Sonntagsevangelium (129)

6. Sonntag der Osterzeit (A): Joh 14,15-21

Der Abschnitt wird gerahmt durch die Verbindung, die zwischen dem Halten der Gebote Jesu und der Liebe zu ihm hergestellt wird (14,15.21). Von Geboten Jesu (in der Mehrzahl) war bislang im Johannes-Evangelium nicht die Rede, sondern nur vom neuen Gebot, das in der gegenseitigen Liebe der Jünger besteht (13,34). Man muss wohl in umfassendem Sinn an die Worte denken, die Jesus seinen Jüngern hinterlässt. So besteht denn nach 14,23f derselbe Zusammenhang zwischen dem Halten der Worte Jesu und der Liebe zu ihm. Die Aussage blickt auf die Zeit nach dem Weggang Jesu voraus. Wenn die Jünger Jesus nicht mehr in seiner irdischen Gestalt begegnen können – die Situation der Adressaten des Evangeliums –, erweist sich ihre Liebe zu ihm in der Treue zu seinem Wort. Diese Ausrichtung auf die nachösterliche Zeit gibt auch einen Hinweis, wie die Aussage zu verstehen ist, Jesus werde sich denen zeigen, die ihn lieben (14,21). Im Blick ist nicht die Erscheinung des Auferstandenen vor den Jüngern am Ostertag (20,11-23), sondern eine Jesusbegegnung, die allen Glaubenden möglich ist, weil sie im Geist geschieht.

Diese Interpretation wird dadurch bestärkt, dass zuvor die Geistsendung verheißen wird. In 14,16f begegnet der erste der sogenannten »Paraklet-Sprüche« (s.a. 14,26; 15,26f; 16,7b-11; 16,13-15). Das griechische Wort, das unübersetzt mit »Paraklet« wiedergegeben wird, bedeutet wörtlich »der Herbeigerufene« und bezeichnet ursprünglich vor allem den Beistand vor Gericht, ohne allerdings auf diesen Bereich festgelegt zu sein. Sekundär erhielt der Begriff  dann auch den Sinn: einer, der ermutigt, tröstet, mahnt, belehrt. Die Begriffsgeschichte zeigt eine außerordentliche Anpassungsfähigkeit des Ausdrucks. So ist auch im Johannes-Evangelium der Sinn des Wortes aus dem jeweiligen Kontext zu erschließen.

Im ersten der fünf Paraklet-Sprüche wird verheißen, dass der Geist gegeben wird, um für immer bei den Jüngern zu sein. Dies zielt auf die Kontinuität der Gemeinschaft Jesu mit den Jüngern, wie man schon aufgrund der Bezeichnung des Parakleten als »Geist der Wahrheit« vermuten kann: Jesus selbst wird ja als die Wahrheit bezeichnet. Zugleich bedeutet diese bleibende Gemeinschaft mit Jesus auch die bleibende Gegenwart der in und mit Jesus geschehenen Offenbarung gemäß der johanneischen Besonderheit: Die Person Jesu selbst ist die Offenbarung Gottes (noch deutlicher wird dieses Moment in 14,26). Wie Jesus wird der Geist vom Vater gesandt – auch diese Aussage zeigt die Parallelität zwischen Jesus und Geist. Über den Geist, der den Glaubenden gegeben wird, bleibt die in Jesus geschehene Offenbarung gegenwärtig, wird die Welt bleibend mit ihr konfrontiert. So können sich Glaube und Unglaube, Heil und Gericht in jeder Gegenwart ereignen

Der erste Paraklet-Spruch betont (anders als die in Kapitel 15 und 16) allerdings noch nicht das Wirken des Geistes nach außen, sondern bringt den Gegensatz von Welt und Gemeinde ins Spiel, der die Abschiedsreden des Johannes-Evangeliums durchzieht. In diesem Zusammenhang bezeichnet »Welt« nicht neutral das Universum, wie im Wort von Jesus als dem »Licht der Welt« (8,12); die Welt ist hier vielmehr charakterisiert durch den Unglauben. Sie kann den Geist der Wahrheit nicht empfangen (14,17) und wird Jesus nach dessen Tod nicht mehr sehen (14,19). Für die Glaubenden, repräsentiert in den Jüngern, gilt das Gegenteil.

