Sonntagsevangelium (134)

Hl. Petrus und Hl. Paulus, Apostel - Hochfest: Mt 16,13-19

Auf die Frage, für wen die Jünger Jesus halten, bekennt Petrus Jesus als Messias und, über die Vorlage im Markus-Evangelium hinausgehend, als Sohn Gottes (16,16). Dass Jesus auf dieses Bekenntnis antwortet, ist ebenfalls eine Besonderheit des Matthäus-Evangeliums. Gedeutet wird der Beinamen »Petrus«, und zwar durch ein Wortspiel mit zwei griechischen Begriffen: Pet­ros (16,18a) bedeutet Stein, petra (16,18b) dagegen Fels. Der Beiname selbst ist sicher alt, denn Paulus und Johannes kennen noch die aramäische Form Kephas. Das Wortspiel in 16,18 aber dürfte nur im Griechischen möglich gewesen sein, so dass es wohl nicht in die älteste Traditi­on zurückreicht. 

Es knüpft an der Vorstellung von der Kir­che als einem Bau an. Dass die Apostel Fundament dieses Baues sind, findet sich auch andernorts im Neuen Testament (Eph 2,20; Offb 21,14). Wenn Petrus bei Matthäus in ein­zigartiger Weise diese Funktion innehat, dann spiegelt sich darin zum einen seine besondere Rolle in der Urge­meinde (vor allem aufgrund der Ersterscheinung: 1Kor 15,5; Lk 24,34). Zum andern dürfte seine Verbindung zum irdi­schen Jesus entscheidend sein: Wenn Petrus Fundament der Kirche ist, bleibt diese rückverwiesen auf Jesus und seine Botschaft. 

Darauf deutet der Spruch vom Binden und Lösen (16,19), der allerdings der Auslegung einige Schwierigkeiten bereitet. Mangels anderer Parallelen wird meist auf (literarisch spätere) rabbinische Überlieferungen zurückgegriffen, die in zwei Zusammenhängen von »binden und lösen« spricht. (1) Im Rahmen der Diskussion um die rechte Auslegung der Tora wird »binden« für das Verbieten, »lösen« für das Erlauben einer bestimmten Handlung verwendet. (2) Es wird eine richterliche Tätigkeit bezeichnet: »Binden« bedeutet »in Fesseln legen«, »lösen« heißt »freisprechen«. Das Begriffspaar kann also zur Bezeichnung der Lehr- und Disziplinargewalt gebraucht werden. 

In Mt 16,19 dürfte bei der Rede von »binden und lösen« der Akzent auf der Lehrgewalt liegen. Dafür spricht nicht nur der negative Befund, dass es in 16,13-20 keinen Anhaltspunkt für disziplinarische Fragen gibt. Außerdem gibt es positive Indizien für den Kontext der Lehre. (1) Zunächst deutet darauf der Zusammenhang des zutreffenden Bekenntnisses. Petrus hatte gerade Jesus als den Messias bekannt, der Kommentar Jesu schreibt diese Einsicht himmlischer Offenbarung zu (16,17). Damit scheint Petrus vor allem als zuverlässig in den Fragen, die den Inhalt des Bekenntnisses betreffen. (2) In 23,13 wird den Pharisäern vorgeworfen, das Himmelreich vor den Menschen zu verschließen. Der Zusammenhang dort sind u.a. Lehrfragen (23,16-26: zum Schwur; zur Verzehntung; zur Reinigung). Wenn in 16,19 das Schlüsselwort mit dem vom Binden und Lösen verknüpft ist, dürfte ein vergleichbarer Kontext gegeben sein. Petrus erscheint vor allem als »Tradent und Garant der Lehre und Gebote Jesu« (Joachim Gnilka, Das Matthäusevangelium, 2. Bd., Freiburg 1988, S.65).

In dieser Rückbindung an die Worte Jesu hat Petrus eine einmalige Funktion, die nicht auf die Glaubenden übertragbar ist; darin ist er der Fels, auf den die Kirche gebaut ist. Dennoch erschöpft sich für Matthäus die Bedeutung des Petrus nicht in dieser Rolle. Das Binde- und Lösewort wird  in der Gemeinderede aufgegriffen, nun aber auf eine Mehrzahl hin gesprochen (18,18: »Was ihr auf Erden bindet ...«). Der Zusammenhang dort deutet auf disziplinarische Fragen, dennoch kann man wegen der gleichlautenden Formulierung daran denken, dass die Vollmacht des Petrus auf die Gemeinde übergegangen ist, wenn nun dieser das Binde- und Lösewort zugesagt wird. 

