Einmal Mannheim und zurück

Am Auftakt des Dialogprozesses habe ich als Vertreter der Arbeitsgemeinschaft der Neutestamentler teilgenommen. Wie diese Veranstaltung ablaufen sollte, war im Vorfeld nur in groben Zügen bekannt. Ich hatte keine Ahnung, wie es möglich sein soll, 300 Leute miteinander ins Gespräch zu bringen. Natürlich kann nicht jeder mit jedem sprechen, aber ich habe die Veranstaltung doch so empfunden, dass ein Dialog in Gang kommt. Dazu hat sicher beigetragen, dass die Arbeitseinheiten von zwei Moderatorinnen geleitet wurden und die Bischöfe mit den eingeladenen Teilnehmern zusammen in Gesprächsrunden saßen (auch wenn die bischöfliche Steuerungsgruppe im Vorfeld sicher gesteuert hat - aber eben nicht ungeschickt). 


Besprochen wurden Hoffnungen und Befürchtungen im Blick auf den Dialogprozess; Quellen, aus denen wir Kraft schöpfen; Stärken und Schwächen der Gruppe, als deren Teil man teilgenommen hat (Ehrenamtliche, Verbandsvertreter, Bischöfe, Professoren, hauptamtliche pastorale Mitarbeiter u.a.); Botschaft und Auftrag der Kirche; Zukunftsbilder unserer Kirche.Es ging also keineswegs nur um »Forderungen«, wie man bisweilen lesen kann.

Die Gesprächsrunden, zunächst durch Losverfahren zusammengestellt, mischten sich mehrmals neu. Dass dies auch innerhalb der Einheiten zu den Zukunftsbildern der Kirche geschah, brachte einerseits eine gewisse Diskontinuität in die Diskussion; andererseits war es auch richtig, den Kreis nicht auf die erste Gesprächsrunde zu beschränken und den Austausch breiter zu streuen. 

Als zum Schluss die Vision von einer attraktiven Kirche in einen Satz zu bündeln war, ist mindestens drei Mal das Stichwort von einer »Pastoral der Barmherzigkeit« gefallen. Die Frage, wie Kirche mit Scheitern von Lebensentwürfen anders umgehen kann, hat sich deutlich gestellt. Auch die Rolle von Frauen in einer »männergeleiteten Frauenkirche«, wie es eine Teilnehmerin ausdrückte, war ein stark besetztes Thema; außerdem auch die Beteiligung von Laien, die konkrete Bedeutung des allgemeinen Priestertums der Gläubigen. 

Deutlich wurde die Furcht vor einer »Kultur der Folgenlosigkeit« geäußert. Ob aus dem begonnenen Dialog tatsächlich Reform-Schritte erwachsen? Auch wenn man die Gefahr von Frustration für den Fall enttäuschter Hoffnungen nicht verkennen muss, sollte man das zarte Pflänzchen »Dialog« nicht schon durch Skepsis ausreißen, bevor es sich verwurzeln kann. Ich bin jedenfalls zuversichtlicher ab- als angereist. Vielleicht bewegt sich doch etwas in den Bedingungen, die der Verkündigung des Evangeliums in unseren Breiten nach dem Urteil nicht weniger eher entgegenstehen als sie zu fördern. Zu diesem Eindruck haben die unterschiedlichen Begegnungen beigetragen: mit Ehrenamtlichen und Gremienvertretern aus den Diözesen oder neuer geistlicher Gemeinschaften, mit Bischöfen, Priestern, Kollegen, Verbandsvertretern. 


Kirchenhass?

