Was ist die SMS unter den Paulusbriefen?

Auch wenn in Zeiten von Whats App und Threema die SMS zurückgedrängt wird, ist vielleicht doch noch bekannt, was hinter dem Kürzel steckt. Short Message Service im eigentlichen Sinn dürfen wir von Paulus nicht erwarten, die Beschränkung auf eine bestimmte Zeichenzahl lag ihm nicht. Aber angesichts der (durchaus unterschiedlichen) Länge seiner Briefe fällt doch auf, wie kurz der Brief an Philemon ist. Im Neuen Testament steht er nicht zufällig als letzter in der Reihe der Paulusbriefe, denn der Umfang bestimmt (neben der Zusammenstellung von Briefen an dieselben Adressaten) die Abfolge.

Der Brief fällt auch dadurch etwas aus dem Rahmen, dass er vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, an eine Einzelperson gerichtet ist. Unter den unumstritten echten Paulusbriefen ist das ein einmaliger Fall. Die Briefe an die Apostelschüler Timotheus und Titus gelten der heutigen Forschung meist als Schreiben aus der dritten oder vierten christlichen Generation, die unter dem Namen des Paulus abgefasst wurden. Dass der Brief zwar Mitadressaten nennt (V.2), aber dennoch in erster Linie Philemon anspricht, hängt mit dem Thema des Briefes zusammen, das in erster Linie eben Philemon angeht: Es geht um dessen Sklaven Onesimus, für den sich Paulus in seinem Brief verwendet.

Die Kommunikation des Briefes ist durch eine Dreierkonstellation gekennzeichnet: Paulus – Philemon – Onesimus. Die Hierarchie im Fall von Philemon und Onesimus ist eindeutig, der eine ist Herr des anderen. Paulus kann im Blick auf Philemon keine soziale oder rechtliche Überordnung geltend machen, wohl aber eine moralische: Er spricht davon, dass Philemon sich ihm schulde (V.19), und das ist eine kontextbedingte Formulierung dafür, dass Paulus Philemon für den Glauben gewonnen hat. Im Vorfeld des Briefes ist dies Paulus auch bei Onesimus gelungen (V.10). Im Verhältnis zu Paulus stehen Herr und Sklave also auf derselben Stufe.

Was außerdem im Vorfeld des Briefes geschehen ist, lässt sich nicht eindeutig klären, aber doch in Umrissen erkennen. Das Verhältnis zwischen Philemon und seinem Sklaven ist offensichtlich gestört, Onesimus hat sich ohne Zustimmung seines Herrn von diesem entfernt (V.15), möglicherweise einen Schaden im Haus des Philemon verursacht (V.19) und ist bei Paulus aufgetaucht, der sich im Gefängnis befindet. Wahrscheinlich ist Onesimus rechtlich kein fugitivus, kein geflohener Sklave, sondern hat Paulus gezielt als Vermittler in dem Konflikt mit Philemon aufgesucht (so die heute vielfach favorisierte Deutung). Das wäre insofen geschickt unternommen, als Paulus ja, wie gesehen, in gewisser Hinsicht Autorität gegenüber Philemon beanspruchen kann.

