20. Oktober 2014

Lehramt von unten

An besorgten Kommentaren zur Bischofssynode bestand während deren Verlauf so wenig Mangel wie an Sand in der Wüste. Die Sorge gründet in unangefochtener Gewissheit. So weiß Hubert Gindert, Vorsitzender des Forums deutscher Katholiken, genau: (s. hier)
»Würde die Kirche ihre Lehre über das Ehesakrament ändern, wäre sie nicht mehr die Katholische Kirche«.
Wer mit solchem Wissen ausgestattet ist, konnte nur mit Bangen nach Rom schauen. Sollten der Papst und die Vertreter aus dem Kollegium der Bischöfe (also »die Träger der höchsten und vollen Gewalt über die ganze Kirche«; Lumen Gentium 22) das anders sehen, müsste ihnen leider bescheinigt werden, nicht mehr in der Katholischen Kirche zu sein.

Nach dem Zwischenbericht war die Befürchtung groß, eine solche Bescheiniung müsste tatsächlich ausgestellt werden. Die Erleichterung darüber, dass es nicht so kam, verschaffte sich in völlig überzogenen Überschriften Luft (»Roma locuta«). Was wäre gewesen, wenn ein anderes Signal aus Rom gekommen wäre? Da Rom nun aber nicht abschließend gesprochen hat und die Debatte ausdrücklich weitergeht, sind die während der Synode abgefeuerten Warnschüsse noch nicht erledigt.

19. Oktober 2014

Linzer Literarkritik

Zu den Methoden der Exegese gehört die Literarkritik. In diesem Schritt wird die Kohärenz eines Textes untersucht und der Blick auf Spannungen, Brüche, Widersprüche, Wiederholungen gerichtet. Erweist sich der Text als einheitlich oder lassen sich verschiedene Schichten in ihm erkennen? Wendet man diese Methode auf die Meldung von kath.net zum Abschlussdokument der Bischofssynode an, müsste man nicht wissen, dass Überschriften immer Sache der Redaktion sind, um die Schichtung des Textes zu erkennen. Man fragt sich sogar, ob die Überschrift über dem richtigen Text steht. Sie lautet (s. hier):
»Roma locuta - Die Synode sagt Nein!« 
Zu was die Synode »nein« sagt, wird dann im Vorspann zur Meldung ausgeführt:
»zu einer liberaleren Linie beim Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexualität«. 
Liest man den Text weiter, erfährt man:
»In der Abstimmung über das Abschlussdokument verfehlten die betreffenden Passagen des Textes am Samstagnachmittag die erforderliche Zweidrittelmehrheit«. (Hervorhebung von mir)

17. Oktober 2014

Sonntagsevangelium (149)

29. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 22,15-21

Die Erzählung von der Frage nach der Kaisersteuer hat Matthäus mit nur kleinen Änderungen aus dem Markus-Evangelium übernommen (s. Mk 12,13-17). Ob es erlaubt sei, dem Kaiser Steuer zu geben, kann man nur auf den Willen Gottes bezogen sinnvoll fragen. Im Rahmen des politischen Systems ist es nicht nur zweifellos erlaubt, sondern zwingend erforderlich, dem Kaiser Steuer zu geben. Strittig ist die Frage nur innerhalb des religiösen Systems, und dies bekanntermaßen gerade in der Zeit, in der Jesus gewirkt hat. Als im Jahr 6 nC das Herrschaftsgebiet des Herodessohns Archelaos direkter römischer Verwaltung unterstellt wurde, wurde eine Steuerschätzung durchgeführt. Sie rief den Protest jüdischer Frommer hervor, und dies in einem Gebiet, das von der Steuerschätzung gar nicht betroffen war: Galiläa. Dieser Umstand unterstreicht, dass die Problematik der Kaisersteuer nicht allein in der finanziellen Last gesehen wurde, sondern Fragen der Treue zur eigenen Tradition entscheidend waren.

Auch in Mt 22,15-22 wird der Bezug auf das theologische Problem der Kaisesteuer deutlich. In dem einschmeichelndem, unehrlichen Lob, mit dem die Fragesteller an Jesus herantreten, wird Jesus als Lehrer gepriesen, „der in Wahrheit die Wege Gottes lehrt“ (22,16). Wenn darauf die Frage nach dem Erlaubtsein laut wird, ist deutlich, dass es um den Willen Gottes geht. Diese Frage ist angesichts der angedeuteten politischen Situation äußerst gefährlich.

