Über Kreuz

Der Kreuzerlass des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder hat jetzt ein .de bekommen (kreuzerlass.de). Der Vorgang gibt sich im Ursprung freilich als eine recht bayerische Angelegenheit zu erkennen. Die »Ökumenische Erklärung katholischer und evangelischer Professoren und Hochschullehrer der Theologie zum bayerischen Kreuzerlass am 1.6.2018« wird nachfolgend präzisiert als eine Erklärung von »aus Bayern stammenden oder in Bayern lehrenden christlichen Theologen« – so werden die Erstunterzeichner vorgestellt. Dass Bayern noch auf eine Weise der Tradition verbunden ist, wie es andere Landstriche nicht mehr kennen, mag ich, ein nicht aus Bayern stammender, aber in Bayern lehrender Theologe, sehr. Der Kreuzerlass dient aber in erster Linie nicht der Stärkung der bayerischen Tradition, sondern der des bayerischen Ministerpräsidenten, dem sichtlich daran gelegen war, dass auch in Ostfriesland niemand den Erlass verpasst.

Die Unterzeichner der Theologen-Erklärung bekennen sich im ersten Satz des Textes zum »Kreuz in der Öffentlichkeit«. Bereits diese Eröffnung lässt erahnen, dass die Problemstellung der Diskussion der letzten Tage nicht präzis erfasst wird. Es ging nicht darum, ob Kreuze in der Öffentlichkeit ihren Platz haben sollen oder dürfen. Zur Debatte stand und steht die Anordnung des Ministerpräsidenten zur Anbringung von Kreuzen in Behörden der bayerischen Staatsverwaltung. 

Der Text der Erklärung interessiert sich dafür nicht, ihre Unterzeichner zeigen sich 
»für jedes in öffentlichen Räumen sichtbare Kreuz dankbar. Denn das Kreuz steht für die in Gott gründende Würde des Menschen (vgl. Gen 1,26–27), die eines der wesentlichen Würdefundamente ist und die unsere Demokratie nicht aus sich selbst hervorzubringen vermag.« 
Inwiefern das Kreuz für die Menschenwürde steht, wird nicht näher erläutert. Auch nicht, wie man verstehen soll, dass die Würde des Menschen »eines der wesentlichen Würdefundamente« ist. Oder ist gemeint, dass die Gründung in Gott – also die Gottebenbildlichkeit (Gen 1,26f) – eines der wesentlichen Fundamente der Menschenwürde sei? Man kann es nur ahnen. 

Kreuz und Gottesbezug

Es folgen Ausführungen über die Verbindung von Offenbarung und Aufklärung im Christentum und dessen Symbol, dem Kreuz, die den Gründervätern der deutschen und der bayerischen Verfassung vor Augen gestanden habe. 
»Ganz in der Tradition unserer Verfassung ist der Blick auf das Kreuz zweifellos der Blick auf ein Wertefundament unserer pluralistischen Gesellschaft«. 
Es mag sein, dass dieser Blick auf das Kreuz ganz »in der Tradition unserer Verfassung« steht; die bayerische Verfassung selbst spricht, wenn ich nichts übersehen habe, nicht vom Kreuz, sondern zweimal von Gott (außer in der Präambel noch von der »Ehrfurcht vor Gott« als einem der als einem der obersten Bildungsziele [Art. 131]). Zwischen dem Bezug auf das Kreuz und dem auf Gott scheint für die Erklärung keine nennenswerte Differenz zu bestehen, obwohl zugestanden wird, dass es weitere Quellen der Verfassung gibt, »wie das Judentum oder im Blick auf die christlich-scholastische Aristoteles-Rezeption des 13. Jahrhunderts der humanistische Islam.« Wer gelesen hat, wie Michael Brenner die Kreuz-Debatte wahrnimmt (Süddeutsche Zeitung vom 5.5.2018: »Fremd im Freistaat«; nicht frei im Netz), wird nicht so unbefangen Kreuz- und Gottesbezug gleichsetzen, wie es hier geschieht. Wenn es heißt, das »Fundament freiheitlicher Toleranz« gründe »im Heilswerk und in der Botschaft Jesu Christi, die er selbst auf vollkommene Weise vorgelebt hat«, müsste doch dazugesagt werden, dass bis zu Nostra Aetate die katholische Tradition in Heilswerk und Botschaft Jesu Christi ein »Fundament freiheitlicher Toleranz« jedenfalls nicht im Sinne der Religionsfreiheit gesehen hat. Es ist nicht ganz so leicht, das Kreuz zum »Wertefundament unserer pluralistischen Gesellschaft« zu erklären. 

