28. Februar 2011

Who's who? (1)

Biblische Personen in ungewohnter Beschreibung. Heute eine Gestalt aus dem Neuen Testament.

Dieser Häuslebesitzer musste mehr Höhenmeter zurücklegen als die meisten aus seiner Wandergruppe. Dennoch war er konditionell nicht der Stärkste. Ausdauernder als im Lauf war er im Wort, immerhin fühlte er sich zum Reden geradezu verpflichtet. Dass er einem nur Dasitzenden Beine machen konnte, hing nicht mit seiner Chefstellung zusammen, an der im Übrigen seine Nachfolger stärker interessiert waren als er selbst. Am Orontes hatte er einmal den undankbaren Platz zwischen allen Stühlen; wie er sich aus der Affäre zog, wissen wir nicht. Während damals Differenzen das Bild bestimmten, besaß er dennoch die erstaunliche Fähigkeit, mit seinen Kollegen ganze Sätze synchron zu sprechen. Unterschiedliche Erfahrungen machte er auch mit Türen. Geradezu modern mutet das Erlebnis automatischer Türöffnung an, das ihm zu nächtlicher Stunde nicht ganz ungelegen kam. Andererseits musste er feststellen, dass man sich vor verschlossenen Türen auch die Finger wund klopfen kann, bis jemand öffnet. Zur Lösung bitte weiterlesen.

Jesus, der Akrobat? Oder: Wie setzt man sich gleichzeitig auf zwei Esel (Mt 21,7)?

Wieviele Esel benutzte Jesus bei seinem Einzug in Jerusalem? Richtet man diese Frage an Markus, Lukas und Johannes, erhält man die erwartete Antwort: einen (Mk 11,7; Lk 19,35; Joh 12,14). Dagegen überrascht Matthäus mit der Verdoppelung des Reittiers. Schon im Auftrag zu dessen ungewöhnlicher Beschaffung gibt sich Jesus nicht mit einem Esel zufrieden. Die Jünger sollen einen Esel und sein Füllen beibringen (Mt 21,2). Wozu »braucht sie der Herr« (21,3)? Zusätzliche Transportaufgaben verbinden sich mit dem zweiten Esel nicht, es geht ausschließlich um Reittiere für Jesus. Zwar kann man die Formulierung »er setzte sich auf sie« (21,7; eindeutig Plural) auf die zuvor erwähnten Kleider beziehen; da diese aber auf beide Tiere gelegt werden, löst sich das Problem dadurch nicht. Die Einheitsübersetzung will eventuell aufkommende Fragen nach akrobatischen Fähigkeiten Jesu vermeiden und schreibt: »Er setzte sich darauf«. Bildliche Darstellungen zeigen Jesus, wie er seitlich auf dem Muttertier sitzt und die Füße auf das daneben laufende (erstaunlich kleine) Füllen stützt.

»Das Problem des Memorandums wird sich biologisch lösen«

Zum folgenden fiktiven Text ist die Warnung vor den Nebenwirkungen zu beachten.

Alexander Kissler, ein rüstiger Anfangvierziger nur wenige Jahre vor der midlife crisis, hat sich als scharfer Kritiker des Memorandums der Theologen hervorgetan. In einer Aufsehen erregenden Studie hat er nun nachgewiesen, dass das Memorandum gar keine nennenswerte Unterstützung aus der deutschen Professorenschaft erhalten hat. Unser Mitarbeiter Peter Schwarzer sprach mit ihm über diesen Etikettenschwindel.

P.S.: Herr Kissler, Sie haben in Ihrer Studie die Altersstruktur der Unterzeichner des Memorandums untersucht und sind auf sensationelle Ergebnisse gestoßen. Was konnten Sie eruieren? 

A.K.: Nun, wir haben herausgefunden, dass nicht nur die überwältigende Mehrheit aller Emeriti über 65 Jahre alt ist, sondern auch, dass diese Gruppe einen erheblichen Anteil der Unterzeichner des Memorandums ausmacht. Selbst wenn man die für das Memorandum günstigeren Daten vom 16.2.2011 zugrundelegt, ist die Methusalem-Quote, so heißt dieser Wert in der statistischen Forschung, erstaunlich hoch. In der öffentlichen Wahrnehmung ist hier einiges vollkommen verzerrt. So wurde behauptet, ein Drittel der deutschen Professorenschaft in der Katholischen Theologie hätten das Memorandum unterschrieben. Dabei waren es am 16.2. nur 30 Prozent! 

