26. Dezember 2013

Sonntagsevangelium (109)

Sonntag in der Weihnachtsoktav (A): Mt 2,13-15.19-23

Als einziger Evangelist erzählt Matthäus von der Flucht der Familie Jesu nach Ägypten und der Rückkehr in das Land Israel. Die Vorgeschichte in Mt 2 (also einschließlich der Magier-Geschichte in 2,1-12) weist Parallelen auf zu antiken Erzählungen, die von der Verfolgung und Bewahrung des Königskindes handeln. Besonders stark sind die Parallelen zur Figur des Mose. Schon im Buch Exodus wird von der Bedrohung und Errettung des Kindes Mose erzählt (Ex 1,15-2,10). Diese Geschichte ist in der späteren jüdischen Überlieferung weiter ausgestaltet worden. Zur Fassung, die sich beim jüdischen Schriftsteller Flavius Josephus findet (Antiquitates Iudaicae II 205-216 [engl.]), lassen sich zwei Erzählzüge in der matthäischen Flucht-Geschichte vergleichen: Der Herrscher reagiert auf die Nachricht von der Geburt eines Rivalen dadurch, dass er alle in Frage kommenden Kinder töten lässt (Mt 2,16); der Plan schlägt aber fehl, weil das Kind unter dem besonderen Schutz Gottes steht.

Außerdem lässt sich eine Verbindung ziehen zur Erzählung von Flucht und Rückkehr, die im Buch Exodus vom erwachsenen Mose erzählt wird. Es gibt nämlich eine auffallende wörtliche Übereinstimmung zwischen Mt 2,20 und Ex 4,19 in der Notiz, die jeweils die Rückkehr begründet (bei Mose nach Ägypten, bei Jesus aus Ägypten): Die Formulierung im Plural »gestorben sind diejenigen, die dem Kind nach dem Leben trachten« stimmt wörtlich mit der alttestamentlichen Passage überein, hat aber in der matthäischen Geschichte keinen direkten Anhaltspunkt, da dort allein Herodes mit der Mordaktion belastet wird.

20. Dezember 2013

Sonntagsevangelium (108)

Vierter Adventssonntag (A): Mt 1,18-24

Matthäus erzählt die Ankündigung der Geburt Jesu aus der Perspektive Josefs. Ihm, nicht Maria, erscheint ein Engel und offenbart den Ursprung des Kindes (1,20). Außerdem erhält Josef den Auftrag zur Namensgebung. Der Name »Jesus« wird erklärt mit Hinweis auf die Erlösung von den Sünden (1,21). Das trifft nicht ganz den Sinn des zugrundeliegenden hebräischen Namens: Jeschua bedeutet »Jahwe ist Hilfe/Rettung«. Der Bezug auf die Erlösung von den Sünden wird in der Abendmahlstradition aufgenommen. Als einziger Evangelist erwähnt Matthäus, das Blut Jesu werde vergossen zur Vergebung der Sünden (26,28) – eine Formulierung, die aus der Täufertradition (s. Mk 1,4; Lk 3,3) an diese Stelle versetzt ist. Dass der Name Jesu, konkreter als von der Ethymologie gedeckt, auf die Sündenvergebung bezogen wird, schlägt also einen Bogen, der bis in die Passionsgeschichte reicht, und unterstreicht die programmatische Bedeutung der Erzählung von der Ankündigung der Geburt Jesu.
       
Der bei der Ausdeutung des Jesus-Namens noch fehlende Bezug auf Gott begegnet ausdrücklich im Zusammenhang mit dem zweiten Namen, der für Jesus in der Geschichte genannt wird: Immanuel. Diese Bezeichnung ist allerdings als Titel zu verstehen, wie sich nicht nur aus der Tatsache ergibt , dass Jesus nicht Immanuel heißt. Deutlich wird dies auch an der Änderung, die der Evangelist am Jesaja-Zitat vornimmt. In Jes 7,14 heißt es, auf den König Ahas bezogen: »Du wirst ihn Immanuel nennen« (in der Fassung der Septuaginta), Matthäus schreibt: »Sie werden ihn Immanuel nennen«. Damit sind die Glaubenden gemeint, die bekennen, dass in Jesus »Gott mit uns« ist (1,23). So spannt sich ein Bogen bis zum letzten Jesuswort des Evangeliums: »Ich bin mit euch bis zur Vollendung der Welt« (28,20) – und in Jesus ist auch »Gott mit uns«.

13. Dezember 2013

Sonntagsevangelium (107)

Dritter Adventssonntag (A): Mt 11,2-11

Den ersten großen Teil zum Wirken Jesu (4,23-11,30) hat Matthäus recht eigenständig aufgebaut und sich dabei nur in geringem Ausmaß an seiner Vorlage (Markus-Evangelium) orientiert. Die Bedeutung Jesu wird entfaltet als »Messias des Wortes« (Bergpredigt: Kapp. 5-7) und als »Messias der Tat« (Wunderzyklus: Kapp 8-9), dessen Wirken sich ausweitet durch die Aussendung der Jünger (Kap. 10). In Kapitel 11 wird in dieser Hinsicht eine »Zwischenbilanz« gezogen. Am Ende erscheint Jesus als der, der allein die Offenbarung Gottes bringt (11,25-30), am Anfang wird er in die Botschaft des Täufers eingeordnet (11,2-6).

