Der Sieg am Kreuz

Zum Karfreitag einige Beobachtungen zur Besonderheit der johanneischen Passionsgeschichte. 

Das Johannes-Evangelium unterscheidet sich auch in der Darstellung der Passion sehr stark von den anderen drei Evangelien. Es beschreibt Jesu Leiden nicht als Weg in die Niedrigkeit, sondern stellt sie als ein Geschehen dar, das von Jesus selbst souverän bestimmt wird. Das Kreuz ist nicht Ort von Schmach und Ohnmacht, sondern der Vollendung und Verherrlichung.

Vorverweise im Evangelium

Dass die Passion Jesu in diesem Sinn zu verstehen ist, klärt der Evangelist durch Vorverweise im Verlauf des öffentlichen Wirkens Jesu. Solange die Stunde Jesu nicht gekommen ist, können auch seine Widersacher ihm nichts anhaben (Joh 7,30.44; 8,20). Sie bestimmen ihr Handeln gegen Jesus nicht selbst, sondern sind darin abhängig von der festgesetzten Zeit. Noch klarer äußert sich der johanneische Jesus freilich selbst im Rahmen der Hirtenrede: Niemand hat die Macht, ihm das Leben zu nehmen, er gibt es selbst, von sich aus; er hat die Vollmacht es zu geben und wieder zu nehmen, in Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters (10,18). So wissen die Leser schon vor Beginn der Passion, dass in ihr die Gegner über Jesus keine Gewalt gewinnen.

Der Beginn der Passion in weiterem Sinn

In einem weiteren Sinn kann man die Leidensgeschichte im Johannes-Evangelium bereits in 13,1 beginnen lassen. Diesem Anfang zufolge geht Jesus bewusst ins Leiden: Er weiß, dass seine Stunde gekommen ist (ähnlich Mt 26,1f). Auch die Umschreibung des Todes Jesu als Hinübergang zum Vater gibt schon ein Signal, wie sein Tod zu verstehen ist. Es ist im Sinne dieser Passionsdarstellung nur folgerichtig, dass das von Angst gekennzeichnete Gebet Jesu in Getsemani nicht erzählt wird.

Die Verhaftung Jesu

Im engeren Sinn beginnt die Passionsgeschichte nach den Abschiedsreden mit der Verhaftungsszene. Diese ist ganz von Jesus bestimmt. Gegen ihn rückt eine große bewaffnete Schar heran. Im griechischen Text ist ein Ausdruck verwendet, der mit »Kohorte« zu übersetzen ist (σπεῖρα). Dies würde bedeuten, dass Judas mit mehr als 600 Soldaten anrückt. Aber nicht die Kohorte ergreift Jesus, sondern Jesus geht im Wissen um das nun Kommende hinaus und stellt sich ihr entgegen (Joh 18,4). Die Machtlosigkeit der Soldaten und die Hoheit Jesu wird demonstriert an der Reaktion auf die Aussage Jesu »Ich bin es«: Die Gegner Jesu stürzen zu Boden. Die Bewahrung vor einem Zugriff der Soldaten verdanken die Jünger nicht ihrer Flucht, sondern einem Wort Jesu, der den Soldaten unwidersprochen Befehle erteilt (18,8).

Das Verhör vor Hannas

Das Verhör vor Hannas (18,19-24) erweist die Hilflosigkeit der jüdischen Obrigkeit. Jesus verweigert mit Blick auf sein öffentliches Wirken jede Auskunft. Darauf bleibt der Gegenseite nur das Mittel ungerechtfertigter Gewalt, wie die Gegenfrage Jesu zeigt (Joh 18,23). Jesus behält das letzte Wort. Hannas, der in der ganzen Szene nicht direkt als Redender auftritt und so gegenüber Jesus im Hintergrund steht, bleibt nichts anderes, als den Festgenommenen dem Kajaphas zu überstellen. So endet das erste Verhör mit einem Fiasko für die Ankläger. Zu einem Schuldspruch kommt es nicht, die Anklage vor Pilatus hängt damit vollständig in der Luft.

