Dreck schleudern mit der »Süddeutschen«

In der Süddeutschen Zeitung  vom letzten Samstag erschien ein Artikel, der die Kritik an einer »geplanten Berufung« auf einen Lehrstuhl zum Thema hat (»Eine Nonne ohne Staatsexamen«, von Martina Scherf, online nicht frei verfügbar). Es geht um die Wiederbesetzung des Lehrstuhls für Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU München, also »meiner« Fakultät. Ich werde hier nichts zu dem noch laufenden Verfahren mitteilen, sondern befasse mich nur mit der Strategie, die in diesem Artikel über weite Strecken verfolgt wird: Partei ergreifen, Vermutungen streuen, Klischees bedienen.

Der Beitrag beginnt mit dem Hinweis auf den hervorragenden Ruf, den die katholische Religionspädagogik an der LMU genieße. Der bisherige Stelleninhaber, Stephan Leimgruber, habe »eine offene Weltsicht und den interreligiösen Dialog« gefördert. Die Fortsetzung lautet: »Jetzt soll ihm eine Nonne folgen.« Was hat die Tatsache, dass die vorgesehene Nachfolgerin eine Ordensfrau ist, mit dem zuvor skizzierten Lehrstuhlprofil zu tun? Mit demselben Erkenntniswert hätte es auch heißen können: »Jetzt soll ihm eine Nichtraucherin folgen«, oder eine Hobby-Bergsteigerin, eine Linkshänderin, eine Katzen-Liebhaberin (das sind völlig willkürlich gewählte Beispiele). Natürlich ist es kein Zufall, dass »eine Nonne« gewählt wurde. Die Gegenüberstellung zum weltoffenen und dialogbereiten Vorgänger soll insinuieren, der Stand einer Ordensfrau würde das Gegenteil erwarten lassen. Kann man tiefer in die Klischee-Schublade greifen? Dass geistliche Berufung und Offenheit sich nicht gegenseitig ausschließen, hätte man den Lesern auch durch den Hinweis mitteilen können, dass Stephan Leimgruber Priester ist. Nicht zufällig ist davon nicht die Rede.


Die Strategie des Verdachts

Ein Verdacht wird zitiert: »Womöglich habe die Kirche eine linientreue Kandidatin gesucht«. Hier geht es der Fakultät an die Ehre. Ihr wird unterstellt, Befehlsempfängerin »der Kirche« zu sein und nicht autonom über die Lehrstuhlbesetzung zu entscheiden. Hier beginnt die Strategie des Verdachts: Stelle eine Behauptung auf, setze ein »vielleicht« oder ein »womöglich« davor, und schon ist die Dreckschleuder fertig gebastelt, die am besten in der Hand einer namentlich nicht genannten Person funktioniert. So sagt »einer, der sich in der Szene auskennt«: »Vielleicht erwartet man von der Kollegin, dass sie strengere Glaubenslehre vermittelt«. So kann man der Fakultät Motive unterstellen, die mit Wissenschaft nichts zu tun haben – sicher nicht ohne Wissen darum, dass dies ein Vorurteil ist, mit dem Katholisch-Theologische Fakultäten inneruniversitär häufig zu kämpfen haben. Und was lässt man sich lieber bestätigen als sein Vorurteil?

Alles anonym

Schauen wir uns die zitierten Gewährsleute noch etwas näher an: Es sind »Teile der Fakultät«, zweimal »eine Beobachterin«, »ein Insider«, zweimal »ein Professor« (welcher Fakultät er angehört, wird nicht gesagt), »einige Studenten« und, wie bereits bemerkt, »einer, der sich in der Szene auskennt«. Auf dieser Grundlage lässt sich alles behaupten, niemand steht für den geäußerten Verdacht ein. Der genannte »Insider« tut gut daran, denn er gibt Interna preis (»stimmten … alle Mitglieder der Berufungskommission und des Senats für die Ordensfrau« ). Diese Dienstpflichtverletzung durch ihn oder einen Hinweisgeber aus der Fakultät wird mit einem erstaunlich unsinnigen Vergleich verbunden: Die einstimmige Abstimmung sei »wie bei Frau Schavan« geschehen (gemeint ist deren Berufung in den Hochschulrat, auf die, wegen Drucks aus der Hochschule, recht bald der Rücktritt folgte). Als läge es in der Natur einstimmiger Ergebnisse, dass sie im Nachhinein umstritten sind.

