Sonntagsevangelium (44)

25. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 9,30-37

Zum zweiten Mal im Verlauf des Markus-Evangeliums kündigt Jesus sein Leiden an (s. 8,31). Wieder richtet sich die Ankündigung an die Jünger, nun sogar deutlicher als ausschließliche Hörer des Jesus-Wortes gekennzeichnet (9,30). Wieder aber verstehen sie das Wort nicht, wie ausdrücklich festgestellt (9,32) und in der folgen den Szene illustriert wird durch den Streit der Jünger, wer unter ihnen der Größte sei (9,34; zum Motiv des Jüngerunverständnisses s. hier). Eine solche Frage steht in starkem Kontrast zur Erniedrigung des Menschensohnes, von der gerade die Rede war. Wer sich der eigenen Größe vergewissern will, kann den Weg des Menschensohnes in die Niedrigkeit nicht verstehen. Markus kommt es wohl nur auf diesen Kontrast an. Deshalb speilt die Frage, worauf sich das Großsein genau bezieht, keine Rolle. 



Auch die Antwort Jesu arbeitet mit weiten Begriffen (Erster, Letzter), die vielfältig gefüllt werden können. Der Hinweis auf das Dienen deutet allerdings an, dass die Position des »Letzten« dadurch gekennzeichnet ist, dass ihr Inhaber sich für andere einsetzt. Zugleich wird damit ein Bogen zum Thema des Leidens geschlagen: Auch die Hingabe des Menschensohnes ist Ausdruck seines Dienens (10,45).

In dieser Szene wird allerdings noch ein anderer Akzent gesetzt. Wenn Jesus ein Kind in die Mitte stellt (9,36f), wird das Dienen nicht nur an der Hilfsbedürftigkeit orientiert; zugleich entfällt auch die Möglichkeit einer Gegenleistung: das Kind kann das Empfangene nicht vergelten. Der Dienst geschieht um des anderen willen. 


Dies wird auch nicht aufgehoben durch die Identifizierung Jesu und Gottes mit den Hilfsbedürftigen. Diese werden dadurch nicht zu Objekten von Gottesliebe, der es, um das eigene Heil besorgt, letztlich nur um sich selber ginge. Ein 
»Lohn« wird nicht verheißen; zwischen den Hilfsbedürftigen und Jesus besteht keine Konkurrenz, die die Lauterkeit des Dienens und die Würde des Unterstützten beeinträchtigen würde. »Die Zuwendung soll nicht zuerst auf Gott oder Jesus gerichtet sein und nimmt dann mit den Waisenkindern vorlieb, sondern umgekehrt: Der ehrliche und absichtslose Dienst an diesen Letzten ist die innigste und tiefste Jesusverehrung und wahrer Gottesdienst« (Ludger Schenke, Das Markusevangelium. Literarische EIgenart - Text und Kommentierung, Stuttgart 2005, S.236). 

Kommentare

www.theologie-der-vernunft.de hat gesagt…
Danke Herr Prof. Häfner, dass sie auch mit diesem Kommentar deutlich machen, dass es Markus um ein theologisches Geschehen in der Geschichte geht. (Der Text allegorisch zu lesen ist, ohne den Bezug zur menschlich-schöpferischen Person Jesus zu verlieren, als die damals die Vernunft/Logos diskutiert wurde)

Sicher werden viele Predigten gehalten, wo ein Wanderprediger und seine Freunden, ein Waisenkind...

Doch wenn ich Ihren Kommentar lese, wie es um Anhänger des Jesus genannten lebendigen Wortes, die das Wort (hebr. Vernunft allen Werdens) nicht hören wollen bzw. das falsche Verständnis von dem, was der Menschen- und Gottessohn war geht. Dann wird doch klar, dass es um mehr geht. In all Ihren Ausführunge wird deutlich, dass hinter dem geschilderten Geschehen eine Aussage zu verstehen ist, die über den banalen Bericht von der Begegnung eines Jesus genannten jüd. Charismatikers und seiner Freunde hinausgeht.

Und wer der Menschensohn für die war, die die Texte des Markus herausgaben, wie zur Zeitenwende bzw. am Anfang unseres Christus-Glaubens statt griechische Göttersöhne und taube jüd. Gesetzlichkeit der Logos bzw. die bei Christen als Jesus/lebendiges Wort verstandene Vernunft allen Werdens definiert wurde, wissen Sie besser als ich.

Wieso lässt daher ein kath. Wissenschaftler seine Leser im Glauben, da hätte ein junger Prediger mit Namen Jesus seinen Jüngern ein Kind...?

Der Text über das falsche Jesusverständnis ist sicherlich auf die Zeitenwende bzw. die damalige Diskussion über das Wesen Jesus bezogen. Doch wenn ich mir betrachte, was die Jünger Jesus heute für historisch halten, dann scheint er auch in unsere Zeit zu sprechen!!!
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Ich wollte nicht als theologie-der-vernunft auftreten, sondern unter meinem Namen. (War ein versehen.)

Doch unter der Hompage sind seit vielen Jahren zahlreiche Texte und Belege gesammelt, die deutlich machen, dass es bei Jesus nicht um einen besonders begabten Heilsprediger... ging, der später in den Himmel gehoben bzw. hoheitlich als Christus gesehen wurde. Vielmehr am Anfang der Logos/die Vernunft und ihre Jünger standen: Die Vernunft allen Werdens, nach der heute die gesamte Welt und unser Sinn darin erkärt wird, als schöpferische Wirk-lichkeit/Wort/Josua bzw. Jesus, die Grundlage unseres chr. Glaubens ist.

Allein die vor mir liegenden dicken Bände von Herder, in denen meist kath. Wissenschaftler die Geschichte unseres chr. Glaubens bzw. die vielfältigen Anfänge und Diskussionen hochphil./theolog. Denker beschreiben, müssten eigentlich klar machen, dass die Jünger Jesus nicht die Anhänger eines theolog. Rebellen waren, sondern das lebendige Wort/die nachweislich in der Geschichte diskutierte Vernunft als Jesus verstanden wurde.

Doch immer wieder muss ich erkennen, wie das banal-biblische Jesusbild dem Verständnis des lebendigen Wortes in der (biblischen wie Zeit-)Geschichte und Gegenwart wissenschaftlicher Welterkärung im Wege steht.

Umso dankbarer bin ich Prof. Häfner, wenn er in seinen Kommentaren deutlich macht, dass das, was er seine Leser glauben lässt, nicht war. Wie vielmehr in Jesus bzw. auch bei Markus das lebendige Wort in Person (menschlich-kulturgerechter Rolle/Aufgabe) über das Unverstädnis seiner Jünger gesprochen hat.
Hannes Bräutigam hat gesagt…
@Herr Mentzel,

es wäre sinnvoll, wenn Sie auf Ihrer Homepage ein standardisiertes Impressum anbieten. Solche Seiten werden gerne mit empfindlichen anwaltlichen Forderungen abgemahnt.

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