27. September 2013

Sonntagsevangelium (96)

26. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 16,19-31

Den Gegensatz von Arm und Reich bringt die Beispielerzählung vom Reichen und dem armen Lazarus wirkungsvoll zur Geltung. Dies gelingt ihr nicht nur durch die Beschreibung von Luxus (Lk 16,19) und bitterster Armut (16,20f), sondern auch durch die Bemerkung, dass der Arme »vor der Tür des Reichen« lag. Zwischen beiden Figuren kommt es trotz der räumlichen Nähe zu keinem Kontakt. Unausgesprochen liegt darin ein Vorwurf an den Reichen: Dass Lazarus nicht einmal von dem essen konnte, was »vom Tisch des Reichen fiel«, er vielmehr selbst von den Hunden verkostet wurde (16,21), profiliert nicht nur den Gegensatz der Lebenssituation; durch diese Beschreibung wird mitgeteilt, dass dem Reichen das Schicksal des Lazarus gleichgültig war.

Die Erzählung begnügt sich bei dieser Schilderung mit knappen Strichen, denn ihr Interesse liegt auf einem anderen Sachverhalt: den Folgen des geschilderten Gegensatzes nach dem Tod der beiden Hauptfiguren. Das schroffe Gegenüber bleibt erhalten, nun aber mit umgekehrter Rollenverteilung, was Qual und Wohlergehen betrifft (16,22-24). Der »Schoß Abrahams« ist Metapher für den Heilsort, der Unheilsort wird mit »Hades« bezeichnet. Die Darstellung von Gegensätzen gewinnt nun auch eine räumliche Komponente: Beide Bereiche sind trotz der vorausgesetzten Kontaktmöglichkeit so scharf voneinander getrennt, dass ein Überstieg vom einen zum anderen unmöglich ist (16,26).

23. September 2013

Antimodernismus und Exegese (4)

Was bisher geschah: Nach einer knappen geschichtlichen Verortung des Antimodernismus wurden die gegen die »Modernisten« gerichteten Dekrete vorgestellt (Folge 1; Folge 2). Nach dem exemplarischen Blick auf die Konsequenzen dieser Maßnahmen in Forscherbiographien (Folge 3) soll es nun um die Folgen für das Fach »Neutestamentliche Exegese« als Disziplin der Katholischen Theologie gehen. 


Schlaglichter auf die Konsequenzen für Forschung und Lehre 

Dass unter den dargestellten Bedingungen die Forschung zum Neuen Testament nicht gedeihen konnte, liegt auch der Hand. Die lehramtlichen Vorgaben, die eine Auseinandersetzung mit den aufgebrochenen Fragen unterbinden wollten, und die Responsa der Bibelkommission, die ohne eigentliche Sachargumentation exegetische Fragen entschieden, mussten wie eine Fessel für die katholische Exegese wirken. Wenn deren Vertreter in Kontakt mit der zeitgenössischen protestantischen Exegese bleiben wollten, mussten sie äußerst vorsichtig vorgehen, um nicht dem Modernismusverdacht zu verfallen. Eine Möglichkeit, die Situation der katholischen Exegese in Deutschland zu erfassen, besteht darin, die einzige wissenschaftliche Fachzeitschrift auf katholischer Seite in jenen Jahren zu analysieren (vgl. Klauck, Exegese 377-385; auf diese Ausführungen stützt sich die folgende Darstellung).

20. September 2013

Sonntagsevangelium (95)

25. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 16,1-13 (oder 16,10-13)

Das Gleichnis vom ungerechten Verwalter (Lk 16,1-8) gehört zu den anstößigsten Texten in den Evangelien, denn hier wird ein betrügerisches Verhalten ausdrücklich gelobt. Ausgangspunkt ist die Situation, dass der Verwalter eines reichen Mannes dessen Vermögen verschwendet hat, genauer: dass dem reichen Mann dieses Verhalten zu Ohren kommt. Es spielt aber für die Geschichte keine Rolle, ob der Vorwurf zu Recht erhoben wird. Die Aufforderung, die Abrechnung vorzulegen (16,2), dient nicht der Eruierung des Sachverhalts, sondern wird mit der bereits beschlossenen Entlassung begründet: »... denn du kannst nicht länger Verwalter sein.« Auch der Verwalter selbst geht in seiner Reaktion  nicht davon aus, etwas für den Verbleib in seiner Stellung unternehmen zu können.

