Sonntagsevangelium (145)

25. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 20,1-16a

Das Bildfeld des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg entstammt der palästinischen Arbeitswelt zur Zeit Jesu. Hier gab es das System der Lohnarbeit, die jeden Tag neu vergeben wurde. Dieses System setzt das Gleichnis voraus, kritisiert es aber nicht, auch nicht durch die ungewöhnliche Lohnverteilung am Ende des Arbeitstages. Der Weinbergbesitzer argumentiert gegenüber dem Einspruch der Arbeiter der ersten Stunde u.a. auch damit, mit seinem Eigentum machen zu können, was ihm beliebt (16,15a). Die Art der Arbeitsorganisation wird also nicht angegriffen; innerhalb des Bildfeldes bleibt die Erzählung ganz im Rahmen jenes Konzeptes, das Arbeit an Tagelöhner vergab. Es wird nicht an der Person des Gutsherrn die Macht der Besitzenden und an den Tagelöhnern die Ohnmacht der Armen dargestellt bzw. kritisiert. 

Das Gleichnis erzählt von einem Weinbergbesitzer, der mehrmals am Tage auszieht und Arbeiter für seinen Weinberg anwirbt. Warum er dies tut und sogar noch zur elften Stunde Arbeiter dingt, wird nicht weiter ausgeführt und ist deshalb für die Aussage des Gleichnisses nicht entscheidend. Wichtig für die dramatische Gestaltung ist allerdings ein erzählerisches Detail bei der Anwerbung der Arbeiter: Nur im ersten Fall wird eine feste Lohnvereinbarung – wohl in üblicher Höhe – getroffen (16,2). Offen bleibt, was ein gerechter Lohn für die anderen Arbeiter ist (s. 16,4: »was gerecht ist, werde ich euch geben«). Allerdings wird die Erwartung geweckt, es werde abgestuft nach Arbeitsleistung bezahlt.

Diese Erwartung wird in der Szene der Lohnauszahlung enttäuscht. Der Beginn bei den Arbeitern der letzten Stunde ist allein im erzählerischen Arrangement begründet: Nur so erhalten die Arbeiter der ersten Stunde Kenntnis von der Höhe des Lohnes, der den Arbeitern der letzten Stunde zugemessen wird. Es geht der Erzählung also offensichtlich nicht nur darum, dass der Weinbergbesitzer für ungleiche Arbeit gleichen Lohn auszahlt. Es soll über diese Handlungsweise auch zum Konflikt kommen. Die Arbeiter der ersten Stunde formulieren den entscheidenden Punkt des Protestes: »Du hast sie uns gleichgemacht.« Unterschiedliche Leistung ist vom Besitzer des Weinbergs gleich belohnt worden. 

Dass dieser Protest die Gerechtigkeit des Besitzers in Frage stellt, wird auch aus dessen Antwort deutlich. Sie stellt klar: Sein Vorgehen ist kein Unrecht gegenüber den Arbeitern, die den ganzen Tag gearbeitet haben. Sie haben den gerechten Lohn, dem sie zugestimmt haben, empfangen. Wenn der Besitzer des Weinbergs sich den Arbeitern der letzten Stunde gegenüber als gütig erweist und ihnen einen höheren Lohn bezahlt als ihnen eigentlich zusteht, so handelt er nicht ungerecht gegenüber den Arbeitern der ersten Stunde. Zur Debatte steht demnach die Frage: Ist der Weinbergbesitzer in seiner Güte noch gerecht ? Die Geschichte will zeigen, dass diese Frage zu bejahen ist. Es geht also wesentlich um die Rechtfertigung des gütigen Handelns des Gutsbesitzers. 

