»Das Problem des Memorandums wird sich biologisch lösen«

Zum folgenden fiktiven Text ist die Warnung vor den Nebenwirkungen zu beachten.

Alexander Kissler, ein rüstiger Anfangvierziger nur wenige Jahre vor der midlife crisis, hat sich als scharfer Kritiker des Memorandums der Theologen hervorgetan. In einer Aufsehen erregenden Studie hat er nun nachgewiesen, dass das Memorandum gar keine nennenswerte Unterstützung aus der deutschen Professorenschaft erhalten hat. Unser Mitarbeiter Peter Schwarzer sprach mit ihm über diesen Etikettenschwindel.

P.S.: Herr Kissler, Sie haben in Ihrer Studie die Altersstruktur der Unterzeichner des Memorandums untersucht und sind auf sensationelle Ergebnisse gestoßen. Was konnten Sie eruieren? 

A.K.: Nun, wir haben herausgefunden, dass nicht nur die überwältigende Mehrheit aller Emeriti über 65 Jahre alt ist, sondern auch, dass diese Gruppe einen erheblichen Anteil der Unterzeichner des Memorandums ausmacht. Selbst wenn man die für das Memorandum günstigeren Daten vom 16.2.2011 zugrundelegt, ist die Methusalem-Quote, so heißt dieser Wert in der statistischen Forschung, erstaunlich hoch. In der öffentlichen Wahrnehmung ist hier einiges vollkommen verzerrt. So wurde behauptet, ein Drittel der deutschen Professorenschaft in der Katholischen Theologie hätten das Memorandum unterschrieben. Dabei waren es am 16.2. nur 30 Prozent! 

P.S.: Was soll man eigentlich aus dieser Altersstruktur schließen?

A.K.: Das liegt doch auf der Hand: Das Problem, das dieses Memorandum für Glaube und Leben der Kirche darstellt, wird sich elegant biologisch lösen!

P.S.: Biologisch?

A.K.: Die Hälfte der Unterzeichner wird in absehbarer Zeit wegsterben. Zwar haben sich die Herren Professoren in ihrer sogenannten aktiven Zeit (lacht kurz und bitter auf) auf unkündbaren Beamtenstellen mit fürstlichem Salär nicht besonders abgearbeitet, so dass ein relativ früher Erschöpfungstod auszuschließen ist. Dennoch ist angesichts der steigenden Umweltgifte und einer sich durch Wahrscheinlichkeitsrechnung ergebenden Krebsrate mit einer baldigen – jedenfalls in Maßstäben der Kirche – Lösung des Problems zu rechnen.

P.S.: Eine eher ungewöhnliche Sichtweise, würde aber gut erklären, warum den Gegnern des Memorandums der Hinweis auf die vielen Emeriti so wichtig ist. Eine nicht unwichtige Rolle spielt auch die Unterscheidung zwischen in- und ausländischen Professoren. Warum haben Sie die vorgenommen?

A.K.: Das hat unsere Interpretation des Zahlenmaterials begünstigt. Außerdem: Wenn man kommunikationsstrategisch den deutschen Sonderweg des Memorandums anprangern will, kann man Schweizer oder österreichische Theologen nicht in der Statistik brauchen, das ist doch wohl zu verstehen. Die müssen schon aus demagogischen Gründen fehlen.

P.S.: So deutlich kam das aber in Ihrer Studie nicht zum Ausdruck.

A.K.: Herr Schwarzer, wie naiv sind Sie eigentlich? Betätigen Sie sich auch in den Kommentar-Spalten auf kath.net?

P.S.: Sie haben einige Unterzeichner ausfindig gemacht, denen Sie den Titel »Professor/in der Katholischen Theologie« streitig machen. Sie nennen aber in diesen Fällen keine Zahlen, sondern Beispiele. Warum?

