20. September 2014

Sonntagsevangelium (145)

25. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 20,1-16a

Das Bildfeld des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg entstammt der palästinischen Arbeitswelt zur Zeit Jesu. Hier gab es das System der Lohnarbeit, die jeden Tag neu vergeben wurde. Dieses System setzt das Gleichnis voraus, kritisiert es aber nicht, auch nicht durch die ungewöhnliche Lohnverteilung am Ende des Arbeitstages. Der Weinbergbesitzer argumentiert gegenüber dem Einspruch der Arbeiter der ersten Stunde u.a. auch damit, mit seinem Eigentum machen zu können, was ihm beliebt (16,15a). Die Art der Arbeitsorganisation wird also nicht angegriffen; innerhalb des Bildfeldes bleibt die Erzählung ganz im Rahmen jenes Konzeptes, das Arbeit an Tagelöhner vergab. Es wird nicht an der Person des Gutsherrn die Macht der Besitzenden und an den Tagelöhnern die Ohnmacht der Armen dargestellt bzw. kritisiert. 

Das Gleichnis erzählt von einem Weinbergbesitzer, der mehrmals am Tage auszieht und Arbeiter für seinen Weinberg anwirbt. Warum er dies tut und sogar noch zur elften Stunde Arbeiter dingt, wird nicht weiter ausgeführt und ist deshalb für die Aussage des Gleichnisses nicht entscheidend. Wichtig für die dramatische Gestaltung ist allerdings ein erzählerisches Detail bei der Anwerbung der Arbeiter: Nur im ersten Fall wird eine feste Lohnvereinbarung – wohl in üblicher Höhe – getroffen (16,2). Offen bleibt, was ein gerechter Lohn für die anderen Arbeiter ist (s. 16,4: »was gerecht ist, werde ich euch geben«). Allerdings wird die Erwartung geweckt, es werde abgestuft nach Arbeitsleistung bezahlt.

18. September 2014

Was ist die SMS unter den Paulusbriefen?

Auch wenn in Zeiten von Whats App und Threema die SMS zurückgedrängt wird, ist vielleicht doch noch bekannt, was hinter dem Kürzel steckt. Short Message Service im eigentlichen Sinn dürfen wir von Paulus nicht erwarten, die Beschränkung auf eine bestimmte Zeichenzahl lag ihm nicht. Aber angesichts der (durchaus unterschiedlichen) Länge seiner Briefe fällt doch auf, wie kurz der Brief an Philemon ist. Im Neuen Testament steht er nicht zufällig als letzter in der Reihe der Paulusbriefe, denn der Umfang bestimmt (neben der Zusammenstellung von Briefen an dieselben Adressaten) die Abfolge.

Der Brief fällt auch dadurch etwas aus dem Rahmen, dass er vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, an eine Einzelperson gerichtet ist. Unter den unumstritten echten Paulusbriefen ist das ein einmaliger Fall. Die Briefe an die Apostelschüler Timotheus und Titus gelten der heutigen Forschung meist als Schreiben aus der dritten oder vierten christlichen Generation, die unter dem Namen des Paulus abgefasst wurden. Dass der Brief zwar Mitadressaten nennt (V.2), aber dennoch in erster Linie Philemon anspricht, hängt mit dem Thema des Briefes zusammen, das in erster Linie eben Philemon angeht: Es geht um dessen Sklaven Onesimus, für den sich Paulus in seinem Brief verwendet.

12. September 2014

Sonntagsevangelium (144)

Kreuzerhöhung: Joh 3,13-17

Im Dialog zwischen Jesus und Nikodemus kommen Sendung und Bedeutung Jesu grundsätzlich zur Sprache. Der Lesungstext beginnt mit einer auffälligen Aussage über den Menschensohn. Dass der Menschensohn in den Himmel hinaufgestiegen sei (3,13), kann man eigentlich nur im Rückblick auf das Geschick Jesu sagen. Jesus ist hier also Sprecher des Gemeindebekenntnisses. Die Zeitebenen zwischen Jesus und gläubiger Gemeinde werden überblendet, wie es ja auch grundsätzlich für das Johannes-Evangelium gilt: In ihm verkündet Jesus nichts anderes als entfaltete, hoheitliche Christologie.

