Wächter der Toleranzgrenze

Auf diesem Blog habe ich »sehr lange geschwiegen, ich war still und hielt mich zurück« (Jes 42,14). Der Grund war eine gewisse Erschöpfung und ein Ausmaß an Aufgaben, das keinen ausreichenden Freiraum mehr gelassen hat, um hier etwas einzustellen. Zwar will ich nun nicht »wie eine Gebärende schreien«, auch schnaube und schnaufe ich nicht (vgl. die Fortsetzung in Jes 42,14); aber ich wage den Versuch des Wiedereinstiegs. Manchmal ist es ja auch nicht so leicht, nichts zu sagen. 

»Wie Mehltau liegt die Flüchtlingskrise auf der Bundesrepublik Deutschland.« Gärtner Hubert Windisch hat beim Gang durch seine Beete einen gefährlichen Befall der Pflanzen entdeckt und fürchtet nun, dass sie sich braun verfärben und vertrocknen. In der Sache meint er damit die Gefahr der Islamisierung. Sie ist groß und Houellebecq ist ihr Prophet. Und natürlich vollzieht sich die Islamisierung als »schleichende«, denn es könnte sein, dass manche noch nicht so richtig mitbekommen haben, wie immer mehr deutsche Gerichte auf der Grundlage der Scharia entscheiden.

Bis man zu diesem Punkt in Windischs Beitrag vorstößt, kommen aber erst einmal die auf ihre Kosten, die gerne Politik und Medien gegeißelt sehen und sich dabei durch Differenzierungen eher gestört fühlen. Das soll hier nicht im Einzelnen besprochen werden; angesichts der besorgniserregenden Gegenwart verlieren wir besser keine Zeit, denn in präziser Problemerfassung ist festzuhalten: 
»Die Angst wächst, das starke Deutschland sei nicht mehr Herr der Lage, sondern zunehmend ein Koloss auf tönernen Füßen.«
Die augenblickliche Problem-Kanzlerin

Dieser wackelige Koloss weist einen »dramatischen gesellschaftlichen Zustand« auf, ausgelöst »durch die unsachgemäße und zum Teil auch unrechtmäßige Handhabung der Flüchtlingsproblematik«. Und es können 
»viele Faktoren, die diesen Zustand erzeugen, im Verhalten der augenblicklichen Bundeskanzlerin gebündelt werden«. 
Als Höhepunkt des analytischen Zugriffs erweist sich die »Schlüsselszene«, von der der Spiegel berichtete. In der Pause eines Konzerts habe sich die Kanzlerin eines Vaclav-Havel-Zitats versichert, das ihr Rainer Eppelmann zuvor gesagt habe: »Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass eine Sache gut ausgeht. Hoffnung ist die Gewissheit, dass eine Sache Sinn macht, egal wie sie ausgeht.« Das ist natürlich eine große Sorge: Was soll aus einem Land werden, dessen Kanzlerin nach einem solchen Zitat nachfragt! 

Die orientierungslosen Kirchen

Helfen die Kirchen weiter? Nein, sie bieten 
»wenig Orientierung in den augenblicklichen Entwicklungen und sind kaum noch ein gesellschaftskritisches Korrektiv. Ihre Führungskräfte schwimmen nicht selten im Fahrwasser der Regierenden und tragen dazu bei, dass die Kirchen zu Quantités négligeables werden.«
Gemeint ist: »Die Kirchen bieten nicht dieselbe Orientierung, die ich habe.« Dass sich ihre Vertreter in der Flüchtlingsfrage nicht klar äußern würden, kann man nicht behaupten. Aber sie vertreten nicht Windischs Einschätzung. Er sucht nicht Orientierung, sondern Bestätigung. Oder anders: Die Kirchen böten Orientierung, wenn sie sich an ihm orientierten. Es hat sich ja bereits in anderem Zusammenhang gezeigt, dass auch der Papst gut daran tut, vom theologischen Urteil unseres Autors nicht abzuweichen – sonst sucht sich der womöglich einen anderen Papst (s. hier). 

Auch was ein »gesellschaftskritisches Korrektiv« ist, wird mit der Weitwinkeleinstellung »Scheuklappe« erfasst. Für Windisch scheint klar zu sein, dass es in der Opposition zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung »und ihrer medialen Unterstützung« besteht. Wenn aber richtig sein sollte, dass die Angst vor den Flüchtlingen im Land wächst, dann kann die Position der Kirchen sehr wohl »gesellschaftskritisches Korrektiv« sein. Es kommt halt darauf an, was man an der Gesellschaft kritisieren möchte. 

