Sonntagsevangelium (29)

10. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 3,20-35
In Mk 3,20-35 werden zwei Erzählstränge ineinander verwoben. Die Passage ist ein Beispiel für die so genannte »Schachteltechnik«, die im Markus-Evangelium dreimal angewandt wird: Ein begonnener Erzählfaden wird durch eine zweite Erzählung unterbrochen, nach deren Abschluss er wieder aufgenommen und zu Ende geführt wird (s.a. Mk 5,21-43; etwas anders in 14,56-72).

Im ersten Strang geht es um das Verhältnis Jesu zu seinen Verwandten. Es wird zunächst von Seiten der Verwandten aus bestimmt: Sie ziehen aus, um Jesus zu ergreifen, weil sie ihn für verrückt halten (3,21). Weder Matthäus noch Lukas haben diese Szene übernommen. Sie haben sie wohl als anstößig empfunden, was auch damit zusammenhängen dürfte, dass sie weitere Traditionen über die Familie Jesu bieten, vor allem in den »Kindheitsgeschichten« (Mt 1-2; Lk 1-2). Nach deren Darstellung wäre es recht unerklärlich, wenn die Familie Jesu, durch göttliche Boten über die Würde Jesu unterrichtet, seinem Wirken so fremd und ablehnend gegenüberstünde wie in Mk 3,21. Anders Markus: In seinem Werk gibt es keine Hinweise auf ein positives Verhältnis zwischen Jesus und seiner Familie, und so erscheint der Bruch in unserer Erzählung sehr hart. Es distanziert sich nicht nur die Familie von Jesus, sondern auch Jesus von seiner Familie. Die Nachricht, dass seine Mutter, seine Brüder und Schwestern ihn suchten, kommentiert er mit den Worten, dass diejenigen, die auf seine Botschaft hören und den Willen Gottes tun, ihm Bruder, Schwester und Mutter seien (3,34f).



Bruch mit der Familie: ein Aspekt der Nachfolge Jesu

Das kritische Verhältnis zur Familie ist ein Thema, das auch in Sprüchen zur Nachfolge der Jünger erscheint. Wer sich noch von der Familie verabschieden will, hört das Wort: niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, taugt für das Reich Gottes (Lk 9,61f). Die Bitte, vor dem Eintritt in die Nachfolge den Vater begraben zu dürfen, wird mit dem Satz kommentiert: Lass die Toten ihre Toten begraben (Lk 9,59f par Mt 8,21f). Metaphorisch wird die zurückgelassene Familie dem Bereich des Todes zugeordnet; sie wird für das Begräbnis des Vaters sorgen. In Mt 10,34f (par Lk 12,51-53) wird die Sendung Jesu unter Rückgriff auf Mi 7,6 so akzentuiert, dass sie Spaltung in die Familien bringt. Im Markus-Evangelium ist vor allem an das Wort des Petrus zu denken, das daran erinnert, dass die Jünger
alles verlassen haben, nachfolgend erläutert als Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker (Mk 10,28f). 

Dass es in den synoptischen Evangelien keinen Hinweis auf einen positiven Kontakt zwischen Jesus und seiner Familie im Verlauf des Wirkens Jesu gibt, ist vor diesem Hintergrund am besten als Ausdrucks eines Bruchs zwischen Jesus und seiner Familie zu deuten. Das Markus-Evangelium spiegelt das an unserer Stelle sehr deutlich, aber auch Matthäus und Lukas bestätigen dieses Bild. Nach Ostern trat dann offensichtlich ein Wandel ein. Im Rahmen der Urgemeinde tauchen Mitglieder der Familie Jesu auf (Mutter und Brüder: Apg 1,14; besonders Jakobus: Gal 1,19; Apg 12,17 u.ö.; »Brüder des Herrn«: 1Kor 9,5).  

Der Vorwurf des Dämonenbündnisses


In dieses »Familienthema« eingeschoben wird eine zweite, schärfere Kontroverse. Die Schriftgelehrten werfen Jesus vor, selbst besessen zu sein (»er hat Beelzebul«), und aufgrund eines Bündnisses mit dem Obersten der Dämonen (also Beelzebul) die Dämonen auszutreiben. Bemerkenswert ist dieser zweite Vorwurf, weil die Gegner Jesu nicht die Wirklichkeit seiner Dämonenaustreibungen bestreiten, sondern nur, dass sie Ausdruck der Macht Gottes gegen das Böse sind. Dass ein solcher Vorwurf erst im Laufe der urchristlichen Überlieferung formuliert worden wäre, um die Gegner negativ darzustellen, gilt mit Recht als unwahrscheinlich. Außerdem begegnet im Matthäus- und Lukas-Evangelium eine positive Deutung der Exorzismen Jesu als Ausdruck der Ankunft des Reiches Gottes (Lk 11,20 par Mt 12,28), spricht alles für eine Kontroverse, die sich historisch ins Wirken Jesu zurückführen lässt.


