18. März 2016

Wächter der Toleranzgrenze

Auf diesem Blog habe ich »sehr lange geschwiegen, ich war still und hielt mich zurück« (Jes 42,14). Der Grund war eine gewisse Erschöpfung und ein Ausmaß an Aufgaben, das keinen ausreichenden Freiraum mehr gelassen hat, um hier etwas einzustellen. Zwar will ich nun nicht »wie eine Gebärende schreien«, auch schnaube und schnaufe ich nicht (vgl. die Fortsetzung in Jes 42,14); aber ich wage den Versuch des Wiedereinstiegs. Manchmal ist es ja auch nicht so leicht, nichts zu sagen. 

»W ie Mehltau liegt die Flüchtlingskrise auf der Bundesrepublik Deutschland.« Gärtner Hubert Windisch hat beim Gang durch seine Beete einen gefährlichen Befall der Pflanzen entdeckt und fürchtet nun, dass sie sich braun verfärben und vertrocknen. In der Sache meint er damit die Gefahr der Islamisierung. Sie ist groß und Houellebecq ist ihr Prophet. Und natürlich vollzieht sich die Islamisierung als »schleichende«, denn es könnte sein, dass manche noch nicht so richtig mitbekommen haben, wie immer mehr deutsche Gerichte auf der Grundlage der Scharia entscheiden.

Bis man zu diesem Punkt in Windischs Beitrag vorstößt, kommen aber erst einmal die auf ihre Kosten, die gerne Politik und Medien gegeißelt sehen und sich dabei durch Differenzierungen eher gestört fühlen. Das soll hier nicht im Einzelnen besprochen werden; angesichts der besorgniserregenden Gegenwart verlieren wir besser keine Zeit, denn in präziser Problemerfassung ist festzuhalten: 
»Die Angst wächst, das starke Deutschland sei nicht mehr Herr der Lage, sondern zunehmend ein Koloss auf tönernen Füßen.«

23. September 2015

Warmlaufen für die Synode

D ie Synode naht, der Ton wird rauer. Das Wirken »linkskatholischer Kreise« auf der letztjährigen außerordentlichen Synode muss vor dem ordentlichen Durchgang »entlarvt« werden, zumal da es sich um »massive Manipulationsversuche« handelt. Der Beitrag auf kath.net (s. hier) wird als »Gastkommentar« angekündigt, ist aber in erster Linie Hinweis auf ein neues Buch von Edward Pentin, das »im Detail« zeige, »wie das Sekretariat der Synode, geleitet von Kardinal Lorenzo Baldisseri, versucht hat, eine eigene progressistische Agenda mit den klassischen Reizthemen Homosexualität, Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, wilde Ehen usw. durchzusetzen.«


Ein Beispiel wird nicht mitgeteilt, wir müssen uns mit der pauschalen Einschätzung begnügen: »Vor allem in der Redaktion der Tagungsberichte wurde versucht, entsprechenden Wortmeldungen eine Bedeutung zu verleihen, die sie weder in den Ansprachen noch in den Arbeitskreisen besaßen.« Es kommt dem Autor nur darauf an, eine Duftmarke zu setzen, mit Belegen hält er sich nicht auf. Wer will, kann ja in dem leider bislang nur auf Englisch erschienenen E-Book nachlesen. 

Die Bezeichnung »Kommentar« verdient dieser Beitrag höchstens insofern, als er um jeden Preis Information vermeidet und in seiner Werbung für Pentins Buch Meinung kundtut. Das Buch gehe

15. August 2015

Das »authentische Wort«

D er Bischof von Chur, Dr. Vitus Huonder, hat in einem Vortrag seine Freude am Glauben so unglücklich ausgedrückt, dass gegen ihn Strafanzeige erstattet wurde. Vorgeworfen wird ihm das Zitat von Lev 20,13, wo für homosexuelle Akte unter Männern die Todesstrafe vorgesehen ist. Und da er am Beginn seines Vortrags die Worte der Heiligen Schrift, denen er nachgehen wolle, als »das authentische Wort, das Wort der Offenbarung« bezeichnet hat, das Maßstab für die Lebensgestaltung sei, erkennt der Verband Pink Cross in dem Zitat einen »Freipass zur Gewalt«.