Synodenbeschuss

Da war ja heute was los in Rom. Was sonst gewöhnlich Aufgabe von Regierungssprechern ist, wurde zum Kennzeichen von Kardinälen. »Kardinal Müller dementiert angebliche Kritik an Bischofssynode«, »Kardinal Kasper dementiert Aussage über afrikanische Bischöfe«. Der zweite Fall ist brisanter, denn er bezieht sich auf ein Interview mit der katholischen Nachrichtenagentur Zenit, dessen Existenz Kardinal Kasper bestreitet. Er habe mit einem Vertreter der Agentur nicht gesprochen. In der Zwischenzeit hat sich der Journalist Edward Pentin zu Wort gemeldet, der – neben zwei weiteren – das Gespräch mit Kardinal Kasper geführt hat. Auf seiner Website hat er Mitschnitt und Niederschrift des Gesprächs veröffentlicht, nachdem der Text von der Agentur offline genommen worden war. Er bestreitet, dass es Kardinal Kasper nicht bewusst gewesen sei, in einer Interview-Situation zu sein. Das sieht der Gesprächspartner möglicherweise anders, sonst wäre sein scharfes Dementi unverständlich. Und nach dem Hören des Mitschnitts scheint mir sehr nahe zu liegen, dass Kasper nicht von einem Interview ausging.

Hier soll es nicht darum gehen, wer in diesem Streit Recht hat, sondern wie unsere bekannten »Katholischen Nachrichten« mit der ganzen Sache umgegangen sind. Sie hatten für die Verbreitung der Interview-Aussagen gesorgt und verkündeten angesichts des Dementis Kaspers zu ihrer Entlastung:
»kath.net hatte in der Zusammenfassung über (sic) das Zenit-Interview bereits darauf hingewiesen, dass Unklarkeit darüber herrschte, ob das Interview überhaupt durch den Kurienkardinal authorisiert (sic) ist«.
Das ist nicht falsch und doch nicht richtig. In dem ursprünglichen Beitrag hieß es:
»Bisher ist unbekannt, ob das Interview durch den deutschen Kurienkardinal autorisiert wurde.«
Zusätzlich, aber nicht nicht zufällig hat sich ein »überhaupt« und die Rede von »herrschender Unklarheit« eingeschlichen. Dies suggeriert, man hätte deutliche Zweifel an der Korrektheit der Interview-Aussagen geäußert. Hätte man sie tatsächlich gehabt, hätte man allerdings vor der Veröffentlichung recherchieren müssen, ob die verbreiteten Äußerungen zutreffen. In dem derzeit laufenden permanenten Synodenbeschuss ist für solche Sorgfalt und Geduld offensichtlich keine Zeit.

14. Oktober 2014

Ein Gleichnis auf der Folterbank

Victoria Fender heißt jetzt Victoria Bonelli, schreibt aber immer noch Briefe aus Siena  »an Persönlichkeiten der katholischen Kirche« (zu früheren Briefen s. hier und hier). Die jüngste Ausgabe geht an Kardinal Kasper und beklagt das mangelnde Verständnis für die Eucharistie an der katholischen Basis. Da ist keine Ehrfurcht, kein Bewusstsein der notwendigen Würdigkeit und, so der Vorwurf zwischen den Zeilen, der meist gegebenen Unwürdigkeit. Im Blick auf die alltäglichen Herausforderungen, vor denen Katholiken in unseren Breiten stehen, muss dem Kardinal leider auch gesagt werden:
»Glauben Sie mir bitte, hier unten würden viele nicht mehr für die konsekrierte Hostie das Leben geben, wie Sie das seit Ihrer Kardinalsernennung mit dem Märtyrerrot bekennen.« 
Das kann man nicht erwarten von »diesen armen Menschen«, denen die Gottesbeziehung abhanden kommt, die vereinsamen und verbittern, weil sie sich von Gott und der Kirche aber auch gar nichts sagen lassen wollen.

Adressat der Attacke ist dieses Mal in erster Linie nicht der Briefempfänger, sondern dieser ganze unwürdige, beichtunwillige und nicht martyriumsbereite Haufen an der katholischen Basis. Nicht zufällig aber erhält gerade Kardinal Kasper das Schreiben, hat er doch, wie die Autorin zitiert, im Blick auf den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen gefragt: »Aber wenn ein geschiedener Wiederverheirateter [...] Verlangen nach den Sakramenten als Quelle der Kraft in seiner Situation hat – müssen und können wir ihm dann nach einer Zeit der Neuorientierung das Sakrament der Buße und die Kommunion verweigern?«

Da nun aber der Zustand der katholischen Basis so verlottert ist wie zuvor beschrieben, fürchtet Katharina rediviva, dass es bei vielen mit dem Verlangen nach den Sakramenten nicht so weit her ist. Deshalb wird der Kardinal über diese Verhältnisse aufgeklärt und mit pastoralem Rat ausgestattet:
»Und bei denen sollten wir doch besser mal beim eucharistischen Verständnis anknüpfen, denke ich«.

