25. Dezember 2014

Stephanus und die »Hellenisten«

Stephanus ist als der erste Märtyrer der Kirche bekannt. Er hat aber nicht nur durch sein Zeugnis im Tod Bedeutung für die Kirche, sondern mindestens ebenso durch sein Wirken davor. Er gehörte zum Kreis der »Hellenisten«, die in der Apostelgeschichte neben den »Hebräern« genannt werden. Man versteht darunter gewöhnlich zwei Gruppen in der Jerusalemer Urgemeinde, die sich vor allem durch ihre Sprache unterscheiden. Die Hellenisten sind griechisch sprechende Judenchristen, die ursprünglich aus der Diaspora stammten; mit den Hebräern sind aramäisch sprechende palästinische Judenchristen gemeint. Die »Hellenisten« sind also keine Griechen im Sinne von Heiden, auch nicht Juden, die der hellenistischen Kultur angepasst waren.

Beide Gruppen geraten in Konflikt miteinander, nach Darstellung der Apostelgeschichte aufgrund von Missständen bei den gemeinsamen Mahlzeiten: Die Witwen der Hellenisten seien hier übersehen worden. Daraufhin werden sieben Männer ausgewählt (alle mit griechischen Namen), die den Tischdienst übernehmen sollen, damit sich die Apostel ihrer eigentlichen Aufgabe widmen können (Apg 6,1-6). Stephanus ist einer der Sieben, tritt in der Folge aber gerade als Verkünder in Jerusalem auf (6,8-8,1). Auch Philippus, an zweiter Stelle jener Sieben genannt, wird keineswegs als Gemeindepfleger o.ä. vorgestellt, sondern als Missionar in Samaria (8,4-13).

23. Dezember 2014

Pegidaisierung des Abendlands

Ich habe hier nicht vor, auf die Diskussionen um die Montagsretter des Abendlands einzugehen. Aber wer wissen will, warum sich so viele an den Pegida-Demonstrationen beteiligen, könnte auch die Rolle der auflagenstärksten deutschen Tages»zeitung« bedenken. Wie es zur angeblichen Forderung von Politikern und dem Zentralrat der Muslime kam, muslimische Lieder in den Weihnachtsgottesdiensten zu singen, ist auf bildblog.de dokumentiert.

Wenn eine Redakteurin bei einem Politiker anruft und ihn für ihre zu Weihnachten üblichen guten Nachrichten fragt, ob er der Idee zustimmen könne, in Weihnachtsgottesdiensten muslimische Lieder zu singen, und wenn der Politiker darauf antwortet: nein, höchstens wenn auch christliche Lieder in der Moschee gesungen werden, und daraus (wie aus weiteren aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten) die Überschrift gebastelt wird: »Christen sollen im Weihnachts-Gottesdienst muslimische Lieder singen« – dann wüsste ich nicht, wie man besser illustrieren könnte, was Stimmungsmache, Desinformation und Kampagnenjournalismus ist. Man provoziert Aussagen, die dann so eingeordnet werden, dass sich ein weiterer Beleg für die gefürchtete »Islamisierung des Abendlands« präsentieren lässt. 

Dass kath.net darauf einsteigt, überrascht nicht im Übermaß: »Politiker schlagen vor: In Christmetten muslimisches Lied singen«. Es gab im Lauf des Tages zwar ein Update, in dem eine Äußerung des Pressesprechers der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, wiedergegeben wird. Nichts aber zu den Hintergründen der BILD-Kampagne, obwohl die KNA einen entsprechenden Bericht publiziert hat (s. hier) und auch in den Kommentaren auf kath.net darauf hingewiesen wurde. Ob eine solche Korrektur noch vor dem (nicht gebotenen) Gedenktag des Hl. Nimmerlein kommt? Sie nähme fast allen »Lesermeinungen« zu diesem Artikel den Gegenstand der Empörung. 

Eine sei aber eigens erwähnt. Wenn nämlich speedy recht hat: 
»deswegen protestieren die menschen von pegida ...«,
geht die größte Gefahr für das Abendland von seinen patriotisch-europäischen Verteidigern aus.


Update, 23.12.14, 10 Uhr: Anders als vermutet, hat kath.net die Stellungnahme von Omid Nouripour erfreulicherweise bereits an dem für die Kommemoration vorgesehenen Gedenktag des Hl. Johannes von Krakau in einem Update mitgeteilt.

Dass die Vermutung, mit Kampagnen im Stil von BILD würden Pegida-Anhänger erzeugt oder wenigstens bestärkt, nicht abseitig ist, bestätigt eine Meldung in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, die leider ganz der Darstellung in BILD verpflichtet ist und die Hintergründe der Geschichte nicht mitteilt. Unter der Voraussetzung, es sei tatsächlich von einem muslimischen Politiker der Grünen vorgeschlagen worden, es sollten in Weihnachtsgottesdiensten muslimische Lieder gesungen werden, wird der FDP-Politiker Christian Lindner mit den Worten zitiert, solche Vorschläge würden die Menschen »in die Arme der Pegida-Populisten treiben«. Man kann sich der Folgerung kaum entziehen, dies sei das Ziel der perfiden BILD-Aktion gewesen. 