Dies liegt auf derjenigen Linie des mt Jüngerbildes, in der die Jünger, auch Petrus, transparent sind für die Glaubenden der späteren Zeit (s. dazu auch zum Evangelium vom vergangenen Sonntag: hier). Petrus ist auch Typus der Glaubenden, wie etwa in seinem versuchten Gang auf dem See deutlich wird (14,28-31). In seinem Bekenntnis zu Jesus als Sohn Gottes ragt er im Ganzen des Matthäus-Evangeliums nicht so heraus, wie man aufgrund von 16,17-19 vermuten könnte. Denn in der Geschichte vom Seewandel Jesu, also noch vor dem Messiasbekenntnis des Petrus, verehren die Jünger im Boot Jesus als Sohn Gottes (14,33). 

Kommentare

Abaelard hat gesagt…
1) Wie kann die angebliche Erstzeugenschaft des Petrus hinsichtlich der Auferstehung Jesu für seine Felsenfunktion ins Gewicht fallen, wo doch andere ntl. Texte nicht Petrus, sondern Frauen (Maria Magdalena) als Erstzeugen überliefern?

Dieses Frauen zugeschriebene Erstzeugnis kann schwerlich unhistorisch sein, denn wer hätte sich von einer Erfindung der weiblichen Zeugenschaft eine Stärkung der Glaubwürdigkeit der Osterbotschaft erwarten können, wo doch das Zeugnis von Frauen wenig galt.

2) Woran denkt der mt Petrus, wenn er den Messias Jesus als "Sohn Gottes" bezeichnet? Doch wohl kaum an einen metaphysisch gezeugten Sohn von gottgleicher Natur?

3) Wenn gewisse Juden Jesus für Elia, Johannes d. T. oder Jeremia halten,
spiegelt sich dann in solchen Auffassungen jüdischer Wiedergeburtsglaube?

4) Ad personam?

Gibt der Text Aufschluss darüber, ob nach der Absicht Jesu die Felsenfunktion der Person des Petrus vorbehalten sein sollte oder ob Jesus mit der Übertragung der Felsenfunktion ein Amt, eine institutionalisierte Funktion mit wechselnden Trägern im Auge hatte?
Warum sollte Jesus - gegen seine Naherwartung -überhaupt Vorkehrungen für eine dauerhafte Kirche treffen wollen?

5) Ist die vorliegende Perikope nicht ein Dokument einer theozentrischen Relativierung des Petrusdienstes?

Denn Petrus kommt zu dieser Stützfunktion nicht aus eigener Autorität, sondern durch die Beauftragung Jesu, der im Unterschied zu Petrus von "meiner Kirche/ekklesia" sprechen kann.

Petrus ist somit "nur" Treuhänder, er hat keine eigene Kirche.
Und das kirchenbegründende petrinische Bekenntnis zu Jesus als Messias und Sohn Gottes ist zum einen nicht aus seiner eigenen Einsichtsfähigkeit erwachsen, sondern es ist eine gottgeschenkte Einsicht.

Überdies erweist sich das von Petrus mit Gottes Hilfe abgegebene Bekenntnis nur als formal richtig,
während Inhalt und Tragweite dieses Bekenntnisses von Petrus selbst noch gelernt werden müssen. Erweist er sich doch noch nach diesem Bekenntnis als ein Satan, der Jesus eine Falle stellt, weil er (Petrus) noch immer nicht begriffen hat, dass wahre Messianität mit der Leidensbereitschaft für die göttliche Sendung einhergeht.

Es soll also insgesamt wohl mehr Gottes und Jesu Handeln an und durch Petrus vor Augen geführt werden, als dass die Person des Petrus gewürdigt werden soll?
Gerhard Mentzel hat gesagt…
@Abeland,

verabschiede dich endlich davon, dass hier ein junger Guru, wie er heute als hist. Jesus gilt, in einem Wortspiel seinen Fischerfreud statt seine weibliche Groupies als Lehrautorität für die Zukunft ausstattet oder von seinen Anhängern statt Kaiser und Mythengöttern als lebendiger Gottesssohn gesehen worden wäre.

Dieser Schwachsinn ist den frühchristlichen Denkern, die vom Logos, dem lebendigen Wort ausgingen und wahre Juden sein wollten, unmöglich zu unterstellen. Der wäre auch nie zu dem Kult geworden, den dann phil. gebildete, vormals kosmosfromme Sonnenkaiser der Welt über die Lehrautorität von Kirche und Kanon bzw. Petrus verordneten.

