sünde, von der der Sohn in seinen Überlegungen spricht (15,18), besteht nicht darin, dass er von zu Hause weggezogen ist, sondern dass er das Vermögen verschleudert und »haltlos gelebt« hat (15,13).

Der soziale Abstieg wird zwar durch den Zwang zum Schweinehüten so inszeniert, dass man auch an die Entfernung vom religiösen jüdischen Erbe denken kann (Schweine sind der Mose-Tora zufolge unreine Tiere). Dennoch steht die materielle Not im Vordergrund: dem Sohn scheint selbst das Schweinefutter begehrenswert. Um den Abstieg möglichst drastisch zu schildern, nimmt der Erzähler die Unstimmigkeit in Kauf, dass der jüngere Sohn eigentlich irgendetwas verdient haben müsste, wenn er sich als Schweinehirt verdingt. Wenigstens zum Schweinefutter müsste es doch gereicht haben, aber »niemand gab ihm davon« (15,16).

7. März 2013

Warum kein Malachias-Bingo?

Beobachtungen zum ganz normalen Sedisvakanz-Wahnsinn, ein unterschätztes Problem und ein spielerischer Lösungsvorschlag


Es ist mal wieder soweit, dass ein Hinweis auf mögliche 
Nebenwirkungen gegeben werden muss. 

Der leere Bischofsstuhl in Rom stellt die katholische Kirche vor besondere Herausforderungen. Nicht allein die Sedisvakanz gilt es zu verkraften, sondern mehr noch die verschiedenen Versuche, die Zeit bis zur Papstwahl zu überbrücken, und sich dabei in die dialektische Dimension gläubiger Existenz einzuüben. Wir hören, das Konklave sei keine Präsidentenwahl und »entwickele unter Leitung des Heiliges Geistes seine eigene Dynamik« (s. hier), es gebe keine Personaldebatte, wohl aber Gespräche im Hintergrund (s. hier). Diese sind gewiss viel geistlicher, verhindern aber nicht, dass die Wahl und die Vorbereitungen dazu dennoch zum Medien-Event wird. 

Dass mir bislang ganz unklar war, wie eigentlich die Wahlurnen im Konklave aussehen, lernte ich in der gestrigen Tagesschau, die uns mit entsprechenden Bildern von der Pressekonferenz des Vatikan-Sprechers Lombardi versorgt hat. Weiterführend auch die Informationen, die über »den vergoldeten, von rotem Veloursstoff überzogenen Stab« des Kardinalkämmerers zu erhalten waren (und zwar hier). Dieser Stab ist selbst ein hochdialektisches Requisit, denn derjenige, der ihn mit feierlicher Formel erhält, muss ihn gleich wieder abgeben – bis der Papst stirbt oder zurücktritt. Was Sie schon immer über die
Zeit der Sedisvakanz wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten, klärt ein entsprechendes ABC, das nach zwei Folgen bei »Konstitution, Apostolische« angekommen ist. Noch ist Hoffnung, dass die Reihe vor der Wahl des Papstes zu »Zingulum« o.ä. vorstößt. Wer will, kann übrigens den Weißer-Rauch-Newsletter bestellen, dann wird die Nachricht aus der Sixtinischen Kapelle nicht von den kirchenfeindlichen Medien übermittelt

1. März 2013

Sonntagsevangelium (67)

3. Fastensonntag (C): Lk 13,1-9 

Der an diesem Sonntag gelesene Aufruf zur Umkehr, der keine Parallelen in den anderen Evangelien hat, setzt an zwei Ereignissen an. Dass Pilatus das Blut von opfernden Galiläern »mit dem Blut ihrer Opfertiere vermischt« habe, muss nicht heißen, dass das Massaker während des Opfervollzugs stattfand. Die Formulierung kann sich auch auf ein Geschehen innerhalb der Tempelanlage beziehen (vgl. M. Wolter, Das Lukasevangelium, Tübingen 2008, 476). Zwar sind von Pilatus etliche Provokationen und Gewaltakte bezeugt; das hier erwähnte Blutbad lässt sich aber (wie auch der Einsturz des Turms von Siloah) keiner sonst bekannten Begebenheit zuordnen. Dies muss nicht gegen seine Historizität sprechen, zumal da das Bild des brutal vorgehenden Pilatus nicht den Tendenzen entspricht, die sonst die Darstellung des römischen Prokurators in den Evangelien prägen.