Die Lage hat sich nach dem Weggang des Onesimus allerdings dadurch geändert, dass Paulus ihn zum Christusglauben bekehrt und dabei den Eindruck gewonnen hat, dieser Mann könne ihm bei seiner Arbeit von Nutzen sein. So ergibt sich eine doppelte Zielrichtung des Briefes. Zum einen will Paulus erreichen, dass Philemon seinen Sklaven als Bruder annimmt (V.16), zum andern bittet er Philemon ihm den Onesimus als Mitarbeiter zu überlassen (VV.13f). M.E. liegt das Schwergewicht sogar auf diesem zweiten Ziel, denn: (1) Paulus zieht hier starke rhetorische Register: Er stilisiert sich als alten Mann, der um Christi willen im Gefängnis ist (V.9); er präsentiert sich in der Pose des Großzügigen, der bittet, wo er befehlen könnte (VV.8.14) – obwohl er doch nicht über den Sklaven eines anderen verfügen kann; er identifiziert sich in starken Worten mit dem Sklaven (V.12). (2) Paulus kommt am Schluss auf seine erste Bitte zurück: »Ich möchte einen Nutzen von dir haben« (V.20). Er vertraut darauf, dass Philemon mehr tut, als was er ihm sagt (V.21). Hier geht es wohl darum, dass Philemon mehr tun wird als das, was ihm Paulus aufgrund seiner Autorität vorschreiben kann und was zuvor auch in Imperativen formuliert ist: die Annahme des Sklaven als Bruder (V.17). Und da Paulus einen möglichen Besuch ankündigt, ja geradezu androht (V.22), wird sich doch Philemon seinem Wunsch nach Onesimus als Mitarbeiter nicht versagen. Möglicherweise hat hier auch die weitere Adressierung ihre rhetorische Funktion: Nicht allein Philemon soll von dem Anliegen des Paulus erfahren, sondern auch Apphia, Archippus und die Gemeinde im Haus des Philemon (V.2).

Wie auch immer man in dieser Frage nach dem Ziel des Schreibens entscheidet: Es ist aufschlussreich für das Verhältnis der Christen zur Sklaverei. Zwei Dinge fallen auf: Zum einen wird bezeugt, dass nicht automatisch ganze Häuser den Glauben annehmen mussten, wenn dies der pater familias getan hatte; Onesimus wird ja erst durch Paulus für den Glauben gewonnen. Zum andern zeigt sich, dass im Christusglauben kein grundsätzlicher Widerspruch zu dieser Institution antiker Gesellschaften gesehen wurde. Philemon wird nicht im Ansatz dafür kritisiert, dass er mindestens einen Sklaven hat (s. zu diesem Thema auch 1Kor 7,21f, in der Einheitsübersetzung allerdings kaum zutreffend wiedergegeben). Dennoch ändert sich, wie der Philemonbrief zeigt, das Verhältnis zwischen Herr und Sklave, wenn es zu einem Verhältnis zwischen Glaubensbrüdern wird – selbst wenn die rechtliche Stellung dieselbe bleiben sollte: Zu einer möglichen Freilassung des Onesimus äußert sich Paulus im Brief an Philemon nicht ausdrücklich.

Kommentare

Abaelard hat gesagt…
"Zum andern zeigt sich, dass im Christusglauben kein grundsätzlicher Widerspruch zu dieser Institution antiker Gesellschaften gesehen wurde. Philemon wird nicht im Ansatz dafür kritisiert, dass er mindestens einen Sklaven hat ..."

Diese Beobachtung ist doch recht erstaunlich.
In der Sklaveninstitution nichts Gottwidriges zu sehen ist ungefähr so, wie wenn jemand die Apartheid als solche bejaht, aber empfiehlt: Wenn Schwarz und Weiß schon einander begegnen, dann sollen sie einander um Gottes willen zumindest respektieren.
Dass dieser geforderte Respekt aber unvereinbar bleibt mit dem politischen System "Rassentrennung", wird nicht erkannt.

Die Befangenheit von uns Christen im biblischen Glauben verleitet uns zur Apologetik:
Paulus sei keinem naiven Optimismus bezüglich der staatlichen Obrigkeit verfallen.

Die Lektüre von Röm 12/13 lässt jedoch den Verdacht, dass Paulus auch nicht in allem die rechten Konsequenzen aus dem Christusglauben gezogen hat, doch wohl berechtigt erscheinen?
Gerd Häfner hat gesagt…
@Abaelard

