30. Mai 2014

Sonntagsevangelium (130)

7. Sonntag der Osterzeit (A): Joh 17,1-11a

Zum Schluss der Abschiedsreden spricht Jesus nicht mehr zu den Jüngern. Deutlich setzt der Erzähler die folgenden Worte von den vorangegangenen ab: Er unterbricht die Rede Jesu und setzt ein Schluss-Signal (»Dies sprach Jesus«: 17,1). Nun wendet sich Jesus an den Vater, wie schon das Erheben der Augen zum Himmel andeutet. Unmittelbar an dieses Gebet schließt sich der Gang in den Garten an, in dem Jesus gefangengenommen wird (18,1-11). So ergibt sich das eindrückliche Bild, dass Jesus mit einem Gebet zum Vater in die Passion geht.

Dieser Zusammenhang kommt bereits im ersten Satz des Gebets zur Sprache: »Gekommen ist die Stunde.« Mit der Stunde  wird ein Bogen geschlagen zum Beginn der Abschiedssituation, dem letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern (13,1). Von dort her klärt sich auch der Sinn dieses Begriffs: die Rückkehr des Sohnes zum Vater. Und da sich diese Rückkehr durch den Tod am Kreuz vollzieht, weist die Stunde auf die Passion. Der Ausdruck wird so eingesetzt, dass das Todesgeschick Jesu nicht als Sieg seiner Gegner erscheint. Es ist eine »von oben« festgesetzte Zeit: Jesus eröffnet die Abschiedssituation im Wissen um diese Zeit (13,1: »da Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war ...«); die Gegner können nichts unternehmen, solange diese Zeit noch nicht gekommen ist (7,30). So gestaltet Johannes auch die Passion als Siegeszug, als den von Jesus bestimmten Hingang zum Vater, bei dem die Mächte dieser Welt keine Macht über Jesus gewinnen.

27. Mai 2014

Dreck schleudern mit der »Süddeutschen«

In der Süddeutschen Zeitung  vom letzten Samstag erschien ein Artikel, der die Kritik an einer »geplanten Berufung« auf einen Lehrstuhl zum Thema hat (»Eine Nonne ohne Staatsexamen«, von Martina Scherf, online nicht frei verfügbar). Es geht um die Wiederbesetzung des Lehrstuhls für Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der LMU München, also »meiner« Fakultät. Ich werde hier nichts zu dem noch laufenden Verfahren mitteilen, sondern befasse mich nur mit der Strategie, die in diesem Artikel über weite Strecken verfolgt wird: Partei ergreifen, Vermutungen streuen, Klischees bedienen.

Der Beitrag beginnt mit dem Hinweis auf den hervorragenden Ruf, den die katholische Religionspädagogik an der LMU genieße. Der bisherige Stelleninhaber, Stephan Leimgruber, habe »eine offene Weltsicht und den interreligiösen Dialog« gefördert. Die Fortsetzung lautet: »Jetzt soll ihm eine Nonne folgen.« Was hat die Tatsache, dass die vorgesehene Nachfolgerin eine Ordensfrau ist, mit dem zuvor skizzierten Lehrstuhlprofil zu tun? Mit demselben Erkenntniswert hätte es auch heißen können: »Jetzt soll ihm eine Nichtraucherin folgen«, oder eine Hobby-Bergsteigerin, eine Linkshänderin, eine Katzen-Liebhaberin (das sind völlig willkürlich gewählte Beispiele). Natürlich ist es kein Zufall, dass »eine Nonne« gewählt wurde. Die Gegenüberstellung zum weltoffenen und dialogbereiten Vorgänger soll insinuieren, der Stand einer Ordensfrau würde das Gegenteil erwarten lassen. Kann man tiefer in die Klischee-Schublade greifen? Dass geistliche Berufung und Offenheit sich nicht gegenseitig ausschließen, hätte man den Lesern auch durch den Hinweis mitteilen können, dass Stephan Leimgruber Priester ist. Nicht zufällig ist davon nicht die Rede.

23. Mai 2014

Sonntagsevangelium (129)

6. Sonntag der Osterzeit (A): Joh 14,15-21

Der Abschnitt wird gerahmt durch die Verbindung, die zwischen dem Halten der Gebote Jesu und der Liebe zu ihm hergestellt wird (14,15.21). Von Geboten Jesu (in der Mehrzahl) war bislang im Johannes-Evangelium nicht die Rede, sondern nur vom neuen Gebot, das in der gegenseitigen Liebe der Jünger besteht (13,34). Man muss wohl in umfassendem Sinn an die Worte denken, die Jesus seinen Jüngern hinterlässt. So besteht denn nach 14,23f derselbe Zusammenhang zwischen dem Halten der Worte Jesu und der Liebe zu ihm. Die Aussage blickt auf die Zeit nach dem Weggang Jesu voraus. Wenn die Jünger Jesus nicht mehr in seiner irdischen Gestalt begegnen können – die Situation der Adressaten des Evangeliums –, erweist sich ihre Liebe zu ihm in der Treue zu seinem Wort. Diese Ausrichtung auf die nachösterliche Zeit gibt auch einen Hinweis, wie die Aussage zu verstehen ist, Jesus werde sich denen zeigen, die ihn lieben (14,21). Im Blick ist nicht die Erscheinung des Auferstandenen vor den Jüngern am Ostertag (20,11-23), sondern eine Jesusbegegnung, die allen Glaubenden möglich ist, weil sie im Geist geschieht.