P.S.: Was soll man eigentlich aus dieser Altersstruktur schließen?

A.K.: Das liegt doch auf der Hand: Das Problem, das dieses Memorandum für Glaube und Leben der Kirche darstellt, wird sich elegant biologisch lösen!

P.S.: Biologisch?

A.K.: Die Hälfte der Unterzeichner wird in absehbarer Zeit wegsterben. Zwar haben sich die Herren Professoren in ihrer sogenannten aktiven Zeit (lacht kurz und bitter auf) auf unkündbaren Beamtenstellen mit fürstlichem Salär nicht besonders abgearbeitet, so dass ein relativ früher Erschöpfungstod auszuschließen ist. Dennoch ist angesichts der steigenden Umweltgifte und einer sich durch Wahrscheinlichkeitsrechnung ergebenden Krebsrate mit einer baldigen – jedenfalls in Maßstäben der Kirche – Lösung des Problems zu rechnen.

P.S.: Eine eher ungewöhnliche Sichtweise, würde aber gut erklären, warum den Gegnern des Memorandums der Hinweis auf die vielen Emeriti so wichtig ist. Eine nicht unwichtige Rolle spielt auch die Unterscheidung zwischen in- und ausländischen Professoren. Warum haben Sie die vorgenommen?

A.K.: Das hat unsere Interpretation des Zahlenmaterials begünstigt. Außerdem: Wenn man kommunikationsstrategisch den deutschen Sonderweg des Memorandums anprangern will, kann man Schweizer oder österreichische Theologen nicht in der Statistik brauchen, das ist doch wohl zu verstehen. Die müssen schon aus demagogischen Gründen fehlen.

P.S.: So deutlich kam das aber in Ihrer Studie nicht zum Ausdruck.

A.K.: Herr Schwarzer, wie naiv sind Sie eigentlich? Betätigen Sie sich auch in den Kommentar-Spalten auf kath.net?

P.S.: Sie haben einige Unterzeichner ausfindig gemacht, denen Sie den Titel »Professor/in der Katholischen Theologie« streitig machen. Sie nennen aber in diesen Fällen keine Zahlen, sondern Beispiele. Warum?

A.K.: Wenn ich sage, dass ich vier Fälle gefunden habe, die ich nicht als Professor der Katholischen Theologie einstufe, so klingt das ja nicht besonders beeindruckend, zumal ich mich in einem Fall doch etwas an der Grenze bewege, wenn ich zum Inhaber einer »Professur für philosophische und theologische Grundlagen des sozialen Handelns« anmerke: »Einen Professor für katholische Theologie im eigentlichen Sinn wird man ihn kaum nennen wollen.« Wichtiger als Zahlen ist in diesem Fall: ich beanspruche Definitionsmacht, wenn ich für den Titel »Professor« eine Habilitation verlange und damit den »Funktions-Professor« ausschließe

P.S.: Ist das nicht ein etwas willkürliches Verfahren?

A.K.: Sie müssen es schon mir überlassen, was ich unter bestimmten Begriffen verstehe. Das gilt auch für mein Verständnis des Begriffs »beispiellos«, den ich einfach im Sinn von »größter« verstehe, weil ich so den Professoren gespielte geistige Schlichtheit vorwerfen kann. Dass ich da nicht falsch liege, zeigt sich daran, dass andere es übernommen haben.

P.S.: Warum betonen Sie, dass die Religionspädagogen eine starke Gruppe bei den Unterzeichnern bilden? Immerhin haben ja auch über 30 Bibliker unterzeichnet.