Mit dem Eindruck vielfältigen Engagements in der Kirche heimgekehrt, musste ich in einem Beitrag auf kath.net erfahren, dass ich meine Zeit mit Kirchenhassern verbracht habe bzw. dass ich womöglich selber einer bin. Einem Delegierten des Erzbistums Köln, Bernhard Luthe, ist jedenfalls die Frage hochgekommen: »Warum hassen diese Katholiken die Kirche?« Wie deplatziert die Frage nach dem Grund eines solchen Hasses ist, zeigt der über seine Frage angeblich selbst erschrockene Autor in der Fortsetzung:
»Von allzu großer Liebe schienen mir solcherart Aussagen kaum geprägt. Zumindest standen zahlreiche Forderungen im Vordergrund. Und ein offensichtliches Leiden an der Kirche.«
Die Linie steigt ab vom Hass über eine nicht allzu große Liebe bis hin zum Leiden an der Kirche, das dem Autor zwar sicher fremd, aber doch etwas anderes als Hass auf die Kirche ist. Die Redaktion von kath.net aber hat zielsicher den schärfsten Satz als Überschrift des Berichts gewählt und damit bis jetzt 97 Leserkommentare eingesammelt. In ihnen findet sich nicht nur die zu erwartende  Antwort auf die Frage (»Warum hassen diese Katholiken die Kirche?« Diese Katholiken sind eben nicht katholisch; z.B. Mitlesende), sie können auch gut beurteilen, was in Mannheim geschehen ist, ohne dabei gewesen zu sein. Es ist sogar möglich, aus der Ferne eine Diagnose des Intelligenzquotienten der am Dialog Beteiligten zu erstellen: Kommentator Mysterium Ineffabile hat offenbar  einen Distanztest entwickelt, der ihm die Vergabe des Wertes »minus 66« erlaubt. Leser Bene 16 karikiert gekonnt das Bemühen um geschlechtergerechte Sprache und fragt listig, warum die Veranstaltung »eigentlich nicht in Frauheim« stattgefunden habe. Sobald man sich über diesen phänomenalen Scherz wieder eingefangen hat, wird man Zeuge, wie der Kommentator tiefgründig die Grenzen sprachlicher Logik auslotet. Er stellt fest, dass »über etwas dialogisiert wurde, das mit der 'einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche' weniger als nichts zu tun hat.« (Hervorhebung von mir)

Gehen wir zurück zum Bericht aus erster Hand. Das Unverständnis, das sein Autor dem Dialogprozess entgegenbringt, zeigt sich am deutlichsten in seiner Klage über die Visionen, die am Schluss des Treffens in Mannheim vorgetragen wurden.
»In diesen aus allen Arbeitsgruppen von insgesamt ca. 30 Teilnehmern vorgetragenen Statements kam nicht ein einziges Mal Jesus Christus vor ... Keiner der teilnehmenden Gruppen war es wichtig, jenen in den Mittelpunkt zu stellen, der diese Kirche gegründet hat. Keiner kam auf den Gedanken, dass es Jesus Christus selber sein könnte, durch den die Kirche eine große Ausstrahlungskraft haben könnte. Oder das (!) Er durch uns z.B. strahlen könnte oder sollte, damit andere hoffentlich zu Ihm finden könnten. Jedenfalls wurde das so oder ähnlich in keinem Statement geäußert.«
Nun kann man sich schlecht darüber beschweren, dass niemand »Petersilie« sagt, wenn man nach dem Lieblingsobst fragt. Die Vorgabe zur Kirchenvision lautete:
»Unsere Zukunftsbilder von unserer Kirche: Es ist 2015 – das Jubiläumsjahr des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils. Unsere Kirche hat große Ausstrahlungskraft. Was zeichnet sie jetzt aus?« 
Die Frage, was die Kirche auszeichne, richtet sich nicht auf eine theologische Begründung  der Ausstrahlungskraft, die im Prinzip zu allen Zeiten gilt (dass die Kirche von Christus her und auf ihn hin lebt). Sie bezieht sich vielmehr auf das, was kirchliche Lebensvollzüge charakterisieren und so zur Attraktivität der Kirche beitragen könnte. 