Die Antwort Jesu im Markus-Evangelium ist entsprechend den beiden Vorwürfen zweigeteilt. Zunächst wird die Behauptung des Dämonenbündnisses widerlegt (3,23-27). Sie ist unsinnig, weil Satan sich selbst das Ende bereiten würde, wenn er gegen die Dämonen (sein eigenes »Heer«) agierte. Dass sich im Zurückdrängen der Macht des Bösen die Gegenwart des Reiches Gottes zeigt, sagt Jesus bei Markus nicht. Dennoch lässt sich in Mk 3,27 eine Nähe zu diesem Gedanken erkennen:

»Niemand kann aber in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken fesselt; erst dann kann er sein Haus berauben.«
Im Rahmen der Widerlegung des Vorwurfs, mit den Dämonen im Bund zu sein, drückt der Spruch die Feindschaft zwischen Jesus und Satan aus: Da ein Starker nur beraubt werden kann, wenn er außer Gefecht gesetzt wird, kann zwischen ihm und demjenigen, der ihn beraubt, keine Übereinstimmung bestehen. Also ist derjenige, der dem Satan seine Beute entreißt (von Dämonen besessene Menschen), unmöglich mit ihm im Bund. Der Spruch drückt aber auch aus, dass das Wirken Jesu als Überwindung der Macht Satans zu verstehen ist. Dies gehört traditionell zur Vorstellung vom Kommen der Gottesherrschaft. So kann man in Mk 3,27 eine Sach-Parallele zu Lk 11,20 sehen: »Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, ist das Reich Gottes zu euch gekommen.« 
Der Vorwurf der Besessenheit und die Sünde gegen den Heiligen Geist

Der zweite Teil der Antwort Jesu (3,28f) ist gegen den Vorwurf gerichtet, er sei besessen. Hier wird nicht wie in 3,23-26 mit bildhafter Rede argumentiert, um die Unsinnigkeit der Kritik zu erweisen. Vielmehr wird abgegrenzt und zurückgewiesen. Dass alle Lästerungen und Sünden außer einer vergeben werden, soll natürlich nicht zum Sündigen ermuntern, sondern die Schwere der einen unvergebbaren Sünde betonen. Und diese Sünde gegen den Heiligen Geist wird durch die Notiz des Erzählers in 3,30 inhaltlich gefüllt: »... weil sie sagten: einen
unreinen Geist hat er.« Damit wird deutlich auf 3,22 zurückgegriffen (»er hat Beelzebul«), in der Formulierung etwas abgewandelt, um den Zusammenhang mit der Sünde gegen den Heiligen Geist deutlich zu machen. Diese besteht darin, den Träger des Geistes Gottes (s. 1,10f) als vom Bösen besessen zu bezeichnen.


Dass die Schriftgelehrten, die dieses bösartige Urteil fällen, von Jerusalem herabgekommen waren (3,22), passt sich ein in die negative Kennzeichnung der heiligen Stadt im Markus-Evangelium. Aus ihr kommt schon während des Wirkens in Galiläa Opposition gegen Jesus (s.a. 7,1); Jerusalem ist dann auch der Ort weiterer Zusammenstöße (Mk 11,15-18.27-33; 12,13-27) und der Passion Jesu.

Kommentare

Volker Schnitzler hat gesagt…
Beim Lesen musste ich an die Satire von Hans Conrad Zander (Der erste Single: Jesus, der Familienfeind) denken. Der spricht auch die Rolle des Herrenbruders Jakobus in der Jerusalemer Urgemeinde an, wo er als eine der Säulen wohl immer mächtiger wurde (Gal 2,9; hier sogar vor Kephas genannt). Und die Leute um Jakobus sind es dann auch, die in der Frage der Heidenmission wohl anders dachten die Christen in Antiochia (Christ sein ohne Gesetz und Beschneidung Gal 2,12ff), aus deren Schule wohl auch Paulus hervorgegangen ist.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Und dieser kinderlose, nichtsnutzige Handwerksgeselle, der völlig Familienuntauglich war, auch noch seine Eltern und Geschwister verleugnete und als arbeitsscheuer Schmarotzer mit seinen Freunden durch die Lande zog, soll die große Leitlinie für unser Leben sein?