Die Erfindung zweier Lager

Gewöhnlich geraten laufende Besetzungsverfahren an einer Theologischen Fakultät nicht in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Damit sich die Süddeutsche  dafür interessiert, musste der Vorgang nach dem Muster »konservativ versus progressiv« inszeniert werden. Die Tatsache, dass es um eine Ordensfrau geht, dient als Aufhänger – in erster Linie nicht dafür, ihr eine »linientreue« Haltung zuzuschreiben, sondern für den Vorwurf, die Fakultät habe sie für eine linientreue Kandidatin gehalten und deshalb favorisiert. Immer geht es um diesen Vorwurf, Positionen der Kandidatin kommen gar nicht zur Sprache. So heißt es zum Abschluss, wieder unter Verwendung des äußerst nützlichen Wörtchens »vielleicht«: »… 'dachten die Konservativen vielleicht: Wenn schon eine Frau, dann lieber eine Nonne, die sich nicht mit uns anlegt'«. In der Kategorie »Wem gelingt die platteste Aussage des Jahres?« liegt damit schon eine sehr aussichtsreiche Bewerbung vor. Man könnte auch mal im Vatikan nachfragen, was man von dem Satz hält. Wahrscheinlich versteht man dort gerade nicht, was mit ihm überhaupt gemeint sein könnte (s. hier).

Die Art und Weise, wie die Aussage mit der Münchener Fakultät verbunden wird, zeigt, dass die »Beobachterin« die gegenwärtigen Verhältnisse nicht kennt, sondern vermutet. Die Fakultät sei »immer schon in zwei Lager geteilt gewesen«, von denen das eine als konservativ bezeichnet wird. Wahrscheinlich hat die Gewährsfrau die Fakultät früher  so erlebt, aber immer schon meint doch etwas anderes. Mit derartigen Feinheiten hält man sich aber nicht auf, wenn es darum geht, Stimmung zu machen.

»Entdecker gesucht« lautete ein früherer Werbespruch der Süddeutschen Zeitung. Auf solche Funde verzichtet man allerdings gerne. 

Kommentare

Andreas Metge hat gesagt…
Ich kenne den Original-Artikel leider nicht und folge einfach mal diesen Ausführungen.Sie erinnern mich an eine Postkarte, die auf dem Schreibtisch eines Kollegen steht: "Meine Meinung steht fest - verwirr mich nicht mit Tatsachen!"
Vorurteile hegen, Neuröschen begießen - damit kann man schon den Tag rumkriegen ... ;-)
Sabine Pemsel-Maier hat gesagt…
"Nonne ohne Staatsexamen"?? - Journalismus ohne Willen zur Recherche!!!

Dass eine einstmals als seriös geltende Zeitung wie die SZ mit ihren Methoden "BILD" noch toppt, war nicht unbedingt zu erwarten. Martina Scherf kann sich rühmen, das geschafft zu haben: In ihrem Artikel führt sie "Teile der Fakultät", eine "Beobachterin", einen "Insider" und einen, "der sich in der Szene auskennt" als angebliche Gewährsleute für ihre Diffamierungen an.
Seriöse Journalist/innen, die ihr Handwerk gelernt haben, würden als erstes sich die Homepage (weiß Frau Scherf, dass Professorinnen in der Regel eine solche haben?) ansehen. Dieser ist auch für theologische Laien klar zu entnehmen, dass die Veröffentlichungen von Prof. Dr. Schambeck "religionspädagogischer Natur" (und nicht dogmatisch) sind, dass sie wie Leimgruber einen ausgewiesenen Schwerpunkt im Bereich des interreligiösen Dialoges und Lernens hat, dass sie seit Jahren an den Universitäten Bamberg, Bochum und Freiburg erfolgreich angehende Lehrkräfte durchs Studium geführt hat, ohne dass weder die dortigen Berufungskommissionen im Vorfeld noch die Studierenden mangelnde Schulerfahrung beklagt hätten - und dass sie sie die kirchlichen Dienstprüfungen abgelegt hat.
Seriöse Journalist/innen, die nicht wissen, was das ist, würden sich kundig machen und erfahren, dass die (1. und) 2. kirchliche Dienstprüfung, die zukünftige pastorale Mitarbeiter/innen und Priester ablegen, reichlich Unterrichtserfahrung und das Bestehen von Lehrproben beinhaltet, so dass sie als staatsexamensäquivalent gilt. Sie würden erfahren, dass auch in anderen Bundesländern, etwa in Baden-Württemberg, das genau wie Bayern eine sehr strenge Regelung hat, die kirchlichen Dienstprüfungen als Äquivalent anerkannt werden. Und sie würden erfahren, dass auch der - mit Recht - so gelobte und erfolgreiche Prof. Leimgruber "Ein Priester ohne Staatsexamen" ist, weil er eben als Priester die kirchlichen Dienstprüfungen abgelegt hat.
Neugierig geworden, würden seriöse Journalist/innen vielleicht weiterrecherchieren und feststellen, dass Prof. Schambeck als eine der Unterzeichnerinnen des "Memorandums" offensichtlich nicht einfach zu den "Linientreuen" gerechnet werden kann. Womöglich würden sie sogar anfangen, sich für Ordensfrauen in der Gegenwart zu interessieren und überrascht werden, wie sie heute Kirche und Theologie gestalten.
Für seriöse Journalist/innen wäre das alles nicht allzuviel Arbeitsaufwand - für Frau Scherf war es offensichtlich zuviel. Und eine Schlagzeile "Nonne ohne Staatsexamen" macht sich ja auch viel besser und bedient sämtliche Klischees, denn damit weiß jeder: "inkompetent aber fromm".

