14. Juni 2012

Sonntagsevangelium (30)

11. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 4,26-34

Das Markus-Evangelium bietet 4,1-34 eine kleine Gleichnisrede, die abgesehen von den Zwischenbemerkungen in 4,10-12 und 4,21-25 durchwegs das Bildfeld der Aussaat aufgreift und in verschiedenen Variationen einsetzt. Der Evangeliumstext dieses Sonntags wird von den letzten drei Abschnitten gebildet: Gleichnis von der selbstwachsenden Saat (4,26-29), Gleichnis vom Senfkorn (4,30-32), Abschlussnotiz des Erzählers (4,34f). 


Das Gleichnis von der selbstwachsenden Saat


Das Gleichnis beschreibt den Vorgang von Aussaat zur Ernte. Nachdem die Aussaat festgestellt ist, wird herausgehoben, dass der Säende mit der folgenden Entwicklung nichts zu tun hat: Er schläft des Nachts, am Tag geht er seinem Tagewerk nach; in dieser Zeit sprosst die Saat und wächst hoch. Beides hat nichts miteinander zu tun. Das wird ganz deutlich durch die Abschlussbemerkung von V.27: Der Mensch, der ausgesät hat, weiß nicht, wie das Wachstum geschieht, hat also keinen Einfluss auf das Geschehen. Der nächste Vers verstärkt weiter denselben Gedanken, da nun gesagt wird, die Ernte bringe von selbst Frucht: vom Halm über die Ähre bis zum vollen Korn in der Ähre. Erst wenn die Frucht reif ist – wörtlich: wenn sie es gewährt –, kann der Mensch bei der Ernte wieder aktiv werden. 




Betont am Geschehen von Aussaat, Wachstum und Ernte wird also, dass der Bauer nichts anderes tun kann als nach der Aussaat zu warten, bis die Frucht reif ist. Damit ist die Tätigkeit eines Bauern nach der Aussaat sehr ausschnitthaft wiedergegeben. Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Mt 13,24-30) geht davon aus, dass man grundsätzlich auch nach der Aussaat noch etwas tun kann, um den Erfolg zu unterstützen. Aber das Entscheidende, das Wachstum des Samens, ist dem Wissen und Tun des Bauern entzogen. 


Was bedeutet ein derart zugespitztes Bild in der Sache? Die Verkündigung Jesu bietet einen passenden Rahmen für die Deutung: Die Gottesherrschaft kommt, ohne dass der Mensch etwas dazu beitragen könnte. Genau wie der Bauer nach der Aussaat nichts anderes tun kann, als auf das Reifen der Saat zu warten, so kann auch der Mensch für das Kommen der Gottesherrschaft nichts tun; er kann sie nur als Geschenk von Gott annehmen. Dieser Gedanke kann sich zur Zeit Jesu besonders gegen die zelotische Position gerichtet haben: Ihr zufolge muss der erste Schritt von seiten der Menschen getan werden, und zwar gegen die Fremdherrschaft der Römer, dann werde Gott den Befreiungskampf unterstützen und rettend eingreifen. Denkbar ist auch, dass gegen die Haltung Stellung bezogen wird, die den Gehorsam gegenüber der Tora des Mose als entscheidend für das Kommen des Gottesreiches ansah.


Dass dieses Kommen allein Sache Gottes ist, begegnet uns als Überzeugung Jesu auch im Vater Unser. Denn wenn um das Kommen des Reiches gebetet werden soll (Mt 6,10; Lk 11,2), dann ist Gott als derjenige angesprochen, der dieses Kommen bewirkt. 


In der bei Markus überlieferten Fassung bringt das Gleichnis am Ende auch den Gedanken des Gerichts ein, denn hier findet sich in der Rede vom »Senden der Sichel« eine Anspielung auf Joel 4,13. Der Gleichnisstoff selbst bereitet auf einen solch negativen Aspekt des Endes nicht vor. Das Motiv der Ernte, das sich gut in das Bild einpasst, ist in seinem metaphorischen Wert nämlich offener: zwar durchaus bezogen auf den Gedanken der endzeitlichen Vollendung, aber nicht unbedingt verbunden mit der Vorstellung vom Gericht. Möglicherweise ist jene Anspielung erst im Laufe der Überlieferung in das Gleichnis gekommen. 