10. Oktober 2014

Sonntagsevangelium (148)

28. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 22,1-14 (oder Mt 22,1-10)

Das Gastmahl-Gleichnis ist in zwei Fassungen überliefert, die sich im Wortlaut zwar stark unterscheiden, aber dasselbe Grundgerüst aufweisen: Es erfolgt eine Einladung zu einem Gastmahl, die Eingeladenen lehnen ab, und daraufhin werden andere, ursprünglich nicht angezielte Gäste eingeladen. Im Wesentlichen besteht Einigkeit darüber, dass die ursprüngliche Form des Gleichnisses eher in Lk 14,16-24 bewahrt ist und Matthäus die Erzählung mit allegorischen Zügen angereichert hat. In seiner Fassung verändert sich das Personeninventar und der Anlass des Mahles. Nun lädt ein König ein, und zwar zur Hochzeitsfeier seines Sohnes.

Die zweite Besonderheit der matthäischen Fassung: Es ergeht eine doppelte Einladung an die eigentlich angezielten Gäste (22,3f). Der erste Versuch findet eine schroffe Ablehnung. Der Erzähler stellt einfach kurz fest: »Sie aber wollten nicht kommen.« Dies ist, nicht zuletzt angesichts des Autoritätsgefälles, mehr als erstaunlich. Wer schlägt schon die Einladung eines Königs aus, dazu noch die zu einer Hochzeitsfeier! Das Verhalten des Königs nach der Ablehnung ist fast noch erstaunlicher: Er wiederholt die Einladung und wirbt geradezu für das Festmahl (22,4). Die Reaktion ist freilich wieder negativ und geht sogar bis zur Tötung der einladenden Knechte (22,5f). Dies ist erzählerisch nicht plausibel, ja sogar absurd. Hier muss die Sach­ebene auf die Gestaltung der Gleichniserzählung eingewirkt haben, wie es bereits beim Gleichnis von den bösen Winzern zu beobachten war (s. hier).

8. Oktober 2014

Heinrich VIII. in der Synodenaula

Manchmal wird man in der Debatte um den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen im Vorfeld der Bischofssynode dann doch überrascht. Wenn man meint, es sei bereits ein hinreichend niederes Niveau erreicht, holt einer die Schaufel hervor und gräbt noch ein Stück tiefer. Im vorliegenden Fall müht sich Martin Grichting, Generalvikar des Bistums Chur, um die Absenkung. Dass er das in der Neuen Zürcher Zeitung, also einem säkularen Leitmedium, tun darf, stört zwar das Bild von der kirchenfeindlichen Medienwelt − aber doch nicht so sehr, dass man darüber in allzu differenziertes Denken verfallen müsste.

Das Volk, der Tyrann

Wer für eine Änderung der bisherigen Praxis eintritt, sieht sich jetzt in eine Reihe mit Heinrich VIII. und seine Parteigänger gestellt. Wie im 16. Jahrhundert gehe es
»wieder einmal um die Frage nach der Unauflöslichkeit der Ehe. Und auch diesmal sind breit abgestützte Bittschriften nach Rom gesandt worden, verbunden − wie schon vor 500 Jahren − mit gelehrten Abhandlungen, die ein Abweichen von der bisherigen Lehre für angezeigt halten.«
Nicht die Fragestellung sei neu, sondern die Petenten:
»In der Vergangenheit waren es gekrönte Häupter − nicht erst Heinrich VIII., sondern bereits im 10. Jahrhundert etwa der byzantinische Kaiser Leo VI. −, welche die Kirche zur Legitimierung von Scheidung und Wiederverheiratung zwingen wollten. Bedingt durch die seither eingetretene Demokratisierung, ist nunmehr das Volk der Souverän.«
Und wie der neue Souverän seine Macht ausspielt! Eine Macht, die sich in den deutschsprachigen Ländern vor allem auf die zur Verfügung stehenden Geldmittel stützt – mit schädlichen Folgen:

4. Oktober 2014

Kardinäle im Streit um den Papst

Gegenwärtig entsteht nicht der Eindruck, dass man an der Kurie die Harmoniebekundungen übertreibt. Kurienkardinal Raymond Burke hat seinen (emeritierten) Kollegen Walter Kasper in einer Telefonkonferenz mit mehreren Reportern kritisiert, weil der beanspruche, für den Papst zu sprechen (s. hier). Hintergrund sind Äußerungen Kaspers, der Papst unterstütze seine Bemühungen, wiederverheiratete Geschiedene wieder ganz in das kirchliche Leben zu integrieren; wer seine  Vorschläge kritisiere, kritisere auch den Papst. Burke kommentiert dies mit den Worten: »Der Papst hat keine Kehlkopfentzündung. Der Papst ist nicht stumm. Er kann für sich selbst sprechen«.