Lieber ohne Bibel

Die Kirchenvertreter sollten auch nicht mit der Bibel kommen. Denn die 
»neuartige Erfahrung eines in kurzer Zeit anschwellenden Flüchtlingsstroms in unserem Land kann nicht mit dem Hinweis auf den Umgang mit Fremden in der Bibel entschärft werden.« 
Diese Formulierung spitzt tendenziös zu: als ob mit dem Verweis auf die Bibel eine Erfahrung entschärft und nicht eine Handlungsorientierung aus der Schrift gewonnen werden sollte. Tendenziös ist deshalb auch folgende Aussage: 
»Wer die Realität von Fremdsein in der Heiligen Schrift (zumal im AT) unbesehen auf die heutigen Verhältnisse überträgt, beugt nicht nur die jetzige Wirklichkeit mit Hilfe der Bibel, er beugt die Wirklichkeit der Bibel selbst.« 
Wer will denn die damalige Realität »unbesehen auf heute« übertragen? Es kann doch nur um die Frage gehen, welche Bedeutung biblische Schutzbestimmungen für Fremde in einer heute ganz anders gelagerten gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Realität haben können. Dass die Beherbergung und Integration von Fremden im alten Israel unter ganz anderen geschichtlichen Voraussetzungen »nach strengen Regeln (erfolgte), die nie die Identität Israels gefährden durften«, besagt dafür nichts. Die Frage, wodurch Identität gefährdet wird, ist ja nicht ganz so einfach und eindeutig zu beantworten, wie es Windisch hier voraussetzt – und unter heutigen Bedingungen sicher anders als in biblischer Zeit. Kreative Aktualisierung von Überlieferungen ist selbst ein innerbiblischer Vorgang.

Zu solcher Aktualisierung können biblische Texte sogar geradezu auffordern. Die Erzählung vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) hätte sicher missverstanden, wer aus ihr nur ableiten würde, man müsse einem zwischen Jerusalem und Jericho unter die Räuber Gefallenen Hilfe leisten. Dies spiegelt sich in der Geschichte selbst: in der allgemeinen Formulierung der Antwort, die der Gesetzeslehrer gibt. Es heißt nicht, als Nächster habe sich der erwiesen, »der den halbtot Geschlagenen verbunden und versorgt hat«, sondern: »der ihm Barmherzigkeit erwiesen hat.« Das verdankt sich nicht nur dem Willen zu erzählerischer Ökonomie, sondern benennt, wofür in dem Gleichnis ein Beispiel geboten wird, das auf andere Situationen zu übertragen ist.

Gewiss hat der Text wie alle ethische Weisung in der Jesustradition das Verhalten des Einzelnen im Blick. Die Träger dieser Tradition hatten in ihrer geschichtlichen Situation keinen gesellschaftlichen und politischen Einfluss. Was aber besagt der Aufruf, sich dem anderen, und zwar gerade dem Fremden gegenüber, durch Barmherzigkeit als Nächster zu erweisen, wenn sich diese Situation grundlegend geändert hat? Handlungskonzepte kann man der Bibel dazu nicht entnehmen. Deshalb wäre es auch verfehlt, die gesellschaftliche Wirklichkeit des alten Israel zum Maßstab heutiger Positionierung in der Flüchtlingsfrage zu machen (s. das obige Zitat zu den »strengen Regeln, die nie die Identität Israels gefährden durften«). Aber die Frage, welche Impulse aus Traditionen wie derjenigen vom barmherzigen Samariter in der heutigen Situation hervorgehen können, sollten die nicht für verfehlt halten, die sich so sehr um die christliche Identität des Abendlandes sorgen. 