Das so verstandene Gleichnis lässt sich in die Verkündigung Jesu gut einordnen. Wenn wir die genannte Pointe in diesem Rahmen von der Sache her betrachten, wird leicht einsichtig, was Jesus mit diesem Gleichnis sagen wollte. Er sieht sich dem Einspruch gegen seine Botschaft vom zuvorkommend gütigen Gott gegenüber, der den Sündern vorbehaltlos vergeben will. Der Einspruch besagt, dass ein derart handelnder Gott nicht mehr gerecht wäre, da er Sünder und Gerechte gleich behandelt. Welche Bedeutung soll dann noch die Bemühung um Einhaltung der Tora haben, also die Bemühung darum, gerecht zu sein? Wer solche Kritik übt, soll durch das Gleichnis zur Erkenntnis kommen, dass der von Jesus verkündigte gütige Gott nicht gegen die Gerechtigkeit verstößt. Dies geschieht erzählerisch geschickt dadurch, dass die Adressaten des Gleichnisses sich in der Erzählung wiederfinden können. Ihrem Einspruch wird Raum gegeben, ja er erscheint in gewisser Weise sogar als naheliegend. So in die Geschichte verstrickt, sollen sie aber erkennen, dass das gütige Handeln Gottes niemanden um seinen »gerechten Lohn« bringt.

Mit Georg Eichholz kann man dieses Gleichnis als Zwilling des Gleichnisses vom verlorenen Sohn bezeichnen. Beide Geschichten erzählen von einem gütigem Verhalten, das als ungerecht empfunden wird. Die Arbeiter der ersten Stunde entsprechen dem älteren Sohn, der gegen das gütige Verhalten des Vaters protestiert. Anders als der Weinbergbesitzer hat der Vater aber keine Abmachung getroffen, auf die er sich berufen könnte; er kann nur den älteren Sohn ermuntern, sein Handeln zu akzeptieren: Er musste den jüngeren Sohn wieder aufnehmen, weil er verloren war und wiedergefunden wurde. Argumentativ ist der Weinbergbesitzer seinen Kritikern gegenüber in einer besseren Lage. Andererseits wirkt das Gleichnis vom verlorenen Sohn durch das gewählte Bildfeld der Familie auf der emotionalen Ebene überzeugender.

Die Anwendung im Matthäus-Evangelium verschiebt den Grundgedanken des Gleichnisses: »So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte« (der Lesungstext lässt unbergreiflicherweise den zweiten Satzteil aus). Dieser Kommentar macht einen Nebenzug des Gleichnisses, die Umkehrung der Reihenfolge bei der Lohnauszahlung, zur Hauptaussage. Der Satz von den Ersten und Letzten rahmt das Gleichnis, denn er findet sich nicht nur in der Anwendung des Gleichnisses (20,16), sondern auch leicht variiert vor dem Gleichnis, das den Satz dann begründet (19,30). Adressaten des Gleichnisses sind bei Matthäus die Jünger Jesu, denen zunächst der Lohn für ihren Einsatz zugesagt wird (19,29), ehe als Gegenakzent eine Mahnung erfolgt: Im Blick auf das Ende gibt es keine Garantien, aus Ersten können Letzte werden; auch die Jünger Jesu sind gefährdet und dürfen sich nicht in falscher Heilssicherheit wähnen – ein gut matthäisches Thema. 

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Stichwort "palästinische Arbeitswelt": als Laie habe ich nur Jeremias' Gleichnisse gelesen. An denen hat mir die historische Konkretheit gefallen. Aber Jeremias ist natürlich lang her. Können Sie neuere Literatur zur palästinischen Lebenswelt empfehlen? Möglichst lieferbar bei amazon?
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Eines steht fest, Herr Prof. Häfner,

auch in diesem später als Matthäus bezeichneten Text hat der Theologe mit Sicherheit nicht einfach die im Volk kursierende wörtliche Rede eines jungen Wanderpredigers wiedergegeben, der ein Gleichnis aus der Arbeitswelt Palästinas aufgriff, um seine Anhänger zurechtzuweisen.

Können Sie mir Bücher empfehlen, die solche in dieser Zeit gängigen Weisheitslehren auch in anderer Form deutlich machen? Oder Bücher mit Auslegungen, die diese Weisheit auf das theologische Thema des NT beziehen? Wo es weder um Lohnarbeit in Palästina, noch entsprechende Verhaltenslehren an die Anhänger eines jungen Guru ging.
Abaelard hat gesagt…
Was mir in dem Gleichnis von den Weinbergarbeitern unstimmig erscheint, ist die Frage des Besitzers in 20,6:
Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?

