Scheinbar die Südosthälfte

Bei der Lektüre eines aus dem Katalanischen übersetzten Jesusbuches ist mir aufgefallen, wie häufig dort das Wort »scheinbar« im Sinne von »anscheinend« verwendet wird. Es ist natürlich wenig originell, auf den Unterschied hinzuweisen, nachdem er schon 2003 in der Zwiebelfisch-Kolumne von Spiegel online behandelt wurde. Ich erinnere mich zudem, dass schon vor 30 Jahren mein erster Lehrer des Alten Testaments, Alfons Deissler, sich in einer Vorlesung darüber beklagt hat, dass die Studenten die beiden Wörter nicht auseinanderhalten könnten: scheinbar heiße »nur dem Schein nach, nicht in Wirklichkeit«, während »anscheinend« so viel bedeute wie »allem Anschein nach, wohl«. Als gelehriger Schüler meines damaligen Lehrers weise ich heute selbst die Studenten auf den Unterschied hin, wenn in Seminararbeiten scheinbar für anscheinend gebraucht wird (die Verwechslung geht immer nur in diese Richtung). Vielleicht wird der eine oder die andere ja einmal Lektor bei einem Verlag und könnte dann Übersetzer oder Autoren verbessern, die anscheinend scheinbar mit anscheinend verwechseln. 


Die Unterscheidung beider Begriffe ist ja durchaus nützlich, weshalb man es bedauern kann, wenn sie mit der Zeit verloren ginge. Allerdings belehrt uns der Duden in dem Band Richtiges und gutes Deutsch, dass jene Unterscheidung »relativ jung«, nämlich »erst im 18. Jh.« aufgekommen sei (S.81). Hat sich in der kurzen Zeit die Abgrenzung der beiden Begriffe noch nicht herumsprechen können? Anscheinend kann die Sprachentwicklung auch nach biblischen Zeitmaßstäben erfolgen (vgl. Ps 90,4). Hatte ich angesichts der 30 Jahre zurückliegenden Klage Alfons Deisslers gemeint, der Kampf für die genannte Differenzierung sei inzwischen aussichtslos, kann nun Hoffnung aufkeimen: vielleicht war ich nur zu ungeduldig und sollte einfach noch 200 Jahre abwarten.

In der Zwischenzeit kann ich mich mit einem sprachlichen Phänomen beschäftigen, das mich in der zurückliegenden Urlaubszeit verwirrt hat. In dieser Phase war ich mehr als sonst an der Vorhersage des Wetters interessiert und habe deshalb aufmerksamer als üblich den letzten Teil der Tagesschau verfolgt. Des Öfteren war dabei von der Südosthälfte die Rede. Gezeigt wurde die Deutschlandkarte in vollem Umfang, die Vorhersage bezog sich auch inhaltlich keineswegs nur auf Süd- oder Ostdeutschland. Was ist das Ganze, wenn der Südosten die Hälfte ist? Besteht Deutschland aus vier Hälften? 

Wieder hilft der Duden weiter: die Hälfte wird »im heutigen Sprachgebrauch auch allgemeiner im Sinne von 'Teil, Stück' verwendet« (S.433). Als Beispiel wird die Rede von der größeren und kleineren Hälfte und von zwei ungefähr gleichen Hälften genannt. Anders als in diesen Beispielen geht es bei der Südosthälfte allerdings nicht nur um kleinere Unterschiede zwischen zwei annähernd gleich großen Teilen, sondern eher um die Hälfte der Hälfte. 

Ein so großzügiger Umgang mit den Begriffen bringt aus Sicht der Neutestamentler aber auch etwas Gutes mit sich. Den Alttestamentlern gegenüber, die gerne auf den viel größeren Umfang ihres Untersuchungsgegenstandes verweisen, könnten sie nun selbstbewusst ins Spiel bringen, dass sie sich mit der neutestamentlichen Hälfte der Bibel befassen.

Nachtrag 20.5.2012: Leider erweist sich das am Schluss genannte neu gewonnene Selbstbewusstsein als brüchig. Peter Macheil erklärt in den Kommentaren, wie der Begriff Südosthälfte gemeint ist. Ob man für die gemeinte Sache einen weniger missverständlichen Begriff finden kann, der nicht die Assoziation Südosten weckt? Ganz schön knifflig, ich kann leider keinen besseren Vorschlag beisteuern. 

Kommentare

Andreas Metge hat gesagt…
Ganz augenscheinlich legst Du, lieber Gerd, den Finger in eine Wunde, die auf den ersten Blick scheinbar belanglos daher kommt, aber anscheinend nicht nur in der akademischen Wissenschaft ein Problem darstellt ...
Scheinbar setzt sich allerdings die "Scheinbar" - ein Varieté in Berlin - über dieses augenscheinliche Problem einfach hinweg, indem es nicht nur aus der Not einen Namen, sondern auch ein Programm macht: den schönen Schein geschliffener Worte und scheinbar schwereloser Artistik ...
All das mus anscheinend auch mal gesagt werden neben den sonst anscheinbar so schwer daher kommenden Debatten um Reformen in Kirche und Politik!
Volker Schnitzler hat gesagt…
Nun ist es wohl in einer lebendigen Sprache so, dass sich die Regelwerke der Sprache anpassen müssen und nicht das Regelwerk die Sprache bestimmt. So ist die Arbeit mit dem Alten Testament wohl nicht mehr die gleiche wie mit dem Neuen, sie ist dieselbe. Dies unterstützt wohl Ihre obige Diagnose ;-)
Peter Macheil hat gesagt…
Nachdem ich erst vor kurzem dieses/n Blog entdeckt habe, habe ich mich auch mal bei den älteren Posts umgesehen. Da ich bei der "Firma", die die Wettervorhersage für die Tagesschau produziert (Hessischer Rundfunk), als Hörfunk-Tontechniker arbeite, habe ich tagtäglich mit solchen (durchaus sinnvollen) Spitzfindigkeiten in Wortwahl und Ausdruck zu tun. Allerdings lässt sich Deutschland durchaus in eine "Südosthälfte" und eine "Nordwesthälfte" teilen, ohne die ursprüngliche Bedeutung des Wortes "Hälfte" überstrapazieren zu müssen. Dazu muss man lediglich eine gedachte Linie von Ahlbeck im Nordosten nach Saarbrücken im Südwesten ziehen und erhält so zwei ungefähr gleich große "Hälften" von Deutschland. Da Wetterlagen sich leider äußerst selten exakt an Längen- oder Breitengraden ausrichten, können solche Formulierungen also durchaus sinnvoll sein...
Gerd Häfner hat gesagt…
@Peter Macheil

Da habe ich jetzt wieder etwas gelernt. Es erstaunt allerdings, dass Ortschaften im Südwesten oder im Nordosten zur "Südosthälfte" gehören. Ob die Hörer des Wetterberichts an die Linie zwischen Ahlbeck und Saarbrücken denken, wenn sie "Südosthälfte" hören? Aber vielen Dank für den Hinweis. Jetzt weiß ich, wie ich die Rede von der "Südosthälfte" verstehen muss.

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