Dass der Bischof keineswegs zur Gewalt aufrufen wollte, kann man ihm ohne Weiteres abnehmen. Er wollte ja nur
»in aller Schlichtheit an das erinnern, was uns das Wort Gottes zur Schöpfung von Mann und Frau, zur Ehe sowie zur Sexualität, und, in Folge dessen, zur Familie sagt.« (s. hier: [pdf-Dokument])
Vor allem die Präpositionalbestimmung am Beginn des Zitats trifft zu: Die Überlegungen sind in der Tat bibelhermeneutisch erstaunlich schlicht – und das betrifft, wie sich zeigen wird, nicht allein die Aussagen zur Homosexualität.

19. Juni 2015

Sonntagsevangelium (155)

12. Sonntag im Jahreskreis (B): Mk 4,35-41

D ie Geschichte von der Stillung des Sturmes ist stark geprägt von Bezügen auf das Alte Testament. Dies zeigt sich zum einen in mehreren Anspielungen und wörtlichen Anklängen an den ersten Teil der Jona-Geschichte.


(1) Bei der Schilderung der Not (Mk 4,37) wird man an Jon 1,4 erinnert. In beiden Fällen begegnet die Reihenfolge »Wind – aufgewühltes Wasser – gefährdetes Schiff«. Außerdem finden wir eine (fast) wörtliche Übereinstimmung:
„Es entstand ein großer Wirbelsturm auf dem Meer.“ (Jon 1,4).
„Und es entsteht ein großer Sturmwind.“ (Mk 4,37)
(2) Der Passagier, der schließlich die Rettung bringt, schläft, als die Gefahr entsteht. Jona steigt in den unteren Schiffsraum, schläft dort und schnarcht (Jon 1,5); Jesus liegt im Heck und schläft auf einem Kopfkissen (Mk 4,38).

5. April 2015

Auferstehung und leeres Grab

Vor einigen Wochen wurde Klaus Berger mit einer erschreckenden statistischen Erkenntnis zum Zustand des Osterglaubens zitiert: »An den theologischen Fakultäten glauben nur zwei von hundert Lehrenden … an die Auferstehung Christi«. (s. hier im 6. Absatz). Bei allem Respekt vor Bergers Gelehrsamkeit: Woher weiß er das? Und wichtiger noch: Was meint er genau? Der Autor des Blog-Beitrags, der ihn zitiert, fragt danach – kaum überraschend – nicht, aber man kann vermuten, wie er den Satz versteht, denn er fährt fort: »Dieses fasste ein katholischer Priester in Baden in einer Predigt so zusammen: 'Die Krippe in Bethlehem war leer und das Grab in Jerusalem war voll.'« Muss man, um an die Auferstehung Jesu zu glauben, daran glauben, dass das Grab leer war? Gehen wir dieser Frage ein wenig nach.

Die Mehrdeutigkeit des leeren Grabes 

Dass das Grab Jesu leer war, spielt im Neuen Testament nur im Zusammenhang der Erzählung vom Gang der Frauen bzw. von Petrus und dem geliebten Jünger zum Grab eine Rolle (Mk 16,1-8; Mt 28,1-8; Lk 24,1-12; Joh 20,1-10). Außerdem setzt die Geschichte vom Betrug der Hohenpriester (28,11-15) beim leeren Grab an. Sie zeigt freilich, wie mehrdeutig das Faktum eines leeren Grabes ist. In keinem Fall führt von ihm ein Weg zum Glauben an die Auferweckung Jesu. Das zeigt nicht nur das von Matthäus angeführte Gerücht vom Leichendiebstahl durch die Jünger (Mt 28,13); auch die Grabesgeschichten selbst sind so angelegt, dass das Leersein des Grabes den Osterglauben nicht begründet (wenn wir vom Sonderfall des geliebten Jüngers in Joh 20,8 absehen). Maria Magdalena meint, der Leichnam Jesu sei fortgeschafft worden (Joh 20,13.15), Petrus kommt angesichts des leeren Grabes über das Sichwundern nicht hinaus (Lk 24,12). Ohne die Botschaft des Engels (»er ist auferweckt worden«) bliebe das leere Grab stumm und offen für gegensätzliche Interpretationen. Schon aus diesem Grund kann sich am leeren Grab der Osterglaube nicht entscheiden.