Der Autor des kritischen Rückblicks auf das Mannheimer Forum blendet jede strukturelle Dimension aus und setzt allein auf das persönliche Zeugnis. Nun soll dessen Wert gewiss nicht gering geachtet werden. Aber dass allein auf dieser Ebene dem Plausibilitätsverlust kirchlich gebundener Gläubigkeit begegnet werden könnte, ist kaum mehr als ein frommer Wunsch. Wenn der Autor den Gehorsam als jene Tugend beschreibt, um die man »ganz früher wusste ... die heute kaum noch zu vermitteln ist«, so benennt er genau das Problem solcher rückwärtsgewandter Sehnsüchte: sie sind »kaum noch zu vermitteln« - nicht aus bösem Willen, sondern weil seit dem Aufkommen der Moderne Traditionen und Autoritäten radikal in Frage gestellt wurden und die Postmoderne diesen Zustand nicht aufhebt. Das bedeutet nicht, dass es unter diesen Bedingungen keine anerkannte kirchliche Autorität geben könne. Aber wenn sie allein auf einem formal begründeten Gehorsam fußt, wird der Kreis der in der Kirche Glaubenden in unseren Breiten aller Wahrscheinlichkeit nach recht klein werden. 


Lernendes Lehramt

Im Übrigen ist auch der Umfang des vom Lehramt geforderten Gehorsams Wandlungen unterworfen. Im 19. Jahrhundert brach man mit der Tradition, dass in der Theologie all das frei diskutiert werden könne, was nicht vom außerordentlichen Lehramt als glaubensverpflichtend definiert ist. Und wie sich Aussagen des kirchlichen Lehramts ändern können, hat sich z.B. in der Haltung zu Methoden der Bibelauslegung gezeigt. Die im Modernismus-Streit verworfene historisch-kritische Exegese wurde durch die Enzyklika Pius’ XII. Divino afflante spiritu anerkannt (s.a. Dei verbum 12). Wenn sich das Lehramt heute klar zur Demokratie bekennt, hat es seit Gregor XVI. und Pius IX. ebenfalls einen erheblichen Lernprozess durchgemacht. Welcher Papst könnte heute noch vom »Wahnsinn« schreiben, »für jeden die Gewissensfreiheit zu fordern und zu verteidigen« oder als »Wegbereiter für diesen überaus verderblichen Irrtum ... diese vollkommen übermäßige Meinungsfreiheit« bezeichnen und die »Freiheit der Buchdruckerkunst« als »niemals ausreichend verurteilte abscheuliche Freiheit«? (Gregor XVI., Mirari vos). Mit einer Hermeneutik der Kontinuität ist hier nicht weiterzukommen.

Vielleicht können wir uns angesichts solcher Wandlungen eine gewisse Gelassenheit leisten und nicht gleich die Keule von Häresie und Kirchenhass schwingen, wenn die Spannung zwischen Tradition und Aggiornamento im Dialog bearbeitet wird.

Kommentare

Theodor hat gesagt…
Lieber Herr Häfner,

sie schreiben am Ende Ihres Beitrags, dass in Mannheim "die Spannung von Tradition und Aggiornamento im Dialog bearbeitet" worden sei. Können Sie mir vielleicht Auskunft darüber geben, in welcher Form die "Tradition" in Mannheim anwesend war? In den bekannt gewordenen Forderungen kann ich einen Hinweis darauf leider nicht finden.

Mit besten Grüßen
Theodor
Markus hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Markus hat gesagt…
@Theodor: Wie viele Bischöfe waren in Mannheim? ;-)

Ansonsten herzlichen Dank für diesen unaufgeregten Bericht!
Volker Schnitzler hat gesagt…
Wenn die Kirche sich als "Leib Christi" versteht, dann geht es bei dem Dialog über die Möglichkeiten des "Glaubens im Heute" natürlich um Jesus und seine Botschaft. Die Struktur der Kirche kann von dieser Botschaft nicht getrennt werden.

Kardinal Kurt Koch spricht davon (www.die-tagespost.de, Blog Römische Warte), dass das 2. Vatikanum die beiden sich heute im Katholizismus gegenüberstehenden Gruppen geschaffen habe und sich beide Seiten auf Texte des Konzils beziehen können, da diese oft Kompromissformeln darstellen. Mit den Begriffen "Resourcement" und "Aggiornamento", das "Zurückgehen zu den Quellen" gegen das "auf den Stand der Zeit bringen", benennt er die beiden Gruppen, die schon auf dem Konzil miteinander rangen.

Aber ist nicht das Rückbesinnen auf die Quellen auf der Grundlage moderner Bibelforschung die Lösung für die Frage nach der zeitgemäßen Verkündigung des Evangeliums und der Struktur der Kirche?