Haben sich die Gemeinden, für die das Johannes-Evangelium geschrieben wurde, also streng von der ungläubigen Umwelt abgeschottet? Und ist diese Trennung im Sinne göttlicher Vorherbestimmung zu verstehen als Trennung zwischen den Geretteten und Verdammten? Gegen eine solche Folgerung spricht, dass die Gemeinschaft der Glaubenden mit Jesus und dem Vater nicht in sich abgeschlossen ist. Zwar heißt es: »Ich in meinem Vater und ihr in mir und ich in euch« (14,20). Doch dieses gegenseitige Ineinandersein ist auf die Welt hin geöffnet. Die Glaubenden sind in die Welt gesandt (17,18); ihre gegenseitige Einheit und ihre Einheit mit Jesus und Gott soll die Welt zum Glauben führen (17,21.23). Wenn sie sich dahin führen lässt, verliert sie allerdings ihre Kennzeichnung als »Welt«; der Gegensatz zur Gemeinde löst sich auf. 

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Unabhängig von allem, was Prof. Häfner über den heutigen Text bzw. Jesus, seine Jünger, die Paraklet-Sprüche... schreibt, macht allein die Bezeichnung "Gebote" deutlich: Im Text geht es nicht um einen heilspredigenden Gott, wie er heute als historisch gilt. Vielmehr gingen die Gebote von einer in der Geschichte als Jesus/Josua bzw. Wort verstandenen kreativen= schöpferischer Vernunft aus, die damals galt und heute wissenschaftlich erklärt wird.

Wer auch bei den Mosesgeboten nicht mehr an Märchen glaubt, sondern hier, wie im NT erklärt, wie Verhaltensweisheiten, die sich aus einem ganzheitlich monistisch/monotheistischen Weltbild ergaben aufgegriffen wurden, der kann die Gebote Jesus keinem Heilsprediger in den Mund legen wollen. Das Wort, die nun in Vernunft erklärte schöpferische Wirklichkeit, die heute oft aufgrund buchstäblicher Sichtweisen unbedeutend bleibt, hat gesprochen.

Einer Zeit, in der auch rund um den See Genezareth Vernunftlehren wie die Stoa galten zu unterstellen, sie hätte die Ansichten/Worte eines Heilspredigers für schöpferische Gebote gehalten, ist das nicht himmelschreiend?
Abaelard hat gesagt…
"Über den Geist, der den Glaubenden gegeben wird, bleibt die in Jesus geschehene Offenbarung gegenwärtig, wird die Welt bleibend mit ihr konfrontiert."

Ich vermute, dass ein solcher Satz für viele schwer bis gar nicht zu verstehen ist, weil moderne Zeitgenossen sich unter "Geist, der den Glaubenden gegeben wird" kaum etwas Sinnvolles vorstellen können.

Habe ich diese Geist-Wirklichkeit selbst schon einmal erfahren, sie vielleicht nur anders benannt oder unbenannt belassen?
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Die in Jesus geschehene Offenbarung ist gegenwärtig. Bis zur Aufklärung war es der Glaube an die Worte, Gebote eines ganz selbstverständlich als hoheitlich geltenden Jesus, der getragen hat.

Heute, wo an theologischen Hochschulen nur noch von einem Heilsprediger gesprochen wird, ist die Zeit gekommen, die geschehene Offenbarung in aufgeklärter Weise wahr zu nehmen/machen.

Bereits die anfängliche Heiligkeit war kein nächtlicher Geistesblitz oder eine geheimnisvolle Eingebung. Schon von Levitikus kennen wir weisheitliche Kult- und Lebensregeln, die vom Verbot der Gottesvorstellungen/Götzenbilder bis zu Essen und Ackerbau, Zins bzw. Pacht das Zusammenleben der Menschen als -/Geist-Brüder in einem monistisch/monotheistischen Ganzen regeln. Verdichtet dann in den Mosesgeboten zu lesen.

Und auch die Gebote, die nach den Verfassern des NT nun Jesus gegebene hat, waren keine persönliche Ansichten, die im Traum von einer Gottesvorstellung eingegeben wurden. Auch wurde nicht einfach das bereits bei Levitikus oder auch in weiter jüd. Tradition zu lesende Gebot der Nächstenliebe abgeschrieben oder von einem besonders schlauen jungen Schriftgelehrten mit Rufname Jesus ausgelegt.

Eine von einem großen Ganzen als Schöpfung ausgehende Vernunft, die damals gegenwärtig war, hat zur Zeitenwende gesagt, was für Kulturwesen in Gemeinschaft geboten war.

