14. Februar 2013

Sonntagsevangelium (65)

1. Fastensonntag (C): Lk 4,1-13

Mit der Versuchungsgeschichte greift Lukas den Erzählfaden von der Taufe Jesu auf: Der Geist, der in der Offenbarungsszene nach der Taufe auf Jesus herabkam, führt ihn in die Wüste (4,1); 
dort wird er – anknüpfend an die Anrede durch die Himmelsstimme (3,22) – als Sohn Gottes auf die Probe gestellt. Zwei der drei folgenden Versuchungen setzen an dieser Hoheitsbezeichnung an: »Wenn du der Sohn Gottes bist ...«

Anders als in der matthäischen Parallele wird die Erprobung nicht allein als ein Vorgang am Ende des vierzigtägigen Fastens dargestellt (s. Mt 4,2f). Vielmehr wird der ganze Aufenthalt in der Wüste mit der Versuchung durch den Teufel verbunden (so auch Mk 1,13). Da die drei folgenden Szenen am Ende der vierzig Tage stehen, ergibt sich jedoch der Eindruck, dass mit den drei geschilderten Versuchungen der Höhepunkt der Erprobung erreicht ist. 


Der literarische und theologische Gestaltungswille hinter der Geschichte ist offenkundig: Nur hier tritt der Teufel wie eine gewöhnliche Erzählfigur auf; Schriftbezüge auf die Wüstenwanderung spielen eine herausragende Rolle, nicht allein in der Anspielung auf Dtn 8,2 in der Einleitung, sondern auch in den folgenden Schriftzitaten. Die Versuchung Jesu soll also vor dem Hintergrund der Erprobung Israels in der Wüste gelesen werden. Wie deren Sinn darin lag,  »zu erkennen, was in deinem Herzen ist, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht« (Dtn 8,2), so erweisen die Versuchungen Jesu in der Wüste »seine Identität als Gottessohn« (Michael Wolter, Das Lukasevangelium, Tübingen 2008, 185).

Die Strategie des Versuchers besteht in zwei Fällen darin, Jesus gerade dadurch von Gott wegzuführen, dass er ihn auf diese Identität anspricht: Als Sohn Gottes stehe er in einer solchen Beziehung zu Gott, dass er seinen Hunger beseitigen und den Schutz Gottes herausfordern könnte. Selbstverständlich besteht Jesus diese Versuchung: Er wird zwar Hunger stillen, aber nicht den eigenen, sondern den des Volkes (Lk 9,12-17). So überwindet er den Mangel nicht durch ein ichbezogenes Wunder, sondern durch das Vertrauen auf die Verbindung mit Gott (4,3f).

Bei seinem dritten Versuch bringt der Gegenspieler selbst die Schrift ins Spiel (Ps 91,11f in Lk 4,10f) und legt Jesus nahe, als Sohn den Beistand Gottes herauszufordern. Die Entgegnung erfolgt wiederum mit der Schrift: Ein solcher Versuch hieße, Gott auf die Probe zu stellen (4,12, mit Rückgriff auf Dtn 6,16). Nicht zufällig spielt diese Szene in Jerusalem, dem Ort der Kreuzigung. Gerade in dem Ereignis, in dem Jesus der göttliche Beistand ganz versagt scheint, zeigt sich in Wahrheit die Übereinstimmung mit Gott und seinem Willen.

Die zweite Versuchung (in Mt 4,1-11 ist es die dritte) hebt sinnvollerweise nicht auf die Identität Jesu als Sohn Gottes ab, denn in ihr wird offenkundig, dass der Versucher darauf zielt, Jesus von der Verbindung mit Gott zu trennen und einen anderen Herrn anbeten zu lassen. Die Szene ist deutlich jenseits irdischer Realität angesiedelt, wenn alle Königreiche dieser Erde in einem Augenblick gezeigt werden (4,5).

Dass Satan als derjenige dargestellt wird, der irdische Herrschaft zuteilen kann, ist vor dem Hintergrund apokalyptischer Schriften erklärlich: In ihnen findet sich der Gedanke, dass Gott die Mächte des Bösen, wie sie sich in bedrängender politischer Macht auswirken, für eine bestimmte Zeit gewähren lässt (s. z.B. die Vision von den vier Weltreichen in Dan 7). Lukas macht außerdem deutlich: Satan agiert nicht aus eigener Machtfülle, diese wurde ihm gegeben, und er gibt sie, wem er will (Lk 4,6). Auch andernorts im Neuen Testament erscheint Satan als »Herrscher dieser Welt« (z.B. 2Kor 4,4; Joh 12,31). Die Antwort Jesu weist das Ansinnen des Versuchers ab mit dem Bekenntnis zu JHWH als einzigem Gott, auf das ganz Israel verpflichtet ist (4,8).