Dass ausgeschlossen wird, ein anderer als der Menschensohn sei in den Himmel hinaufgestiegen, muss nicht gegen die gnostische Vorstellung vom Aufstieg der Seele in die obere Lichtwelt oder gegen apokalyptische Visionen gerichtet sein. Es drückt sich hier die exklusive Nähe Jesu zu Gott aus, die bereits im Prolog bekannt wurde. Diese ausschließliche Verbindung wird in die Rede von Abstieg vom und Aufstieg zum Himmel gekleidet – typisch für die johanneische Sicht vom Menschensohn (s.a. 6,62). Der Menschensohn ist keine Gestalt dieser Welt, sondern aus dem Himmel zu den Menschen gekommen; Jesus kann nicht nach seiner menschlichen, sondern nur nach seiner göttlichen Herkunft verstanden werden. Angesichts des Titels »Menschensohn« wirkt das etwas paradox; der Evangelist will durch diese auffällige Verwendung wohl ein Missverständnis des Titels vermeiden und betont deshalb gerade im Zusammenhang mit der Rede vom Menschensohn den himmlischen Ursprung Jesu.

5. September 2014

Sonntagsevangelium (143)

23. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 18,15-20

Ein Abschnitt der sogenannten Gemeinderede (Mt 18,1-35) befasst sich mit dem Verhalten dem sündigen Bruder gegenüber (18,15-17). Vorgesehen ist ein mehrstufiges Verfahren der Zurechtweisung bis hin zum Ausschluss aus der Gemeinde. In diesem Sinn ist die Formulierung »er sei für dich wie ein Heide und Zöllner« (18,17) wohl ursprünglich gemeint gewesen. 

Damit gerät der Abschnitt aber in Spannung zu anderen Texten des Matthäus-Evangeliums: Jesus wendet sich den Zöllnern zu, beruft sogar einen von ihnen in den Zwölferkreis (9,9; 10,3); er verbietet zu richten (7,1f) und sagt, erst das Gericht des Menschensohnes führe die endgültige Scheidung von Gut und Böse herbei (13,36-43). 

Auch im Zusammenhang der Gemeinderede sind sonst die Akzente anders gesetzt. In 18,21f  wird die unbegrenzte Vergebungsbereitschaft gefordert; das Gleichnis vom verlorenen Schaf (18,12-14) ist im Rahmen der Mahnungen zum gegenseitigen Verhalten weniger auf die Begründung des Retterwillens Gottes ausgerichtet (so Lk 15,3-7) als auf die Aufforderung, diesem Retterwillen entsprechend zu handeln – in der grenzenlosen Vergebung, wie anschließend entfaltet wird. 

29. August 2014

Sonntagsevangelium (142)

22. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 16,21-27

Mit der ersten Leidensankündigung (16,21) kommt der Weg Jesu nach Jerusalem in den Blick. Die Verbindung von Messias-Titel und Leidensankündigung (Mk 8,29-31) hat Matthäus dadurch abgeschwächt, dass er die Verheißungsworte Jesu an Petrus eingefügt hat (16,17-19). So rücken Leiden Jesu und Kreuzesnachfolge der Jünger (16,24-26) noch stärker zusammen. Den Einspruch des Petrus gegen das Leiden Jesu (16,22f) hat Matthäus deshalb wohl auch als Einspruch gegen die Leidensnachfolge der Glaubenden verstanden. 

Dass sie besonders im Blick des Evangelisten sind, wird auch durch eine kleine Änderung der Markus-Vorlage unterstrichen: Nach Matthäus richtet sich die Belehrung Jesu zur Kreuzesnachfolge allein an die Jünger, das Volk ist nicht eingeschlossen (anders Mk 8,34). Selbstverleugnung und Kreuztragen sind im Zusammenhang der Christusnachfolge zu verstehen. Es geht nicht um ein asketisches Ideal oder um Verherrlichung des Leidens; es geht auch nicht um ein rein passives Ertragen von Unrecht, im Gegenteil: Aktivität ist gerade vorausgesetzt (»Wer mein Jünger sein will ...«). Sie soll sich allerdings am Weg und Geschick Jesu ausrichten, und das heißt, nicht das Ich zum Bezugspunkt des Handelns zu machen. Konkretisiert wird diese Selbstverleugnung durch den Verzicht auf das Besitzstreben (16,26). 