Diese Frage wirkt irrational, denn als Arbeitgeber, der mehrmals am Tag zum Versammlungsplatz von Arbeitsuchenden geht, kann ihm doch der Grund dafür, dass einige immer noch untätig herumstehen, unmöglich fraglich sein.

Selbst wenn die Frage "nur rhetorisch" gemeint sein soll, will mir die Sinnhaftigkeit solch rhetorischen Fragens nicht recht einleuchten.
Gerd Häfner hat gesagt…
@Anonym
Vielleicht können Ihnen folgende Werke weiterhelfen:

Wolfgang Zwickel, Die Welt des Alten und Neuen Testaments. Ein Sach- und Arbeitsbuch, Stuttgart 1997.

Wolfgang Zwickel, Leben und Arbeit in biblischer Zeit. Eine Kulturgeschichte, Stuttgart 2013.

Michael Tilly, So lebten Jesu Zeitgenossen. Alltag und Glaube im antiken Judentum, Stuttgart 2008.

Nicht nur um Palästina, sondern um die Einbindung des Neuen Testaments in die Lebenswelt der Antike geht es in: Neues Testament und Antike Kultur, hrsg. v. Kurt Erlemann u.a., 5 Bde., Neukirchen-Vluyn 2004-2008.


@Gerhard Mentzel
Ein solches Buch kann ich Ihnen, wie Sie sicher schon vermutet haben, nicht nennen. Das müssen Sie selber schreiben.


@Abaelard
Die Erzählung geht davon aus, dass der Weinbergbesitzer die später angeworbenen Arbeiter zuvor nicht gesehen hat. Sie braucht die unterschiedlichen Anwerbezeiten, damit die Pointe funktioniert. Um das Detail, warum der Weinbergbesitzer zu den späteren Zeiten Leute trifft, die vorher keine Rolle spielen, kümmert sich der Erzähler nicht. Rätselhaft ist dieses Detail aber nicht. Man muss nur voraussetzen, dass die später angeworbenen Arbeiter zuvor an anderen Plätzen nach Arbeit gesucht haben, also nicht mit dem Weinbergbesitzer zusammentreffen konnten. Dass die näheren Umstände nicht erzählt werden, kann nur bedeuten: Sie sind für das Gleichnis nicht wichtig. Man sollte also nicht nach eventuellen Motiven für die Nichtbeschäftigung bis zur elften Stunde fragen (unzureichender Arbeitswille o.ä.). Entscheidend ist, dass zwei sehr unterschiedliche Arbeitsleistungen gleich entlohnt werden und es deshalb zum Streit kommt.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
@Herr Prof. Häfner,

unter der Homepage bin ich gerade dabei. Nachdem in Bezug auf das gegeben Wissen um Apologetik mehr als deutlich gemacht wurde, dass der Auferstandene, der auch bei Matthäus hier spricht, nicht der allgemein angenommene Wanderprediger war, sondern der kulturelle Wiederverstand des ewigen Wortes (schöpferischer Wirklichkeit) in kulturgerechter Gestalt zur Sprache gebracht wurde, lasse ich gerade den historischen Zarathustra sprechen.

Als später Einsteiger in den Weinberg kann ich mich auf die Arbeit stützen, die Sie und Ihre Kollegen im Laufe vieler Jahre getan haben.

Und so liefert allein das heutige Wissen über den Grund des anfänglichen Monotheismus der sog. Exilszeit, wo Zarathustra bzw. antiker Monismus galt, den sicheren Beweis. Auch bei der Erneuerung des prophetischen Monotheismus bzw. bei Matthäus handelt es sich nicht um ein fiktives Gottesbild oder den Schwank aus dem Leben eines jüdischen Gurus, der seine Anhänger mit einem Beispiel aus dem Landleben zurechtweist.