Diese Interpretation wird dadurch bestärkt, dass zuvor die Geistsendung verheißen wird. In 14,16f begegnet der erste der sogenannten »Paraklet-Sprüche« (s.a. 14,26; 15,26f; 16,7b-11; 16,13-15). Das griechische Wort, das unübersetzt mit »Paraklet« wiedergegeben wird, bedeutet wörtlich »der Herbeigerufene« und bezeichnet ursprünglich vor allem den Beistand vor Gericht, ohne allerdings auf diesen Bereich festgelegt zu sein. Sekundär erhielt der Begriff  dann auch den Sinn: einer, der ermutigt, tröstet, mahnt, belehrt. Die Begriffsgeschichte zeigt eine außerordentliche Anpassungsfähigkeit des Ausdrucks. So ist auch im Johannes-Evangelium der Sinn des Wortes aus dem jeweiligen Kontext zu erschließen.

16. Mai 2014

Sonntagsevangelium (128)

5. Sonntag der Osterzeit (A): Joh 14,1-12

Die Abschiedsreden des Johannes-Evangeliums beginnen mit einem Blick auf Jesu Wegggang und seine Wiederkehr (14,2f). Das erinnert zunächst an die allgemein-urchristliche Hoffnung auf die Wiederkunft Christi, wie sie auch Paulus bezeugt: Mit dem erneuten Kommen Christi, in naher Zukunft erwartet, ist die Erlösung der Glaubenden verbunden, und diese Erlösung wird umschrieben als Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn (z.B. 1Thess 4,13-17). 

Vielleicht hat der Evangelist in 14,2f eine Überlieferung aufgenommen, die ursprünglich diese Erwartung ausdrückte; sie gewinnt aber im Zusammenhang der Abschiedsreden einen neuen Sinn. Nun geht es nicht mehr um ein Kommen Christi, das für die Glaubenden noch in der Zukunft läge. Johannes bezieht die Wiederkunft auf das Wirken des Geistes unter den Glaubenden. Deutlich wird das vor allem in den sogenannten »Paraklet-Sprüchen« (erst ab 14,16f).

9. Mai 2014

Sonntagsevangelium (127)

4. Sonntag der Osterzeit (A): Joh 10,1-10

Die »Ich-bin-Worte« des Johannes-Evangeliums veranschaulichen in bildhaften Begriffen die Bedeutung Jesu: Er ist in seiner Person das Heil der Menschen. Das in 10,1-5 eröffnete Bildfeld wird in zweifacher Weise metaphorisch genutzt: Jesus erscheint als Hirte  und Tür. Die Wendung »Tür der Schafe« (10,7) bleibt zunächst unbestimmt. Ist an die Tür zu den Schafen, oder an die Tür für  die Schafe gedacht? Vermutlich wird der Ausdruck bewusst in der Schwebe gehalten, kommt es im Kontext doch auf beide Akzente an.

Zum einen Tür zu den Schafen: In 10,8 werden »Diebe und Räuber« genannt, die sich der Schafe bemächtigen wollten. In 10,1 sind »Dieb und Räuber« dadurch bestimmt, dass sie nicht durch die Tür in den Hof der Schafe gelangen. Damit ist gesagt, dass Jesus den einzig möglichen Zugang zu den Schafen darstellt, es gibt neben ihm keinen, der einen legitimen Anspruch auf die Schafe erheben kann; er allein ist der Hirt, die einzige Heilsgestalt. Hier vermischen sich die Bilder von Tür und Hirt. Wenn Jesus sich als Tür zu den Schafen bezeichnet, wird nicht gegen andere Stellung bezogen, die ebenfalls einen Anspruch erhöben, »Tür« zu sein. Abgelehnt wird vielmehr ein ungerechtfertigter Anspruch auf die Schafe als Hirt. Weil die Diebe und Räuber nicht durch die Tür eintreten, zeigt sich, dass sie keine Hirten sind.

2. Mai 2014

Sonntagsevangelium (126)

3. Sonntag der Osterzeit (A): Lk 24,13-35 (oder Joh 21,1-14)

zu Joh 21,1-14 s. hier

Die Geschichte von den Emmaus-Jüngern knüpft unmittelbar an die Erzählung von der Auffindung des leeren Grabes an. Die Frauen haben zwar die Botschaft des Engels ausgerichtet, damit aber keinen Glauben gefunden (24,11). Auch der Grabbesuch des Petrus führt nur zu einem Wundern, aber nicht zum Glauben (24,12). Für die Leser ist die Osterbotschaft schon laut geworden, die Erzählfiguren – die Frauen ausgenommen – stehen aber noch unter dem Eindruck des Karfreitags. In dieser Situation befinden sich auch die Emmaus-Jünger. Dass sie sich von Jerusalem wegbewegen, deutet bereits an: Sie haben die mit Jesus und seinem Aufenthalt in dieser Stadt verbundene Hoffnung aufgegeben (entsprechend kehren sie am Ende auch sofort nach Jerusalem zurück). Das Gespräch mit Jesus macht diese Haltung ausdrücklich. Wenn sie sich über »alle diese Ereignisse« unterhalten (24,14), so ist die Perspektive allein durch den Tod Jesu geprägt.

Zwar kommt im Bericht der Jünger auch die Engelsbotschaft aus dem Grab zur Sprache (24,22f), aber nur als Referat (die Frauen hätten »eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, dass er lebe«), nicht als Eröffnung des Osterglaubens. Dies gilt auch insgesamt für den neutestamentlichen Befund: Das leere Grab begründet den Osterglauben nicht. Der besondere erzählerische Reiz der Begegnung mit Jesus entsteht dadurch, dass sich Jesus nicht zu erkennen gibt. Dadurch ergeben sich ironische Brechungen: Der Fremde, den die Jünger als Unwissenden bezeichnen (24,18), weiß viel mehr als sie und wird sie belehren; und während die Jünger davon berichten, nur das leere Grab, aber nicht Jesus selbst sei gesehen worden (24,24), sehen sie Jesus.