Stephanus und die »Hellenisten«

Stephanus ist als der erste Märtyrer der Kirche bekannt. Er hat aber nicht nur durch sein Zeugnis im Tod Bedeutung für die Kirche, sondern mindestens ebenso durch sein Wirken davor. Er gehörte zum Kreis der »Hellenisten«, die in der Apostelgeschichte neben den »Hebräern« genannt werden. Man versteht darunter gewöhnlich zwei Gruppen in der Jerusalemer Urgemeinde, die sich vor allem durch ihre Sprache unterscheiden. Die Hellenisten sind griechisch sprechende Judenchristen, die ursprünglich aus der Diaspora stammten; mit den Hebräern sind aramäisch sprechende palästinische Judenchristen gemeint. Die »Hellenisten« sind also keine Griechen im Sinne von Heiden, auch nicht Juden, die der hellenistischen Kultur angepasst waren.

Beide Gruppen geraten in Konflikt miteinander, nach Darstellung der Apostelgeschichte aufgrund von Missständen bei den gemeinsamen Mahlzeiten: Die Witwen der Hellenisten seien hier übersehen worden. Daraufhin werden sieben Männer ausgewählt (alle mit griechischen Namen), die den Tischdienst übernehmen sollen, damit sich die Apostel ihrer eigentlichen Aufgabe widmen können (Apg 6,1-6). Stephanus ist einer der Sieben, tritt in der Folge aber gerade als Verkünder in Jerusalem auf (6,8-8,1). Auch Philippus, an zweiter Stelle jener Sieben genannt, wird keineswegs als Gemeindepfleger o.ä. vorgestellt, sondern als Missionar in Samaria (8,4-13).

Näherin zeigen die beiden Missionare ein besonderes theologisches Profil. (1) Stephanus gerät in eine tödlichen Konflikt mit den jüdischen Autoritäten in Jerusalem. Mit seiner Hinrichtung verbindet sich eine Verfolgung, die nach Apg 11,19 – anders als nach 8,1 – nicht die ganze Gemeinde betraf. Aus dem Kreis derer, die deshalb aus Jerusalem geflohen waren, kamen die ersten Heidenmissionare (11,20). (2) Philippus überschreitet mit der Missions- und Tauftätigkeit in Samaria »die Ränder des innerjüdischen Konsenses um ein kleines aber grundlegendes Stück: Die Taufe ... wird – wohl zunächst ausnahms­weise – auch denen gewährt, die sich zum selben Gott bekannten, jedoch nur eine relative Nähe zum Judentum aufweisen« (Jürgen Becker, Paulus – Apostel der Völker, Tübingen 1989, 68; zu den Samaritanern s. den Artikel in WiBiLex).

Diese Beobachtungen ergeben zusammen das Bild einer Gruppe, die aus der Christusbotschaft Konsequenzen zog, die für fromme Juden problematisch sein konnten. Denkbar ist, dass der theologische Ausgangspunkt das Bekenntnis zum Sühnetod Jesu war: Wenn im Tod Jesu von Gott endzeitlich-endgültig Sündenvergebung gewährt worden war, dann hatten die Sühne-Opfer am Tempel letztlich keine Bedeutung mehr. Damit war zumindest indirekt auch die Bedeutung der Tora, der fünf Bücher Mose, angefragt, nach deren Bestimmungen die Opfer ja dargebracht wurden. Wie weit die »Hellenisten« in diesem Punkt gingen, lässt sich kaum noch rekonstruieren. Doch ist nach dem Gesagten wahrscheinlich, dass in diesem Kreis die Ansätze entwickelt wurden, die schließlich zur gesetzesfreien Heidenmission führten. Darauf weist die bereits genannte Notiz in Apg 11,19f.

Außerdem bietet auch die Stephanus-Überlieferung einen Anhaltspunkt dafür, dass der Konflikt um Tempel und Tora geführt wurde. Die Anklage gegen Stephanus wird mit dessen Rede gegen Tempel und Gesetz begründet (6,13). Zwar wird dies von Lukas als Falschzeugnis dargestellt (6,11.13), dennoch ist ein Anhalt in der Tradition sehr wahrscheinlich. Denn Lukas hat in der Passionsgeschichte das Wort über das Niederreißen des Tempels ausgelassen (Mk 14,58), so dass er es hier kaum ohne Anhalt in der Stephanus-Überlieferung einfügt (vgl. Alfons Weiser, Zur Gesetzes- und Tempelkritik der »Hellenisten«, in: K. Kertelge [Hg.], Das Gesetz im Neuen Testament, Freiburg 1986, 146-168, hier: 162). Dies wird im Übrigen auch durch eine grundsätzliche Überlegung gestützt. Ein religiös begründeter tödlicher Konflikt konnte im zeitgenössischen Judentum nur entstehen, wenn die Gesetzestreue grundsätzlich zur Debatte stand.

Die Gruppe, deren Exponent Stephanus war, hat wahrscheinlich theologisch die Weichen dafür gestellt, dass die Verkündigung der Christusbotschaft nicht auf Israel beschränkt blieb. Paulus war der wirkmächtigste Bote des Evangeliums für die Heiden, er baute aber auf dem Grund auf, den andere gelegt hatten.

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Danke Herr Prof. Häfner für den Hinweis auf die Hellenisten bzw. griechisch sprechende Judenchristen, die nun in Jesus und nicht mehr in Tora und Tempel die Begründung eines neuen monotheistischen Glaubens/Weltbildes bzw. Sündenvergebung sahen.