A.K.: Da müssen Sie aber Alt- und Neutestamentler zusammennehmen und die Emeriti und Nichtdeutsche einschließen, um auf diese Zahl zu kommen. Ich habe aber bereits erläutert, dass unsere Studie anders angelegt ist. Dass ich die Religionspädagogen so in den Vordergrund stelle, hat einen einfachen Grund: Ich kann sie für die Misere des Religionsunterricht verantwortlich machen. Das kommt bei der Leserschaft, für die ich schreibe, gut an. Und wenn ich sage, »vor diesem Hintergrund« (dem Selbstverständnis der Religionspädagogen als innerkirchlicher Opposition und dem Abrutschen so mancher Religionsstunde in vergleichende Ethik) sei »die starke Präsenz des Katholischen Bibelwerks auf der Unterzeichnerliste ... aufschlussreich«, so habe ich damit zwar keine besonders präzise Aussage getroffen; aber es lässt sich so, das müssen Sie zugeben, doch sehr gut Stimmung machen: »Eifrig schreiben Ulrike Bechmann, Marie-Theres Wacker und Klaus Bieberstein Bücher und Hefte für das Bibelwerk. Sie unterstützen allesamt das Memorandum.« Mit solchen Formulierungen kann man konzertierte Aktionen kirchenfeindlicher Kreise suggerieren.

P.S.: Stellen Sie deshalb auch Halbfas, Baudler und Esser und deren vorgerücktes Alter so deutlich heraus und verschweigen diejenigen Daten, die nicht zum Etikett des Etikettenschwindels passen?
A.K.: Sie lernen dazu.

P.S.: Und das Zahlenspiel am Ende Ihrer Studie (344 Theologie-Professoren für nur 7340 Studenten) soll dann ebenfalls hauptsächlich rhetorisch wirken?

A.K.: Auch das haben Sie richtig erkannt. Nachdem ich nahegelegt habe, dass jeder Professor nur 21 Studenten zu betreuen habe, lasse ich das Wort von den »paradiesischen Zuständen« fallen ‑ das bestätigt das Vorurteil, dass wir es hier mit einer faulen Berufsgruppe zu tun haben. Und daran anschließend stelle ich dann zwei Phänomene so nebeneinander, dass ein ursächlicher Zusammenhang suggeriert wird: »Die üppige Präsenz katholischer Universitätstheologie und die Verdunstung katholischer Überzeugungen sind parallele Phänomene.« Ich hätte auch schreiben können: »Die Entwicklung der neuen Medien und die Verdunstung katholischer Überzeugungen sind parallele Phänomene.« Oder: »Die üppige Präsenz katholischer Universitätstheologie und der Ausbau des Fernstraßennetzes sind parallele Phänomene.« Aber was hätte mir das genutzt? 

P.S.: Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

27. Februar 2011

Zwangsjogging? Oder: Warum sollte mich jemand nötigen, eine Meile mit ihm zu gehen (Mt 5,41)?

Unter der Aufforderung, demjenigen, der auf die rechte Wange schlägt, auch die andere Wange hinzuhalten (Mt 5,39), können wir uns auch heute unmittelbar etwas vorstellen. Dagegen gehört, nicht nur wegen des ungewohnten Längenmaßes, »das Zwingen zu einer Meile« nicht zu unserer Lebenswelt. Auch der zum Ausdauertraining angehaltene Sportler wird sich in dem Satz kaum entdecken können, und das aus zwei Gründen. Erstens heißt es: »... geh mit ihm zwei (Meilen)«; der Trainer müsste also mitlaufen, was höchst unwahrscheinlich ist. Zweitens würde ohne Angaben von Gründen das Laufpensum unterwegs verdoppelt, und das widerspricht heutigen genau ausgeklügelten Trainingsplänen.

»Hier dokumentiert sich der groteske Aufstand theologischer Zwerge«

Für den folgenden Beitrag ist die Warnung vor den Nebenwirkungen zu beachten. Die katholische Nachrichten-Site kath.net hat mit Pater Wolfgang Ockenfels ein Interview geführt, das all diejenigen eines Besseren belehrt hat, die meinten, der Tiefpunkt sei bereits in dem Gespräch mit Peter Seewald erreicht worden. Um die Substanzlosgkeit der Polemik zu demonstrieren, wird im folgenden Text das Interview fiktiv gewendet: Die Fragen richten sich an einen Unterzeichner des Memorandums. Deshalb ist die erste Frage ins Gegenteil verkehrt (im Original wurde gefragt, warum der Gesprächspartner die »Petition pro ecclesia und nicht das Memorandum unterschrieben habe), ansonsten sind die Fragen belassen worden. Und auch die Antworten konnte ich zu weiten Teilen übernehmen. Daran zeigt sich, wie unspezifisch ihr Inhalt ist (nur um diesen Aufweis geht es, nicht darum, die Unterzeichner der Petition zu schmähen; s. zur ernsthaften Auseinandersetzung mit der Petition hier). Einige Beleidigungen mussten nur noch ins Gegenteil verkehrt werden - fertig war der Text. Was in den Antworten wörtlich übernommen ist, ist grün hinterlegt. 