Doch Dank Prof. Häfner wissen wir, dass es in den Geschichten des NT um theologische Geschehnisse geht. (Auch wenn hier wieder das Gegenteil gelesen wurde.) Und Dank dem Schöpfer ist uns das Wissen gegeben, dass kein seine Familie herabwürdigender besserwisserischer Dämonenaustreiber gegen die Pharisäer wetterte, sondern das lebendige Wort in menschlicher Person (Rolle/Aufgabe) zur Sprache gebracht wurde. Wer sich über die Lehren der Pharisäer erhob, selbst deren Dämonen austrieb und seine Familie auf andere Weise definiert als üblich, das kann nicht der gewesen sein, der allgeim als historisch gilt. Auch hier wird die Geschichte eines Wesens zur Sprache gebracht, das sich aus der schöpferischen/himmlischen Realität definierte: Das für die die damaligen Denker Wort/hebr. Vernunft allen Werdens war.

Zumindest: Auch diese Geschichte, die scheinbar nicht im AT nachgeblättert werden kann oder als Verherrlichungsrede auszulegen ist, kann nicht von einem jungen Juden handeln, wie er heute als historisch gilt.

Auch wenn man Markus, dem es ebenso wie den anderen Evangelisten nicht um einen jungen Guru, sondern um den Christus bzw. Gottessohn geht, den er in seiner Geschichte lt. heutiger Deutung der frohen Botschaft vom römisch-kaiserlichen bzw. menschlichen Messias gegenüber stellt, nicht im Ganzen betrachtet, nur diesen Abschnitt liest.

Allein um die Geschichte, wo Familienmitglieder einen jungen Verrückten heimholen wollen, der jetzt nicht mal was zu Essen hat. Eine Story aus dem Leben eines jungen Herumtreiberes, der große Töne vom Heiligen Geist spuckte, mit dem er Exorzismus betrieb, seine Angehörigen verleugnete und sich zu seinen Anhängern bekannte, was die die anderen Evangelisten aussparten, weil sie das anstößig fanden, das ist mit Markus nicht zu machen.

Auch hier führt kein Weg an einer theologischen Auslegung vorbei, die keinen großkotzigen Heilsprediger zum Thema hat, sondern wissenschaftlich fragt, wer der hier sprechende und handelnde Jesus für Markus, wie die anderen Evangelisten war. Dazu ist Neutestamentlern das Wisen gegeben.

Hier einen Heilsprediger stehen zu lassen, der sich nicht nur über Parisäer erhob (die uns dann an anderer Stelle als weltoffene Fortschrittsdenker dargelegt werden), sondern auch seine Famlie. Ihn dann bei Bedarf wieder als großen Famlienfreund zu predigen. Das macht nicht nur den chr. Glauben unglaubwürdig. Das nimmt Jesus die Bedeutung, die er historisch nicht nur für Markus hatte.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Bei Lüdemann "Der große Betrug - Und was Jesus wirklich sagte und tat" hab ich nachgeblättert. Entsprechend seinem kritischen Kurz-schluss, der alles, was nicht mit einem einfachen Heilsprediger oder naturalistischer Welterkärung zu machen ist, als Betrug, kirchliche Fiktion... hinstellt, geht die Markus-Geschichte vom Exorzisten mit Familienstreitigkeiten als historisch durch. Das passt ins banale Bild. Bei dem sonst fast alles, was Markus berichtet, ins Reich der frommen Phantasie bzw. Verherrlichungsrede verbannt wird. Und wer dann hinten als historisch herauskommt, der hat der heutigen Welt nichts zu sagen.

Doch "Gott sei Dank" gibt es noch kath. Wissenschaftler, wie sie im Vorjahr in "Bibel und Kirche" das Markusevangelium nach "methodisch neuem Schritt" ausgewerteten und Einblick in den aktuellen Stand der Erkenntnis geben: Ein Evangelium als Gegenentwurf zur frohen Botschaft von Vespasian als messianischer Kaiser, mit teils gleichen Geschichten, wie sie bei Josephus auf den Kaiser bezogen wurden... Theologiegeschichte von dem, der damals aufgeklärten hellenistischen Denkern als Gottessohn galt (bzw. das, was vormals in Göttersöhnen verkörpert war), Christologie in Geschichtsform, wie sie an Alexandrien anknüpft... die an einem geistigen Wendepunkt im Stile antiker Erzählungen bzw. Erzählfiguren (wie z.B. den Schülern/Jüngern Jesus) den Geschichtsverlauf verständlich machen sollte... wo sich alles theologisch erklären lässt, auch die Reiserouten keine Story von einem um den See ziehenden Wanderugurs sind, sondern typologischer Weg (z.B. zwischen Juden und Heiden), ähnlich wie der zum Kreuz als Theologie in Geschichtsform gelesen wird.