Meiner Meinung nach steht bei der Auseinandersetzung zwischen beiden Gruppen, die, wenn man sich einmal die Kommentare auf kath.net oder kreuz.net anschaut, schon fast kriegerische Formen angenommen hat, nicht nur das 2. Vatikanum sondern vielmehr das Evangelium auf dem Spiel.

Was sind die eigentlichen Streitpunkte. Für mich sieht es nicht so aus, als stritte man über wesentliche Aussagen des apostolischen Glaubensbekenntnis. Gestritten wird über kirchenrechtliche Fragen (Zölibat, Frauenordination, administrative Strukturen etc.).

Hat dies nicht mit einer bedenklichen Entwicklung seit dem ersten Vatikanum (oder schon früher)zu tun? Wenn Johannes Paul II sich etwa bei der endgültigen Ablehnung der Frauenordination über das Ergebnisse der Päpstlichen Bibelkommission, dass nämlich diese Fragestellung dem Neuen Testament fremd sei, hinweg setzt, dann gründet diese Lehrentscheidung nach meinem Verständnis eben nicht in der Offenbarung, wie es aber von Lumen Gentium 25 gefordert wird.

Dann muss man sich nicht wundern, wenn sich zu dieser Entscheidung der Gehorsam im Kirchenvolk nicht einstellt.

kath.net zitierte vor kurzem den ehemaligen Kardinal Ratzinger zu dieser Frage, der darauf hinwies, dass sich der Papst in seiner Entscheidung eben auf ein Traditionsargument stütze ("...dass die Kirche, die Bischöfe aller Orten und Zeiten immer so gelehrt...).

Hier liegt doch das eigentliche Problem! Jesu Umgang mit den Frauen scheint in seiner Zeit besonders gewesen zu sein: Sie sind Jüngerinnen, sie stehen am Kreuz, ihnen erscheint der Auferstandene zuerst, sie verkünden diese Auferstehung zuerst, geben diese Kunde an die Jünger weiter. In den frühen heidenchristlichen Gemeinden scheinen Frauen, ermutigt durch die Taufformel Gal 3,28, eine wichtige Rolle auch in der Verkündigung und Mission gespielt zu haben (Lydia, Prisca, Junia, Phoebe). Das Diakonissenamt wird im Timotheusbrief erwähnt, sicher ist es aber im 2. Jhd. nachzuweisen (Plinius der Jüngere, Syrische Didaskalia).

An dieser Frage, so scheint mir, kann man das Problem der katholischen Kirche ganz gut aufzeigen. Jesus, ein radikaler Wanderprediger, der aus der Schule des Johannes kommt, gerät wegen seiner Tempel- und Gesetzeskritik (hier unser Streitpunkt, Herr Häfner;-) mit dem jüdischen Establishment in Konflikt. Auch seine Nachfolger, vor allem die hellenistischen Juden, bleiben dieser Botschaft treu und erleiden so ein ähnliches Schicksal (Stephanus, Paulus).

Und was macht die Kirche? Sie baut ein Kirchengesetz und Lehrgebäude auf, wogegen die Tora die Hausordnung eines Kindergartens ist. Die christliche Freiheitsbotschaft erstickt in diesem Paragraphendschungel.
Gerd Häfner hat gesagt…
@Theodor
Wer neue Wege in der Kirche sucht, will sich deshalb nicht außerhalb der Tradition stellen, von der Kirche herkommt. Jedes »Aggiornamento« trägt den Bezug zur Tradition in sich. Mir ist natürlich klar, dass es unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, was legitime Verheutigung und was Verrat an der Tradition ist. Ich sehe solchen Verrat nicht, wenn die Kirche sich über die Pastoral an geschiedenen Wiederverheirateten Gedanken macht (ein in Mannheim stark vertretenes Thema) oder nach neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit der verschiedenen Dienste und Ämter sucht. Es geht letztlich darum, wie das Evangelium heute überzeugend verkündet werden kann. In diesem Bemühen ist die Ausrichtung auf das Überlieferte mitgegeben. Ich verstehe »Tradition« also in einem weiteren Sinn und sehe auch beim Blick in die Geschichte, dass Wandlungen zur Bewahrung von Tradition gehören.
Theodor hat gesagt…
Lieber Herr Häfner,

irgendwie haben sie meine Frage nicht beantwortet. Ich habe kein Problem damit, dass man sich Gedanken über die Pastoral an wiederverheirateten Geschiedenen macht - das ist aber gar nicht mein Punkt.