Was so alles übersehen wird

Man gewinnt allerdings den Eindruck, dass unser Autor mit der Bibel in Ruhe gelassen werden möchte, weil sie möglicherweise Traditionen enthält, die etwas quer laufen zu seiner Sicht der Dinge: Ihn
»beunruhigt in der augenblicklichen Flüchtlingskrise vor allem der hohe Anteil an Moslems unter den Migranten«. 
Warum beunruhigt das? Nun, es ist davon auszugehen, dass Muslime Muslime sind, wenn sie nach Deutschland kommen. Das ist eigentlich eher selbstverständlich, wird aber Windisch zufolge übersehen: 
»Man übersieht – aus welch ideologischen Gründen auch immer – dabei, dass eine gelebte Religion ganz konkret persönlichkeits-, kultur- und staatsprägend ist und nicht einfach beim Grenzübertritt durch eine Unterschrift auf ein Regelpapier geändert wird.« 
In dieser Formulierung wird zum Eintopf verrührt, was in verschiedenen Gängen aufzutischen wäre, wenn's nicht aufstoßen soll. Einerseits ist die Perspektive individuell orientiert: Da wird etwas »nicht einfach beim Grenzübertritt durch eine Unterschrift auf ein Regelpapier geändert«. Dazu passt aber von den drei Prägungen nur die erste, die sich auf die Persönlichkeit bezieht. Die kultur- und staatsprägende Bedeutung gelebter Religion ändert sich sehr wohl, wenn ein Muslim aus einem islamisch geprägten Land nach Deutschland kommt. Seine Religion hat dann im Blick auf Kultur und Staat nicht mehr dieselbe Rolle. Die zitierte Formulierung soll wohl suggerieren, dass Muslime in jedem Fall versuchen werden, die kultur- und staatsprägende Rolle des Islam bei uns durchzusetzen – eine Unterstellung in Form einer sich neutral gebenden Behauptung über »gelebte Religion«. 

Man muss aber nur bis zum nächsten Absatz lesen, bis die Katze aus dem Sack springt. Es wird nämlich nach Windisch auch übersehen, 
»dass der Islam im Innersten keine Trennung von Staat und Religion kennt.« 
Was immer auch hier »im Innersten« bedeutet: Die Muslime sind also geradezu verpflichtet, ihre Religion als kultur- und staatsprägende zur Geltung zu bringen. Und das ist umso beunruhigender, als ja auch noch ein Drittes übersehen wird: 
»das gewalt- und sexualpathologische Potential im Islam, bei Mohammed ebenso wie im Koran.« 
Nun haben wir solches Potential auch in der Bibel. Wer sich darüber ärgert, wenn aus gewalthaltigen Texten der Bibel die Gefährlichkeit des Christentums gefolgert wird, sollte jedenfalls vorsichtig damit sein, aus solchen Überlieferungen die grundsätzliche Gewaltbereitschaft von Anhängern einer Religion abzuleiten und als Gefahr für die Gesellschaft hinzustellen. Ja, es gibt Muslime, die aus ihrer religiösen Tradition die Berechtigung zu äußerster Brutalität und Terror ziehen. Das wird aber nicht übersehen. 

Das Böckenförde-Diktum

Die Gefährlichkeit des Islam soll dann in einem kühnen Versuch noch staatstheoretisch untermauert werden. Dazu muss das häufig zitierte Diktum Ernst-Wolfgang Böckenfördes herhalten, der freiheitliche, säkularisierte Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren könne. Daraus wird gefolgert:
»Mit anderen Worten hat jedes Staatsgefüge (philosophisch gesprochen) metaphysische und (theologisch gesprochen) religiöse Wurzeln. Der Islam bringt überall dort, wo er sich ausbreitet und Macht gewinnt, diese Wurzeln in seinem Sinn stark zur Geltung.« 
Dass jedes Staatsgefüge religiöse Wurzeln habe, lässt sich aus dem Böckenförde-Diktum nicht ableiten, und das schon deshalb nicht, weil es in ihm allein um den freiheitlichen, säkularisierten Staat geht. Der ist darauf angewiesen, dass die von ihm gewährte Freiheit von den einzelnen Bürgern, den in ihr wirkenden Gruppen und der Gesellschaft im Ganzen bejaht wird. Er kann das nicht mit Mitteln des Rechtszwangs garantieren. Windisch verdreht das Diktum, indem er ihm zuschreibt, von religiösen Wurzeln des Staates zu sprechen – um dann davor zu warnen, dass der Islam diese Rolle übernehmen könnte. Wie das in einem säkularisierten Staat möglich sein sollte, wenn »der Islam im Innersten keine Trennung von Staat und Religion kennt«, bleibt ein Geheimnis.

