Jesus, der Akrobat? Oder: Wie setzt man sich gleichzeitig auf zwei Esel (Mt 21,7)?

Wieviele Esel benutzte Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem? Richtet man diese Frage an Markus, Lukas und Johannes, erhält man die erwartete Antwort: einen (Mk 11,7; Lk 19,35; Joh 12,14). Dagegen überrascht Matthäus mit der Verdoppelung des Reittiers. Schon im Auftrag zu dessen ungewöhnlicher Beschaffung gibt sich Jesus nicht mit einem Esel zufrieden. Die Jünger sollen einen Esel und sein Füllen beibringen (Mt 21,2). Wozu »braucht sie der Herr« (21,3)? Zusätzliche Transportaufgaben verbinden sich mit dem zweiten Esel nicht, es geht ausschließlich um Reittiere für Jesus. Zwar kann man die Formulierung »er setzte sich auf sie« (21,7; eindeutig Plural) auf die zuvor erwähnten Kleider beziehen; da diese aber auf beide Tiere gelegt werden, löst sich das Problem dadurch nicht. Die Einheitsübersetzung will eventuell aufkommende Fragen nach akrobatischen Fähigkeiten Jesu vermeiden und schreibt: »Er setzte sich darauf«. Bildliche Darstellungen zeigen Jesus, wie er seitlich auf dem Muttertier sitzt und die Füße auf das daneben laufende (erstaunlich kleine) Füllen stützt.

Matthäus unternimmt nichts zur Klärung des Problems. Warum hat er es dann geschaffen, da er doch in Mk 11 eine Ein-Tier-Version der Erzählung gelesen hat? Des Rätsels Lösung liegt im Alten Testament. Matthäus fügt ein Zitat aus Sach 9,9 ein. In ihm ist die Rede vom sanftmütigen König, der auf einem Esel kommt. Dieser Esel wird in einem Nachsatz näher erläutert als Jungtier (im hebräischen Text aber eher »der Hengst«). Wörtlich übersetzt, ist tatsächlich die Rede von zwei Tieren: »sitzend auf einem Esel und einem jungen Füllen«. Dies ist ursprünglich sicher im Sinne eines »und zwar« gedacht: der Friedenskönig kommt auf einem Esel, näherhin auf einem Jungtier. Matthäus aber hat dies offensichtlich nicht verstanden. Er will zeigen, dass sich die Verheißung aus Sach 9,9 in Jesus erfüllt hat, und nimmt um dieses Zieles willen die Schwierigkeit in Kauf, dass Jesus auf zwei Tieren sitzt.

Kommentare

Regina hat gesagt…
Tja, das siieht einfach nur komisch aus - Dank an die Synopse ! Ich las dieses schon in dem Buch vom 5.Evangelium (Pagels/King). Und es spiegelt herrlich den Spagat wieder, den Jesus vollbringen mußte:zwischen allen Stühlen zu leben stelle ich mir sehr anstrengend vor ( psychologisch betrachtet ist dieses allerdings eine höchst interessante Frage !)
Alexander hat gesagt…
Amüsant finde ich den Satz "Die Einheitsübersetzung will eventuell aufkommende Fragen nach akrobatischen Fähigkeiten Jesu vermeiden und schreibt...", spannend ist die Auflösung der auf den ersten Blick seltsamen Fragestellung des Blogeintrags, die offenkundig in der näheren Präzisierung des Esels als Jungtier besteht.
Anonym hat gesagt…
Nun, ein Füllen ist doch auch ein Esel - ein recht junger halt. Und so löst sich dann dieser scheinbare Widerspruch - wie so viele vermeindliche Widersprüche in der Bibel - in Nichts auf.

Wenn Jesus auf einem Esel und einem Füllen sitzt, dann kann es durchaus ein Tier sein, denn ein Füllen ist ein Esel und ein Füllen. Ganz einfach.
Gerd Häfner hat gesagt…
@Anonym
In der Fassung des Matthäus-Evangeliums werden eindeutig zwei Tiere für Jesus bereitgestellt (21,2f). Auf beide werden die Kleider gelegt (21,7), Jesus setzt sich auf sie (seien hier die Kleider oder die Tiere gemeint; s.o.). Diese Eigenheit des MtEv lässt sich nicht aus dem Text wegerklären. Dass Matthäus anders als die übrigen Evangelisten von zwei Tieren spricht, hängt wohl mit dem oben ausgeführten Missverständnis des alttestamentlichen Textes zusammen. Dort ist tatsächlich nur ein Tier gemeint: ein Esel, und zwar ein Jungtier.

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