Sie hatten behauptet, dass in Mannheim Tradition und Aggiornamento im Dialog miteinander gewesen seien. Mir sind als Ergebnis der Veranstaltung 37 Forderungen bekannt geworden, die - wollen Sie das ernsthaft bezweifeln? - "Aggiornamento-Forderungen" sind. Wo ist hier die Tradition? Schlicht als kirchensoziologische Größe. Im Zuge der Memorandums-Diskussion waren diese unterschiedlichen Positionen in der Kirche überdeutlich sichtbar geworden. Wie kann man dann etwas Dialog nennen, bei dem die eine Position nicht beteiligt war? Das hat etwas von SED: wenn die Partei tagt, sind per Definition alle legitimen Positionen repräsentiert.

Beste Grüße
Theodor
Volker Schnitzler hat gesagt…
@Theodor

Sie gehen davon aus, dass es sich bei den beiden Begriffen Tradition und Aggiornamento um unvereinbare Größen handelt. Dem ist, denke ich, nicht so. Wenn Kirche lebendig bleiben will, dann ist beides gleichzeitig nötig. Die Traditionen müssen aktualisiert werden, von historisch Zeitgeistigem (wie vielleicht die Vorurteile gegenüber Frauen oder Homosexuellen?!) befreit werden. Dabei sollte man sich am Evangelium ausrichten.

Selbst ein Dogma ist doch nach katholischer Lehre aufgrund der Begrenztheit menschlicher Sprache nicht so starr, wie viele das glauben, sondern ist in die Zukunft hin offen für Präzisierungen.

So die Kongregation für die Glaubenslehre in Mysterium ecclesiae:

"Was diese Geschichtlichkeit [des Dogmas] angeht, muss zunächst bedacht werden, dass der Sinn, den die Glaubensaussagen haben, teilweise von der Aussagekraft der zu einer bestimmten Zeit und unter bestimmten Umständen angewandten Sprache abhängt. Außerdem kommt es bisweilen vor, dass eine dogmatische Wahrheit zunächst in unvollständiger, aber deshalb nicht falscher Weise ausgedrückt wird und später im größeren Zusammenhang des Glaubens und der menschlichen Erkenntnisse betrachtet und dadurch vollständiger und vollkommener dargestellt wird."

Zu den Arbeitern im Weinberg, die Sie in Ihrem Blog erwähnen, fällt mir übrigens noch ein, dass auch der das Himmelreich erfährt, der nicht sein Leben lang zur Kirche und zur Beichte gegangen ist, wenn er denn zuletzt noch Gottes Angebot annimmt.
Andreas Metge hat gesagt…
Die obige Diskiussion ist eingeengt auf das interessante Spannungsfeld von "Tradition und Aggiornamento" oder "Tradition versus Aggiornamento". Eingeengt deshalb, weil Christsein, Kirche, Kirche und Welt u.U. ein klein wenig mehr beinhaltet als das. Für mich zum Beispiel: Gott. Und die Menschen. Nicht mehr. Und nicht weniger.
Eingeengt, eng machend, finde ich die Diskussion auch, weil ich raten muss, zu welchem Pol welcher Diskutant denn eher zuneigen könnte: dem der Tradition oder dem des Aggiornamento? Auf einer Skala von 50 - 0 - 50 würde ich mich bei ca. 45 in der Nähe von Aggiornamento einordnen. Und Sie, meine Herren? Von welchem Standpunkt aus sprechen/schreiben Sie?
Eingeengt finde ich den obigen Diskussionsverlauf auch, weil bestimmte Dinge nicht einfach beim Namen genannt werden: Die deutschen Bischöfe haben eingeladen. Nicht jeden (z.B. auch nicht mich - schade!). Nicht zu jedem Thema. Nicht auf x-beliebige, sondern auf eine ganz bestimmt Weise. Endlich (finde ich) übernehmen Sie die Aufgabe der Leitung unserer Kirche auf eine angemessene Art und Weise. Und ich respektiere das, weil ich aus den bisherigen Berichten den Eindruck gewinne: Viele kommen angemessen zu Wort! Weiter so!
Theodor hat gesagt…
Hallo Herr Schnitzler,

