Jäger des verlorenen Satzes

Im Juni dieses Jahrs verwahrte sich die Redaktion von kath.net gegen die Charakterisierung als »'selbsternannte Glaubenshüter und Moralwächter'«, die »mit 'perfider Akribie' auf die Suche 'nach Verfehlungen und Häresien' gingen« (s. hier). Die Klage, dieser Vorwurf sei »ohne Beweise« erhoben worden, überraschte schon damals, weil man doch eigentlich davon ausgehen konnte, dass die Redaktion weiß, was auf ihrer Seite erscheint (eine unvollständige Erinnerungsliste hier am Beginn des Beitrags). In der jüngsten Zeit fällt auf, dass Sätze oder gar Halbsätze genügen, damit in Linz die Skandal-Produktion anläuft. Johanna Rahner sagte in einem Interview, niemand besitze die Wahrheit – und schnell wurde ihr demonstriert, dass sich manche durch diesen Satz enteignet sehen (s. hier). Das unwürdige Schauspiel um das angebliche Interview, in dem Kardinal Kasper angeblich sagte, die Bischofssynode solle die afrikanischen Bischöfe nicht ernst nehmen, ist kaum vorbei, da wird von Kardinal Kasper ein Relativsatz aufgeschnappt und zum Eklat aufgepumpt (s. hier).  Zuletzt traf es den Grazer Pastoraltheologen Rainer Bucher, der »die kirchliche Lehre von Ehe und Familie als 'katholisches Sexualregime'« verunglimpft haben soll (s. hier).

Bleiben wir bei den beiden jüngsten Fällen. Sie zeigen eine Aggressivität, die den eingangs zitierten Vorwurf eindrucksvoll bestätigt. Das gelang übrigens ursprünglich bereits durch die Reaktion auf jenen Vorwurf im ersten oben verlinkten Artikel; jedoch wurde dieser Beitrag nachträglich entschärft, nachdem die Diskussion in den Lesermeinungen ein wenig aus dem Ruder gelaufen war – auch durch die Beteiligung eines gewissen Gandalf, der uns gleich wieder begegnen wird. Betrachten wir als erstes den nächsten Akt im Anti-Kasper-Theater.

»Er beleidigt (nicht nur afrikanische Bischöfe, sondern auch) uns!«

Es ist das übliche Spiel mit der zuspitzenden Überschrift: »Kardinal Kasper beleidigt 'Anhänger' von Papst Benedikt XVI.« Laut einer Meldung von Radio Vatikan hat Kardinal Kasper bei einer Tagung in Rom gesagt, Benedikt XVI. sei ein deutscher Theologe, »der sehr offen war – und zwar mehr als viele seiner Anhänger, die weniger intelligent sind«. Daraus folgert die Redaktion von kath.net:
»Erneut Aufregung um Äußerungen des emeritierten Kurienkardinal Walter Kasper.«
Wer  kath.net nicht besucht, bekommt allerdings von der Aufregung nicht viel mit. Es ist ein Skandal, über den im Blick auf die zu erwartenden Leserkommentare gewissermaßen vorwegnehmend berichtet wird. Oder anders: Die »Nachricht« soll das Ereignis erst produzieren.

Schauen wir uns das Zitat ein wenig näher an. Es lässt sich auf verschiedene Weise deuten – je nachdem, wie man den Relativsatz »die weniger intelligent sind« syntaktisch zuordnet. Man könnte ihn als Erläuterung der zuletzt genannten »Anhänger« verstehen. Dann würde die Intelligenz der Anhänger des emeritierten Papstes pauschal zu derjenigen des Verehrten ins Verhältnis gesetzt. Also: Benedikt ist offener als viele seiner Anhänger, und die Anhänger sind (im Übrigen) weniger intelligent als er. 

Dass der Kardinal eine solche Verhältnisbestimmung vornehmen wollte, darf als unwahrscheinlich gelten. Es ist jedenfalls kein Grund erkennbar, warum er nur einen Teil der Anhänger als weniger offen (»viele«), aber alle als weniger intelligent bezeichnen sollte. Hier wären weitere Erläuterungen notwendig, die aber fehlen. Doch selbst wenn man den Relativsatz im genannten Sinn verstehen wollte, dürften die meisten Benedikt-Anhänger sich über die Äußerung nicht besonders ärgern, wird doch in diesen Kreisen die Intelligenz Benedikts gewöhnlich bewundert und gepriesen, ohne dass der Anspruch erkennbar würde, mit ihm in dieser Hinsicht auf derselben Stufe zu stehen. 