Einige Bischöfe haben sich bereits mutig geäußert und Dialog angeboten. Andere sind hinter dem Papst in Deckung gegangen – superkath.net-Exklusivinterview mit Prof. Gerd Häfner, Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU München. 


superkath.net: Herr Professor Häfner, Sie haben das Theologenmemorandum »Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch unterzeichnet, nicht aber die »Petition Pro ecclesia«. Warum?

Wer Wind sät, wird heiße Luft ernten

Den folgenden (hier leicht geänderten) Text habe ich an die Redaktion von kath.net geschickt mit der Bitte um Veröffentlichung auf ihrer Homepage, um den Lesern die polemische Strategie des Interviews mit Peter Seewald (»Wer Wind sät, wird Sturm ernten«) klar zu machen. Eine Antwort habe ich nicht erhalten. 

D as Interview mit Peter Seewald bei kath.net hat in den dortigen Kommentaren ein begeistertes Echo ausgelöst: Endlich zeigt es einmal einer den arroganten Theologen, die da in antikirchlicher und papstfeindlicher Pose auf dem hohen Ross sitzen. Angesichts dieser eindeutigen Haltungen scheint der Versuch aussichtslos, jene Kommentatoren davon zu überzeugen, dass das Anliegen des Memorandums gerechtfertigt sein könnte. Genauso gut könnte man versuchen, eine Kuh dadurch zu einer Reaktion zu bewegen, dass man ihr ins Horn zwickt. Gegner des Memorandums, nicht aufregen! Das war nur einer der rhetorischen Tricks, die Peter Seewald in seinem Interview angewandt hat, als er von der Schleifung des Eiffelturms und der Verwandlung des FC Bayern München in einen Amateurverein sprach: Nimm einfach ein starkes Bild und beziehe es auf Deinen Gegner, ohne zu begründen, warum es sachlich angemessen ist. Mein Ziel ist also nicht die Überzeugung, sondern bescheidener: deutlich zu machen, dass in diesem Interview nichts anderes geboten wird als Stimmungsmache und billige Polemik. Da es nur darauf zielt, die Einstellungen der Leser zu bestärken, verzichtet es auf jede sachliche Auseinandersetzung und schreckt auch nicht davor zurück, dem Memorandum falsche Aussagen zu unterschieben. Starker Tobak? Die Belege folgen. 

Das umstrittene Memorandum

D as Memorandum »Kirche 2011: ein notwendiger Aufbruch«, das aktuell 261 katholische Theologieprofessoren und -professorinnen unterzeichnet haben, ist ein umstrittener Text. Wäre es anders, könnte es einen solchen Aufruf gar nicht geben. Dass es Streit gibt, wenn in der katholischen Kirche auf Veränderungen hingewirkt wird, kann niemanden überraschen, der die letzten Jahrhunderte nicht auf dem Mond verbracht hat. Daraus folgt noch nichts zur Frage, ob die vorgetragenen Anliegen berechtigt sind oder nicht. Aber es relativiert die Tatsache, dass das Memorandum Debatten provoziert. Die in einigen Fällen zu beobachtende Schärfe der Polemik erstaunt allerdings und lässt ein grundsätzliches Misstrauen gegen die Theologie durchblicken - jedenfalls gegen die Theologie, wie sie an Universitäten im deutschen Sprachraum betrieben wird.