Dank der wissenschaftlichen Arbeiter im Weinberg ist die Zeit, die Schrift, die vom schöpferischen Wort (kreativer Vernunft-Wirklichkeit im Werden Welt) in jeweils zeitgerechter Ausdrucksweise handelt bzw. den auch bei Matthäus sprechenden Grund des christlichen Glaubens auf einen jungen Guru zu verkürzen, endgültig um. Die späten Arbeiter brauchen nur die Früche bisheriger Forschung zusammenzulesen. So lässt sich verstehen, um was es auch bei bei Matthäus geht.


Abaelard hat gesagt…
@Prof.Häfner

"Man muss nur voraussetzen, dass die später angeworbenen Arbeiter zuvor an anderen Plätzen nach Arbeit gesucht haben, also nicht mit dem Weinbergbesitzer zusammentreffen konnten."

Diese Voraussetzung verbietet sich m.E.
Denn wenn die später angeworbenen Arbeiter nicht mit dem Weinbergbesitzer zusammentreffen konnten,
hätte dieser ja gar nicht wissen können, dass sie "den ganzen Tag" müßig herumstehen.

Aber dass die näheren Umstände für das Gleichnis nicht wichtig sind - wie Sie sagen - räume ich schon ein.
Gerd Häfner hat gesagt…
@Abaelard
Der Weinbergbesitzer muss nicht wissen, dass die Arbeiter den ganzen Tag müßg herumstanden; er erschließt es aus der Tatsache, dass sie am Abend auf dem Platz stehen. Offensichtlich gibt er sich ja mit der Antwort zufrieden, dass sie keine Arbeit gefunden haben (und eben nicht den ganzen Tag müßig herumgestanden sind). Jedenfalls wird diese Antwort nicht weiter zum Thema. Dies zeigt, worauf es der Erzählung ankommt: Der Weinbergbesitzer wirbt zu verschiedenen Zeiten Arbeiter an, die deshalb unterschiedlich lange arbeiten und doch den gleichen Lohn erhalten - mit der Folge, dass es darüber zum Streit kommt. Das Gleichnis ist in einigen Punkten hart am Rande dessen, was noch erzählerisch plausibel ist. Warum geht der Weinbergbesitzer überhaupt noch eine Stunde vor Arbeitsschluss zur Anwerbung hinaus? Wer das seinen Hörern zumutet, kann auch mit der Frage des Weinbergbesitzers in 20,6 recht sorglos umgehen.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Es ist doch ganz einfach.

Die Arbeit im Weinberg ist die Weiterentwicklung der Wahrnehmung einer kreativen=schöpferischen Wirklichkeit: Hören, verstehen des ewigen Wortes, damit des christlichen Wesen auf der Höhe der Zeit.

Eine Arbeit, an der Generationen von Theologen arbeiteten und für die heute durch Kirchen- und sonstige Steuer entlohnte Wissenschaftler zuständig wären.

Wenn die im Müßgiggang die Welt im Gauben an einen jungen Guru und menschliche Lehren lassen, statt die dem Monotheismus zugrunde liegende kreative=schöpferische Wirklichkeit auf zeitgemäße Weise zu bedenken, dann stinkt das schon zum Himmel. Auch wenn da keiner sitzt und donnert.
G. Küppers, Köln hat gesagt…
Hallo Herr Häfner!
In einer Predigt habe ich zwei Aspekte des Gleichnisses gehört, die mir bis jetzt nicht bewusst waren.

Einen haben Sie oben angesprochen:
"Warum geht der Weinbergbesitzer überhaupt noch eine Stunde vor Arbeitsschluss zur Anwerbung hinaus?"
Der Prediger meinte, man könnte dieses eher unrealistische Motiv als Hinweis auf die Einstellung (besonders sozial, fürsorglich, zuvorkommende Güte) des Weinbergbesitzers sehen bzw. sein Bestreben, um Himmels willen keinen stehen zu lassen und auch 5 Minuten vor Schluss nochmal nachzusehen, ob da immer noch untätige Arbeiter stehen, die ein Auskommen für den Tag brauchen. In dieselbe Richtung könnte man das Motiv deuten, dass der Besitzer höchstpersönlich auf den Arbeitsmarkt geht und nicht etwa seinen Verwalter schickt.