3. April 2015

Der Sieg am Kreuz

Zum Karfreitag einige Beobachtungen zur Besonderheit der johanneischen Passionsgeschichte. 

Das Johannes-Evangelium unterscheidet sich auch in der Darstellung der Passion sehr stark von den anderen drei Evangelien. Es beschreibt Jesu Leiden nicht als Weg in die Niedrigkeit, sondern stellt sie als ein Geschehen dar, das von Jesus selbst souverän bestimmt wird. Das Kreuz ist nicht Ort von Schmach und Ohnmacht, sondern der Vollendung und Verherrlichung.

Vorverweise im Evangelium

Dass die Passion Jesu in diesem Sinn zu verstehen ist, klärt der Evangelist durch Vorverweise im Verlauf des öffentlichen Wirkens Jesu. Solange die Stunde Jesu nicht gekommen ist, können auch seine Widersacher ihm nichts anhaben (Joh 7,30.44; 8,20). Sie bestimmen ihr Handeln gegen Jesus nicht selbst, sondern sind darin abhängig von der festgesetzten Zeit. Noch klarer äußert sich der johanneische Jesus freilich selbst im Rahmen der Hirtenrede: Niemand hat die Macht, ihm das Leben zu nehmen, er gibt es selbst, von sich aus; er hat die Vollmacht es zu geben und wieder zu nehmen, in Übereinstimmung mit dem Willen des Vaters (10,18). So wissen die Leser schon vor Beginn der Passion, dass in ihr die Gegner über Jesus keine Gewalt gewinnen.

Der Beginn der Passion in weiterem Sinn

In einem weiteren Sinn kann man die Leidensgeschichte im Johannes-Evangelium bereits in 13,1 beginnen lassen. Diesem Anfang zufolge geht Jesus bewusst ins Leiden: Er weiß, dass seine Stunde gekommen ist (ähnlich Mt 26,1f). Auch die Umschreibung des Todes Jesu als Hinübergang zum Vater gibt schon ein Signal, wie sein Tod zu verstehen ist. Es ist im Sinne dieser Passionsdarstellung nur folgerichtig, dass das von Angst gekennzeichnete Gebet Jesu in Getsemani nicht erzählt wird.

14. März 2015

Exegese-Bashing

Veit Neumann hat mit Klaus Berger Gespräche geführt und daraus ein Buch gemacht (Theologie als Abenteuer). Das Werk schreitet den Lebensweg Bergers ab und bietet ihm zahlreiche Gelegenheiten, die eigene Großartigkeit darzustellen – in einem weiten Bogen von den Bestnoten in Latein und Griechisch über die vollsten Hörsäle und meisten Doktoranden bis zum Errichten von Sandburgen allein mit einer Schaufel (ohne Formen oder Förmchen!). Dass Berger dabei ordentlich austeilt, überrascht nicht. Erstaunlich sind dagegen nicht wenige der Fragen, die den Eindruck auch nur minimaler Distanz zum Gesprächspartner erfolgreich vermeiden. Besonders bedauerlich ist das im Blick auf die öffentliche Debatte um die Kirchenzugehörigkeit Bergers. Ganz ungestört von lästigem Nachfragen darf sich Berger als Opfer inszenieren, das froh ist, das Ganze überlebt zu haben. Zu mehr als »Ich will die Dinge nun nicht gerade herunterspielen« lässt sich der Fragesteller nicht hinreißen, nimmt aber selbst diese Aussage nicht nur durch seinen Fragestil zurück, sondern gleich durch seinen nächsten Satz (»Im Nachhinein hat jemand anderes stets leicht reden«).

