Osterwitz-Figur Nikodemus

In den letzten Tagen hat ein Osterwitz in verschiedenen Variationen die Runde gemacht: Nikodemus versucht entweder Josef von Arimathäa zur Herausgabe seines Familiengrabes für die Beisetzung Jesu zu gewinnen oder sich vor seiner Frau zu rechtfertigen, dass er selbst das Familiengrab für diesen Zweck hergegeben hat. Entscheidendes Argument in beiden Fällen: »Es ist ja nur für das Wochenende« (wahlweise: »nur für drei Tage)«. Zuerst habe ich gelacht, dann meldete sich der Exeget und sagte: »Eine interessante Fortschreibung der johanneischen Figurenzeichnung!«

Man muss Exegeten nicht dafür bedauern, dass sie Osterwitze nicht ohne Hintergedanken genießen können. Wie sich zeigen wird, kann man Osterwitze auch exegetisch ausschlachten. Aber der Reihe nach: Schauen wir uns die Nikodemusfigur im Johannes-Evangelium etwas näher an.

Das nächtliche Gespräch mit Jesus

Erstmals taucht Nikodemus in 3,1 auf. Nachts besucht er Jesus. Dabei soll er als Vertreter einer Gruppe wahrgenommen werden. Da er zu Beginn als »Führender der Juden« (ἄρχων τῶν Ἰουδαίων) bezeichnet wird, dürfte er wohl als Repräsentant der Juden gedacht sein. Nicht in dem Sinn, dass er die Stellung der Juden zu Jesus insgesamt abbildet, aber doch so, dass er nicht einfach als »Privatperson« bei Jesus erscheint. Dafür spricht im Übrigen auch, dass Nikodemus selbst das Gespräch mit einer pluralischen Formulierung eröffnet: »Rabbi, wir wissen …« Wahrscheinlich weist die Gestalt des Nikodemus (als Vertreter einer Gruppe) auf jüdische Sympathisanten der Christusverkündigung, die aber den Schritt zum offenen Bekenntnis nicht vollziehen. Dies wird bereits in der Begegnung des Nikodemus mit Jesus inszeniert: Die grundsätzlichen Aussagen über den Menschensohn sowie die Sendung des Sohnes und die Bedeutung des Glaubens an ihn (3,13-21) bleiben ohne Reaktion – weder positiv noch negativ nimmt Nikodemus Stellung zu den Worten Jesu, er verschwindet unbemerkt aus der Szene. Dies ist sicher kein kompositorischer Unfall, sondern verdankt sich bewusster Gestaltung. Tatsächlich bleibt Nikodemus im ganzen Evangelium wohl in dieser Unentschiedenheit in seiner Stellung zu Jesus.

Nikodemus unter Hohepriestern und Pharisäern

In der ersten der zwei noch folgenden einschlägigen Szenen (7,45-52) ist Nikodemus der einzige im Kreis von Hohepriestern und Pharisäern, der für Jesus eintritt. Allerdings ist auch dieses Eintreten kein Bekenntnis zu Jesus. Nikodemus verlangt nur ein dem Gesetz entsprechendes Verfahren: Der Angeklagte muss zuerst gehört werden. Die Pointe des Einwurfs liegt darin, dass die Pharisäer zuvor dem Volk die Gesetzeskenntnis abgesprochen haben und nun von Nikodemus gerade an die Bestimmungen des Gesetzes erinnert werden. Insofern ist sein Einwurf durchaus provokant und wird von den anderen auch so empfunden. Nikodemus wird der Parteilichkeit verdächtigt bzw. der Anhängerschaft für Jesus (»bist etwa auch du aus Galiläa?«) und seinerseits an die Schrift verwiesen: »Forsche nach und sieh, dass aus Galiläa kein Prophet ersteht«. Darauf entgegnet Nikodemus nichts. Da ausdrücklich an die erste Szene in Kap. 3 erinnert wird (7, 50), zeigt sich: Nikodemus ist durch das Gespräch mit Jesus weder zum Bekenntnis noch zur Ablehnung gekommen. Er bezeugt auch hier eine offene Haltung: Jesus muss wenigstens gehört werden. Er hat ihn schon gehört und hat darin offensichtlich nichts gefunden, was zu einer Verurteilung Jesu führen müsste.

Der Bestatter

In der Begräbnisszene ist das Verhalten des Nikodemus nicht eindeutig zu fassen. Kommt er erst, als es ungefährlich ist (zu Pilatus geht nur Josef von Arimathäa: 19,38)? Ist seine Beteiligung am Begräbnis als Bekenntnis zu Jesus zu verstehen oder bleibt seine Sympathie weiter unbestimmt? In der Exegese ist das umstritten. Nach Peter Dschulnigg ist Nikodemus ganz positiv zu sehen: Von den Pharisäern trenne er sich schließlich und erweise sich »als wahrer Anführer der Juden«, als »vorbildlicher Lehrer Israels ..., der beispielhaft über drei Stufen zum Glauben an Christus und so zum ewigen Leben findet« (Peter Dschulnigg, Jesus begegnen. Personen und ihre Bedeutung im Johannesevangelium. Münster 2000, 120f; in diesem Sinn auch Johannes Beutler, Das Johannesevangelium. Kommentar, Freiburg 2013, 510f). 