Böckenförde selbst hat sich in einem Interview im Jahr 2009 auch über das Verhältnis von Muslimen und säkularem Staat geäußert (s. hier). Darin verweist er u.a. darauf, dass »Freiheit … immer auch ansteckend (ist). Die Integration der Katholiken in den säkularisierten Staat zeigt, dass dieses Konzept nicht unrealistisch ist.« In diesem zuletzt genannten Kontext ist das Diktum entstanden. »Ich versuchte damals (1964) vor allem den Katholiken die Entstehung des säkularisierten, das heißt weltlichen, also nicht mehr religiösen Staates zu erklären und ihre Skepsis ihm gegenüber abzubauen.« Sich an diese Zusammenhänge zu erinnern könnte dazu beitragen, die katholische Nase nicht allzu hoch zu tragen. Dass man katholisch sein müsse, um dazulernen zu können, lässt sich ja nicht behaupten.

Echte Toleranz und so

Und möglicherweise ist das, was man im Lauf der Jahrhunderte dazugelernt hat, auch noch steigerungsfähig. Diesen Eindruck kann man jedenfalls gewinnen, wenn es um die Unterscheidung zwischen formaler und inhaltlicher Toleranz geht:  
»Eine Toleranz jedoch, die nur formal ist und nicht aus Inhalten besteht, zerstört sich selbst. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus (Papst Benedikt XVI.), und über kurz oder lang regiert nicht der Bessere, sondern der Stärkere. Barbarei und Schamlosigkeit nehmen zu. Es ist die Frage, ob wir das bei uns wollen und wollen dürfen.« 
Gerne wüsste man, was eine Toleranz ist, die aus Inhalten besteht. Ist es die »echte Toleranz, die nicht Selbstaufgabe und Unterwürfigkeit ist«? Mit diesem Hinweis sehen wir noch nicht klarer: Begriffliche Nebelkerzen lichten kein Dunkel. Aber wir erfahren ja noch etwas über die echte Toleranz: Sie »kennt Grenzen«. Aha. Aber welche genau? Und warum? Das erfahren wir nun wieder nicht. Wahrscheinlich liegen die Grenzen präzise irgendwo, nach dem Muster: »Ich bin ja schon tolerant, aber irgendwo gibt es doch Grenzen.« 

Auch über die Folgen einer Diktatur des Relativismus werden wir nur sehr grob ins Bild gesetzt. Der Stärkere setze sich durch, Barbarei und Schamlosigkeit nähmen zu. Das kann man ja mal behaupten, solange man keinen Beleg für die Zusammenhänge liefert. Gerne erführen wir auch noch genauer, wie die Furcht vor der »schleichenden Islamisierung« mit der »Diktatur des Relativismus« in Zusammenhang zu bringen ist. Wie kann sich eine Gesellschaft »islamisieren«, die Wahrheitsansprüche angeblich so grundsätzlich ablehnt, dass sich der Relativismus diktatorisch durchsetzt? Die Scheinfrage, ob wir das Recht des Stärkeren, Barbarei und Schamlosigkeit »bei uns wollen und wollen dürfen«, tut so, als sei zuvor begründet worden, wodurch uns denn das Recht des Stärkeren, Barbarei und Schamlosigkeit drohen. 

Die Frage, ob wir ein solches Niveau der Debatte wollen und wollen dürfen, stellt sich nicht. 

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Prof. Häfner,

Ihre Ablehnung des Niveaus der von Windisch geführten Debatte ist nachzuvollziehbar.

Doch allein mit der Ablehnung dieser Art ist es nicht getan. Der Kampf der Kulturen lässt sich weder mit Gewalt, noch politisch lösen. Einer im Nahen Osten notwendigen kulturellen Aufkärung muss die eigene vorausgehen. Die Probleme unserer Zeit verlangen nach kultureller Aufklärung, die heutiges Wissen auswertet und beispielsweise nach der gemeinsamen Wurzel fragt, aus der Islam und Christentum erwuchsen und die nicht einfach ein Märchen war.

Die Probleme der Landflucht und Globalisierung lassen sich nicht lösen, in dem wir uns auf das Märchen eines gegenüber Samariter gutherzigen Wanderkyniker berufen.

Bei Prof. Manfred Ohlig "Der frühe Islam" belegt Volker Popp, wie noch christliche Kalife durch den neuen Josua (lat. Jesus, der wie durch die Wurzelforscher nachgewiesen wird, zu Mohammed, nicht nur prophetisch umgemünzt wurde)auf das gelobte Land hofften: Leben in Vernunft und kulturellem Friede.