Dennoch empfiehlt es sich wegen der erwähnten Schwierigkeit, nach weiteren Deutungsmöglichkeiten Ausschau zu halten. Man kann den Relativsatz auch auf die zuvor genannten Vielen beziehen: Viele der Anhänger sind weniger offen und außerdem weniger intelligent. Auch in diesem Fall müsste jedenfalls der zweite Teil der Aussage unter den »Anhängern« Benedikts konsensfähig sein. Da die Wendung »viele seiner Anhänger« aus einer größeren Menge (alle Anhänger) einen – wenn auch großen – Teil herausgreift (viele), könnte man dem Bezug des Relativsatzes auf die Vielen sogar entnehmen, dass es daneben auch andere Anhänger gibt, die nicht weniger intelligent sind als Papst Benedikt. Auch darüber müsste man sich nicht aufregen.

Zwar erkennen die meisten der Anhänger die höhere Intelligenz des emeritierten Papstes an, aber von Walter Kasper will man sich das nicht sagen lassen. Tatsächlich kann man fragen, warum der Kardinal die Verhältnisbestimmung im Blick auf die Intelligenz überhaupt vornimmt. Ich vermute folgenden Zusammenhang: Da von Seiten der Anhänger die überragende Intelligenz Papst Benedikts häufig ins Spiel gebracht wird, spielt Kasper den Ball zurück, indem er die größere Offenheit mit der höheren Intelligenz verbindet. Wer diese anerkennt, könnte auch zu jener kommen. 

Aber das ist nur eine Vermutung. Besser erkennen lässt sich das Motiv, aus dem heraus kath.net einen Skandal aus einem Relativsatz bastelt: Es geht um nichts anderes, als Kardinal Kasper an den Karren zu fahren. Deshalb die emotional aufrüttelnde Überschrift (»er beleidigt uns!«), die durch das Zitat nicht gedeckt wird.   

Dass es tatsächlich nur darum geht, Stimmung gegen Kardinal Kasper zu machen, kann man an Gandalfs Wortmeldung in den Lesermeinungen erkennen (ich gehe davon aus, dass die schon häufig veröffentlichte und bisher nicht dementierte Identifizierung mit Roland Noé zutrifft). Beim ersten Kommentar scheiterte die Strategie der Aufhetzung (tünnes: »Ich bekenne freimütig, dass ich weniger intelligent bin als Benedikt XVI. Allein mit dieser Aussage fühle ich mich in keinster Weise beleidigt.«). Darauf reagiert Gandalf folgendermaßen: 
»Richtig, ABER: Bei etwas Demut müsste Kasper dann mitteilen, dass [er] selber mit der Intelligenz von B16 nicht mithalten kann.« 
Und was müsste der Verfasser dieser Replik bei etwas mehr Demut mitteilen? Wir wollen uns das jetzt nicht so genau ausmalen; aber dass er zu einem vergleichenden Intelligenztest zwischen Walter Kasper und Joseph Ratzinger in der Lage ist, scheint zweifelhaft. Wenigstens zeigt er hier offen, dass es ihm vor allem um die Jagd auf Kasper zu tun und der Vorwurf der Beleidigung nur das Trompetensignal ist, um die Jagdgesellschaft zu sammeln.

Der neueste Eklat: Rainer Bucher, der Regimekritiker

Der Zorn, den sich Rainer Bucher zugezogen hat, beruht offensichtlich ausschließlich auf einer Meldung von kathpress über einen Dies academicus an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz (weitere Quellen werden nicht erkenntlich). Aus dem Bucher betreffenden Teil der Meldung wird in dem kath.net-Beitrag der erste Abschnitt wiedergegeben. Stein des Anstoßes ist dessen Beginn:
»Für eine neue 'Kontexualisierung' (sic) der kirchlichen Ehelehre plädierte der Grazer Pastoraltheologe Rainer Bucher. Angesichts der Tatsache, dass 'das katholische Sexualregime zusammengebrochen' sei, müsse die Kirche neu ausloten, wie sie Menschen in allen heutigen Lebensformen Hilfe anbieten könne.«
Um zum Vorwurf zu gelangen, Bucher habe »die kirchliche Lehre von Ehe und Familie als 'katholisches Sexualregime'« verunglimpft, müsste man über mehr Informationen verfügen, als sie diese Meldung hergibt. Im Text steht es nicht. Gesagt wird, dass Bucher »für eine neue Kontextualisierung der kirchlichen Ehelehre plädierte«, und dies wird im nächsten Satz aufgenommen in der Formulierung, die Kirche müsse »neu ausloten, wie sie Menschen in allen heutigen Lebensformen Hilfe anbieten könne.« Das hat nur mäßiges Erregungspotential.