Er erwägt Alternativen, die er aber sofort wieder verwirft: Harte körperliche Arbeit ist nichts für ihn (»graben kann ich nicht«), ein noch höherer Prestigeverlust wäre das Betteln (»zu betteln schäme ich mich«; 16,3). Die Lösung wird, erzählerisch geschickt, nicht gleich mitgeteilt, sondern erst das Ziel: Er hat eine Idee, wie er dafür sorgen könnte, dass man ihn später gastfreundlich aufnimmt (16,4). Nicht mehr im inneren Monolog, sondern in einer dialogischen Szene wird die Idee ausgeführt. Der Verwalter lässt die Schuldscheine fälschen und erniedrigt die Menge, mit der die Schuldner bei seinem Herrn in der Kreide stehen. Zwei Fälle werden vorgeführt, sie sollen als Beispiele für den umfassenden Plan des Verwalters wahrgenommen werden. Denn zu Beginn heißt es: »Und er rief einen jeden Schuldner seines Herrn herbei« (16,5).

16. September 2013

Antimodernismus und Exegese (3)

Was bisher geschah: In Fortführung der Strategie des 19. Jahrhunderts, die Kirche von allen Neuerungen in Gesellschaft und geistigem Leben abzuschotten, wurde unter Pius X. (1903-1914) ein streng antimodernistischer Kurs eingeschlagen, der sich in einem Syllabus (Lamentabili sane exitu), einer Enzyklika (Pascendi dominici gregis) und dem Antimodernisteneid niederschlug. Die Absicht, historisch-kritische Exegese aus der katholischen Theologie herauszuhalten, und der Wille, diese Linie mit Macht durchzusetzen und jede Abweichung zu sanktionieren, führte außerdem zu Entscheiden der Päpstlichen Bibelkommission, die gegen neuere Tendenzen in der Exegese ohne Argumentation das Gewicht der Tradition betonten (Folge 1; Folge 2)


Zwar war der antimodernistische Kurs durch römische Dekrete begründet, er wurde aber nicht nur auf den offiziell vorgesehenen Wegen verfolgt. Daneben etablierte sich in der Zeit Pius' X. auch ein Spitzelwesen im Sodalitium Pianum – ein Geheimbund von höchstens 50 Mitgliedern, die unter Decknamen verschlüsselte Informationen austauschten. Die Organisation, deren Gründer Umberto Benigni »eine dezidiert antimoderne Vision von Gesellschaft« (Arnold, Modernismus 128) antrieb, agierte weniger gegen den theologischen als gegen den politischen und sozialen Modernismus. Zu diesem Zweck wurden gezielte Pressekampagnen gestartet und »Informationen« gesammelt und nach Rom weitergegeben, um die päpstliche Politik im gewünschten Sinn zu beeinflussen. Wenn auch weniger Theologen als vielmehr katholische Politiker und Gewerkschafter die Zielscheibe dieser konspirativen Gruppe waren, so zeigt sich doch deutlich das Klima im Pontifikat Pius' X: Vertreter modernistischen Gedankenguts sollten aufgespürt und möglichst »unschädlich« gemacht werden (Benedikt XV. führte diesen Kurs nicht in gleicher Weise fort; Benigni verlor an Einfluss, das Sodalitium wurde im Jahr 1921 förmlich aufgelöst; vgl. ebd. 132).


II. Die Konsequenzen des Antimodernismus für die Exegese 

Die Konsequenzen des Antimodernismus für die Exegese sollen zunächst in biographischer Perspektive betrachtet werden: Wie ist es katholischen Exegeten unter den genannten antimodernistischen Bedingungen ergangen?

13. September 2013

Sonntagsevangelium (94)

24. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 15,1-32  (oder 15,1-10)

In Lk 15 sind drei Gleichnisse zusammengestellt, die vom Verlieren und Wiederfinden erzählen. Die ersten beiden (vom verlorenen Schaf; von der verlorenen Drachme: Lk 15,1-10) sind einem Gleichnistyp zuzuordnen, der ausgehend von der Alltagserfahrung auf die Zustimmung der Hörer zielt. Deutlich wird dies an den rhetorischen Fragen: »Wer von euch ... wird nicht ...?«; »welche Frau ... wird nicht ...?« Sie lassen nur eine Antwort zu: Alle würden so handeln wie in dem Gleichnis erzählt.