Das Gleichnis vom Senfkorn 


Im letzten Gleichnis der Rede geht es um die Aussaat eines bestimmten Kornes. Dies zeigt sich daran, dass eine Aussage über die besondere Eigenart des Senfkorns getroffen wird. Allerdings muss die Kleinheit des Senfkorns im ursprünglichen Gleichnis nicht ausdrücklich betont worden sein. Die Aussage, es sei kleinste von allen Samenkörnern, könnte eine nachträgliche Erklärung sein – für Hörer, die mit der bäuerlichen Lebenswelt nicht vertraut sind. Dies würde aber zugleich bedeuten, dass die ursprünglichen Hörer Jesu um diese Besonderheit des Senfkorns wussten. Deshalb ergibt sich auch in diesem Fall ein Kontrast zur folgenden Aussage: Wenn das Senfkorn wächst, wird es zur größten der Gemüsepflanzen. 


Damit lässt sich das Erzählgefälle bestimmen: Es geht in erster Linie um einen Kontrast, und zwar den Kontrast zwischen dem »kleinen Beginn« und dem »großen Ende«. Aus dem kleinsten Samenkorn wird, wenn es ausgesät ist, die größte Gemüsepflanze. Dass der Same wächst, wird zwar erwähnt, dennoch bleibt der Gedanke des Wachstums, einer organischen Entwicklung vom Anfang auf das Ende hin, im Gleichnis unbetont – so unbetont, dass es nicht zur Pointe des Gleichnisses gerechnet werden kann. Es soll also nicht gesagt werden, dass das Senfkorn sich mit der Zeit zu einer großen Pflanze entwickelt. Der Zielgedanke ist vielmehr der vom Kontrast zwischen dem kleinen Anfang und dem großen Ende. 


Dieser Gegenüberstellung kann man ohne Schwierigkeiten einen Ort in Jesu Botschaft zuweisen. Im Beginn ist das Ende begründet, auch wenn der Anfang gering scheint. Dies könnte eine Antwort auf die Frage sein: Woran ist denn die von Jesus verkündete Ankunft der Gottesherrschaft zu erkennen? Sind die großen Heilsverheißungen nicht unerfüllt? Als Antwort verweist Jesus auf die Besonderheit des Senfkorns, das er als Gleichnis heranzieht. Wie das kleine Senfkorn zu einem großen Gewächs wird, wenn es einmal ausgesät ist, so ist es auch mit dem Gottesreich: trotz des unscheinbaren Anfangs ist in diesem Anfang das großartige Ende verbürgt.


Manche Ausleger heben auf den Unkrautcharakter der Senfpflanze ab: Nach einmaliger Aussaat könne man das Land kaum wieder davon reinigen, weil der ausgefallene Same sogleich wieder aufgeht. Auch dass die Senfpflanze Vögel anziehe, spiele auf einen unerwünschten Effekt an, weil Vögel der natürliche Feind der Saaten seien. Dies würde bedeuten, dass die Gottesherrschaft, die Jesus verkündet, die Erwartungen durchkreuzt; dass sie den üblichen und akzeptierten Wertvorstellungen nicht entspricht. 


In diesem Fall müssten aber die entscheidenden Textelemente, die einen solchen Sinn transportierten, im Laufe der Überlieferung verloren gegangen sein. Nichts im erhaltenen Wortlaut weist auf die Problematik der Senfpflanze, die doch offensichtlich nicht nur schädlich war. Die Erwähnung der Vögel als Gefahr für die Saaten zu deuten, hat ebenfalls keinen Anhaltspunkt im Text des Gleichnisses. 


Die Abschlussnotiz 


Am Ende benennt der Erzähler zunächst den positiven Sinn der Rede in Gleichnissen: Sie soll die Botschaft Jesu den Hörern erschließen (4,33). Dass den Jüngern die Gleichnisse noch einmal eigens aufgelöst werden (4,34), deutet dagegen an, dass in der öffentlichen Verkündigung der Sinn der Gleichnisse nicht voll erfasst werden kann. 


Dies scheint zwar auf der Linie zu liegen, die bereits in 4,10-12 gezogen wurde: es gibt eine Unterscheidung zwischen »drinnen« und »draußen«, zwischen Verstehen und Nichtverstehen der Gleichnisse. 

»Und als er allein war, fragten ihn, die um ihn waren, samt den Zwölfen nach den Gleichnissen. (11) Und er sprach zu ihnen: Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben, jenen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil, (12) 'damit sie sehend sehen und nicht wahrnehmen und hörend hören und nicht verstehen, damit sie sich nicht etwa bekehren und ihnen vergeben werde'.«
Aber das Volk kann nicht einfach mit denen »draußen« identifiziert werden; zu den Scharen redet Jesus in Gleichnissen, »wie sie es hören konnten« (4,34). Hier kann nicht an die verstockende Funktion der Gleichnisse gedacht sein, von der in 4,11f die Rede ist. 

