Das umstrittene Memorandum

D as Memorandum »Kirche 2011: ein notwendiger Aufbruch«, das aktuell 261 katholische Theologieprofessoren und -professorinnen unterzeichnet haben, ist ein umstrittener Text. Wäre es anders, könnte es einen solchen Aufruf gar nicht geben. Dass es Streit gibt, wenn in der katholischen Kirche auf Veränderungen hingewirkt wird, kann niemanden überraschen, der die letzten Jahrhunderte nicht auf dem Mond verbracht hat. Daraus folgt noch nichts zur Frage, ob die vorgetragenen Anliegen berechtigt sind oder nicht. Aber es relativiert die Tatsache, dass das Memorandum Debatten provoziert. Die in einigen Fällen zu beobachtende Schärfe der Polemik erstaunt allerdings und lässt ein grundsätzliches Misstrauen gegen die Theologie durchblicken - jedenfalls gegen die Theologie, wie sie an Universitäten im deutschen Sprachraum betrieben wird.


Man muss nicht jede Formulierung des Aufrufs glücklich finden und kann doch die Grundlinie mittragen. Ich habe unterzeichnet, obwohl mir die Rede von der »vielleicht letzten Chance« nicht gefiel; auch nicht der fordernde Ton, der manche Passagen prägt. Entscheidend war für mich das Anliegen, das sich in der Einleitung zu den benannten Streitpunkten ausdrückt: »Der offene Dialog darüber muss in folgenden Handlungsfeldern geführt werden.« Dass das Memorandum Probleme nicht aufbauscht oder gar erfindet, sondern benennt, scheint mir eindeutig. Lehnt man den Ruf nach Veränderungen mit Hinweis auf die Glaubens- oder Gotteskrise ab, wird das Phänomen beschrieben, aber nicht seine Ursache. Es gibt sicher nicht die eine richtige Erklärung für den dramatischen Einbruch, der im Blick auf eine kirchlich gebundene Gläubigkeit in den letzten Jahrzehnten zu beobachten ist. Und man muss von den vorgeschlagenen Handlungsfeldern allein auch nicht die Lösung der Krise erwarten. Wer aber strukturelle Gründe grundsätzlich ausblendet oder meint, die Kirche habe sich durch zu weitgehende Öffnung auf die moderne Welt hin selbst unnötigerweise in diese prekäre Situation gebracht, trägt keine ernsthafte Analyse vor. Mehr als die Sehnsucht nach den »guten alten Zeiten« drückt sich darin nicht aus.

Ob der Weg eines öffentlich verhandelten Memorandums schließlich weiterführt, weiß zur Zeit niemand. Wer skeptisch ist, denkt wohl auch an die Kölner Erklärung von 1989. Ich habe meine Vorbehalte gegen manche Formulierungen des Memorandums vor allem deshalb überwunden, weil ein Kardinal öffentlich nicht nur in unsäglich herablassendem Stil sich Debatten verbeten, sondern auch Behauptungen aufgestellt hat, die schlicht falsch sind: gesicherte Forschungsmeinung sei, dass es sich beim Zölibat um ein Merkmal der Kirche seit apostolischer Zeit handle (>). Es ist mir unbegreiflich, wie man zu einer solchen Einschätzung kommen kann. Sie stützt sich wohl auf Werke wie das Buch von Stefan Heid, Zölibat in der frühen Kirche (Paderborn 2003, 3. Auflage). Dessen Ausführungen zum neutestamentlichen Befund sind allerdings so fantasiereich, dass mir kein Neutestamentler bekannt ist, der auch nur zu annähernd ähnlichen Ergebnissen kommt. Soviel zum »gesicherten Forschungsergebnis«. Wenn solche Fehlinformationen in die Öffentlichkeit getragen werden, ist die öffentliche Debatte nicht mehr zu umgehen.

Die Reaktionen, die das Memorandum bei seinen Gegnern ausgelöst hat, sind bisweilen von einer befremdlichen Eindeutigkeit geprägt (ich drücke mich vorsichtig aus). Man spricht von Theologen-Aufstand, vom antikirchlichen und Anti-Rom-Referendum, von anti-römischer Agitation. Hier weiß man genau, was katholisch ist, vor allem: was nicht mehr katholisch ist. Und wenn manche Bischöfe nicht richtig durchgreifen wollen, kann es sein, dass der Respekt vor dem Amt sich verflüchtigt. Da kann man sich schon einmal beschweren, dass offensichtlich nicht alle Bischöfe ganz zum Glauben der Kirche stehen (Kommentar von Wildrosenöl auf kath.net, 8.2.2011), nach dem Motto: Wenn das Lehramt nicht so will wie ich, muss es halt von mir lernen.

Die Abneigung gegen die universitäre Theologie, die in nicht wenigen Reaktionen deutlich wird, stimmt nachdenklich (und hat meinen Plan bestärkt, dieses Blog zu starten). Wie anfällig solche Positionen für plumpe Polemik wie diejenige von Peter Seewald oder Pater Wolfgang Ockenfels sind, ist durch Kommentare auf kath.net hinreichend belegt. Diese Welt duldet keine Störung. Mein Versuch, mit den Machern von kath.net Kontakt aufzunehmen, blieb erfolglos. Die Redaktion ließ zwar den Unterzeichnern des Memorandums eine E-Mail mit einem Link auf das oben verlinkte Interview mit Peter Seewald zukommen. Reagiert man aber darauf, erhält man keine Antwort. Kommunikation scheint hier nur nach dem Modell der Einbahnstraße zu funktionieren. Das Internet macht es möglich, die Richtung der Kommunikation wenigstens indirekt umzukehren. Deshalb soll in folgenden Beiträgen auf die Polemik gegen das Memorandum und seine Unterzeichner eingegangen werden, versteht sich diese Polemik doch bisweilen grundsätzlich als Kritik der Theologie der letzten Jahrzehnte.

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