Ich versuche vorsichtig zu sein mit Urteilen über Zeiten, in denen andere Plausibilitäten galten als heute. Für uns sind die unveräußerlichen, allen gleich geltenden Menschenrechte eine Selbstverständlichkeit. So erkennen wir ohne Schwierigkeit den Widerspruch zwischen Sklaverei und Evangelium. In der Antike gab es von philosophischer Seite zwar auch Kritik an der Sklaverei, aber grundsätzlich in Frage gestellt wurde sie kaum. Das Urteil, Paulus habe nicht die »rechten Konsequenzen aus dem Christusglauben gezogen«, legt sich aus unserer Weltsicht nahe; wir können diese Sicht aber nicht für die Zeit des Paulus voraussetzen. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Verhältnis der Geschlechter, das in der Antike wesentlich asymmetrisch bestimmt war und von der Überordnung des Mannes über die Frau ausging – eine damals weithin selbstverständliche Verhältnisbestimmung, die sich auch in frühchristlichen Texten findet. Auch hier könnte man sagen: Paulus hat – etwa in 1Kor 11,2-16 – nicht die rechten Konsequenzen aus dem Christusglauben gezogen (s. Gal 3,28). Man sollte sich dabei aber der Tatsache bewusst bleiben, dass solche Urteile die selbstverständlichen Wertmaßstäbe der eigenen Zeit voraussetzen, und deshalb zurückhaltend sein mit der Verurteilung derer, die die Welt unter anderen Voraussetzungen erfahren haben. Wer weiß, wie künftige Generationen über unsere Zeit urteilen und wie sie sich wundern, welche Ungerechtigkeiten wir hingenommen haben?

Dem Philemonbrief lässt sich immerhin entnehmen: Die Tatsache, dass ein Sklave zum Glauben kam, lässt das Verhältnis zu seinem christlichen Herrn nicht unberührt. Wenn Philemon den Onesimus nicht mehr wie einen Sklaven, sondern als »mehr als Sklaven, als geliebten Bruder« zurückerhält (V.16), so gilt dies nicht nur im Rahmen der Gemeinde (»im Herrn«), sondern auch in den menschlichen Beziehungen (»im Fleisch«).
Abaelard hat gesagt…
@Prof. Häfner

"Ich versuche vorsichtig zu sein mit Urteilen über Zeiten, in denen andere Plausibilitäten galten als heute."

Diese Vorsicht ist natürlich geboten, wenn man gerecht sein will.
Aber ich sehe eben doch auch die Gefahr, dass man vor lauter Rücksichtnahme auf epochale Selbstverständlichkeiten/Plausibilitäten ungerecht urteilt, Unrecht exkulpiert.

Ich mag nicht so recht daran glauben, dass das Gewissen der Menschen in einem solchen Maße zeit- und kulturbedingt ist, dass man in der Antike Untergriffe gegen die Menschenwürde nicht als solche erkennen konnte.

So werde ich z.B. nie verstehen, wieso jemand, der meuchelt, ehebricht, raubt, lügt, schonungslos-barbarisch Männer und Frauen ermordet (1 Sam 27)
vom biblischen Gott als "Mann nach meinem Herzen" gewürdigt wird.

Menschenverachtung "aus der damaligen Zeit heraus zu verstehen" weigere ich mich,
wie ich mich auch bis zu meinem letzten Schnaufer weigern werde, die industrielle Judenvernichtung durch die Nazis etwa "aus damals mehr oder weniger fraglos geltenden Denkmustern heraus" zu verstehen.

Ich würde da gern unterscheiden zw. "erklären" und "verstehen".
Ein Stück weit die Shoa erklären, d.h. Gründe/Faktoren namhaft machen, das kann ich schon: z.B. dass dem rassistischen Antisemitismus durch den religiösen Antisemitismus vor- und zugearbeitet wurde; oder: dass das Bedürfnis der Menschen nach Frustabladen an Sündenböcken eine Rolle spielte; oder: Neid wegen der unbestreitbaren kulturellen und intellektuellen Leistungen des Judentums,

aber verstehen (im Sinn von bejahen) kann und will ich das Mega-Verbrechen der Nazis natürlich niemals.