Die Volksscharen scheinen in der Darstellung des Markus eine Zwischenstellung einzunehmen: sie stehen nicht »draußen«, so dass ihnen die Gleichnisse zum Rätsel werden, das ihnen den Zugang zur Botschaft Jesu verschlösse; sie sind aber auch nicht »drinnen«, so dass sie Anteil hätten an der Belehrung der Jünger durch Jesus. In jedem Fall endet die Gleichnisrede mit einem positiven Ausblick auf den Sinn dieser Redeform. Dies kann als Korrektiv des harten Verstockungsspruches aus 4,11f verstanden werden, der für Markus nicht das letzte Wort behält. 

7 Kommentare:

Gerhard Mentzel hat gesagt…

Wer spricht hier und von was, Herr Prof. Häfner?

Hatte hier der Verfasser den Stenoblock von den gleichnishaften Reden eines besonders begabten jungen Heilspredigers als Vorlage, so wie derzeit auch die Logienquelle gedeutet (m.E. so leider verkürzt) wird? Wurden gar wieder einem später zum Guru mutierten Wanderprediger Weisheit untergeschoben bzw. in den Mund gelegt, wie sicher die Kritik im derzeitigen Kurz-schluss wieder verkünden würde.

Oder war auch hier die schöpferische Realität, deren Vernunft/Logik/Weisheit selbst die Quelle? Zeigen nicht gerade die Gleichnisse wieder, dass es nicht nur um die Reden eines jungen Reformers geht, auch Markus eine Vernunft (die Juden sagen Weisheit, sprechen vom Wort als Grund des Monoth.) zur Sprache gebracht hat, die in aller Natur/Schöpfung spricht?

Und dass es in den Vergleichen nicht einfach um schlaue Belehrungen eines Besserwissers, sondern um das schöpferische Wort (hebr. Vernunft) selbst geht, damit die Erkenntnis Jesus/dessen Verstand das Thema ist, wird an vielen Stellen des Textes, wo auf das Wort und das Hören verwiesen wird, deutlich.

Das Wort muss in Gleichnissen verkündet werden, läuft so immer wieder Gefahr, missverstanden bzw. auf teuflische Weise verleugnet/verkürzt zu werden.

Doch ich denke, dass der Samen aufgegangeneit, die Zeit zum Verstehen ist. Wenn theologische Wissenschaftler nicht nur nach den Worten eines antiken Wanderpredigers, sondern dessen Quelle fragen würden, hätten sie die Ähre, dem lebendigen Wort (einer von Schöpfung ausgehender Vernunft, die im Hinblick auf unserer ökologischen, wie weltökonomischen Probleme heute dringend gebraucht wird) in aufgeklärter Welt zum Gehör zu verhelfen.

Karl Wimberger hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Prof. Häfner,

seit langem verfolge ich ihr Blog mit Freude und Interesse. Es ist erfreulich, dass sie zu verschiedensten Themen aus einer NT-Perspektive Erklärungen geben. Schon an der Uni lernte ich sie als einen der Professoren kennen, die die Inhalte besonders klar und verständlich vermittelten. Vielen Dank dafür.

Karl Wimberger

Nun zu Ihnen Herr Mentzel: Wie auch die anderen Kommentatoren teile ich Ihre Ansichten nicht. Darüber hinaus empfinde ich es als zunehmend unverschämt, mit welcher Penetranz Sie diesen Blog in Beschlag nehmen. Es gibt kaum noch andere Kommentare. Dafür kommentieren Sie mit den ständig gleichen Aussagen und Anfragen jeden Artikel (mehrfach!). Es mag ja sein, dass Sie andere Ansichten zum „Guru“ und zur „schöpferische[n] Realität“ haben. Wenn Sie nicht genügend Aufmerksamkeit für Ihre Ideen bekommen, tut es mir Leid, aber es nervt ziemlich, mit welcher Monotonie Sie hier diese „provokativen“ Fragen und Aussagen gebetsmühlenartig wiederholen.

Gerhard Mentzel hat gesagt…

Entschuldigen Sie meine provokanten Fragen Herr Wimberger.

Aber es geht nicht nur um die geschichtliche Wahrheit. Schon gleich gar nicht um Aufmerksamkeit für meine Ideen.

Doch wenn einem bei der Betrachtung der Geschichte, wie der biblischen Geschichten immer klarer wird, dass die Zeit der völligen Verkürzung des christlichen Glaubens vorbei sein könnte. Wie durch ein nur von theol. Wissenschaft anzustoßendes neues Verständnis des hoheitlich-historischen Jesus und dessen heutige Vergegenwärtigung die Vernunft des chr. Glaubens begründet und damit ein völlig neues Glaubens- und Weltverständnis entstehen könnte.