Wenn der "Papst des Neuen Atheismus" (Sprecher der GBS)Schmidt-Salomon in "Hoffnung Mensch" auf einen "evolutionären" Humanismus hofft, den bereits Huxley als Begründer eines "monistischen" Humanismus gefordert hätte. Dann hofft auch er auf die durch eine ganz nat. Schöpfung gegebenen Gebote, die für in jüd.-chr. Kultur Erwachsene keine naturalistischen bzw. sozialdarwinistische Kurzschlüsse mehr sind. Es sind Gebote, die sich durch ein Weltganzes ergeben, für geistbegabte Wesen die nicht nur biologisch wissen, dass sie Brüder sind.

Aber wie soll das alles wieder auf einen Nenner zu einem gemeinsamen tragenden Weltbild kommen, wie es bereits Huxley forderte, weil sonst die Flucht in die Utopie oder egoistische Selbstsucht wäre? Wie soll die gemeinsame Vernunft, die in Jesus war, auf vielen Europawahlprogrammen heute vergeblich gefordert wird, wieder gegenwärtig werden, wenn lt. heutiger Lehre am Anfang kein Logos (in Vernunft erklärte schöpferische Wirklichkeit), sondern allenfalls ein als Wort/Vernunft verherrlichter Wanderguru bedacht werden darf.
Abaelard hat gesagt…
Mir ist noch eine Zusatzfrage zu Joh 4, 15-21 eingefallen:

Wer mich liebt, hält meine Worte/Gebote ...
Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist's, der mich liebt.

Diese kühle Liebesdefinition kann sehr lieblos, befremdend und enttäuschend wirken. Als würde Jesus geradezu einen objektiven Maßstab an die Hand geben wollen, an dem wir beurteilen können, wie sehr oder wie wenig wir ihn lieben: Erfülle ich nur die Hälfte der Bergpredigtgebote, dann liebe ich ihn also nur zu 50% ????


Nimmt hier Jesus wirklich - wie es zumindest auf den ersten Blick erscheinen mag - eine Definition für das vor, was er für Liebe hält?

Demnach wäre ja die Liebe etwas Staubtrockenes, Emotionsloses und vor allem Moralinhaltiges: nämlich Folgsamkeit, Gehorsam, Halten der Gebote.

Oder meint Jesus nicht doch eher:
Liebe ist etwas anderes als das Tun der Gebote. Sie geht der Folgsamkeit voraus, sie motiviert und befähigt allererst dazu, die Gebote dessen, den man gern hat, zu befolgen.
Demnach wäre das Erfüllen der Gebote Jesu nicht identisch mit "Jesus lieben", sondern nur die natürliche Konsequenz aus der vorgängigen Liebe.

Aber lässt sich die eine oder andere Auslegungsvariante aus dem Text selbst begründen?
Gerd Häfner hat gesagt…
Die Aussagen zu Liebe und dem Halten der Gebote/Worte Jesu sind am ehesten vor dem Hintergrund der Situation der Adressaten des Evangeliums zu deuten. Die Jünger auf der literarischen Ebene stehen für die Glaubenden, die dem irdischen Jesus nicht mehr begegnen können. In dieser Situation ist das Tun der »Test« der Liebe. Diese bleibt kein bloßes Gefühl, sondern erweist sich daran, dass einem das Wort des Geliebten etwas bedeutet. Man muss nicht auf Gehorsam und Folgsamkeit hin akzentuieren.

Auch die inhaltliche Füllung des »neuen Gebotes« weist nicht in diese Richtung. Die Liebe, die Jesus erwiesen hat, begründet nicht die Forderung, dieser Liebe im Verhältnis zu ihm zu entsprechen (also ihn zu lieben), sondern im Verhältnis zu den Mitglaubenden: »Liebt einander, wie ich euch geliebt habe.« Diese Liebe, die im gegenseitigen Verhältnis der Glaubenden zu leben ist, kann nicht als Erfüllung einer Gehorsamspflicht Jesus gegenüber verwirklicht werden. Zugleich wird ein Akzent gegen das Prinzip der Gegenleistung gesetzt (»do ut des«).

Auch das Gebot der Feindesliebe in der synoptischen Tradition ist auf die Praxis hin akzentuiert. Es wird dadurch gefüllt, dass man dem Feind zugunsten handelt (Lk 6,27), nicht dass man ihn in emotionalem Sinne »mag«.

Meistgelesen

Das Bier im Kühlschrank und die Theologie

Zu Mk 5,1-20: Der Besessene von Gerasa

Die eingebildete »Entgöttlichung Christi«