Mit dem Versprechen, Jesus im Blick auf irdische Königreiche »diese ganze Vollmacht und ihre Herrlichkeit« zu geben, setzt sich der Versucher in Gegensatz zu Aussagen, in denen Jesus selbst Herrlichkeit zukommt (9,26.32; 21,27). Der Auferstandene wird klären, dass der Weg in die Herrlichkeit über das Leiden führt (24,26). Der angebotene »direkte Weg« ist nicht der Weg des Messias. 

2 Kommentare:

Gerhard Mentzel hat gesagt…

Auch hier hat der Lukas genannte Hellenist nicht von dem gesprochen, der heute als einzig historisch hinterfragt und damit alle hoheitliche Rede von Jesus als Hellenisierung, nachösterliche Christologisierung, Verherrlichung... gedeutet wird. Lukas schreibt nicht um einen durch einen versehentlich als Teufel gedeuteten Gesprächspartner eines fastentätigen Reformpredigers. Auch kann diesem keine theologische Versuchungsgeschichte mit Wüste, Teufel & Co. angedichtet worden sein, um ihn zu verherrlichen oder so alttestamentliche Erfüllung durch den jungen Guru zu beschreiben, wie er allgemein angenommen wird.

Von dem, der heute aufgrund des buchstäblich verstandenen Bildes der Synoptiker als banaler historischer Jesus gilt, ist in der Geschichte nichts zu lesen.

Die Hellenisierungstheorien bzw. die Annahme einer späteren Verherrlichtung, das ist - wie sich auch hier wieder zeigt - Schnee von Gestern. Bei dem was wir heute über die Denkweise der Zeitenwende wissen, z.B. die Betrachtung einer von Schöpfung ausgehenden und im kosmischen und kulturellen Werden begründete Weisheit, die für hellenistische Juden statt menschlicher Göttersöhne (auch die inzwischen vergötterten Könige galt, ist es einfach absurd, weiter anzunehmen, der, der heute als historischer Jesus gilt, wäre als solche betrachtet oder anschließend hingestellt geworden. Der, der heute wie selbstverständlich als historisch vorausgesetzt wird, kann nach dem was wir über die Zeit wissen keiner der damaligen Denker oder Christologiediskussionen weiter unterstellt werden. In der Versuchungsgeschichte wird die Auseinandersetzung um das Wesen der Vernunft/des Logos/der Weisheit allen Werdens beschrieben, die im jüdischen Hellenismus nachweislich galt, als Josua/gr. Jesus definiert und statt Göttersöhne als wahrer, zeitgemäßer Mittler gesehen wurde.

Auch die Bezugnahme von Prof. Häfner auf das AT macht wieder deutlich, dass ein diesem bzw. dem anfänglichen Monoth. zugrunde liegendes Wort (hebr.: alles Werden bewirkende, so sichtbare Vernunft/Weisheit), die vom Unsagbaren bzw. Unvorstellbaren ausging, das Thema von Lukas, wie des gesamten NT war.

Wer vom Teufel versucht, wem die weltliche Macht versprochen wurden und wer den Dienst an der göttlichen/schöpferischen vorzog, das war nicht der heute geltende wundertätige Heilsprediger, sondern die Vernunft: Damit das lebendige Wort, das im aufgeklärten Historienbewusstsein heute wieder im kausalen, wissenschaftlich beschriebenen Werden der Welt zu hören (aufzuverstehen) wäre.

Hierzu den Weg zu bahnen, in Neuevangelisation die Botschaft aufgeklärt verständlich zu machen, den alten Bund im heutigen Hören zu begründen das wäre möglich. Brücken zu bauen, um im aufgeklärten Verständnis Jesus auch heutige naturalistische Heiden in mündige schöpferische Verant-wort-ung zu nehmen, das wäre Aufgabe kath. Wissenschaft.

Ein wundertätiger oder sonst wie gearteter Wandercharismatiker, wie er bis zur Aufkläung als göttliche Offenbarung getragen hat, kann heute die Welt nicht mehr in eine gemeinsame Verantwortung nehmen, ihr keinen Sinn vermitteln. Doch Gott sei Dank bringen uns auch die Sonntagsevangelien von Prof. Häfner bei, dass Lukas davon nicht berichtet.