Der langen Rede kurzer Sinn:
ich habe immer so ein bisschen die Sorge, dass Menschen dazu neigen, Unrecht vergangener Zeiten allzu wohlfeil "aus der Zeit heraus zu verstehen".
Gerd Häfner hat gesagt…
@Abaelard

Es geht mir nicht darum, vergangenes Unrecht zu bejahen, sondern eine möglicherweise ungerechte Verurteilung zu vermeiden. Die Sklaverei war in der Antike mit sehr unterschiedlichen Lebenssituationen verbunden. Bergwerks- und Galeerensklaven hatten eine äußerst geringe Lebenserwartung, daneben gab es aber auch die Möglichkeit relativ stabiler und geregelter Verhältnisse. Natürlich blieb das personrechtliche Problem, dass der Sklave dem Herrn gehörte, rechtlich wie eine Sache behandelt wurde und der Willkür des Herrn ausgesetzt war, das will ich nicht verharmlosen. Aber insofern einem Sklavenbesitzer im Normalfall am Erhalt der Arbeitskraft seiner Sklaven gelegen war, konnte ein freier Tagelöhner in einer schlechteren wirtschaftlichen Lage sein als ein Sklave (vollends im Fall von Sklaven, die der Oberschicht zuzurechnen sind, auch das gab es). Zudem war die Sklaverei in der Antike dadurch gekennzeichnet, dass man grundsätzlich aus diesem Stand wieder herauskommen konnte (Freilassung, Freikauf). Wie selbstverständlich die Sklaverei akzeptiert wurde, kann man auch aus dem berühmten Brief Senecas zum Thema ersehen (ep. 47). Einerseits ruft Seneca zu einem menschlichen Umgang mit den Sklaven auf (»freundlich und nicht von oben herab«) und betont, dass die Sklaven Menschen und Hausgenossen sind; die Institution der Sklaverei selbst stellt er aber nicht in Frage.

Angesichts dieser Lage scheint es mir angemessen, der ersten christlichen Generation (die ja auch im Horizont des nahen Endes lebte) nicht den Vorwurf zu machen, sie hätte sich mit der Sklaverei arrangiert. Immerhin hat Paulus betont, dass das Evangelium allen gilt und der personrechtliche Status »Sklave« kein Hindernis für die Annahme des Glaubens darstellte. Das ist nicht wenig und hat zu sozial gemischten Gemeinden geführt. Und im Philemonbrief zeigt sich, dass es auch zu praktischen Konsequenzen im gegenseitigen Verhältnis kommen konnte, wenn der Sklave den Glauben annahm.

Vielleicht hätte man im Urchristentum auch weiter kommen können: 1Tim 6,1f scheint vorauszusetzen, dass christliche Sklaven aus der Tatsache gemeinsamer Zugehörigkeit zur Gemeinde eine Lockerung des Gehorsamsverhältnisses abgeleitet haben – und der Autor des Briefes setzt einen Gegenakzent zu solchen Freiheitsbestrebungen. Von seiten der Unterdrückten gab es also durchaus ein Bewusstsein für die Irregularität der Beziehung Herr - Sklave im christliche Kontext. Aber der Autor von 1Tim orientiert sich hier (wie auch in der Bestimmung des Verhältnisses Mann - Frau) an den in seiner Gesellschaft geltenden Plausibilitäten und schwört die Sklaven auf die akzeptierte Rolle ein. Ich glaube, dass wir ungerecht sind, wenn wir eine solche Haltung von unserer Warte aus verurteilen -- gutheißen müssen wir sie deshalb ja nicht.

Solche Überlegungen relativieren nicht grundsätzlich, was uns aus heutiger Sicht als Unrecht und Gewalt in vergangenen Zeiten erscheint. Die Judenvernichtung im Dritten Reich ist aus den in dieser Zeit akzeptierten und gültigen Denkmustern heraus gerade nicht zu erklären und zu verstehen. Dass im Alten Testament nicht wenige Texte das Bild eines gewalttätigen Gottes transportieren, ist ein bekanntes und bedrängendes Problem. Zwar lassen sich auch manche Motive wie etwa das vom »Bann« auf bestimmte Vorstellungen zurückführen (Reinheit des Israel gegebenen Landes); dennoch ist damit kein Weg zur Akzeptanz solcher Vorstellungen verbunden. Sie zeigen, wie stark biblische Traditionen und Texte in ihrer Zeit verwurzelt und also geschichtlich bedingt sein können.

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