Sonntagsevangelium (106)

Zweiter Adventssonntag (A): Mt 3,1-12

Matthäus bringt gleich zu Beginn seiner Darstellung Johannes des Täufers einen eigenen Akzent in dessen Botschaft ein: »Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe« (3,2). Mit genau denselben Worten fasst der Evangelist die Botschaft Jesu zusammen (4,17). Jesus und Johannes werden also, stärker als in den anderen Evangelien, aneinander angeglichen. Der Täufer bereitet die Verkündigung Jesu von der Gottesherrschaft unmittelbar vor; umgekehrt übernimmt Jesus im Matthäus-Evangelium Motive aus der Gerichtsbotschaft des Täufers. Das Wort vom Baum, der keine Früchte bringt (3,10b) erscheint wörtlich wieder in der Bergpredigt (7,19). Das Bild vom Sammeln des Weizens in der Scheune, vom Täufer auf den Kommenden hin angewendet (3,12), begegnet erneut in der Auslegung des Gleichnisses vom Unkraut unter dem Weizen (13,30).

Zu dieser weitgehenden Parallelisierung passt, dass Johannes als eine in der Schrift verheißene Gestalt erscheint. Nicht nur seine Aufgabe der Wegbereitung, sondern die Person des Wegbereiters wurde durch den Propheten angekündigt. Wörtlich lautet die Übersetzung von 3,3a: »Dieser ist der vom Propheten Jesaja Gesagte.«


Das Zitat aus Jes 40,3 weist eine kleine, aber keineswegs nebensächliche Änderung gegenüber dem Prophetenbuch auf – sowohl zur hebräischen wie auch zur griechischen Überlieferung. Dort heißt es in der letzten Zeile: »... gerade macht die Pfade unseres Gottes.« Bei Matthäus lautet die Passage (wie bereits in seiner Vorlage Markus): »... gerade macht seine Pfade.« Dies bezieht sich auf den Herrn (κύριος/Kyrios) aus der vorherigen Zeile (»bereitet den Weg des Herrn«). Für die alttestamentlichen Textfassungen ist dieser Herr JHWH, Gott selbst. Die Urchristen haben den Kyrios-Titel auf Christus übertragen, nicht aber das Gottesprädikat (ὁ θεός/ho theos, mit bestimmtem Artikel). Durch den kleinen Texteingriff wurde die Aussage über die Wegbereitung für Gott bei Jesaja auf den Herrn Jesus bezogen, der Täufer als Wegbereiter Jesu gekennzeichnet.

Zwar wird Johannes zu Beginn als Täufer vorgestellt (3,1), von der Tauftätigkeit erzählt Matthäus aber nich sofort (3,5). Wichtiger ist ihm zunächst die Wortverkündigung des Johannes, die Deutung seiner Person durch die Schrift und die Umstände seines Auftretens: Die Notizen über Nahrung und Kleidung (3,4) sollen den Täufer wahrscheinlich als Wüstenbewohner präsentieren und damit die endzeitliche Bedeutung seines Wirkens unterstreichen. Anknüpfend an die Zeit der Wüstenwanderung – verstanden als ideale Zeit, in der Gott mit seinem Volk war – konnte auch die Erwartung der Erlösung Israels mit der Wüste in Verbindung gebracht werden.

Der erzählerischen Nachordnung der Tauftätigkeit entspricht eine sachliche Degradierung der Johannes-Taufe. Hatte sie Markus gekennzeichnet als »Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden« (Mk 1,4; s.a. Lk 3,3), so wird sie bei Matthäus eine »Taufe zur Umkehr« (3,11). Die Bestimmung »zur Vergebung der Sünden« wandert wörtlich in die Abendmahlstradition, wo dem vergossenen Blut Jesu diese Bedeutung zugeschrieben wird (26,28; nur bei Matthäus). Da bereits in der Begründung der Namensgebung Jesu Zusammenhang zur Rettung von den Sünden hergestellt wird (1,21), ist Matthäus offensichtlich daran interessiert, die Sündenvergebung für Jesus zu reservieren.

Dies weist auf eine zweite Tendenz, die der eingangs beschriebenen Parallelisierung entgegengesetzt ist: Matthäus lässt keinen Zweifel an der Überordnung Jesu über den Täufer. Dies geschieht zum einen durch eine ausdrückliche Verhältnisbestimmung zum Kommenden: Johannes ist nicht einmal in der Lage zu dem Sklavendienst, dem Kommenden die Schuhe hinterherzutragen (dass diese angekündigte Gestalt Jesus ist, wird nicht ausdrücklich gesagt, klärt sich aber in 3,14). Zum andern wird die Taufe des Johannes als Wassertaufe gegenüber der künftigen Taufe mit Geist und Feuer als geringer eingestuft. Wahrscheinlich sieht Matthäus die Ankündigung der Geisttaufe in der christlichen Taufe erfüllt (s. 28,19), während die Feuertaufe Metapher für das noch ausstehende Gericht ist. Mit dem Ausblick auf die endgerichtliche Scheidung endet denn auch die Täuferpredigt (3,12). 

Kommentare

Volker Schnitzler hat gesagt…
"Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt? Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben ja Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen."

Starke Worte, die Johannes hier gebraucht! Und einem solch radikalen Wüstenprediger folgt Jesus und lässt sich taufen. Diese scharfen Worte waren wohl etwas Neues innerhalb des Judentums: Eure Abrahamkindschaft rettet euch nicht, nur die Taufe! Und diese Taufe übernimmt dann auch die nachösterliche Jesusbewegung.

Wenn man dann sieht, wie Mt und Lk versuchen die Tatsache, dass Jesus sich von Johannes taufen lies, herunterzuspielen, kann man das Ärgernis erkennen, das diese Tatsache den frühen Christen wohl war. Für die Frage des historischen Jesus sind diese beiden Taufgeschichten wohl unbrauchbar, da muss man auf Mk setzen.

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