Das Kernstück: Verhör vor Pilatus

Johannes konzentriert die Vernehmung und Verurteilung Jesu ganz auf das Verhör vor Pilatus, in dem alle entscheidenden Akteure der Passion in einer überlegt gestalteten Szene vereinigt werden. Die Juden als Ankläger, Pilatus als Richter, Jesus als Angeklagter. Wir sehen uns die verschiedenen Handlungsträger etwas näher an.

Die Juden stehen draußen und verlangen die Verurteilung Jesu, ohne zunächst eine Anklage zu formulieren – nach dem Ausgang des Verhörs vor Hannas durchaus konsequent. Das Thema des Königtums Jesu wird erst von Pilatus im Verhör mit Jesus eingebracht. So schwanken denn die Ankläger, die selbst keine Anklage formuliert haben, in der Angabe der Schuld Jesu: Ist es einmal das jüdische Gesetz, demzufolge Jesus sterben muss, weil er sich selbst zum Sohn Gottes gemacht hat (19,7), so greifen »die Juden« später zum Mittel der politischen Anklage, Jesus habe sich selbst zum König gemacht und damit dem Kaiser widersetzt (19,12). Als selbst daraufhin der Statthalter noch nicht so recht zur Verurteilung Jesu kommen will, fällt der Satz aus dem Mund der Hohenpriester: »Wir haben keinen König außer dem Kaiser« (19,15). Dies ist das Stichwort für die Auslieferung Jesu zur Kreuzigung. So ist die Verurteilung Jesu nur zu dem Preis der Aufgabe der messianischen Erwartung (des endzeitlichen Königs) zu haben. Die Ankläger »müssen sich zu Untertanen des römischen Cäsaren degradieren und ihre messianische Hoffnung verbal aufgeben« (Jürgen Becker, Das Evangelium nach Johannes, Bd. 2, 3.Aufl., Gütersloh 1991, 558).

Pilatus ist vordergründig der Gerichtsherr, er spricht das Urteil und eröffnet die Dialoge (vgl. ebd.). Gleichwohl handelt er alles andere als souverän, muss immer zwischen drinnen und draußen hin- und herlaufen. Dieser Wechsel der Orte hat sicher symbolische Bedeutung als Wechsel zwischen zwei entgegengesetzten Bereichen: Drinnen steht Jesus, draußen die Juden. Dass Johannes diese Bereiche trennt, kann man auch daran ersehen, dass Pilatus in 19,9 wieder nach drinnen zu Jesus geht, obwohl Jesus im Anschluss an die Geißelung herausgeführt worden war (19,5). Während drinnen dem Statthalter nach dem Willen Jesu Offenbarung gewährt oder verweigert wird, ist draußen die Gegnerschaft des göttlichen Offenbarers versammelt. Draußen wird dann auch die Auslieferung Jesu beschlossen. Pilatus schwankt zwischen beiden Bereichen, beugt sich dann aber doch dem Druck, der von »draußen« auf ihn ausgeübt wird. Den Dialog zwischen Jesus und Pilatus nutzt Johannes zur Klärung des christlichen Messiasverständnisses. Es geht nicht um einen politischen Anspruch, der die Römer auf den Plan rufen müsste, sondern um ein Königreich, das »nicht von dieser Welt« ist; Jesu Königtum ist auf die Wahrheit (als Ausdruck für die Wirklichkeit Gottes) bezogen, von der er Zeugnis gibt. Der Statthalter begreift das letztlich nicht, wie seine Frage »Was ist Wahrheit?« zeigt; aber er versteht doch, dass ein Grund für die Verurteilung Jesu nicht vorliegt. Überdeutlich beansprucht Johannes Pilatus als Zeugen für die Unschuld Jesu (18,38; 19,6.12).