21. August 2014

Hinweis

Da das Evangelium vom 21. Sonntag im Jahreskreis bereits am Fest »Peter und Paul« besprochen wurde, sei hier nur der Link auf die früheren Ausführungen gesetzt.

15. August 2014

Sonntagsevangelium (141)

20. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 15,21-28

Die Grundstruktur der Erzählung von der Bitte einer nichtjüdischen Frau hat Matthäus aus dem Markus-Evangelium übernommen (Mk 7,24-30), und dennoch eigene Akzente eingebracht. Gemeinsam ist beiden Fassungen: Jesus hält sich in überwiegend heidnisch besiedeltem Gebiet auf (bei Tyrus und Sidon), hat aber offensichtlich nicht vor, unter Heiden zu wirken. Dass Jesus sich in einem heidnischen Haus  aufgehalten hätte, dürfte auch Markus nicht angenommen haben. Matthäus markiert die Grenze aber noch deutlicher und lässt Jesus erst gar nicht in ein Haus gehen. In seiner Version kommt die Frau heraus (Mt 15,22 ungenau die Einheitsübersetzung: »sie kam zu ihm«). Diese Aussage ist nicht mit der Ortsangabe zu verbinden (»eine kanaanäische Frau kam aus jener Gegend heraus«); sie deutet vielmehr an, dass die Szene auf der Straße spielt: »Eine kanaanäische Frau aus jener Gegend kam heraus«. Außerdem wird in der Fassung des Matthäus die ablehnende Haltung Jesu der Frau gegenüber noch schärfer betont als bei Markus.

Dies geschieht zunächst durch die Beschreibung dessen, was Jesus tut bzw. nicht tut: Er reagiert überhaupt nicht, tut so, als ob die Frau nicht da wäre: »Er antwortete ihr kein Wort« (15,23). Das stört die Jünger. Sie sind nicht Anwältin der Frau, sondern wollen nur die lästige Bittstellerin los werden. Jesus soll nicht ihre Bitte erhören, sondern sie wegschicken, damit das Geschrei aufhört. Jesus geht auf den Vorschlag insofern ein, als er der Frau seine ausgebliebene Reaktion erklärt: »Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel« (15,24). Nur im Matthäus-Evangelium ist dieser Satz zu lesen. Er korrespondiert mit dem Auftrag bei der Aussendung der Zwölf, nicht zu Samaritanern und Heiden zu gehen, sondern »zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel« (10,5f). Da die ausgesandten Jünger das Wirken Jesu ausweiten, macht das Wort in 15,24 ausdrücklich, was bereits in der Beauftragung der Jünger enthalten ist: Die Sendung Jesu gilt nicht den Heiden.

12. August 2014

Wie viele bayerische Ortschaften werden in der Bibel erwähnt? (4)

Satzungsgemäß werden die neuesten Forschungen am Institut für bayerisch-biblische Textforschung spätestens nach der Vorlesungszeit des Sommersemesters präsentiert. Wer über die Ernsthaftigkeit des Projekts im Unklaren ist, kann sich in früheren Berichten kundig machen. Sie stehen alle online zur Verfügung, und zwar  hier und  hier und  hier.

Beginnen wir mit den Funden, in denen die Textüberlieferung eindeutig ist, weil keinerlei Verschreibungen zu korrigieren sind und auch der Einfluss von Dialekten nicht zu erkennen ist. Dass der Landkreis Neuburg-Schrobenhausen nicht in Judäa oder Galiläa liegt, war bislang bekannt. Neu aber sind die Verbindungen nach Samarien. Jedenfalls fragt die samaritanische Frau in Joh 4: 
»Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns Brunnen gegeben ... hat?« (Joh 4,12)
Phonetisch klar bezeugt, fügt sich ein weiter nördlich gelegener Ort als Prädikat syntaktisch nicht ohne Schwierigkeiten in den Bibeltext ein. Möglicherweise bestand früher eine Partnerschaft zu dem gerade besprochenen Ort und die Verwerfungen zwischen Franken und Bayern haben dann zu den Problemen im Satzbau geführt:
»Darauf brach er von dort auf und Grub  wieder einen anderen Brunnen.« (Gen 26,22)
Einem Ort im Landkreis Bad Kissingen werden Robin-Hood-artige Anschläge auf die Reichen zugeschrieben, wenn es in Jak 5,2 heißt:
»Euer Reichtum verfault und eure Kleider werden von Motten  zerfressen.«