Der geschilderte Verlust erscheint im zweiten Fall noch härter als im ersten: Von zehn Drachmen, offensichtlich der ganze Besitz der Frau, geht eine Drachme verloren – entsprechend ist auch die Suche nach dem Verlorenen intensiver dargestellt (15,8). Der Grundgedanke ist allerdings in beiden Fällen derselbe: Ein Verlust führt zur Suche, die Suche zum Wiederfinden, der Fund zur Freude, ja sogar zur Mitfreude der Freunde und Nachbarn (15,6.9).

Dieser letzte Punkt passt nicht ganz zum gewöhnlichen Vorgang, der im Bild geschildert wird, und dürfte sich der angezielten Sachaussage verdanken. Die beiden Gleichnisse illustrieren nämlich einen Grundzug des Wirkens Jesu: In ihm ereignet sich die Suche Gottes nach den Verlorenen, den Sündern; und dass Gott sie wiederfindet, muss gefeiert werden.

9. September 2013

Antimodernismus und Exegese (2)

Was bisher geschah: Der antimodernistische Kurs Pius' X. wurde dargestellt als Fortsetzung der systematischen Abschottung der katholischen Kirche von allen geistesgeschichtlich relevanten Entwicklungen des 19. Jahrhunderts, mit der Folge, dass historisches Arbeiten in der Bibelexegese verboten wurde. Der Versuch einer historisch verantworteten Exegese von Alfred Loisy wurde nicht nur mit Zensur belegt, sondern war auch die Zielscheibe des ersten der antimodernistischen Dekrete aus dem Jahr 1907: Lamentabili sane exitu (s. hier). 


Pascendi dominici gregis

Während Lamentabili, wie in der ersten Folge bereits erwähnt, in einem langwierigen Prozess in den zuständigen vatikanischen Gremien entstand, ist die Enzyklika Pascendi »relativ schnell in einem kleinen Beraterkreis um den Papst entworfen worden« (Arnold, Modernismus 109). Die Akten belegen, dass Pius X. nicht unbedarft unter den Einfluss antimodernistischer Kreise geriet, sondern selbst Antimodernist war (vgl. ebd. 107f).

Die Enzyklika konstruiert den Modernismus als ein großes System, das dessen Vertreter nur aus taktischen Gründen nicht offen legten. Sie wollten verschleiern, dass ihre Angriffe auf die Lehre der Kirche in einem großen Zusammenhang stehen. 

»Die Modernisten … gebrauchen den schlauen Kunstgriff, ihre Lehren nicht systematisch und einheitlich, sondern stets nur vereinzelt und aus dem Zusammenhang gerissen vorzutragen, um den Schein des Suchens und Tastens zu erwecken, während sie doch fest und entschieden sind« (hier der Einfachheit halber zitiert nach der Wiedergabe des Textes bei Neuner, Streit 296 [er folgt der autorisierten Ausgabe: Rundschreiben unseres Heiligsten Vaters Pius X. über die Lehren der Modernisten, Freiburg 1908]; außerdem gebe ich die Nummern der englischen Übersetzung an, hier: Pascendi 4). 
Der Modernist spiele, so die Enzyklika weiter, sieben Rollen in einer Person: Philosoph, Gläubiger, Theologe, Historiker, Kritiker, Apologet, Reformator. Werfen wir für unser Thema ein kurzes Schlaglicht auf die Beschreibung des Historikers und Kritikers.

6. September 2013

Sonntagsevangelium (93)

23. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 14,25-33

In die Worte über die Bedingungen der Nachfolge ist ein Doppelgleichnis eingeflochten, das sich nur im Lukas-Evangelium findet (Lk 14,28-32). An ihm kann man sich sehr gut einen Grundsatz der Gleichnisauslegung klar machen.