Doch setzten die Kalife und ebenso die Kirchenväter auf die Lehre eines gutherzig-fremdenfreundlichen Wanderpredigers, der im kulturellen Hirnriss heute als historischer Glaubensgrund gilt?

Warum wird nicht zum Thema gemacht, dass es am gemeinsamen Anfang von Christentum und Islam eindeutig um den Logos bzw. die Vernunftlehre antiker Aufklärung ging, die den Mythos aböste und heute wissenschaftlich definiert wird? Damit damals eine Vernunft das Thema war, die heute nicht nur auf Weltkonferenzen gefordert wird, sondern auf die sich bereits der Papst beruft, wenn er unter dem Beifall der Welt eine ganzheitlich-ökologische Lebensweise fordert.

Ich folge nicht dem heute als Urchristent geltenden Markion(ismus), den ich wie nachzulesen gerade auswerte: Kosequenzen aus der Polemik der Kirchenväter über ein die alten Geschichten und das traditionelle Gottesbild ablehnendes urchristliches Denken ziehe, für das nur noch der Logos bzw. die Vernunftlehre galt.

Die als Kirchenväter geltenden Theologen haben damals auf wissenschafltiche Weise (im Gegensatz zu Markion) die kulturelle Brücke zu den kulturellen Wurzeln geschlagen und damit einem universalen Verständnis den Boden bereitet.







Suarez hat gesagt…
Mei, was erwartet man von einem Mann wie Windisch, der sich in seiner Freiburger Zeit nicht zu schade war, an seine Professorenkollegen kreuz.net-Artikel (ja, kreuz.net) zu verteilen.
愛子 [Aiko] hat gesagt…
Lieber Herr Prof. Häfner,
ich freue mich, dass Sie hier weiter schreiben.
Abaelard hat gesagt…
Ich fände in osternaher Zeit auch exegetische Themen spannend.
z.B.:
Jesus sagt im heutigen Tagesevangelium zu der Dame, die mit kostbarem Öl seine Füße salbt (etwas, was die Jünger für Verschwendung und für unverantwortbar gegenüber den Armen halten): "Denn die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer."

Dagegen wird Jesus nur wenige Tage später sagen: "Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt."

Was gilt nun wirklich?
Dass er bei seinen Jüngern ist oder dass er bei seinen Jüngern ist?

Überdies:
Wenn sinnenfälliger Jesus-Kult (e.g.Übergießen mit duftendem Öl)in den Augen Jesu ohnedies nur für die Zeit seiner irdisch-leibhaftigen Anwesenheit möglich ist, nicht aber für die Zeit, da die Jünger ihn nicht mehr haben, mit welchem Recht dann der überaus betuliche liturgische Kult der Kirche für einen Jesus, den sie "nicht mehr hat"?
abaelard hat gesagt…
korrektur zu meinem obigen Beitrag

Jesus sagt nicht "zu der Dame", sondern zu den Jüngern

pardon!
abaelard hat gesagt…
und noch ein Fehler.
Es muss heißen: Was gilt nun wirklich?
Dass er bei seinen Jüngern ist oder dass er NICHT bei seinen Jüngern ist?

Verzeihung für die Unkonzentriertheit. Das kommt davon, wenn ich meinen Beitrag in einer Arbeitspause hektisch in den PC klopfe.
Anonym hat gesagt…
@abaelard:

bei welchen Jüngern? Bei denen, die er seinerzeit ansprach oder bei denen, die sich heute nach über 2000 Jahren durch diese Worte angesprochen glauben?
G. Küppers, Köln hat gesagt…
Freue mich auch über den Beitrag von Prof. Häfner.

Mit Windisch zu streiten finde ich eher müßig. Was soll man sagen, wenn einer im Namen des Christentums gegen Ausländer ist? Sowas gibt es halt. Christen, die mit ihrer Religion eigtl. unvereinbare politische oder weltanschauliche Positionen vertreten, gab es ja auch früher schon, auch schon in der Antike.

Überhaupt meine ich, durch die allgegenwärtige Flüchtlingsdebatte sind theologische Diskussionen vielfach ganz überflüssig geworden. Wozu sollte man sich über theologische oder philosophische Standpunkte oder Kommunionzulassungsbedingungen oder die Historizität irgendwelcher Wunder oder Probleme der Sexualmoral oder was sonst noch unterhalten, wenn der Diskussionspartner gleichzeitig fremdenfeindliche Polemik betreibt? Was spielen theologische Probleme oder Methoden der Bibelexegese etc. da noch für eine Rolle? Da kann man nur sagen: Halt, das geht gegen den Herrn. Fertig.