ich scheine Probleme zu haben, mich verständlich zu machen :-(

Mir ging es nicht um die Frage, ob, wie und auf welche Weise Tradition und Aggiornamento miteinander in Beziehung stehen können / sollen / müssen. Ich habe einfach festgestellt, dass es in der katholischen Kirche in Deutschland Menschen gibt, die sich für die Wahrung der Tradition einsetzen und solche, die sich mehr "Aggiornamento" wünschen. Zwischen denen sollte es einen Dialog geben. In Mannheim haben sich die letzteren zusammengesetzt, ihre Forderungen an die Wand gemalt und behaupten nun recht frech, das Argument der Tradition hätten sie dabei schon hinreichend berücksichtigt. Meinen Vorstellungen von Dialog hätte es entsprochen, wenn man die Freunde der Tradition einfach mit an den Tisch (oder in den Stuhlkreis) gesetzt hätte. Aber da habe ich wohl allzu moderne Vorstellungen von Dialog ...

Herzlichst
Theodor
Volker Schnitzler hat gesagt…
@Theodor

Und ich wollte zum Ausdruck bringen, dass ich es für einen Fehler halte, beides voneinander zu trennen und gegeneinander auszuspielen.

Und Traditionalisten wie die Piusbrüder bekommen doch die große Ehre, den Dialog direkt mit dem Vatikan führen zu dürfen und so Änderungen direkt herbeizuführen, obgleich sie aus dem Schisma kommen (zumindest die Bischöfe).
Gerd Häfner hat gesagt…
Die Diskussion ging aus von dem Satz, der von der Bearbeitung der »Spannung zwischen Tradition und Aggiornamento im Dialog« sprach. Die erste Rückfrage richtete sich darauf, wo denn in Mannheim das Element der Tradition vertreten war. Ich habe die beiden fraglichen Begriffe allerdings nicht auf bestimmte Gruppen oder deren Vertreter bezogen, sondern andeuten wollen, dass jeder Versuch der »Verheutigung« nicht ohne Bezug auf die Tradition möglich ist. Es soll ja etwas Vorgegebenes für die jeweilige Zeit verständlich werden können: das Evangelium von Gott, der in Jesus Christus alle Menschen retten will. Und auch die Entfaltungsformen des kirchlichen Lebens durch die Zeiten sind eine Vorgabe, über die ein Aggiornamento nicht einfach hinweggehen kann. Diese Formen haben sich aber immer wieder gewandelt. Deshalb muss jede Zeit neu herausfinden, wie kirchliches Leben zu gestalten ist, ohne einerseits die Herkunft zu verraten und ohne andererseits der Verkündigung des Evangeliums unnötige Hindernisse in den Weg zu legen.