Natürlich bleiben die Wissenschaftler trotz allem Wissen, dass es darum eigentlich nicht ging, der heute allgemein geltenden Hyothese treu, dass hier ein Heilsprediger war, der...

Ähnlich wie die internationalen Theologieprofessoren, die bei Herder "Die Geschichte des Christentums" beschreiben und dabei deutlich machen, wie Markus ein Text zu sein scheint, der aus dem hellenistischen Lager kommt.

Doch hier wird auch deutlich, was uns heute Markus zu sagen hat, wie die Absetzung von der Familie nicht die Ablehnung der Brüder oder Mutter eines Heilspredigers ist, die sonst in der Glaubensgeschichte als Heilige gilt, selbst von den Verfassern des Koran als messianisch gesehen wird.

Denn wenn die Absetzung von der Abstammung und der Auseinandersetzung mit den Pharisäern nebeneiander steht, dann ist hier das Verhältnis des neu definierten hellenistischen universalen Monoth. der wie bei Paulus nun in Jesus (dem lebendigen Wort/Vernunft in Person) nicht im alten Gesetz begründet ist, mit seiner jüd. Herkunft beschrieben.

Selbst die reine Schriftgelehrtheit, die sich scheut, in die Realgeschichte zu schauen, nur in den biblischen Texten nachblättert, kommt an dieser Auseiandersetzung, die nicht nur bei Paulus oder in der Apostelgeschichte deutlich wird, nicht vorbei.

Und wer dann die Realgeschichte der frühen Christenheit betrachtet, die theologischen Differenzen, wie sie z.B. Adolf v. Harnack zwischen Marcion bzw. der als früheste chr. Theologie geltenden Gnosis mit der jüd. Herkunft ausmacht, der kann dort möglicherweise das nachlesen, was uns Markus berichtet.

Doch was all diese hochtheologischen Differenzen, wie sie allein bei Marcion und jetzt bei Markus mit dem alten Glauben oder zwischen den frühen chr. Stömungen von den Wissenschaftlern deutlich gemacht werden, ebenso wie die hochtheologischen Deutungen der biblischen Texte, die die jungen Doktoranten in ihren Werken abgeben, mit einem Wanderprediger zu tun hat, der heute als historisch gilt, das wüsste ich gerne.

Oder war das doch alles nur heiße Luft bzw. Verherrlichungsrede für einen famlienfeindlichen Handwerksgesellen, hat nichts mit dem Logos/der Vernunft allen Werdens zu tun, die nicht nur von den Hellensiten in historischer Realität als Wort verstanden wurde, das der Schrift, dem alten Gesetz zugrunde liegt?
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Angeregt durch die Suche nach der Herkunft des hellenistichen Denkens, das bei Markus die Feder führte, lese ich gereade wieder bei Harnack in einem nur noch im Internet zu findenden Text über Marcion "Das Evangelium vom fremden Gott". (Wobei Harnack die Bezugnahme auf den den damals Jesus genannten Logos nicht in der phil.-vernünftiger Welterkärung nachdenkt, sondern als persönlicher Glaubensvorstellung liest.)

In Bezug auf Paulus und seinen Schüler Marcion, aber auch das aus hellenistischer Sicht geschriebene Markusevangelium steht dort von griechischen Gnostikern, die aus neuer geistigen Atmosphäre stammten, spätpythagorischen und platonischem Gebildeten (d.h. keine innerliche, persönliche Spiitualität), die aus Weisheitslehren und stoischer Philosophie kamen und dann zu Christen wurden.

Haben diese Denker wirklich nur den verherrlicht, der heute als historich gilt, seine Mutter und Brüder verleugnete, weil die ihn für verrückt hielten?

Oder anders: Der Schöpfer hat uns das Wissen gegeben, auf neue Weise über das reale historische Wesen Jesus nachzudenken. Doch warten die Wissenschafler nun auch noch, bis er ihnen in den Arsch tritt?

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