Wenn jemand gefühlsmäßig gegen Fremde oder Arme oder Hilfesuchende oder Opfer und damit gegen Christus selbst voreingenommen ist, muss man über theologische Einzelthemen gar nicht mehr groß sprechen. Entweder ist man für Christus oder gegen ihn, ich glaube dieser Spruch passt in der aktuellen Lage ausnahmsweise mal richtig gut. Mich interessieren die sexualmoralischen oder bibeltheologischen Ansichten von Leuten, die keine Ausländer mögen, herzlich wenig. Wer keine Ausländer mag und gehässige Dinge schreibt, mag auch Jesus nicht und steht auf der Seite des Pöbels, der "ans Kreuz mit ihm" schreit. Das reicht mir, um lieber Abstand zu halten.

Wenn man mitbekommt, dass im rechtschristlichen Lager seit Monaten darüber diskutiert wird, ob man als Christ AfD wählen "darf" oder gar "muss", ist eigentlich klar, dass der Zeitpunkt gekommen ist, wo man lieber den Staub von den Schuhen klopft und das Diskussionsforum verlässt. Natürlich "darf" man als Christ AfD wählen, man darf auch den Teufel anbeten oder die Hostie ausspucken. Aber dass Leute überhaupt auf so eine abstruse Idee kommen, sagt ja nur, dass da viel grundsätzlicher etwas nicht stimmt mit dem Glauben. Da helfen Diskussionen über Ehemoral oder Schriftauslegung auch nicht weiter, das ist eine Frage des Herzens.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Auch wenn den Aussagen von Herrn Küppers im Grunde sicher zuzustimmen ist, so wird auch hier wieder das Probleme des heutigen Christusverständnisses deutlich.

Denn der Jesus Christus, der hier für Hilfesuchende, Arme oder gegen jede fremdenfeindliche Gefühle ist, auf den Berufen sich auch die, die hier verurteilt werden.

Und da nachvollziehbar ist, was Wissenschaftler wie Karl-Heinz Ohlig nachweisen, dass der (damals jedoch noch nicht Jesus genannte)Christus zu Mohmmed wurde, haben Gestern auch die jungen Moslems, die sich und unschuldige Menschen in Brüssel in die Luft sprengten, im guten Glauben bzw. im Auftrag dessen gehandelt, der eigentlich Friede bringen sollte.

So kommmen wir nicht weiter. Es ist eh sinnlos, sich gutherzig auf einen Jesus Christus zu berufen, wenn der historisch nur der Heilsprediger gewesen wäre, wie er heute an den Hochschulen hinterfragt wird.

Doch von dem sind weder die Herausgeber das Kanon oder neuplatonischen Vordenker Kirche, noch die Kalifen ausgegangen, die noch im Christus-Logos (der Vernunftlehre antiker Aufklärung, die den Mythos bzw. Aberglaube ablöste)den neuen Josua, lat. Jesus sahen, so ein Leben in Kulturellem Friede und Vernunft erhofften.

Mehr denn je sind theologische Wissenschaftler gefragt. Nicht um Moralpredigten zu halten, sondern in aufgeklärter Weise nach den gemeinsamen Wurzeln der Glaubensgeschwister zu fragen. Damit der heute auf Weltkonferenzen oder in der Kirche gepredigten Frieden bringenden Vernunft (die von nat. Schöpfung bzw. einer gemeinsamen Schöpfung ausgeht) wieder zu der Geltung zu verhelfen, auf die Kirchenväter, wie Kalifen hofften.

Oder anderes: Wenn christliche Wissenschaftler erkennen würden, welche Chance und damit Verantwortung sie haben, aber angesichts der täglichen Schrechensmeldungen in Folge heutigen Aberglaubens unterlassene Hilfeleistung betreiben, könnten sie Nachts nicht mehr schlafen.



Mike hat gesagt…
"Entweder ist man für Christus oder gegen ihn, ich glaube dieser Spruch passt in der aktuellen Lage ausnahmsweise mal richtig gut."

Falsch!
Es genügt, wenn man nur ist. "Wer nicht gegen mich ist, ist für mich."
lz hat gesagt…
Also meine Meinung dazu ist,
dass die Welt dringend gute Menschen braucht,
nicht religiöse.
Religiös war ein Hitler auch.

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