Wie oft starb Judas?

Wer keine Reinkarnationsvorstellungen vertritt, wird sich zutrauen, die Frage, wie oft Judas starb, eindeutig zu beantworten. In historischer Sicht ist denn auch unstrittig, dass es sich beim Tod des Judas um ein einmaliges Ereignis handelte. Umso mehr fällt auf, dass das Neue Testament zwei verschiedene Versionen von diesem Ereignis bietet, die sich gegenseitig ausschließen (Mt 27,3-10; Apg 1,16-20). Matthäus zufolge hat sich Judas aus Verzweiflung über seine Tat erhängt, nachdem ihm von den Hohenpriestern bedeutet worden war, er müsse selber mit den Folgen seiner Tat fertig werden (27,4: »Sieh du zu«). Dagegen heißt es in der Apostelgeschichte, Judas sei kopfüber gestürzt und geplatzt, so dass seine Eingeweide hervorquollen (Apg 1,18). Ein Eingreifen Gottes kommt zwar nicht ausdrücklich zur Sprache, wird aber durch die Todesart nahegelegt, zumal da Judas durch diesen Tod daran gehindert wird, das Grundstück in Besitz zu nehmen, das er sich vom Lohn für den Verrat gekauft hat.


Die beiden Erzählungen vom Tod des Judas stimmen einzig darin überein, dass sie diesen Tod  mit dem Namen eines Ackers verbinden: »Blutacker« (Mt 27,7f; Apg 1,19). Allerdings tun sie das auf ganz unterschiedliche Weise. Folgt man der Apostelgeschichte, soll der Name wohl vom gewaltsamen Tod des Judas auf seinem eigenen Acker herrühren. Es wird nicht ausdrücklich gesagt, dass Judas auf dem erworbenen Grundstück starb; die Notiz von der Namensgebung legt es aber nahe. Nach Matthäus hat der Hohe Rat von dem »Blutgeld« (27,6) einen Acker für das Begräbnis von Fremden gekauft. Der »Acker des Töpfers« (27,7) heißt nun deshalb »Blutacker«, weil an ihm das unschuldige Blut Jesu klebt.

Diese Differenzen legen die Annahme nahe: Das Urchristentum hatte keine Informationen über das Geschick des Judas nach dessen Trennung vom Jüngerkreis. Andernfalls müsste man annehmen, dass die historisch zutreffende Variante eine so geringe Verbreitung hatte, dass daneben eine Erzählung mit einer abweichenden Todesart entstehen konnte. Auch ließe sich kein Kriterium für die Beantwortung der Frage angeben, welche der beiden Darstellungen historisch zu bevorzugen wäre.

Beide Versionen lassen nämlich auch bei isolierter Betrachtung Zweifel an der Historizität aufkommen. Matthäus legt den Akzent auf die Negativzeichnung der Hohenpriester und verbindet die Erzählung mit einem für ihn typischen Erfüllungszitat (27,9f). Die Besonderheiten seiner Fassung lassen sich gut aus den sonstigen redaktionellen Tendenzen erklären. Lukas bietet den Rückblick auf den Tod des Judas im Rahmen einer Rede des Petrus zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Dass sich in höchstens einem guten Monat nach dem Ereignis (spektakulärer Todesfall auf einem Grundstück) bereits eine darauf Bezug nehmende Bezeichnung (»Blutacker«) durchgesetzt haben sollte, wird mit Recht für unmöglich gehalten. Auch liegt der Verdacht nahe, dass das Zitat aus Ps 69,26 in 1,20 (»sein Gehöft soll öde werden«) dazu geführt hat, Judas ein Grundstück (griechisch: χωρίον, auch: Landgut) kaufen zu lassen – um eben dieses Zitat einbringen zu können.

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Die Erzählungen vom Ende des Judas geben den Charakter der neutestamentlichen Erzählwerke in besonderer Zuspitzung zu erkennen. Da sie sich auf der historischen Ebene gegenseitig ausschließen, ist ihr Sinn auf einer anderen Ebene zu suchen. So geht es den Evangelien und der Apostelgeschichte auch im Ganzen in erster Linie nicht um die Beschreibung dessen, was war. Sie erschließen vielmehr im Modus des Erzählens die Bedeutung von Wirken und Wirkung Jesu. Dies verhindert ihre Auswertung als historische Quellen nicht grundsätzlich (andernfalls wäre Jesusforschung unmöglich). Im Fall des Judas aber zeigt sich: Wie er tatsächlich starb, interessiert die Erzählungen von seinem Tod nicht. Sie sind nichts anderes als Bausteine gedeuteter Geschichte. Auf das zweite Werk des Lukas angewendet heißt das: Die Geschichte der Urgemeinde ist als eine von Gott geleitete Geschichte zu begreifen. Im Geschick des Judas erfüllt sich die Schrift (Apg 1,16.20), in deren Licht dieses Geschick zudem als Auftakt für die Nachwahl des Matthias zu sehen ist (zweites Zitat in 1,20). Auch Matthäus verbindet durch das Zitat in 27,9f den Gedanken der Erfüllung von Verheißung mit dem Ende des Judas. Darüber hinaus nutzt er die Erzählung zur Figurenzeichnung: Die näheren Umstände des Todes offenbaren die Bosheit derer, die die Hinrichtung Jesu betreiben.

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Das Bild oben zeigt den Baum bei Bet Shean, der bei den Dreharbeiten für den Film »Jesus Christ Superstar« (1973) in der Szene vom Ende des Judas verwendet wurde. (s. Video hier ab 1:48:13). Man hat sich also für die matthäische Variante entschieden. 

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Prof. Häfener,

auch wenn Ihnen vorgeworfen wird, Jesus zu entchristlichen bzw. zu entgöttlichen, damit dem christlichen Glauben seine schöpferische/kreative Realität, letztlich auf den Grund und die Relevanz zu nehmen, was nach der heutigen Historien-Hypothese unumgänglich ist. Sie brauchen sich weder zu erhängen, noch sollen ihnen die Därme platzen. Doch wenn sie auch diese Geschichte von der Vernunftlehre der damaligen Zeit und dem Verrat am so für die hellenistischen Juden lebendigen Wort aus bedenken, wird klar: Wenn auf dem dem eigenen Acker, dem Land des Töpfers der Verrat erfolgte, dann lässt sich das leider auch heute wieder beobachten.

Die Geschichte vom guten Jungen mit Namen Jesus, dessen Namen die Reformtoren im Rückgriff auf die hellenistischen Weisheitslehrer (denen es eindeutig um das in Vernunft lebendige Wort als den neuen Josua ging) erst einheitlich für die Nomina Sakra oder Christologietitel einführten, hat aus dem Mittelalter in die Neuzeit geführt. Die Reformatoren waren nicht Judas. Sie haben den neuen Josua nicht verraten, sondern die schöpferische Bedeutung Jesus so bis zur Aufklärung geführt. Doch wenn die biblischen Geschichten in der heute und hier zu erkennenden Banalität (z.B. eines hungrigen Heilspredigers) ausgelegt werden, ist es höchste Zeit, den historischen Jesus und damit das lebendige Wort in neuer Re-form in allem naturwissenschaftlich beschriebenen Werden und der davon ausgehenden Weisheit zu verstehen.

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