Souverän agiert in dieser Szene allein Jesus. Auf die erste Frage des Statthalters stellt er selbst eine Gegenfrage und konfrontiert Pilatus mit dem wahren Verständnis seines Königtums. Auch Geißelung und Verspottung durch die Soldaten (19,1-3) ändern an dieser überlegenen Haltung nichts. Die nächste Frage des Pilatus (»Woher bist du?«) beantwortet Jesus nicht und teilt dem Präfekten auf dessen Hinweis auf die ihm zukommende Macht hin seine untergeordnete Rolle mit: Seine Macht verdankt sich nur der Gabe von oben, eigentlich hat er keine Macht über Jesus (19,11).

Kreuzigung und Tod Jesu 


Auch nach der Verhandlung vor Pilatus ändert sich nichts an diesem Bild Jesu. So trägt er sein Kreuz selbst nach Golgota hinauf. Die Kreuzigung erfolgt nicht zwischen zwei Räubern, was in den synoptischen Evangelien die Erniedrigung Jesu herausstellt. Allein das Mitgekreuzigtwerden von zwei anderen wird erwähnt, wobei die Stellung Jesu in der Mitte sprachlich noch stärker als in den synoptischen Evangelien betont wird (19,18).

Um die Aufschrift »Jesus, der Nazoräer, König der Juden« entwickelt sich ein Streit zwischen den Juden und dem Statthalter, der dieses Mal aber fest bleibt (19,20-22). Die Juden wollen nur den von ihnen abgelehnten Anspruch Jesu lesen (»Jener sagte: Ich bin der König der Juden«). Die Intention des Evangelisten kann in diesem Abschnitt mehrschichtig sein. Einmal richtet sich die Inschrift gegen die Juden selbst, die zuvor Kaisertreue beteuerten und deshalb die Hoffnung auf den messianischen König überhaupt preisgaben. Dies wird ihnen mit dem gekreuzigten Messiaskönig nun deutlich gemacht. Zum Zweiten wird die von Jesus selbst bestätigte Königswürde (18,37: »ich bin ein König«) proklamiert, und dies in den Sprachen, die in der damaligen Welt besonders verbreitet waren. Der königliche Anspruch Jesu wird also universal erhoben.

In der auf die Verteilung der Kleider folgenden Szene, die die Frauen unter dem Kreuz und den geliebten Jünger in die Darstellung einbringt (19,25-27), findet das hoheitliche Bild Jesu in der Passion am Kreuz seine Vollendung. So trifft Jesus Verfügungen für die Zeit nach seinem Tod und ist auch nicht Gegenstand von Verspottung. Hier hängt in der Tat ein König am Kreuz. Er trinkt nicht etwa, weil er Durst hätte, sondern damit sich die Schrift erfüllt (19,28f). Dass Jesus einen zum Trinken gereichten mit Myrrhe gewürzten Wein nicht annähme (so Mk 15,23), würde nicht in das Bild der Johannespassion passen. Genauso wenig ein Ausruf der Gottverlassenheit oder ein Todesschrei. Vielmehr hat man den Eindruck, dass Jesus im Johannes-Evangelium den Zeitpunkt seines Todes selbst bestimmt. Er stellt fest, dass alles – das vom Vater aufgetragene Werk zum Heil der Menschen – vollbracht sei, und stirbt daraufhin.

Auslegung in Bachs Johannes-Passion

Josef Blank hat darauf hingewiesen, dass die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach eine ausgezeichnete Auslegung das johanneischen Textes bietet. Dies sei schon im Eingangschor  zu erkennen, der »in lapidarer Form und in jeder Hinsicht zutreffend die theologische Absicht der johanneischen Passionsgeschichte« ausdrücke (Josef Blank, Das Evangelium nach Johannes, Bd. 3, Düsseldorf 1977, 7): »Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist! Zeig uns durch deine Passion, dass du, der wahre Gottessohn, zu aller Zeit, auch in der tiefsten Niedrigkeit, verherrlicht worden bist.« Ein weiteres Indiz für das rechte Verständnis der johanneischen Passionsgeschichte in dem musikalischen Werk (vgl. ebd.): Zwischen den Sätzen »Es ist vollbracht« und »und neigte das Haupt und starb« ist eine Arie eingefügt, die mit den Worten endet: »Der Held aus Juda siegt mit Macht. Und schließt den Kampf, es ist vollbracht.«