Nach welchen Grundsätzen zum Forum nach Mannheim eingeladen wurde, weiß ich nicht; es waren aber auch Teilnehmer dabei, denen die Wahrung der Tradition durchaus ein Anliegen ist. Im Übrigen halte ich die einladenden Bischöfe für zuverlässig katholisch und in der Lage, das Moment der Tradition zu vertreten. Wenn es ihnen vor allem darum ging, in einen Dialog mit reformorientierten Kräften zu kommen, muss die Zusammensetzung der Veranstaltung nicht als unangemessen beurteilt werden.
Anonym hat gesagt…
Zur Zusammensetzung des doch recht großen Personenkreises möchte ich noch anmerken, dass dieser nicht von den Bischöfen fixiert war. Wie ich das mitbekommen habe, haben sich verschiedene Gruppierungen intern darauf geeinigt, wer teilnimmt. Und da fällt doch etwas auf: Einige Bischöfe etwa waren anwesend, manche haben sich vertreten lassen. Wenn man nun das benannte Schema "Tradition" und "Aggionamento" anwendet, fehlen gerade von den Bischöfen einige, die eindeutig der ersten Richtung zuzuordnen sind. Vielleicht ist es Teil der Einstellung der "Traditions"-Partei, dass ein derartiger Diskussionsprozess gar nicht zielführend ist? Haben "Traditions"-Parteigänger vielleicht weniger Lust, überhaupt teilzunehmen?
Volker Schnitzler hat gesagt…
Oder ist es gerade der Trick der Traditionalisten, über diese Selbstbezeichnung den so erzeugten Gegnern die traditionelle Ausrichtung absprechen zu können? Auch für die Reformbefürworter ist die Tradition ein hohes Gut!
Anonym hat gesagt…
Ich verstehe mich ganz bewusst als eine Katholikin unserer Zeit, ich bin katholische Theologin aus tiefster Überzeugung. Ebenso bin ich aus Überzeugung "Traditionalistin" und beschäftige mich intensiv mit den Traditionen der rk Kirche - mit der Erkenntnis, dass zu allen Zeiten Dinge immer wieder geändert wurden.
So ist mir auch aufgefallen, dass die entstehende Kirche sich schon in sehr früher Zeit unter dem Einfluss der hellenistisch-römischen Umwelt, der Gnosis, der Manichäer u.ä. immer weiter von der Tradition Jesu verabschiedet hat, die z.B. Apostolinnen, Diakoninnen, Gemeindeleiterinnen und bis ins hohe Mittelalter verheiratete Geistliche kannte. Jesus hatte schließlich Menschen in seine Nachfolge gerufen, ohne Rücksicht auf Geschlecht und Familienstand.
Wenn ich heute höre, dass nur ein "unverheirateter Mann Jesus angemessen repräsentieren kann", dann frage ich (und viele andere):
1. wieso muss Jesus in der Kirche "repräsentiert" werden, wenn er doch allzeit gegenwärtig ist?
2. wieso Mann und unverheiratet? Wir wissen von Jesus ganz sicher, dass er ein Mann war, ja, aber auch, dass er Jude war, Rabbi und beschnitten. Wir wissen nicht, ob er verheiratet war oder nicht. Als Rabbi hätte er das wohl sein sollen, und das NT betont doch in der Regel, worin Jesus sich von seiner jüdischen Umwelt unterschied...
Also wenn schon dem Kirchenargument (s.o.) folgend, müsste ein Priester Mann, Jude, Rabbi und beschnitten sein. Und sollte verheiratet sein (und ein guter Familienvater, wie es Paulus für einen Gemeindevorsteher fordert). Sie merken selber, wie unsinnig das klingt. Genauso unsinnig ist die Argumentation gegen Frauenpriestertum und Abschaffung des Zölibats.
Mir wird aber schon an diesem einen Punkt deutlich, dass mit dem Festhalten an solchen un-jesuanischen Kirchengesetzen heute vielen Menschen der Weg zum Kern der Frohbotschaft (Evangelium) Jesu versperrt wird.
Nicht Gehorsam, und schon gar nicht zu Kirchenrecht und römischem Lehramt, sondern Nachfolge ist die Forderung, die Jesus aufstellt. Im Gegensatz zu den fundamentalistischen Kräften, denen - im Verhältnis zu ihrer Masse - in Rom ein viel zu hohes Gewicht eingeräumt wird, sagt Jesus grade nicht: "DAS ist der richtige Weg, den ihr, den die Kirche gehen muss!"
Er sagt: "ICH bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, folge mir nach!" Es ist die große GOTT-geschenkte Freiheit der Christen/innen, dass jede/r seinen/ihren Weg im Leben auf der Spur Christi finden darf, dass es für jede/n Wahrheit gibt, nicht nur die Wahrheit des Lehramtes.

Wie wäre es, liebe selbsternannte "Traditionshüter", wenn wir uns gemeinsam auf Spurensuche nach der ursprünglichen Tradition Jesu begäben und die Kirche wieder nach seinem Willen und seiner Lehre ausrichteten!
Ich bin fest überzeugt, dass sie dann ganz von selber mit großer Strahlkraft in die Zukunft leuchten würde.

Shalom, Ulla

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