Man kann den Akzent allerdings auch so setzen, dass Nikodemus zu spät wieder in Jesu Nähe kommt: eben erst, wenn Jesus gestorben ist. Er bereitet ihm zwar ein aufwändiges Begräbnis, verpasst aber, wenn er sich dem Leichnam Jesu widmet, gerade so die Wirklichkeit Jesu als Lebensspender und Leben. So wird hier von einem Bekenntnis zu Jesus weder etwas gesagt, noch wird es eindeutig mit erzählerischen Mitteln inszeniert. Dann lässt sich Nikodemus den Leuten zuordnen, die in 12,42f wenig schmeichelhaft beurteilt werden: Aus Furcht vor Synagogenausschluss (deutlich anachronistisch) bekennen sie sich nicht offen zu Jesus, sie lieben nämlich die Ehre der Menschen mehr als die Ehre Gottes (vgl. Klaus Wengst, Das Johannesevangelium, Bd. I, Stuttgart 2000, 117f.).

Angezielte Offenheit?

Man könnte daran denken, dass der Evangelist die Gestalt des Nikodemus bewusst für unterschiedliche Einschätzungen offen hält. Aber auch wer in Nikodemus einen Glaubensweg markiert sieht, kann sich die Figur nicht unmittelbar zum Vorbild nehmen. Es gilt, den einen Schritt zu tun, der von diesem Sympathisanten nicht mehr erzählt wird: das ausdrückliche Bekenntnis zu Jesus (der Osterwitz füllt genau diese Lücke). Vielleicht wird auch deshalb in den beiden späteren Nikodemus-Szenen an die nächtliche Begegnung erinnert (3,1-21; s. 7,50; 19,39), in deren Rahmen das christologische Bekenntnis grundsätzlich entfaltet wird. 

So scheint doch mehr dafür zu sprechen, den Akzent auf das Fehlen des ausdrücklichen Bekenntnisses zu legen und Nikodemus nicht zum Jesusjünger zu machen. Und dies ließe sich gerade mit dem Osterwitz in der familiären Variante verdeutlichen. Nicht unrealistisch wäre nämlich angesichts von Joh 19,39, dass sich die Frau des Nikodemus durch die vorgetragene Rechtfertigung gar nicht so recht beruhigen kann:

»Nur fürs Wochenende? Und dafür schmeißt Du hundert Pfund kostbare Mischung aus Myrrhe und Aloe aus dem Fenster?!«😠

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photo credit: dierk schaefer Heiliges Grab, Beweinung, Epinal via photopin (license)

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Prof. Häfner,

indem Sie den Osterwitz entsprechend der im Johannestext erwähnten Gestalt eines Schriftgelehrten bzw. Pharisäers aus dem Traditionsgläubigen Judentum der Zeit Jesus aufgreifen, der Angst hat, seine Tradition zu verleugnen, ausgeschlossen zu werden, wenn er sich dem von Johannes als Jesus und Christus beschriebenen Logosmachen öffnet, machen Sie nicht nur erneut wieder deutlich: Das Wesen des christlichen Glaubens war nicht der charismatische Weisheitslehrer, wie er heute gilt. Denn nicht nur Johannes beschreibt eindeutig den Logos, die Weisheit, wie sie im hellenistischen Judentum, wie der gesamten Epoche das theologische, dann christologische Thema war.

Der eigentliche Osterwitz ist, dass man heute nicht nur Johannes, sondern selbst Lukas & Co. eine Hellenistierung unterstellt, damit einen heilspredigenden Handwerksburschen, der nicht lesen konnte, zur Weisheit in Peson, zum neuen Tempel, dem wahren Wort (bisher Tora) gemacht zu haben. Nicht wäre absurder gewesen und spricht mehr gegen alles Wissen über die bereits im AT nachzulesenden hellenistische Weisheit.

Wenn der Logosjünger hier einen Lehrer traditioneller jüdischer Vorstellungen auftreten lässt, so zeigt das nicht nur, ebenso wie auch das spätere Nikodemusevangelium, dass es Zeit wird, die biblische Geschichte von dem aus ernst zu nehmen und zu lesen, was der Antike als Vernunft/Weisheit galt und heute nur andere Namen hat. Denn um die unterschiedliche Deutung des Leidensweges, des Prozesses... bei dem der heute als historisch gelehrte hellenisierte Heilsprediger die Hauptrolle spielt, ist es mit absoluter Sicherheit weder bei Johannes, noch in anderen apokryphen oder in den Kanon aufgenommenen Evangelien gegangen.

Doch der Texte ist beileibe mehr als ein Osterwitz. Drei Tage brauchen Sie nur das Familiengrab zur Vefügung zu stellen. Einfach mal die Perspektive wechseln: Stellen sie drei Tage statt eines toten Volksführers mit Vorname Moses (der zur Zeit Jesus in Vernunft philosophisch verstanden wurde: Josua) und damit auch eines toten Heilsprediger der Zeit Jesus, die in Josua als neuem Moses, lat. Jesus zum Ausdruck gebrachte, in nat. Schöpfung begründete Weisheit/Vernunft an den Anfang. Denn dann ist der aufgeklärte Verstand gegeben, dass der historische Jesus lebt: Es den hellenistischen Juden, die die Texte vefassten, ebensowenig wie den gesamten frühen Lehrern um eine Weisheit (in kosmischer Realität begründete Vernunft/Logos, lebendiges Wort) ging, die wir heute auf pharisäerische Weise gegenseitig voneinander fordern.

Denn mit dem alten Glauben, der die Vernunft ausgrenzt, so den Ruf nach Weltvernunft, Weisheit... nicht im Namen der bekannten Glaubensgestalten verstehen lässt, kommen wir nicht weiter.

Lassen Sie die Alte, die für die bisherige sinnliche Ausdrucksweise stehende Frau ruhig reden. Es ist nicht aus dem Fenster geworfen. (Doch wenn sie dort hinausschauen, sehen sie gerade an Ostern bzw. im Frühjahr, was der Antike wesentlich und Wort war, so die Vätergottheiten erklärte/offenbarte.)



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