Der zweite Punkt, der mir bisher nie aufgefallen war, ist das Motiv des "bösen Auges" am Schluss des Gleichnisses, wenn der Herr fragt: „Oder ist dein Auge böse, weil ich gütig bin?“
Das erinnerte mich gleich an den Spruch aus Mt 6,22f (eine meiner Lieblingsstellen):
"Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge gesund ist, wird dein ganzer Leib hell sein. Wenn aber dein Auge böse ist, wird dein ganzer Leib finster sein."

Da beide Stellen im Mt-Ev stehen, würde mich interessieren, ob es da evtl. eine Querverbindung geben könnte. Könnte man redlicherweise die Funktion des Spruches im Gleichnis (wo das "böse Auge" das missgünstige, neidvoll-vergleichende Schielen auf das Glück des anderen zu bezeichnen scheint) als eine Art "Deutungshilfe" beim Lesen des Logions aus Mt 6 heranziehen? Aus sich selbst heraus gibt der Spruch das ja nicht her, dort wird der Ausdruck vom "kranken Auge" aufgrund des "Leib"-Motivs ja häufig eher auf den begehrlichen Blick (meist sexuell konnotiert) bezogen. Aber ich dachte, vllt. könnte die Parallele im Gleichnis hier eine neue Perspektive öffnen, oder wäre das zu weit hergeholt? Danke!
Gerd Häfner hat gesagt…
@G. Küppers

Zur ersten Frage: Da kein Motivation für die Anwerbung der Arbeiter zur elften Stunde genannt wird, sollte man sie m.E. auch nicht eintragen. Der Besitzer wirbt, erstaunlicherweise, aber nicht näher erklärt, selbst kurz vor Arbeitsschluss Arbeiter an – das genügt für die Geschichte. Ob er dies aus sozialer Einstellung heraus tut oder weil es soviel zu tun gibt, dass er meint, noch mehr Arbeiter zu brauchen, spielt keine Rolle. Fürsorglich zeigt sich der Weinbergbesitzer in der Entlohnung, nicht in der Anwerbung der Arbeiter der letzten Stunde. Die Tatsache, dass er selbst zur Anwerbung hinausgeht, würde ich auch nicht in diese von Ihnen genannte Richtung auswerten. Die Geschichte basiert darauf, dass der Besitzer mit den Arbeitern den Lohn vereinbart (s. die Rechtfertigung in 20,13); der Erzähler muss deshalb den Weinbergbesitzer selbst auf den Marktplatz schicken.

Schwierig ist die zweite Frage, weil sie sich auf ein schwieriges Wort bezieht (Mt 6,22f). Man kann insofern eine Verbindung zwischen beiden Versen herstellen, als das Gleichnis zeigt, dass Matthäus die Vorstellung vom »bösen Auge« im Zusammenhang mit dem Verhältnis zum Besitz kennt. In der alttestamentlichen und rabbinischen Tradition finden sich Belege für eine solche Rede vom »guten Auge« (Freigebigkeit) und »bösen Auge« (Geiz, Berechnung), wie Ulrich Luz in seinem Kommentar zu Mt 6,22f notiert. Und dies ist ja auch der Sachkontext in Mt 6,19-21.24. Es finden sich hier nicht sexuelle Konnotationen, sondern die Warnung vor dem Schätzesammeln. Dass 6,22f metaphorisch zu verstehen ist (Auge als Bild für den Charakter des Menschen, bezogen auf sein Verhältnis zum Besitz), könnte in der Tat bestärkt werden durch die Rede vom »bösen Auge« in Mt 20,15.
G. Küppers, Köln hat gesagt…
Lieber Herr Häfner,
vielen Dank für die Antwort, vor allem zu dem Auge. Neu und interessant fand ich vor allem die Parallele. In der EÜ steht es ja nicht wörtlich übersetzt (da heißt es "Oder bist du neidisch, weil ich gütig bin?"). Deshalb geht das leicht unter, weil man diese Fassung im Kopf hat. Aber auch in Kommentaren zu 6,22 hatte ich bislang zwar auch schon Ähnliches gelesen wie das, was Sie von Luz berichten, aber noch nie einen Verweis auf 20,15 gesehen. Danke!

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