Der Neutestamentler freut sich über das intertextuelle Spiel mit Joh 9,21, fragt sich aber, wie die  Anspielung auf den Blindgeborenen zu verstehen ist. Hier gibt es, nicht untypisch für das Phänomen der Intertextualität, verschiedene Rezeptionsmöglichkeiten, die an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden können.

Hier interessiert etwas anderes. In demselben Gespräch sagte Burke, Franziskus könne die gegenwärtige Lehre nicht ändern, denn er und alle Bischöfe seien »an den Gehorsam der Wahrheit gegenüber gebunden«. Wieder zeigt sich, dass der Begriff der Lehre vor allem dann fällt, wenn die Unveränderlichkeit ins Spiel gebracht werden soll (s. dazu auch hier). Während das nicht überrascht, kann man sich über die gerade geschlagene Volte in diesem Gespräch nur wundern: Den Anspruch eines Kardinals, seine Worte mit denen des Papstes gleichzusetzen, als »unverschämt« (outrageous) zu bezeichnen, aber selbst festzulegen, was der Papst keinesfalls sagen dürfe, das klingt schon so, als habe sich einer ins Glashaus zurückgezogen, um dann mit Steinen zu werfen.

So ganz scheint sich auch Kardinal Burke nicht darauf verlassen zu wollen, dass der Papst für sich selbst sprechen könne.

3. Oktober 2014

Sonntagsevangelium (147)

27. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 21,33-44

Das Gleichnis von den bösen Winzern hat Matthäus aus dem Markus-Evangelium übernommen (Mk 12,1-12) und mit einigen Änderungen versehen: So wird nun von Anfang eine Mehrzahl von Knechten gesandt (21,34); die Winzer reagieren darauf schon beim ersten Mal mit der Tötung von Boten (21,35); der schließlich gesandte Sohn wird erst aus dem Weinberg geworfen und dann getötet (21,39). Den Dialog mit den Hörern – nach 21,23 Hohepriester und Älteste, nach 21,45 Hohepriester und Pharisäer – hat Matthäus umgestaltet und erweitert (21,43f).

Der Stoff der Handlung ist prinzipiell der Lebenswelt Palästinas entnommen: Dass Landbesitz zur Bebauung verpachtet wurde und der Besitzer sich an einem anderen Ort aufhielt, war durchaus normal. Pächter von Landgut waren meist am unteren Ende der sozialen Skala angesiedelt (eine Stufe vor den Tagelöhnern). Die Bedingungen der Pachtverträge waren gewöhnlich ungünstig für die Pächter: Sie hatten das Risiko des Ernteausfalls zu tragen; Absicherungen für die Pächter waren nicht vorgesehen. Dennoch: Das Gleichnis ist ganz aus der Perspektive des Verpächters erzählt, die Frage sozialer Ungerechtigkeit wird nicht wachgerufen.

1. Oktober 2014

Kirchenpolitische Küchenpsychologie

Da weiß jemand ganz genau Bescheid: »Worum es in der Bischofssynode Ehe und Familie eigentlich geht«. Anders als der Titel nahelegt, handelt der Autor Peter Winnemöller nicht von der Bischofssynode selbst, sondern von der medialen Aufmerksamkeit, die diesem Ereignis zuteil wird.
»Es verfassen ganze Heere von Journalisten, die sonst das Wort Kommunion nur mühsam schreiben können, Artikel über die eigentlich sehr komplexe Sakramententheologie.«
Erstaunlich, wie genau der Autor über die Probleme seiner Kollegen in der Orthographie informiert ist. Das ist aber noch nichts im Vergleich zu seiner Fähigkeit, die Psyche jener auszuleuchten, die er als Anhänger einer »60er/70er-Jahre Reformagenda« vorstellt.

Eine abzuarbeitende »Reformagenda«?

Der Begriff »Reformagenda« fällt nicht zufällig so häufig, nämlich 10-mal. Er assoziiert ein politisches Programm, das Interessengruppen durchsetzen wollen – ohne innere Verbindung zu Glaube und Pastoral. So heißt es denn auch am Schluss, in der Diskussion um den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen werde »auf Kosten von Menschen, deren schwerer Situation sich der Papst annehmen will, dazu beruft er die Synode ein, nur Politik gemacht«. Hier der ernsthaft pastorale Papst, dort die rücksichtslose pressure group.