Auch wenn wir wissen, wie damals die im Hellenismus bekannte Weisheit/Vernunft als schöpferische Hypostase diskutiert wurde, die vormals bei den Hebräern geltende Weisheit/das Wort in der bekannten Gestalt zur Welt gebracht, so Fleisch wurde. Solange nur ein als Weisheit hellenisierter oder als hoheitlich geltender Heilsprediger an den Anfang gestellt wird, nicht gefragt wird, warum der menschliche Ausdruck damals geltender Weisheit die Innovation in kultureller Entwicklung, mehr als menschliche Götter und Könige, aber aufgrund menschlicher Kult(ur)vorstellungen notwendig war, bleibt der Verstand dessen verbaut, was damals historisches Heil brachte, sich lt. Lukas nicht vom Teufel versuchen ließ.

Gerhard Mentzel hat gesagt…

Beim Fischen im Netz zum Thema "Hellenismus" (auch in Verbindung mit Hellenisierung, jüd. Hellenismus, Weisheitslehren...) ebenso wie beim Lesen der letzten Ausgabe von "Welt und Umwelt der Bibel" des kath. Bibelwerkes über "Jesus-Reliqien", ihre Faszination und Bedeutung für die Begreifbarkeit, ist mir bewusst geworden, wie auch der Hellenist Lukas mit der bildhaften Versuchungsgeschichte, der Diskussion Jesus und einer Teufelsgestalt zur Hellenisierung des chr. Glaubens beigetragen hat. Doch er hat damit den Logos/das in allem Werden sichtbare Wort nicht verfälscht, sondern erst volksgerecht begreifbar gemacht hat. Ist damit nicht nur der Welt, sondern schöpferischer Vernunft und ihrem Geber gerecht geworden.

Nicht nur die messianischen Hoffnungen der Juden, die dortigen Volksvorstellungen von Moses und Josua als weisen Männern... verlange die Fleischwerdung der Sophia/Vernunft/des Wortes, das vom Unsagbaren aus ging.

Mehr noch scheint die menschliche götter- und greifbare Gottkönige gewohnte hellenistische Kultur bzw. Ausdrucksweise (der Legede nach die Kaisermutter) die Menschwerdung Jesus notwendig gemacht zu haben.

Auch dass eine Alte Frau mit Namen Helena, die drei Kreuze im Reisegepäch mitbrachte, ist so ein Reliqt, das sich hält, gleichwohl wir von Legende sprechen und wissen, dass es so nicht gewesen sein kann.

Die Mutter eines Kaisers, der phil. in der Stoa gebildet, sich selbst als Verkörperung kosmischer Ordnung sah, im Volksglaube gleichzeitig eine diese kreative Ordnung im Kult umsetzende hellenisische Götterpantheon befeuerte, wäre es nie in den Sinn gekommen, sich für den Galgen eines jüdischen Heilspredigers zu interessieren. Wie weit ab von der Welt muss man sein, wenn man dann (auch wenn indirekt) unterstellt, dass die damaligen Denker, Konstantin oder seine Mutter, einen palästinenzischen Reformer bzw. Wandergurur als die schöpferische Weiseit oder gar als neuen Gott... angehimmelt hätten?

Warum aber mit Blick auf den Hellenismus die phil. definierte Vernunft, die theologisch als Wort der Hebräer/Propheten verstandene wurde, die Gestalt brauchte, die dann bis zur Aufklärung getragen hat, warum der als Jesus gesehene Logos/Sinn allen sichtbaren Lebens Mensch werden, das Kreuz und den Tod auf sich nehemen musste, das lässt sich in evolutionärer Kulturentwicklung nachvollziehen.

Doch um heute die Götterbilder zu vertreiben bzw. den allzu menschlichen Gottesvorstellungen gerecht zu werden, die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen und den Menschen einen zeit- zukunftsgerechten gemeinsamen Glauben zu ermöglichen, bedarf es nicht mehr der Fleischwerdung der Vernunft, sondern ihre Auf(v)erstehung: Und dieses aufgeklärte Verständnis des fleischgewordenen Wortes und die Bedeutung, die das Bild des bärtigen Wortes (dass damit kein doketistisches Scheinwesen ist) bis heute hat, der Logos/die kreative Vernunft, die ihm zugrunde liegt, wäre gerade in der Fastenzeit von kath. Wissenschaft zu liefern.