Und was machen wir dem »katholischen Sexualregime«? »Regime« ist ein etwas schillernder Begriff, da er im allgemeinen Sprachgebrauch eher abwertende Bedeutung hat, im fachsprachlichen dagegen nicht. Bezogen auf Regelungs- und Ordnungssysteme werden etwa in der Politikwissenschaft mit »Regime« Herrschaftsformen bezeichnet; ein bestimmter Typ charakterisiert »allgemein eine Lebensweise, Ordnungs- und Regierungsform, also ein institutionalisiertes Set von Prinzipien, Normen und Regeln, das die Umgangsweise der Akteure in einem gegebenen Handlungszusammenhang grundlegend regelt« (Michael Zürn im Lexikon der Politikwissenschaft; ich hab's hier gelesen). 

Geht man von einem solchen Begriff aus, dann gehört zur Rede vom »katholischen Sexualregime«, dass die »kirchliche Lehre von Ehe und Familie« die Lebensvollzüge auf dem Gebiet der Sexualität grundlegend regelt. In diesem Zusammenhang von einem Zusammenbruch zu sprechen, scheint keine abseitige Gegenwartsanalyse zu sein und wird gewöhnlich auch von jenen nicht bezweifelt, für die eine neue Kontextualisierung der kirchlichen Ehelehre nicht in Frage kommt. 

Gandalf und seine Feststelltaste aber betätigen sich auch dieses Mal als Scharfmacher im Kommentarbereich: 
»Kapellari ist gefordert! Das wäre eine letzte gute Tat vor dem Abtritt als Diözesanbischof: RAUSWURF von Hr. Bucher«. 
So einfach geht das: Texte nicht verstehen oder nicht verstehen wollen, und dann auf dieser Grundlage lauthals verlangen, dass einem anderen die Stelle genommen werde. Und wenn es dann nicht geschieht, weil der Bischof sich nicht blamieren will, kann man sich vorstellen, wie über die laschen Bischöfe hergezogen wird, weil sie schon wieder nicht durchgreifen. So erzeugen künstlich produzierte Skandale Frustration auf allen Seiten. 

Ein Vorschlag von kath.net, kath.net zur Anwendung empfohlen

Chefkommentator Johannes Graf  hat neulich am Ende einer Reaktion auf eine Kritik an kath.net auf medienethische Äußerungen von Papst Franziskus Bezug genommen. 
»In Predigten und Ansprachen der letzten Monate hat er Desinformation, Verleumdung und Rufmord wiederholt verurteilt … Die Berichterstattung katholischer Medien müsse von einer Haltung getragen werden, die im anderen den Nächsten sehe, verlangt der Papst. Daran müssen wir uns alle orientieren.« (Hervorhebung von mir)
Dann mal frisch ans Werk!

Kommentare

Alberto Knox hat gesagt…
Chapeau, Herr Professor Häfner! Danke, dass Sie sich gegen diese Sudelhomepage so ins Zeug legen. Es zeigt sich, dass die theologischen Brunnenvergifter von kath.net letztlich von der Botschaft Christi nichts verstanden haben!
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Volle Zustimmung.

Doch was das Verständnis der Botschaft Christi bzw. der vor 2000 Jahren aus dem natürlichen Werden abgeleiteten Vernunft betrifft, die am Anfang der Christenheit als messianische Wirklichkeit verstanden wurde, die von einem unsagbaren Grund ausging. Da ist nicht nur kath.net als Brunnevergifter am Werke.

Und möglicherweise ist diese Quellen- oder Brunnenvergiftung (bei der auch die liberalen Theologen in ihrer Anprangerung überholter Vorstellungen nur im Buche lesen, statt die kreative= schöpferische Quelle aller natürlichen Wirklichkeit in Betracht zu ziehen)mit der Grund für die von Prof. Häfner angesprochenen Probleme.
Klaus-Peter Kuhn hat gesagt…
Mentzel du nervst.
Apokatastasis hat gesagt…
Tja, schade daß es den watchblog von episodenfisch nicht mehr gibt, bzw. dieser nicht mehr aktiv ist!
Dort konnte man die Geistesarmut dieser Seite(durchaus in des Wortes doppeltem Sinn)ständig an praktischen Beispielen und Zitaten nachvollziehen.
Es gibt halt Leute, die so von ihrem (angeblichen oder tatsächlichen) Katholischsein beeindruckt sind, daß sie gar nicht glauben können, daß man das auch noch anders sein könnte als sie selbst.
Um nicht mißverstanden zu werden: ich möchte den Leuten, die hinter kath.net stehen, nicht ihre Meinung verbieten. Ich möchte nur, daß sie endlich mal ihren Horizont weiten.
Stephanie Montag hat gesagt…
Grandios!!! Danke, Professor Häfner!
Joseph Renscher hat gesagt…
Ein weiteres drastisches Beispiel, wie kath.net arbeitet und verleumdet, lässt sich seit gestern auf der Internetseite des Bistums Erfurt nachlesen: http://www.bistum-erfurt.de/front_content.php?idart=24431, der entsprechende kath.net-Artikel findet sich hier: http://kath.net/news/48391

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