Sonntagsevangelium (96)

26. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 16,19-31

Den Gegensatz von Arm und Reich bringt die Beispielerzählung vom Reichen und dem armen Lazarus wirkungsvoll zur Geltung. Dies gelingt ihr nicht nur durch die Beschreibung von Luxus (Lk 16,19) und bitterster Armut (16,20f), sondern auch durch die Bemerkung, dass der Arme »vor der Tür des Reichen« lag. Zwischen beiden Figuren kommt es trotz der räumlichen Nähe zu keinem Kontakt. Unausgesprochen liegt darin ein Vorwurf an den Reichen: Dass Lazarus nicht einmal von dem essen konnte, was »vom Tisch des Reichen fiel«, er vielmehr selbst von den Hunden verkostet wurde (16,21), profiliert nicht nur den Gegensatz der Lebenssituation; durch diese Beschreibung wird mitgeteilt, dass dem Reichen das Schicksal des Lazarus gleichgültig war.

Die Erzählung begnügt sich bei dieser Schilderung mit knappen Strichen, denn ihr Interesse liegt auf einem anderen Sachverhalt: den Folgen des geschilderten Gegensatzes nach dem Tod der beiden Hauptfiguren. Das schroffe Gegenüber bleibt erhalten, nun aber mit umgekehrter Rollenverteilung, was Qual und Wohlergehen betrifft (16,22-24). Der »Schoß Abrahams« ist Metapher für den Heilsort, der Unheilsort wird mit »Hades« bezeichnet. Die Darstellung von Gegensätzen gewinnt nun auch eine räumliche Komponente: Beide Bereiche sind trotz der vorausgesetzten Kontaktmöglichkeit so scharf voneinander getrennt, dass ein Überstieg vom einen zum anderen unmöglich ist (16,26).

Die Erklärung, die der vom Reichen angerufene Abraham für das unterschiedliche Geschick nach dem Tod gibt (16,25), bringt nicht den Gedanken der Strafe ins Spiel, sondern geht von der Vorstellung eines Ausgleichs aus: Gott sorgt für ein ausgeglichenes Maß an Gutem und Bösem, das einem Menschen widerfährt; der Reiche hat schon alles Gute in seinem prunkvollen Leben empfangen, Lazarus in seiner Armut alles Üble – und dies wird durch die Umkehrung nach dem Tod ausgeglichen. In dieser Umkehrung berührt sich die Geschichte mit der Seligpreisung der Armen und dem Wehe über die Reichen in der Feldrede (Lk 6,20-26). Auch der Grund für die Umkehrung ist vergleichbar: Die Reichen haben ihren Trost schon empfangen (6,24; 16,25a), Lazarus wird jetzt getröstet (16,25b). 

Dieses Erklärungsmuster, das auf den Gedanken des Gerichts über den Reichen verzichtet, passt allerdings nicht auf die Erzählung im Ganzen. Zum einen scheint der Zustand des Reichen als endgültig und unwiderruflich; dies ist aber mit dem Gedanken eines gerechten Ausgleichs nicht zu verbinden: einem für eine bestimmte Zeit erhaltenen Gut stünde ein ewiges Übel gegenüber. Zum andern gibt es zwei Ansatzpunkte für das Urteil, dass das Geschick des Reichen nicht nur Ausgleich, sondern Strafe sein soll: die implizite Kritik an ihm in der anfänglichen Szenenbeschreibung und die Rede von der Umkehr, die der Reiche seinen fünf Brüdern ermöglichen möchte (16,28-30). Dieser Akzent wird im Kontext des Lukas-Evangeliums besonders betont (siehe 16,9-14). 

Berücksichtigt man diesen Akzent, kann man auch vor Fehlschlüssen in der Wirkabsicht der Beispielerzählung bewahrt werden. Sie zielt nicht darauf, die Armen im Blick auf einen Ausgleich nach dem Tod ruhig zu stellen und mit ihrem üblen Geschick auszusöhnen. Es geht vielmehr um einen Appell an die Reichen, die Armen nicht ihrer Armut zu überlassen. Außerdem ist die Erzählung ein Zeugnis gegen den Tun-Ergehens-Zusammenhang: Sie muss davon ausgehen, dass es nichts mit dem jeweiligen Handeln zu tun hat, wenn es dem Reichen gut geht und Lazarus schlecht. Umgekehrt ist die Erzählung im Rahmen einer Option Gottes für die Armen zu lesen. Vielleicht trägt deshalb auch der Arme einen Namen: »Lazarus« ist von »Eleazar« herzuleiten, und dies bedeutet »Gott hat geholfen«. 

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Ich habe beim Lesen beständig die Verfilmung des Musicals "Godspell" vor Augen. Auf wunderbar leichte Weise ist dort gezeigt und vertont, was hier ausgelegt wird!
Leider gibt es auf youtube keine geeignete Aufnahme...
Danke für diese Exegese!

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