Man muss nicht jede Formulierung des Aufrufs glücklich finden und kann doch die Grundlinie mittragen. Ich habe unterzeichnet, obwohl mir die Rede von der »vielleicht letzten Chance« nicht gefiel; auch nicht der fordernde Ton, der manche Passagen prägt. Entscheidend war für mich das Anliegen, das sich in der Einleitung zu den benannten Streitpunkten ausdrückt: »Der offene Dialog darüber muss in folgenden Handlungsfeldern geführt werden.« Dass das Memorandum Probleme nicht aufbauscht oder gar erfindet, sondern benennt, scheint mir eindeutig. Lehnt man den Ruf nach Veränderungen mit Hinweis auf die Glaubens- oder Gotteskrise ab, wird das Phänomen beschrieben, aber nicht seine Ursache. Es gibt sicher nicht die eine richtige Erklärung für den dramatischen Einbruch, der im Blick auf eine kirchlich gebundene Gläubigkeit in den letzten Jahrzehnten zu beobachten ist. Und man muss von den vorgeschlagenen Handlungsfeldern allein auch nicht die Lösung der Krise erwarten. Wer aber strukturelle Gründe grundsätzlich ausblendet oder meint, die Kirche habe sich durch zu weitgehende Öffnung auf die moderne Welt hin selbst unnötigerweise in diese prekäre Situation gebracht, trägt keine ernsthafte Analyse vor. Mehr als die Sehnsucht nach den »guten alten Zeiten« drückt sich darin nicht aus.

Ob der Weg eines öffentlich verhandelten Memorandums schließlich weiterführt, weiß zur Zeit niemand. Wer skeptisch ist, denkt wohl auch an die Kölner Erklärung von 1989. Ich habe meine Vorbehalte gegen manche Formulierungen des Memorandums vor allem deshalb überwunden, weil ein Kardinal öffentlich nicht nur in unsäglich herablassendem Stil sich Debatten verbeten, sondern auch Behauptungen aufgestellt hat, die schlicht falsch sind: gesicherte Forschungsmeinung sei, dass es sich beim Zölibat um ein Merkmal der Kirche seit apostolischer Zeit handle (>). Es ist mir unbegreiflich, wie man zu einer solchen Einschätzung kommen kann. Sie stützt sich wohl auf Werke wie das Buch von Stefan Heid, Zölibat in der frühen Kirche (Paderborn 2003, 3. Auflage). Dessen Ausführungen zum neutestamentlichen Befund sind allerdings so fantasiereich, dass mir kein Neutestamentler bekannt ist, der auch nur zu annähernd ähnlichen Ergebnissen kommt. Soviel zum »gesicherten Forschungsergebnis«. Wenn solche Fehlinformationen in die Öffentlichkeit getragen werden, ist die öffentliche Debatte nicht mehr zu umgehen.

Die Reaktionen, die das Memorandum bei seinen Gegnern ausgelöst hat, sind bisweilen von einer befremdlichen Eindeutigkeit geprägt (ich drücke mich vorsichtig aus). Man spricht von Theologen-Aufstand, vom antikirchlichen und Anti-Rom-Referendum, von anti-römischer Agitation. Hier weiß man genau, was katholisch ist, vor allem: was nicht mehr katholisch ist. Und wenn manche Bischöfe nicht richtig durchgreifen wollen, kann es sein, dass der Respekt vor dem Amt sich verflüchtigt. Da kann man sich schon einmal beschweren, dass offensichtlich nicht alle Bischöfe ganz zum Glauben der Kirche stehen (Kommentar von Wildrosenöl auf kath.net, 8.2.2011), nach dem Motto: Wenn das Lehramt nicht so will wie ich, muss es halt von mir lernen.

Die Abneigung gegen die universitäre Theologie, die in nicht wenigen Reaktionen deutlich wird, stimmt nachdenklich (und hat meinen Plan bestärkt, dieses Blog zu starten). Wie anfällig solche Positionen für plumpe Polemik wie diejenige von Peter Seewald oder Pater Wolfgang Ockenfels sind, ist durch Kommentare auf kath.net hinreichend belegt. Diese Welt duldet keine Störung. Mein Versuch, mit den Machern von kath.net Kontakt aufzunehmen, blieb erfolglos. Die Redaktion ließ zwar den Unterzeichnern des Memorandums eine E-Mail mit einem Link auf das oben verlinkte Interview mit Peter Seewald zukommen. Reagiert man aber darauf, erhält man keine Antwort. Kommunikation scheint hier nur nach dem Modell der Einbahnstraße zu funktionieren. Das Internet macht es möglich, die Richtung der Kommunikation wenigstens indirekt umzukehren. Deshalb soll in folgenden Beiträgen auf die Polemik gegen das Memorandum und seine Unterzeichner eingegangen werden, versteht sich diese Polemik doch bisweilen grundsätzlich als Kritik der Theologie der letzten Jahrzehnte.