"Gott sei Dank" wissen wir heute, dass der chr. Kult nicht auf einen wundertätigen Heilsprediger gründet, der im Aber-glaube als eine Art menschlicher Gott anzubeten wäre.

Im Licht heute gegebenen Wissens um die Entstehung der Texte und das damalige Denken ist klar: Auch hier geht es dem unbekannten griechischen Verfasser, der sich über die phil. Welterklärung hinaus dem proph. Monotheismus zuwandte, um die Funktion des Logos: Des nun rational erklärten Werdens, das mehr war als Elia & Co., als Wort selbst auf den Unsagbaren kreativen Grund des Ganzen verweist. Das auch für die menschliche Vernunft maßgebend ist und statt den traditionellen, menschgemachten Gottessöhnen nun als wahrer Mittler gilt.

Und daher ist dieser Text, auch wenn, wie Prof. Häfner zeigt, auf rabbinische Literatur zurückgegriffen wird, kein fiktives Märchen. Die Frage nach dem Wesen des Menschensohnes bzw. der menschlichen Vernunft beschäftige die gesamte christologische Diskussion. Wie bekannt, ging es hier nicht um einen Wanderprediger, der erst seit Luther durchgängig Jesus heißt, sondern das Wesen des Logos, der Vernunft, die von der Kreativität des Ganzen ausgeht.

Da war kein junger Fischer mit Namen Simon Jonas, der dann zu Petrus bzw. zur Kirche oder zur Lehrautorität, evtl. erst später so eingebaut wurde. In Cäsarea Philippi, vor dem kreationistischen Kultheiligtum wurde im Logos: der als ewiges Wort geltenden, in Vernunft erklärten kreativen Wirklichkeit der Welt, deren menschlicher Ausdrucksweise der wahre Messias gesehen.

Wenn heute nur noch ein junger Mann gesehen wird, der im aber-glaube Messias... sein soll, dann hat Petrus den Schlüssel verspielt.
Michael Wagner hat gesagt…
Lieber Herr Häfner,

"Wenn Petrus bei Matthäus in ein­zigartiger Weise diese Funktion innehat, dann spiegelt sich darin zum einen seine besondere Rolle in der Urge­meinde ...". Mt unterstreicht also die Führungsposition Petrus' in Jerusalem.
Lässt sich dieser Sachverhalt auch gegen Paulus gerichtet lesen, also gegen die Paulinische Heidenmission? Will Mt damit das Judenchristentum stärken?

Michael Wagner.
Gerd Häfner hat gesagt…
@Michael Wagner

In der Auslegung des Matthäus-Evangeliums wird tatsächlich die Frage diskutiert, ob sich in diesem Werk Spuren einer Polemik gegen Paulus finden lassen. Eine starke Rolle spielen dabei die Aussagen über die Tora des Mose in 5,17-19 und auch die Betonung des Handelns im Gegensatz zum bloßen Hören der Worte Jesu am Ende der Bergpredigt (Mt 7,21-27; 7,21 gewissermaßen als Gegenprogramm zu Röm 10,9).

Gegen Heidenmission an sich bezieht Matthäus nicht Stellung, denn die Jünger werden in der Schluss-Szene ja zu allen Völkern gesandt. Es ist aber im Matthäus-Evangelium nirgends gesagt, unter welchen Bedingungen Heiden in die Gemeinde aufgenommen werden können. Diese Offenheit ist nicht leicht zu deuten. Ist es für Matthäus einfach selbstverständlich, dass die hinzukommenden Heiden auf das Gesetz des Mose verpflichtet werden, und sagt er es deshalb nicht ausdrücklich? Vertritt er eine Position wie sie in Apg 15,29 erkennbar ist: Aufnahme von Heiden, wenn sie einige rituelle Mindeststandards einhalten? Kann man die Fokussierung auf die ethische Dimension des Mose-Gesetzes (z.B. 7,12; 22,40) als den Versuch deuten, einen Gesetzesgehorsam für Heidenchristen zu begründen? Ich selbst neige dieser letzten Interpretation zu. Die Aussagen über Petrus in Kap. 16 scheinen mir in jedem Fall nicht für eine antipaulinische Polemik auswertbar zu sein. Sie lassen sich auch gut ohne eine solche Frontstellung verstehen. Dass das Matthäus-Evangelium judenchristlich orientiert ist und seine vorwiegend judenchristlichen Adressaten stärken will, bleibt davon unberührt.

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