7. August 2014

Sonntagsevangelium (140)

19. Sonntag im Jahreskreis (A): Mt 14,22-33

Die Geschichte vom Seewandel Jesu ist von zahlreichen Motiven geprägt, durch die die Bedeutung Jesu erzählerisch dargestellt wird. Der Berg ist vom Alten Testament her mit dem Gedanken der besonderen Nähe zu Gott verbunden (z.B. Ex 19,3; Ex 24,15f). Im Matthäus-Evangelium erscheint der Berg als Ort der Lehre Jesu (5,1ff) und als Ort von Heilungen (15,29-31); mit ihm verbindet sich besondere Offenbarung (17,1-9; 28,16-20), in der Geschichte vom Seewandel ist er Ort des Gebetes. Die nachfolgende Erscheinung Jesu auf dem See (in göttlicher Macht) wird vorbereitet durch das Gebet auf dem Berg als dem besonderen Ort der Gottesnähe.

Die Jünger im Boot sind mit mehreren Chaosmächten konfrontiert. Die Motive sind aus den Psalmen bekannt als Bilder äußerster Bedrängnis: Wasser (z.B. Ps 32,6; 69,2f), Nacht (Ps 91,5), Stürme (Ps 107,23-32; Jon 1). Durch die Häufung der Motive hat der Gang Jesu auf dem Wasser auch den Aspekt, dass Jesus den Jüngern im Boot zu Hilfe kommt. Dies wird unterstrichen durch die Zeitangabe zur vierten Nachtwache (14,25), also in der frühen Morgenstunde – im Alten Testament geprägt als Zeit, zu der Gott hilfreich eingreift (s. Ex 14,24; Ps 46,6; Jes 17,14).

5. August 2014

Eucharistie, Sättigungsmahl und Paulus

Vor einigen Wochen beschwerte sich kath.net in einem nachträglich entschärften Artikel über einen Kritiker, der »ohne Beweise« behauptet habe, »dass die 'selbsternannten Glaubenshüter und Moralwächter' mit 'perfider Akribie' auf die Suche 'nach Verfehlungen und Häresien' gingen«. Schon damals war es erstaunlich, dass man sich über die fehlenden Beweise beschwerte. Hat man bei kath.net keinen Zugang zum eigenen Archiv? Eine Suche nach Begriffen wie BDKJ (oder BD?J), Fürst, Hilpert, Lehmann, Memorandum, Valentin, Wendel, Werlen, Weltbild, Zollitsch (die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit) könnte die Beweislage rasch ändern. Jetzt ist auch der Name Guido Fuchs in die Liste aufzunehmen. Der Liturgiewissenschaftler, apl. Professor an der Katholisch-Theologischen Fakultät Würzburg, ist dafür eingetreten, die Feier der Eucharistie mit wirklichen Mahlzeiten zu verbinden. Die Diskussion über diesen Vorschlag überlasse ich den Leuten vom Fach. Hier soll es nur um die Behauptung des kath.net-Beitrags Na Mahlzeit gehen, schon Paulus habe gewusst, warum diese Verbindung unmöglich sei.

Begründet wird diese Sicht mit einem selektiven und unsachgemäßen Rückgriff auf Aussagen in 1Kor 11.
»'Was ihr bei euren Zusammenkünften tut, ist keine Feier des Herrenmahles mehr', wettert der Apostel Paulus gegen die Gemeinde von Korinth. 'Jeder verzehrt sogleich seine eigenen Speisen, dann hungert der eine, während der andere schon betrunken ist.' Hier geht es nicht nur um das Prassen der Reichen vor den Augen der armen Gemeindemitglieder. Paulus verlangt von den Korinthern nicht, dass sie genug Speisen für alle mitnehmen sollen. Seine Lösung lautet: 'Wer Hunger hat, soll zu Hause essen. Sonst wird euch die Zusammenkunft zum Gericht.'«