Dass der Täufer fragt, ob Jesus der von ihm angekündigte Kommende sei (s. 3,11f), überrascht im Matthäusevangelium insofern, als Johannes die Würde Jesu bereits erkannt hat (3,14). Der Evangelist will kaum andeuten, dass der Täufer in dieser Haltung unsicher geworden sei, die Frage also meine: »Bist du wirklich der Kommende (oder habe ich mich getäuscht)?« Wahrscheinlich nimmt er die Spannung zu der früheren Stelle in Kauf, weil es ihm in erster Linie darauf ankommt, Jesus durch die Antwort auf die Anfrage als die von Johannes angekündigte Gestalt zu präsentieren.

12. Dezember 2013

Sehnsucht nach der Höllenpredigt?

Kardinal Reinhard Marx hat Post aus Siena bekommen (s. hier). Katharina heißt jetzt Victoria und lebt in Wien. Eine Pressemitteilung über eine Katechese des Kardinals war für sie Anlass, einen Brief zu schreiben, der nicht nur eine Fülle begeisterter Leserkommentare hervorgebracht hat, sondern auch Fanpost, die wiederum als Beitrag auf kath.net erschienen ist (s. hier). Der Erzbischof von München und Freising wird gerügt für seine Aussagen über Hölle und Fegefeuer. Folgendes wird aus der Katechese zitiert und wiedergegeben:
»Die Kirche habe mit Bildern wie dem des Fegefeuers und der Hölle Angst vor dem Tod gemacht, 'und dafür müssen wir Buße tun'. Denn Jesus ginge es nicht darum, Sünden aufzuzählen, sondern jedem Menschen Heil und Rettung zuzusagen. 'Die Kirche muss im Miteinander die Angst vertreiben', unterstrich Kardinal Marx. Um sich vorzustellen, was nach dem Tod komme, brauche der Mensch Bilder, 'aber das müssen Bilder der Zuversicht, der Hoffnung sein, Bilder, die uns helfen und voranbringen, auch wenn sie uns keine endgültige Antwort geben können'.«
Nun wird der Kardinal aus dem Katechismus belehrt,
»dass die Hölle eben kein Bild ist sondern eine bittere Realität, und dass sie ewig dauert (KKK 1035).« 
In der zitierten Aussage des Kardinals geht es allerdings nicht um den Gegensatz von Bild und Realität, sondern darum, dass die Aussicht auf Heil und Gericht in vergangener kirchlicher Verkündigung häufig falsch eingesetzt wurde, nämlich so, dass von der freimachenden Kraft des Evangeliums nicht viel übrig blieb. »Frohbotschaft statt Drohbotschaft« ist inzwischen zur Floskel geworden; die Wendung entstand aber als Gegenprogramm zu tatsächlicher kirchlicher Verkündigungspraxis. Dass das nicht unbedingt mitbekommen hat, wer, wie die Absenderin der Siena-Post, 1991 geboren ist, glaubt man sofort. Warum ihr aber etwas fehlt und sie die »panische Angst« von Priestern beklagt, »die letzten Dinge anzusprechen, Worte wie 'Hölle' oder 'Fegefeuer' auch nur in den Mund zu nehmen«, erschließt sich deshalb noch nicht.

6. Dezember 2013

Sonntagsevangelium (106)

Zweiter Adventssonntag (A): Mt 3,1-12

Matthäus bringt gleich zu Beginn seiner Darstellung Johannes des Täufers einen eigenen Akzent in dessen Botschaft ein: »Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe« (3,2). Mit genau denselben Worten fasst der Evangelist die Botschaft Jesu zusammen (4,17). Jesus und Johannes werden also, stärker als in den anderen Evangelien, aneinander angeglichen. Der Täufer bereitet die Verkündigung Jesu von der Gottesherrschaft unmittelbar vor; umgekehrt übernimmt Jesus im Matthäus-Evangelium Motive aus der Gerichtsbotschaft des Täufers. Das Wort vom Baum, der keine Früchte bringt (3,10b) erscheint wörtlich wieder in der Bergpredigt (7,19). Das Bild vom Sammeln des Weizens in der Scheune, vom Täufer auf den Kommenden hin angewendet (3,12), begegnet erneut in der Auslegung des Gleichnisses vom Unkraut unter dem Weizen (13,30).

Zu dieser weitgehenden Parallelisierung passt, dass Johannes als eine in der Schrift verheißene Gestalt erscheint. Nicht nur seine Aufgabe der Wegbereitung, sondern die Person des Wegbereiters wurde durch den Propheten angekündigt. Wörtlich lautet die Übersetzung von 3,3a: »Dieser ist der vom Propheten Jesaja Gesagte.«