Solidarisierung mit Laizisten?

Kirchliche Stimmen, die sich zum Kreuzerlass kritisch äußern, werden irritiert zur Kenntnis genommen. Genauer gesagt, werden sie nicht zur Kenntnis genommen, sondern polemisch verzerrt als 
»öffentlich zur Schau gestellte Solidarisierung … mit den Laizisten, die die Kreuze schon lange zumindest aus öffentlichen Gebäuden verbannen wollen«. 
Es handelt sich also bei diesen Stimmen nicht um ernsthafte Kritik, sondern in erster Linie um einen demonstrativen Akt (»zur Schau gestellt«), der sich mit antikirchlichen gesellschaftlichen Kräften nicht nur gemein macht, sondern gemein machen will (»Solidarisierung mit Laizisten«), und dies um den Preis, die eigene Identität zu verlieren (»grenzt an Selbstaufgabe«). Dass dies »für uns unverständlich ist«, muss nicht verwundern. Wenn man die kritisierte Position so entstellt, dass man ihr Unfug zuschreibt, ist der Hinweis auf deren Unverständlichkeit geradezu tautologisch. 

Die Erklärung bekundet »hingegen« Freude »über die in öffentlichen und staatlichen Räumen anzutreffenden Kreuze« – wie der vielgescholtene Kardinal Marx im Interview mit der Süddeutschen Zeitung vom 30.4.2018. Sein erster Satz lautet: »Grundsätzlich freue ich mich über das Zeichen des Kreuzes im öffentlichen Raum.« 

Die genannte Freude wird in der Erklärung damit begründet, dass das »öffentlich sichtbare Kreuz … auch dem säkularen Menschen Wichtiges zu sagen« habe. Stellen wir uns einen solchen säkularen Menschen vor, wie er ins Landratsamt geht, auf das Kreuz blickt und sich denkt: Hey, hier werde ich ja »konfrontiert mit einem wesentlichen Werteanker unserer humanistischen Toleranzkultur« und mit »Jesus Christus als dem Sohn Gottes«. Da muss ich doch mal über meine säkulare Einstellung nachdenken.

Legitime Instrumentalisierung?

Der Kritik, im Kreuzerlass »werde unsere Religion instrumentalisiert«, hält die Erklärung »entgegen, dass der Einsatz von Symbolen ein legitimes Mittel demokratischer Politik ist.« Das heißt soviel wie: Instrumentalisierung ist okay. Beklagt wird das Messen mit zweierlei Maß: Linken und Grünen werde ihr Eintreten für Belange der Arbeiter oder gegen Lebensschützer als Überzeugung abgenommen, da 
»wittert keiner die Instrumentalisierung der Arbeiter oder der Genderisten … Wenn aber christliche Politiker sich mit dem Kreuz solidarisieren, wird suggeriert, es müsse selbstverständlich reine Parteitaktik sein.« 
Lassen wir den Begriff »Genderisten« unkommentiert und konzentrieren uns auf den Vergleich von Äpfeln und Birnen. In der ganzen Diskussion steht nicht Markus Söders Überzeugung zur Debatte, sondern sein amtliches Handeln. Und da er dieses Handeln zunächst damit erläutert hat, das Kreuz solle kein religiöses Symbol des Christentums sein, sondern ein Bekenntnis zur Identität und kulturellen Prägung Bayerns (s. z.B. hier), ist der Erlass auch keine Solidarisierung mit dem Kreuz. Er dient vielmehr der politischen Inszenierung des Ministerpräsidenten. Nicht der Hausmeister hat das Kreuz in der Staatskanzlei aufgehängt, sondern der Chef persönlich. Zufällig waren Fotografen da, so dass jetzt alle Welt den kreuzaufhängenden Ministerpräsidenten wahrnehmen kann. Was hier gespielt wird, ist so deutungsoffen wie das Ergebnis der Addition von 1 und 1. 