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Bild: falco/pixabay

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Entschuldigung, aber es muss sein:

Jesus lebt wirklich. Auch wenn wir erst Übermorgen Auferstehung feiern. Der wahre Herr, der endzeitliche König der Juden lebt. Die besungene Passion kann beändet werden. Das Wort ist zu verstehen. Vernunft und Verstand sind vom Gott der Väter, dem unsagbaren Grund der kreativen Wirklichkeit gegeben.

Denn den Verfassern, die hier im Namen Johannes schreiben, ging es mit Sicherheit nicht um einen jungen Juden. Ihr theologisches Thema war eindeutig das Leiden des schöpferischen Wortes bzw. des aller Kreativität zugrunde liegenden Logos. Und damit auch nicht eines persönlichen oder altaufgewärmten menschlichen Gottesbildes. Es ging damals nachweislich um eine Vernunft, nach der heute die Welt wieder erkärt wird und daraus vielfältige Weisheiten abgeleitet werden. Die bei uns nur andere Namen haben.

Auch wenn diese Vernunft/Weisheit nicht gehalten wird, sie leiden muss und verspottet wird. Weil in der Kirche (die nachweislich dafür gebaut wurde) der Tod eines gutherzigen Handwerksburschen/kynischen Heilspredigers... (eines Hirngespinstes von Halbaufklärung) beweint wird. Über dessen Göttlichkeit oder Heilswirkung dann nur noch Schriftgelehrte streiten. Ohne das dies eine Bedeutung oder gar Heilswirkung für die Welt hat.

Aber die kreative Kraft, die alles hervorbringt, lässt sich nicht aufhalten. Bald ist Ostern: Offenbarung, Auferstehung bzw. aufgeklärter Verstand: Ja er lebt.

Es wird höchste Zeit, dass die von Schöpfung/ganz natürlicher Kreativität ausgehende Weisheit wieder einen Platz in der Kirche bekommt. Dass sie gefeiert und nicht nur von mündigen Christen gemeinsam gehalten wird.

Nochmals: Entschuldigung. Aber solange sich Gläubige, deren Kult aus der gleichen, im Namen von Johannes beschriebenen Vernunft gründet, auf Buchstaben oder ihren Gründer berufen und Christen umbringen, muss dies sein, ist Aufklärung not-wenig.
Jürgen Niebecker hat gesagt…
@Gerhard Mentzel
Die Vernunft kann Dich nicht retten.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
@Jürgen,

ich hatte es von Jesus bzw. seiner Auferstehung: Dem aufgeklärten Verstand des historisch-hoheitlichen Grundes unserer chr. Kultur.

M.E. Voraussetzung für ein Leben in der Vernunft/, selbst in zeitkritischen Posts ständig gepredigt wird.

Oder soll ich hoffen, dass ein hingerichteter Heilsprediger, der historisch nicht war (und schon gleich gar nicht das Thema des Johannes), in meinem Bauchgefühl oder gar bei lebendigem Leibe wieder auftaucht?

Und: Welches Mittel wäre besser geeignet, den Kampf der Glaubensgeschwister, die sich in ihrer Berufung auf Gründergestalten und Buchstaben blutig bekämpfen, dauerhaft entgegenzuwirken?

Was spricht gegen ein mündiges Verständnis des gemeinsamen Glaubensgrund in einer heutiger Welt heiligen/aber im Aber-glaube an einen/meinen Guru meist ungehaltenen kreativen Vernunft/Weisheit?

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