22. Dezember 2014

Rein und unrein

In den Kommentaren kam neulich die Frage auf, wie das biblische Konzept von Reinheit und Unreinheit zu verstehen sei (s. hier). Im Folgenden versuche ich auf die Frage zu antworten. Das ist kein besonders adventliches oder weihnachtliches Thema, einen kleinen kirchenjahreszeitlichen Abstecher habe ich dennoch unternommen. 

Im Alten Testament wird in unterschiedlichen Zusammenhängen von Reinheit und Unreinheit gesprochen. In weisheitlichen und prophetischen Überlieferungen kann mit der Rede von Unreinheit auf moralische Verhältnisse gezielt werden (z.B. Spr 20,9Jes 6,5; Ez 36,17), dies ist aber bereits Metaphorisierung eines ursprünglich anderen Konzepts. Darin geht es allgemein gesprochen um die Kennzeichnung dessen, was von der kultischen Begegnung mit Gott ausschließt oder vom Menschen grundsätzlich zu meiden ist. Unfähig zur Teilnahme am Kult wird man durch alles, was mit den Sphären von Sexualität oder Tod verbunden ist. Menschen mit Hautanomalien sind nicht nur vom Kult ausgeschlossen, sondern können auch von der menschlichen Gemeinschaft abgesondert werden. Bestimmte Tiere kommen nicht als Nahrung in Frage. Gegenstände, die mit unreinem Sphären in Berührung gekommen sind, können diese Qualität übertragen.

Reine und unreine Tiere

Welche Vorstellungen hinter den Bestimmungen bestehen, worin sie begründet oder veranlasst sind, wird in den alttestamentlichen Texten nicht gesagt. Deshalb ist die Deutung schwierig und umstritten. Hinter der Unterscheidung von reinen und unreinen Tieren scheint ein Ordnungsdenken zu stehen. In der Welt wird eine Ordnung erkannt. Was ihr entspricht, ist rein; was sie durchbricht, ist unrein und zu meiden. Das Normale ist, dass Paarhufer Wiederkäuer sind. Paarhufer, die nicht wiederkauen, oder Wiederkäuer, die keine gespaltenen Hufe haben, durchbrechen diese Normalität und sind unrein (s. Lev 11,3-8). Wassertiere haben gewöhnlich Flossen und Schuppen. Was diese Bedingung erfüllt, ist rein. »Alles im Wasser, was keine Flossen und Schuppen hat, sei euch ein Gräuel« (Lev 11,12). Nicht immer wird das Ordnungssystem genannt. Zu den Vögeln wird nur aufgezählt, welche unrein sind (11,13-19; s.a. 11,29f  zu Kleintieren am Boden). Sofern Begründungen geboten werden, zeigt sich aber: Unreinheit besteht dort, wo gegebene Abgrenzungen durchbrochen werden – deshalb vielleicht auch die Aufmerksamkeit für Hautkrankheiten in Lev 13f. Durch die irreguläre Körperöffnung wird eine eigentlich gegebene Grenze geschwächt.

18. Dezember 2014

Who's who (13) - Lösung

Der Gesuchte wird in allen vier Evangelien des Neuen Testaments erwähnt. In mancher Hinsicht fällt seine Beschreibung detaillierter aus als diejenige Jesu, wird doch sein Speiseplan ebenso mitgeteilt wie das, was er aus seinem Kleiderschrank herausholt ... (der ganze Text noch einmal hier)

17. Dezember 2014

Who's who (13) - Rätsel

Biblische Personen in ungewohnter Umschreibung. Heute eine männliche Person aus dem Neuen Testament. 

Der Gesuchte wird in allen vier Evangelien des Neuen Testaments erwähnt. In mancher Hinsicht fällt seine Beschreibung detaillierter aus als diejenige Jesu, wird doch sein Speiseplan ebenso mitgeteilt wie das, was er aus seinem Kleiderschrank herausholt. Dass das kein besonders feiner Zwirn ist, stellt Jesus einmal ausdrücklich fest.

Der Gesuchte ist auf Wasser angewiesen, und das liegt in seinem Fall nicht nur daran, dass Leben, wie wir es kennen, nun einmal Wasser benötigt. In der Frage irregulärer Ehen hat er sich als konsequenter Verfechter vorgegebener Norm positioniert, ist dabei aber größere Risiken eingegangen, als es in heutigen Debatten der Fall ist. Zwei Evangelisten erzählen diese Geschichte; einer scheint von ihr so mitgenommen, dass er dabei erzähltechnisch etwas aus dem Tritt kommt.

Auf Fragen nach seiner Identität kann der Gesuchte sehr ausweichend reagieren. Auch die Evangelisten sind sich in dieser Frage nicht ganz einig. Das muss aber insofern nicht verwundern, als auch das, was der Gesuchte zu sagen hat, recht unterschiedlich dargestellt werden kann. In einem Evangelium kann er sich sogar non-verbal, allein durch Bewegung, mitteilen; in einem anderen liefert er die Vorlage für einen liturgischen Text. 

Im Ganzen kann man in den Evangelien das Bemühen erkennen, das Verhältnis der erfragten Person zu Jesus zu klären. In einem Werk führt das zu einem Satz, aus dem man ableiten könnte, dass Jesus kleinwüchsig und der Gesuchte übergewichtig sei. Da das aber nur in der deutschen Übersetzung möglich ist und der erwähnte Speiseplan einen zu hohen Body-Mass-Index ausschließt, lässt sich eine solche Hypothese historisch nicht stichhaltig begründen. 

Ausführliche Auflösung in Kürze.