Gleichnishafte Texte können verstanden werden als Texte mit »doppeltem Boden« (so eine Formulierung von Kurt Erlemann). Sie verweisen auf etwas, das nicht unmittelbar ausgedrückt wird. Diese zwei Seiten eines Gleichnisses kann man als »Bild- und Sachebene« bezeichnen: zum einen die erzählte Geschichte; der Text, wie er auf der Oberfläche begegnet (Bildebene), zum andern das, worauf der Text verweisen will; was er in der Sache meint (Sachebene). Die Sachebene erschließt sich, wenn man erkennt, woraufhin das auf der Bildebene Dargestellte zugespitzt ist, oder anders: was die Pointe des Bildes ist. Nicht jedes Element eines Gleichnisses hat eine Entsprechung auf der Sachebene, manches dient auch nur dem Arrangement des Bildes und hat darüber hinaus keine Bedeutung. Genau dies lässt sich an dem Doppelgleichnis verdeutlichen, denn es arbeitet mit zwei ganz unterschiedlichen Bildern, die aber dieselbe Pointe besitzen.

4. September 2013

Antimodernismus und Exegese (1)

Beim Kongress »Freude am Glauben«, der am vergangenen Wochenende in Augsburg stattfand, hat Prälat Wilhelm Imkamp einen Vortrag gehalten mit dem Titel »Der Modernismus als Herausforderung im Jahr des Glaubens. Geschichtliche Anmerkungen zu einem bleibenden Problem«. Dem wohlwollenden Referat von Barbara Wenz zufolge bestand der Vortrag im Wesentlichen aus einer Polemik gegen den Modernismus, die auf die gegenwärtige Situation zielt. Eine inhaltliche Substanz, die Grundlage für eine sachliche Auseinandersetzung sein könnte, ist dem Referat nicht zu entnehmen.

Für einen Exegeten wird die Freude am Glauben allerdings auf eine harte Probe gestellt, wenn im Blick auf die Enzyklika
Pascendi dominici gregis vom »heiligen Genie Pius X.« die Rede ist, dem zu verdanken sei, dass das Phänomen des Modernismus »einmal scharf umrissen worden ist«. Da dies nicht der erste Hinweis dafür ist, dass der Antimodernismus vom Beginn des 20. Jahrhunderts wieder rehabilitiert wird, will ich hier in mehreren Beiträgen auf jene Phase der neueren Kirchengeschichte und die Folgen für die Exegese eingehen. Dabei wird sich auch zeigen, dass man den antimodernistischen Kurs Pius' X. nicht rehabilitieren kann, ohne einige seiner Nachfolger ins Unrecht zu setzen. Der Weg der katholischen Exegese im 20. Jahrhundert ist ein Fallbeispiel für Kehrtwenden in lehramtlichen Stellungnahmen innerhalb einer – kirchengeschichtlich betrachtet – recht kurzen Zeitspanne, oder anders gesagt: ein Fallbeispiel dafür, dass zur Tradition auch der Wandel gehört.

Die Beiträge gehen zurück auf einen Vortrag, den ich am 11. Mai 2013 bei der Ottobeurer Studienwoche gehalten habe (»Vom Denkverbot zum Imprimatur. Der Weg der katholischen Exegese im 20. Jahrhundert«).



I.  Der Antimodernismus am Beginn des 20. Jahrhunderts

Die wechselvolle Geschichte der katholischen Exegese im 20. Jahrhundert verbindet sich am Beginn mit dem Begriff »Modernismus«. Dieser Begriff sollte alle aus lehramtlicher Sicht verurteilungswürdigen Tendenzen bündeln. Man sah in der zeitgenössischen Theologie ein verschwörerisches System, das nur zur Tarnung als solches nach außen nicht in Erscheinung trete. Insofern kann man in bestimmtem Sinn das Lehramt selbst als Schöpfer des »Modernismus« bezeichnen (nach dem Wort von George Tyrell: »Der Schöpfer des Modernismus ist Pius X.«: Zwischen Scylla und Charybdis, Jena 1909, S.V): Der Begriff entsteht aus der Ablehnung der damit bezeichneten Sache. Wenn man auch durchaus noch erkennen kann, wer mit den ausgesprochenen Verurteilungen getroffen werden sollte, existiert der »Modernismus« als ganzes doch nur im Modus der Verwerfung: eben als Antimodernismus. Die Verurteilten selbst hatten sich nicht als Modernisten bezeichnet, sondern »verstanden sich als Reformkatholiken oder eventuell als liberale Katholiken« (Peter Neuner, Der Streit um den katholischen Modernismus, Frankfurt 2009, 91).