Dreck zusammenkehren mit der »Süddeutschen«

Der Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Samstag, der sich mit einem laufenden Berufungsverfahren an der Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU München befasste (s. dazu hier), hat offenbar zu so heftigen Reaktionen geführt, dass die Autorin nun einen zweiten Beitrag veröffentlicht hat (Ausgabe vom 30.5.2014). In ihm wird der Vermutung der Boden entzogen, eine Bewerberin sei aufgrund ihres Standes als Ordensfrau vorgezogen worden, weil sich eine konservative Fraktion in der Fakultät eine »linientreue« Ausrichtung der Kandidatin versprochen habe. Nun wird angesichts mehrerer Voten von Fachvertretern deutlich, dass Mirjam Schambeck in der Zunft der Religionspädagogen/-innen einen hervorragenden Ruf genießt und keine sachfremden Gründe hinter der Liste der Münchener Fakultät stehen. Die Überschrift lautet nicht mehr »Eine Nonne ohne Staatsexamen«, sondern »'Exzellenter Ruf'«. Dass der erste Artikel äußerst einseitig recherchiert war, dürfte noch eine sehr freundliche Umschreibung der Hintergründe sein.

Die Strategie, auf eine Kontroverse zwischen zwei Lagern in der Münchener Fakultät abzuheben, hinterlässt allerdings auch im zweiten Artikel ihre Spuren. Dass angeblich eine konservative Fraktion die Ordensfrau durchgesetzt habe, kann dazu verleiten, die Kandidatin gegen eine konservative Haltung in Schutz nehmen zu wollen – als wäre mit den Mustern von »konservativ« und »progressiv« oder »liberal« ein wissenschaftlicher Qualitätsausweis verbunden. Wenn ein (im zweiten Beitrag zitierter) Fachkollege aus der Religionspädagogik meint, Frau Schambeck »als konservativ zu brandmarken« sei nicht gerechtfertigt, so wendet er sich damit sehr treffend gegen die Intention des ersten Artikels. Aus dem Zusammenhang gerissen kann man die Formulierung aber auch grundsätzlich verstehen und so das Lagerdenken bedienen: konservative Haltung als Brandmarkung. Dass diese Bemerkung nicht das Bellen eines getroffenen Hundes ist, kann man mir wohl abnehmen: Für konservative Positionen wurde dieses Blog bisher weder gelobt noch getadelt.

Auch der zweite Artikel verzichtet nicht darauf, der Münchener Katholisch-Theologischen Fakultät eine Spaltung in zwei Lager zuzuschreiben. Man weiß allerdings gar nicht, wie sich diese Ausführungen in den Gedankengang des Beitrags einfügen. Nachdem die Reaktion der Fachkollegen von Mirjam Schambeck wiedergegeben ist, heißt es ohne erkennbaren inneren Zusammenhang: »Die katholische Theologie an der LMU gilt seit je her als gespalten.« Soll die Spaltung orthographisch durch das Leerzeichen zwischen »je« und »her« subtil unterstrichen werden? Während sich diese Frage kaum beantworten lässt, bleibt man über den Sinn der äußerst praktischen gilt-Formulierung nicht im Unklaren. Wenn man etwas nicht belegen kann, so bleibt der Ausweg, es einfach »gelten« zu lassen, wenn sich »(informierte) Kreise«, nicht identifizierte »Insider« oder »Experten« gerade etwas verbraucht haben. Mit »gilt« lässt sich alles behaupten.

Und so kann man denn auch früher  und seit jeher  vertauschen – wie im ersten Artikel  früher  und immer schon. Mit der Rede von »seit jeher« wird unterstellt, die zwei Lager bestünden auch in der Gegenwart. Beschrieben wird aber höchstens ein vergangener Zustand: »Einst (!) lehrten dort nebeneinander so gegensätzliche Professoren wie Gerhard Ludwig Müller ... und Peter Neuner ...«. Unabhängig von der Frage, ob man den Zustand der Spaltung an einer Fakultät an der Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher oder auch gegensätzlicher Professoren belegen kann – was soll man davon halten, wenn dies mit Blick auf zwei Vertreter geschieht, von denen der eine seit knapp 12 Jahren, der andere seit 8 Jahren nicht mehr an der Fakultät lehrt? Hier gibt es nur zwei mögliche Antworten. Die eine lautet: nichts; die andere: gar nichts.

Dass erneut das Bild einer zerstrittenen Münchener Fakultät gezeichnet wird, ist das einzige verbindende Merkmal zwischen dem ersten und dem zweiten der hier besprochenen Artikel in der Süddeutschen. Die Autorin hat auf diese Weise nicht alles zurücknehmen müssen. Vielleicht ist dies der Grund für die Wiederholung dieses falschen Anwurfs, der sich so schlecht in den Gedankengang fügt. Wer beide Beiträge vergleicht, kann die Haltlosigkeit der Darstellung entdecken. Zunächst wurde behauptet, in der zerstrittenen Münchener Fakultät hätten konservative Kreise die Berufung einer ihnen genehmen Nonne betrieben. Nachdem nun klar ist, dass die Ordensfrau in dieses Phantasiegebilde nicht passt, bleibt gewissermaßen die zerstrittene Fakultät übrig. Es gibt jetzt aber gar keinen aktuellen Aufhänger mehr für diese Darstellung, und dies soll durch die falsche Zeitbestimmung »seit jeher« verdeckt werden.

Der vor einer Woche geschleuderte Dreck wird jetzt mühsam zusammengekehrt, aber ein bisschen soll anscheinend doch an der Fakultät hängen bleiben.

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