Dann schmerzt es, wenn man beobachtet, wie ohne auf die Argumente einzugehen, die jeweils deutlich machen, dass auch aufgrund der biblischen Texte auf die man sich dabei beruft, die Hypothese vom jungen Heilsprediger... unhaltbar ist, weiter die Welt in diesem Glauben gehalten wird.

Ameleo hat gesagt…

Aus gegebenen Anlass ein Zitat aus: Trollkunde - Sockenpuppen, Cranks, Hater und ihnen ein Song

Cranks

Cranks können durchaus kluge und manchmal sogar freundliche Leute sein - die sich nur leider in ein eigenes System völlig eingesponnen haben. Ob es um Einsteins Relativitätstheorien, die Evolution der menschlichen Familienrollen, Gott, UFOs oder den Zusammenhang von Farben, Zahlen und Politik geht - Cranks sind der Auffassung, im Alleingang grundlegende Wahrheiten entdeckt zu haben und dafür höchste Anerkennung zu verdienen. Sie können einfach nicht verstehen, dass der Rest der Welt davon nichts wissen will. Also nutzen sie das Internet, um an allen möglichen Stellen für ihre "Entdeckungen" zu werben und fühlen sich durch die Zurückweisungen nur in ihrer Rolle als tapfere Streiter wider die Verschwörung gegen die verborgene und verdrängte Wahrheit bestätigt.

Tragischerweise haben viele Cranks in ihren Systemen durchaus interessante Gedanken eingewoben - doch ist es leider fast unmöglich, darüber mit ihnen zu diskutieren. Denn sie finden, dass alles auf das Gesamtpaket hinaus laufe und also der einzelne Gedanke nicht für sich betrachtet und diskutiert werden kann.


Quelle: http://www.scilogs.de/chrono/blog/natur-des-glaubens/netzkulturen/2012-06-16/trollkunde-sockenpuppen-cranks-und-hater

Kunigunde Kreuzerin hat gesagt…

Sehr lesenswerter Blogg. Recht vielen Dank.

Gerhard Mentzel hat gesagt…

Vielen Dank Ameleo, der Block von Dr. Michel Blume, dessen Anliegen ich schätze und der sich mit der "Natur des Glaubens" bzw. dessen evolutionärer Begründung beschäftigt, ist wirklich interessant.

Der Religionswissenschaftler der Landesregierung, den ich auch aus verschiedenen Veranstaltungen kenne, wo es meist um Versöhnung von Wissen und Glauben ging, hat mir mehrmals empfohlen, einen Block einzurichten.

Da es mir aber nicht darum geht, dass alles nur im Gesamtpaket gesehen werden kann, sondern die einzelnen Aspekte auch für sich diskutiert werden müssen, halte ich es für besser, z.B. hier die blische Auslegung aufzugreifen: Um mit provativen Fragen bzw. Argumenten an der Wahrheit bzw. der Natur/Vernunft des chr. Glaube interssierte Theologen, die nicht nur der gestrigen Sichtweise anhängen anzuregen, in aufgeklärter Weise über das Wesen Jesus als lebendigem Wort/schöpferische Vernunft in Person (menschlicher Rolle/Aufgabe) nachzudenken.

Leider gibt es auf die vorgebrachten Einzel-Argumente, dass es z.B. den nachweislich phil. Denkweisen, die am Anfang die verschiedenen christlichen Strömungen ausmachten und sich als Reformjuden oder hellenistische Monoth. verstanden und wie Marcion vom alten Glauben abhoben, nicht um den gegangen sein kann, der heute als historisch gilt, so wenig Antworten, wie wenn die Gleichnisaussagen aufgreife.

Gerd Häfner hat gesagt…

@Gerhard Mentzel
Was Sie hier als »Einzel-Argumente« und als »nachweislich« bezeichnen, sind keine Argumente, sondern Behauptungen, die sich gerade nicht nachweisen lassen. Ich mag mich da nicht mehr wiederholen.

Wenn es nun einmal so ist, dass Sie hier keine Antworten erhalten, dann läge es doch nahe, die Konsequenz daraus zu ziehen. Wir kommen hier nicht in ein Gespräch, also lassen wir es am besten sein. Das habe ich schon vor einiger Zeit vorgeschlagen. Ich möchte jedenfalls nicht mehr zu jedem meiner Beiträge die immer selben Rückfragen lesen. Und wenn ich die Rückmeldungen anderer Kommentatoren richtig deute, bin ich damit nicht allein.