Auch wenn ich mich weigere, die Apostelgeschichte oder das Geschehen um Stephanus auf buchstäbliche Weise, wie den Zeitungsbericht einer banalgeschichtlichen Story zu lesen. Daher auch die hellenistischen Wurzeln des aus vielfältigen anfänglichen griechischen-jüdischen Reformbewegungen hervorgegangenen Christuskultes nicht auf einige einzelenen Griechen beschränke. Im Hellenismus vielmehr den Geist der Aufklärung sehe, der der gesamten Zeitenwende, wie dem christlichen Glauben zugrunde liegt.

Ihre Darlegung zur Apostelgeschichte, die uns dazu mit Sicherheit was sagen will, macht auch hier wieder deutlich, dass es beim Jesus genannten Grund, über den hier gestritten wurde, nicht um einen jungen Guru gegangen sein kann. Selbst wenn Sie die Apostelgeschichte buchstäblich lesen, ist es bei Licht betrachtet völlig unmöglich, einem Hellenisten dieser Zeit zu unterstellen, er hätte in einen jungen Heilsprediger gegen Tora und Tempel eingetauscht.

Und so zeigt auch die heutige Darlegung, dass es bei Paulus um ein neues monotheistisches Paradigma ging, bei dem das galt, worauf die Griechen ihr Weltbild bauten, Logos/Vernunft nannten: Das nun in Vernunft/universalen Gesetzen erklärte Werden. Das bei denen, die dann nicht mehr den Göttern opferten, dafür in den Tod gingen, zum Grund des neuen Kultes wurde, Christus war.

In der Diskussion der Zeit - auch zwischen den anfänglichen christlichen Richtungen - ging es um eine kreative Vernunftwirklichkeit, die auf den Unsagbaren der Väter verwies. Die in der Sonnenwende ihren sinnlichsten Ausdruck im Jahresverlauf hat und deren kulturgerechte Ausdrucksweise (menschliche Person: Rolle/Aufgabe) wir an Weihnachten feiern.

Wie sich die Geschichte doch immer wiederholt. Denn bei der heutigen Gesetzlichkeit bzw. Buchstäblichkeit wundert der geschilderte Konflikt wenig.

Warum auch die menschliche Person (Rolle/Aufgabe) der in allem natürlichen Werden zu beobachtenden kreativen Vernunft/Logik in Kulturentwicklung entspricht, eine historische Wirk-lichkeit und kein doketistisches Scheinwesen war, lasse ich gerade den Hellenisten Seneca klar machen.
Klaus-Peter Kuhn hat gesagt…
Mentzel, kennst du Dieter Nuhr? Wenn nicht, hier reinschauen.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Ich habe bei Lüdmann reingeschaut, dessen Nachweis, dass die Apostelgeschichte eine völlig freie Erfindung sei und auch Lukas nur das Christentum der römischen Soldatenkultur gegenüberstellt, ungeschichtlich, mir gerade von Amazon empfohlen wurde.

"Die ersten drei Jahre Christentum" die Lüdemanns Kurz-schluss dann aus den Paulusbriefen nachstellen will, habe ich in den Einkaufskorb gelegt. Denn auch sie liefert wieder absolute Beweise, wie die heutige Hypothese vom hingerichteten Heilsprediger und dem gewendeten Sektenverfolger, der auch der historische Kritiker anhängt, unhalbar ist.

All das was wir heute wissen weist eindeutlich darauf hin, dass das in Jesus beschriebene Heil damals (und damit auch die Verfasser der Kulttexte) von Vernunft ausging. Und wie Seneca auf der Hompage zeigt, auch deren menschliche Person (Aufgabe/Rolle) in ihrer kulturellen menschlichen Ausdrucksweise, wie sie Geschichte machte, kreativer Vernunft in evolutionärer Kulturentwicklung ensprach.

Es ist einfach ein Wahnsinn, wie Texte, von denen wir wissen, dass sie keine Banalgeschichtsschreibung sein wollen, weiter das Geschichtsbild selbt der kritischen Wissenschaft bestimmen.

Kein Juden, kein Grieche, kein Hellenist, keiner der gottesfürchtigen Denker, die heute am Anfang deutlich gemacht werden und bei denen allesamt die Vernunft das Thema war (nun zur aufgeklärten Begründung des Werdens, eines Montheismus wie den kulturverünftigen Bezug auf einen Vater aller Götter)hätte sich der Sekte eines jüdischen Wanderradikalen angeschlossen.

Wenn dann auch noch untestellt wird: All das, was in dieser Zeit in Vernunft erklärt wurde, wäre in einem Heilsprediger bzw. dieser dann als Wort/Vernunft gesehen worden, warum verweist dann keiner auf auf Dieter Nuhr?

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Was nutzt es, wenn ich heute Abend wieder vom ewigen Wandel singe, in der evanglischen Kirche selbst nach Johannes Wader erkärt bzw. besungen wird, dass "nichts bleibt, wie es war"?

Wie können wir bei allem Wissen um die geisten Wurzeln, das Denken und Diskutieren antiker Hochzivilisation bzw. Vernunftdefinitionen weiter eine Wanderguru und seinen gewandelten Sektenverfolger, der dann eine Kirche gründete, an den Anfang stellen wollen?

Ein Jude, ein Grieche oder ein gottesfürchtiger Hellenist, wie er in der Apostelgeschichte in Bezug auf Stephanus genannt wird, hätte sich zwar einer der vielzähligen damaligen Reform-/Geistesbewegung angeschlossen. Aber er hätte nie und nimmer in einem Heilsprediger den Heiland gesehen, um den es ihm bzw, am Anfang des Christentums ging.





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