Fragt sich nur, wie Frau Scherf als offensichtlich verkappte "BILD"-Journalistin zur SZ kam. Leider fehlen mir da Informationen von "Insidern", "Beobachterinnen" und "Kennern der Szene". Daher kann ich nur mutmaßen: "Vielleicht wollte man einfach eine Frau."
Sabine Pemsel-Maier
Michael Hauber hat gesagt…
Als ehemaliger Bamberger Theologiestudent habe ich mir bei der Berichterstattung der SZ die Augen gerieben. Ich habe - wiewohl bereits promoviert - in Bamberg nochmals das Curriculum der Lehrveranstaltungen in Theologie belegt - und gerade auch die Vorlesungen von Professor Schambeck mit großem Gewinn (das kann man wahrlich nicht von allen Vorlesungen behaupten).
Ich habe bei Frau Schambeck stets eine aufrechte, loyale und dabei stets kritische Kirchlichkeit, von der sowohl die scientific community als auch die Kirche selbst größten Nutzen haben, feststellen können (und wage zu behaupten, dies auch zu vermögen).
Umso mehr habe ich mich für Freiburg gefreut, als klar war, dass diese profilierte und fähige (das Wort "kompetent" kann ich wegen der in der Bildungspolitik damit betriebenen Verdummungsstrategien nicht mehr hören) Professorin den Ruf dorthin angenommen hat - und kann jetzt auch nur der LMU gratulieren, wenn das Verfahren trotz SZ-Gesudere dazu führt, dass Frau Schambeck den Ruf nach München annimmt.
Michael Hauber
Johanna Dichtl hat gesagt…
Welch ein befremdender Artikel in der SZ. Er wirft mehr Fragen auf, als er vorgibt, zu beantworten.
Die Überschrift entspricht nicht dem sonstigen Niveau der Süddeutschen Zeitung und für den Inhalt scheint der Standart der Bildzeitung Richtmaß zu sein.
Auffallend sind die vagen Vermutungen, die angestellt werden und offensichtlich nur auf Informationen des "besser qualifizierten Konkurrenten" zurückzuführen sind.
Ein Leser, der in die Sachlage nicht eingeweiht ist, muss den Eindruck bekommen, dass hier eine unbedarfte Nonne (s. Überschrift) wesentlich fähigeren Bewerbern (s. Zwischenüberschrift) vorgezogen wird, da sie als Ordensfrau ja gewohnt ist zu kuschen.
In diesem Artikel werden Vorurteile und nicht belegbare Behauptungen vermischt und so die Meinungsbildung des Lesers zum Nachteil von Frau Prof. Schambeck manipuliert. Gediegener Journalismus sieht anders aus.
Dieses Pamphlet verrät unbeabsichtigt mehr, als es der Verfasserin lieb sein kann. Von wem hat sie sich da vor den Karren spannen lassen?
Johanna Dichtl
Georg Hilger hat gesagt…
Erst heute stoße ich auf den Artikel "Eine Nonne ohne Staatsexamen" von Martina Scherf (SZ 214.04.2013) mit einem schäbigen Unterton und mit vielen Unterstellungen, die weit entfernt sind von dem religionspädagogischen, theologischen und kirchlichen Profil von Prof. Dr. Mirjam Schambeck. Das ist billigster Journalismus!
Georg Hilger

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