In der Fertigungshalle einer Eklatfabrik

»Erneut Eklat um katholisch.de-Mitarbeiter Odendahl« so wird ein Aufreger angekündigt, der zeigt, wie man einen Eklat dadurch produziert, dass man über ihn schreibt. Es geht um eine Diskussion auf Facebook, die von einem Kommentar des früheren Sprechers des Bistums Limburg, Martin Wind, ausging. Der hatte in Reaktion auf eine Meldung über den neuen »Social Media Codex« im Bistum Augsburg geschrieben:
»Es gibt ein vorgeblich katholisches Portal, dem wäre manches erspart geblieben, hätten die Mitarbeiter (einer beleidigte AfD-Wähler und -mitglieder via Twitter als "Arschlöcher") und andere Subalterne (schrieben herablassend-rassistisch über Christen Afrikas und versuchen permanent römisch-katholische Christen der Lächerlichkeit auszusetzen) zumindest diese Richtlinien beachtet, wenn schon ihre Erziehung solche Entgleisungen nicht verhindern konnte ...«
Diese recht unfreundliche Wortmeldung hat einer der Angegriffenen ebenfalls unfreundlich kommentiert:
»Herr Wind, da haben Sie ja Glück, dass Sie nicht mehr im kirchlichen Dienst stehen. Sonst hätten Sie mit ihrem volksverhetzenden Facebook-Account aber nicht mehr viel zu lachen...«
Die Kennzeichnung von Winds Facebook-Account als »volksverhetzend« soll eine Diskussion ausgelöst haben, die auf kath.net so charakterisiert wird:
»Auf Facebook wird inzwischen sogar von Juristen diskutiert, ob die Aussage von Odendahl nicht sogar rufschädigend ist. Ob juristische Schritte gegen Odendahl eingeleitet werden, ist derzeit noch nicht klar.«
Wo das auf Facebook von welchen Juristen diskutiert wird, erfahren wir nicht. Ich habe überhaupt nur eine Diskussion gefunden: unmittelbar unter Winds Kommentar (auf der Facebookseite von katholisch.de, 24. April 2017, 15:34 Uhr). Möglicherweise ist ja eine(r) der Diskutanten Jurist(in), das ist aber nicht schon dadurch begründet, dass man Paragraphen zitiert und darüber streitet, ob die Aussage von Björn Odendahl justiziabel sei. Der Redakteur von katholisch.de hat kommentiert, er habe genug Material, um seinen Vorwurf zu belegen. Dass dies nicht aus der Luft gegriffen ist, kann man sich jedenfalls vorstellen. Wer Sigmar Gabriel als »linke[n] Flügelstürmer der Hamass« bezeichnet (Facebookseite von Martin D Wind, 26.4.2017, 9:22 Uhr), hat einen Hang zu grenzwertiger Polemik. Und wenn man – angesichts der überschaubaren Textmenge – begründet annimmt, dass das Doppel-s kein Tippfehler ist, kann man die Grenze auch als überschritten betrachten.

Aber unser Thema ist nicht die Beurteilung des Konflikts, der auf der Facebookseite von katholisch.de ausgetragen wurde, sondern die Fabrikation eines Eklats auf kath.net. Die Beurteilung bleibt schwierig, denn die pauschale und verwaschene Quellenangabe (»Auf Facebook wird inzwischen sogar von Juristen diskutiert«) macht es möglich, so ziemlich alles zu behaupten. Überprüfen kann das niemand. Wo Nebelkerzen geworfen werden, soll man ja nichts klar erkennen.

Ich versuche es trotzdem und gehe davon aus, dass sich die oben zitierte Aussage tatsächlich auf die genannte Kommentardiskussion bezieht. Unter dieser Voraussetzung ist sie ein bemerkenswertes Beispiel von Desinformation. Verschleiert wird die Überschaubarkeit der Diskussionsteilnehmer (zu der hier verhandelten Frage: sieben, einschließlich Björn Odendahl). Und es wird, ohne es ausdrücklich zu sagen, der Eindruck erweckt, es würden juristische Schritte gegen Odendahl zumindest erwogen.
»Ob juristische Schritte gegen Odendahl eingeleitet werden, ist derzeit noch nicht klar.«
Das ist zwar richtig, aber genauso richtig ist, dass noch nicht klar ist, wer der nächste Papst ist oder wie das Wetter in diesem Sommer wird. Nicht alles, was richtig ist, trägt auch etwas zur Sache bei. Niemand in dieser Diskussion erwägt, gegen Odendahl juristische Schritte einzuleiten. Seine Gegner beklagen, er hätte Martin Wind unzulässig beschuldigt; einer meint, nur Martin Wind könne den Rechtsweg einschlagen. Die Passivkonstruktion (»ob juristische Schritte eingeleitet werden«) verdeckt, ob konkrete Information hinter der Aussage steckt.

Wer die besagte Diskussion auf Facebook liest, kommt nicht auf die Idee, es habe einen Eklat um Odendal gegeben. Vielmehr haben sich fünf Leute (maximal sechs, wenn man einen weiteren dazurechnet, der sich aber nicht inhaltlich äußert) über Odendahls Vorwurf echauffiert, Martin Winds Account sei volksverhetzend. Der Eklat entsteht erst auf der kath.net-Seite: Die »Berichterstattung« produziert ihren Gegenstand (so ganz neu ist das nicht, s. hier).

Wie recht hat doch der Kommentator, der in dieser Diskussion schrieb:
»Man man man, das ist aber mal der Hammer, wie da mit jemanden umgegangen wird, bloß weil er der Hausmeinung eines Portals nicht zustimmt und man ihm Drohungen gegenüber seiner beruflichen wie auch privaten Existenz zukommen lässt!«
Ach so, das war gegen katholisch.de gerichtet? Es passt aber viel besser für die Gegenseite, die gerade versucht hat, zumindest die berufliche Existenz von Björn Odendahl anzugreifen. Dagegen geht es in dessen Reaktion auf Martin Winds Kommentar darum, dass die Facebook-Aktivitäten des ehemaligen Bistumssprechers mit den Richtlinien aus Augsburg nicht vereinbar wären. Dieses Urteil dürfte kaum zu bezweifeln sein. Mit der Einschätzung dieser Aktivitäten als volksverhetzend verbindet sich keinerlei Drohung. Dass dies dem Kommentator entgangen ist, zeigt, wie selektiv die Wahrnehmung in solchen Diskussionen laufen kann.

Es wäre schön, wenn dies nicht noch durch einen katholischen Erregungs-Journalismus befördert würde.

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