A.K.: Wenn ich sage, dass ich vier Fälle gefunden habe, die ich nicht als Professor der Katholischen Theologie einstufe, so klingt das ja nicht besonders beeindruckend, zumal ich mich in einem Fall doch etwas an der Grenze bewege, wenn ich zum Inhaber einer »Professur für philosophische und theologische Grundlagen des sozialen Handelns« anmerke: »Einen Professor für katholische Theologie im eigentlichen Sinn wird man ihn kaum nennen wollen.« Wichtiger als Zahlen ist in diesem Fall: ich beanspruche Definitionsmacht, wenn ich für den Titel »Professor« eine Habilitation verlange und damit den »Funktions-Professor« ausschließe

P.S.: Ist das nicht ein etwas willkürliches Verfahren?

A.K.: Sie müssen es schon mir überlassen, was ich unter bestimmten Begriffen verstehe. Das gilt auch für mein Verständnis des Begriffs »beispiellos«, den ich einfach im Sinn von »größter« verstehe, weil ich so den Professoren gespielte geistige Schlichtheit vorwerfen kann. Dass ich da nicht falsch liege, zeigt sich daran, dass andere es übernommen haben.

P.S.: Warum betonen Sie, dass die Religionspädagogen eine starke Gruppe bei den Unterzeichnern bilden? Immerhin haben ja auch über 30 Bibliker unterzeichnet.

A.K.: Da müssen Sie aber Alt- und Neutestamentler zusammennehmen und die Emeriti und Nichtdeutsche einschließen, um auf diese Zahl zu kommen. Ich habe aber bereits erläutert, dass unsere Studie anders angelegt ist. Dass ich die Religionspädagogen so in den Vordergrund stelle, hat einen einfachen Grund: Ich kann sie für die Misere des Religionsunterricht verantwortlich machen. Das kommt bei der Leserschaft, für die ich schreibe, gut an. Und wenn ich sage, »vor diesem Hintergrund« (dem Selbstverständnis der Religionspädagogen als innerkirchlicher Opposition und dem Abrutschen so mancher Religionsstunde in vergleichende Ethik) sei »die starke Präsenz des Katholischen Bibelwerks auf der Unterzeichnerliste ... aufschlussreich«, so habe ich damit zwar keine besonders präzise Aussage getroffen; aber es lässt sich so, das müssen Sie zugeben, doch sehr gut Stimmung machen: »Eifrig schreiben Ulrike Bechmann, Marie-Theres Wacker und Klaus Bieberstein Bücher und Hefte für das Bibelwerk. Sie unterstützen allesamt das Memorandum.« Mit solchen Formulierungen kann man konzertierte Aktionen kirchenfeindlicher Kreise suggerieren.

P.S.: Stellen Sie deshalb auch Halbfas, Baudler und Esser und deren vorgerücktes Alter so deutlich heraus und verschweigen diejenigen Daten, die nicht zum Etikett des Etikettenschwindels passen?
A.K.: Sie lernen dazu.

P.S.: Und das Zahlenspiel am Ende Ihrer Studie (344 Theologie-Professoren für nur 7340 Studenten) soll dann ebenfalls hauptsächlich rhetorisch wirken?

A.K.: Auch das haben Sie richtig erkannt. Nachdem ich nahegelegt habe, dass jeder Professor nur 21 Studenten zu betreuen habe, lasse ich das Wort von den »paradiesischen Zuständen« fallen ‑ das bestätigt das Vorurteil, dass wir es hier mit einer faulen Berufsgruppe zu tun haben. Und daran anschließend stelle ich dann zwei Phänomene so nebeneinander, dass ein ursächlicher Zusammenhang suggeriert wird: »Die üppige Präsenz katholischer Universitätstheologie und die Verdunstung katholischer Überzeugungen sind parallele Phänomene.« Ich hätte auch schreiben können: »Die Entwicklung der neuen Medien und die Verdunstung katholischer Überzeugungen sind parallele Phänomene.« Oder: »Die üppige Präsenz katholischer Universitätstheologie und der Ausbau des Fernstraßennetzes sind parallele Phänomene.« Aber was hätte mir das genutzt? 

P.S.: Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Köstlich. Vielen Dank für diese präzise Auswertung!

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