Friedensförderung?

Die Erklärung sieht im Kreuzerlass »eine sinnvolle Anknüpfung an eine bereits lange bestehende und bewährte Tradition« und erkennt kein gesellschaftsspaltendes Potential, im Gegenteil: 
»Im Blick auf den inneren gesellschaftlichen Frieden wird der ergänzende Kreuzerlass bewirken, dass künftig nicht mehr der Eindruck entstehen kann, als sei das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Kreuzen in Amtsräumen eine rein private oder gar willkürliche Angelegenheit von Bürgermeistern, Schulleitern oder Amtsgerichtsdirektoren etc.« 
Was der geschilderte Eindruck zur Förderung des inneren gesellschaftlichen Friedens beiträgt, erschließt sich nicht auf Anhieb. Wer sich am Kreuz in Landesbehörden stört, wird also jetzt nicht mehr den Bürgermeister, Schulleiter oder Amtsgerichtsdirektor angehen, sondern sich klaglos in die bayerische Tradition einfügen, weil die Anordnung von ganz oben kommt? Werden die Raufereien wegen »privat oder gar willkürlich« aufgehängter oder nicht aufgehängter Kreuze, die uns so sehr bedrängen, jetzt endlich spürbar abnehmen? Im Übrigen stellt sich die Frage: Wenn bisher der Eindruck entstehen konnte, das Vorhandensein von Kreuzen gehe auf private oder willkürliche Entscheidung von Vorgesetzten zurück – könnte sich da nicht der Eindruck einstellen, dass das Anbringen von Kreuzen im öffentlichen Raum gar nicht stark in der bayerischen Tradition verankert ist?

Im Geist der bayerischen Verfassung?

Solche Zweifel lässt die Erklärung nicht aufkommen. Sie zeigt sich vielmehr dafür dankbar, dass die bayerische Staatsregierung erkennen lässt, sich »auch künftig wie schon bisher der christlichen Tradition Bayerns verpflichtet« zu wissen,
»wie es auch dem Geist der nach Kriegsende 1946 verabschiedeten Präambel der Bayerischen Verfassung entspricht, wonach es in Bayern nie mehr eine 'Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott' und damit ohne Achtung des Gewissens und der Menschenwürde geben darf.« 
Die wörtlich zitierte Wendung »Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott« wird in der Präambel allerdings nicht auf dieselbe Weise mit Gewissen und Menschenwürde verbunden, wie es in der Erklärung geschieht. 
»Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges geführt hat ...« 
Zum einen ist hier nicht so grundsätzlich formuliert, wie es die Erklärung tut (da müsste man wohl eher auf den oben angeführten Art 131 rekurrieren); zum andern wird auch eine Gesellschaftsordnung mit Gottesbezug nicht, wie von der Erklärung suggeriert, als Garant für die Achtung von Gewissen und Menschenwürde bezeichnet: Das »und damit« (»'Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott' und damit ohne Achtung des Gewissens und der Menschenwürde«) ist ein Eintrag, der sich auch nicht durch den Bezug auf den Geist der Präambel rechtfertigen lässt.

Leerstellen

Die Erklärung versteht den Kreuzerlass allein als Ja zur traditionellen (christlichen) Prägung Bayerns und folgt damit im Wesentlichen der PR der Staatsregierung. Nicht zur Sprache kommt die Kernfrage der Debatte, ob  eine staatliche Stelle das Anbringen religiöser Symbole in Amtsräumen anordnen und die Deutung dieser Symbole bestimmen darf. Ausgeblendet bleibt auch der politische Kontext der ganzen Aktion, der das identitätsstiftende Symbol zugleich als Instrument der Machtdemonstration und als Zeichen der Ab- und Ausgrenzung markiert. Der Unmut gegen den Kreuzerlass hat auch mit dem Eindruck zu tun, dass der Ministerpräsident sich in seiner Politik stärker an dem orientieren könnte, den er jetzt aufhängen lässt.

Kommentare

Hofstetter-Straka hat gesagt…
Herzlichen Dank!
Claudio hat gesagt…
Lieber Gerd, Du misst wieder mehr bloggen!

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