Sonntagsevangelium (98)

28. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 17,11-19

Nach den in 15,3 beginnenden Redeteilen erinnert Lukas (wie bereits in 13,22) daran, dass Jesus sich auf dem Weg nach Jerusalem befindet. Eine strukturierende Funktion im eigentlichen Sinn kann man diesen beiden »Reisenotizen« nicht zuschreiben. Es ist jedenfalls nicht erkennbar, dass sie den erzählten Stoff in bestimmte thematische Blöcke unterteilten oder ein anderweitig wichtiges Signal gesetzt würde. Dass Lukas gerade bei der Eröffnung der Geschichte von der Heilung der zehn Aussätzigen das Unterwegssein Jesu erwähnt, dürfte kein Zufall sein: Die Geschichte muss sich im Freien abspielen.

Auffällig ist die Formulierung, Jesus sei auf seinem Weg nach Jerusalem (im Süden) »mitten durch Samarien und Galiläa« gezogen, da Samarien südlich von Galiläa liegt. Seit langem wird dies als Indiz gewertet, dass der Verfasser des Lukas-Evangeliums mit den geographischen Verhältnissen in Palästina nicht vertraut war. Manche Handschriften bieten eine abweichende Lesart, die die Übersetzung erlaubt, Jesus sei im Grenzgebiet zwischen Samarien und Galiläa unterwegs. Dies ist wohl eine nachträgliche Korrektur, die sprachlich und inhaltlich an das Gewohnte angleicht. 

Zehn Aussätzige werden von Jesus geheilt, eigentlich eine der größten Wundertaten in den Evangelien – und doch steht das Wunder nicht im Mittelpunkt der Erzählung. Sie geht aus vom Vertrauen der Aussätzigen in Jesus (Lk 17,13). Dass Jesus sie zu den Priestern schickt (17,14), ist in einem alttestamentlichen Gebot begründet (Lev 13,49: die Reinigung soll festgestellt werden). Auffälligerweise geschieht dies vor der Heilung (anders Lk 5,13f). Damit verbindet sich kein besonderes inhaltliches Anliegen; es soll nicht das Vertrauen der Kranken auf die Probe gestellt werden. Vielmehr handelt es sich um einen erzählerischen Zug, der die Voraussetzung für den weiteren Verlauf der Geschichte schafft: Nach der Heilung kehrt nur einer zurück, um zu danken.

Das Motiv der Rückkehr erinnert zwar an die Erzählung von der Heilung des aussätzigen Naaman durch Elischa (2Kön 5,15f), seine spezifische Funktion hat aber keinen Anhalt in der alttestamentlichen Geschichte: die wirkungsvolle Darstellung des Kontrastes zwischen dem Dank des einen und der Undankbarkeit der anderen neun. Der Erzählung geht es wesentlich um diesen Kontrast, wie die abschließenden Jesusworte zeigen. Sie formulieren in 17,17f keine echten, sondern rhetorische Fragen, die als Vorwurf an die Undankbaren zu lesen sind und zugleich die Möglichkeit bieten, die nichtjüdische Herkunft des Dankbaren noch einmal besonders zu betonen. Damit wird eine Linie fortgeführt, die mit dem Beispiel vom barmherzigen Samariter begann (10,30-35; s.a. 9,52-56); sie wird bis in die Apostelgeschichte ausgezogen (Apg 1,8; 8,5-25).

Für Lukas ist allerdings wichtig, dass sich der Dank an Jesus (17,16) verbindet mit dem Lobpreis Gottes (17,15.18). Darin erweist der Geheilte das angemessene Verständnis seiner Heilung: Im Wirken Jesu begegnet Gott (siehe auch 1,78f; 7,16). Deshalb wird auch vom Glauben des Geheilten gesprochen (17,19). Der Schlusssatz fällt auf: Wenn in den Wundergeschichten der synoptischen Evangelien vom Glauben die Rede ist, dann erscheint er gewöhnlich als Voraussetzung der Heilung. Hier dagegen ist das Motiv verschoben auf den Dank als Reaktion auf die Heilung. Dadurch entsteht eine Unstimmigkeit: Worin die rettende Funktion des Glaubens besteht, bleibt unklar, da ja auch die Undankbaren geheilt wurden. Es geht Lukas in erster Linie wohl um eine positive Reaktion Jesu auf Dank und Lobpreis des Samariters; dazu verwendet er eine geprägte Wendung für den abschließenden Zuspruch Jesu in Wundergeschichten.

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