Sei's drum, ich will das hier nicht vertiefen. Denn mein Thema ist das Vorwort, in dem der Dominikaner Wolfgang H. Spindler die Keule gegen die historisch-kritische Exegese schwingt. Dieser Beitrag ist nicht nur erstaunlich, sondern in hohem Maße ärgerlich. Um den Ärger etwas zu kanalisieren, wird, wie bereits in einem früheren Fall, ein fiktives Strategiepapier der fiktiven Firma PolemicConsult zitiert (ich bin also in jenem Modus, der den Hinweis auf die Nebenwirkungen notwendig macht). Dieses Papier könnte die Vorlage für das Vorwort abgegeben haben, allein den letzten Rat (7.) hat dessen Autor nicht befolgt.

7. März 2015

Osterpredigt

Der Bischof von Passau, Stefan Oster, hat kath.net kritisiert, und das hat Redaktion und Freunde des Portals ziemlich hart getroffen. Der Gegenwind aus dieser Richtung kam überraschend und war durch keinen Wetterdienst angekündigt. Bischof Oster hat sich nicht nur an der einfachen Textübernahme seiner Predigten gestoßen, die den Eindruck erwecken könnten, die Texte seien kath.net exklusiv überlassen worden. Außerdem tut er sich schwer mit der
»zunehmend tendenziösen Berichterstattung und dem damit einher gehenden Versuch oder wenigstens entstehenden Effekt, eine Polarisierung von Bischöfen, Priestern, Theologinnen und Theologen in klar identifizierbare Lager voranzutreiben … In den Foren wird solche Polarisierung in der Regel vertieft und die Redaktion tut aus meiner Sicht zu wenig, um wirklich auch differenzierte Positionen hören und verstehen zu wollen und zu würdigen«. (s. hier)
Dass man einen Hinweis aus der Pressestelle des Bistums Passau braucht, um nicht einfach ohne Quellenangabe einen Text aus der Facebook-Seite des Bischofs zu kopieren und auf die eigene Seite zu stellen, stellt der journalistischen Arbeit nicht das beste Zeugnis aus. Im Bilderstreit mit dem Bistum Erfurt hatte sich ja bereits gezeigt, dass man bei kath.net das Internet für einen Selbstbedienungsladen hält (s. hier). Der Redakteur Christof T. Zeller-Zellenberg bestätigt dies, wenn er in einem Kommentar zu Osters zweitem Facebook-Post zum Thema schreibt:

23. Januar 2015

Rätselhaftes in der ZEIT

Ein Fundstück: Auf was könnten Fragen zielen, auf die u.a. folgende Antworten zutreffen?
Prostituierte
Erforschung
Reisesegen
Die Zeugung Marias
SMS-Abo für Bibelverse während der Fastenzeit.

5. Januar 2015

Der dunkle Dom

Heute Abend wurde die die Außenbeleuchtung des Kölner Domes während einer Pegida-Demonstration ausgeschaltet, als »unübersehbares Zeichen des Protests gegen Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Rassismus«, wie das Kölner Domkapitel mitteilt. Diese Entscheidung findet nicht nur Zustimmung. Peter Winnemöller hält sie in einem Gast-Kommentar auf kath.net für »peinlich« (s. hier). Er malt ein Bild vor Augen, in dem die Hirten im verdunkelten Haus, »womöglich hinter heruntergelassenen Rollläden« sitzen, während draußen die Schafe vorbeiziehen. Es gehe daneben, wenn »'Kirche' politisch wird, statt sich um Menschen zu kümmern, die als Staatsbürger politisch aktiv werden«. Stromabschaltung statt Seelsorge – ein willkürlich konstruierter Gegensatz, der das Ziel der Abdunklung verkennt.

Winnemöller bezweifelt, dass »die Demonstration von Pegida ein Ausdruck von 'Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Rassismus' sein wird«, denn:
»Die offiziellen Stellungnahmen von Pegida geben das nicht her.« 
Dieser Begründung kann man insofern nicht widersprechen, als die offiziellen Stellungnahmen von Pegida, wenn man dem Positionspapier folgt, fast gar nichts hergeben (auf das »fast« kommt es allerdings noch an).