Die Vergebungsbitte des Vaterunsers

Die Universitätsgottesdienste der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität München waren in diesem Sommersemester dem Vaterunser gewidmet. Ich wurde eingeladen, in der Predigtreihe die Predigt zur fünften Bitte zu halten. Kleine Vorwarnung: Der Text ist etwas länger als sonstige Beiträge auf diesem Blog. 

»Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern«

Liebe Gemeinde!

Ein Gebet, das seit Kindertagen vertraut ist und täglich gesprochen wird, trägt biographische Spuren an sich. Ich verbinde gerade mit der Vergebungsbitte eine besondere Erinnerung. Die Zeile »... wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« blieb mir als Kind lange Zeit verschlossen. Aus dem Substantiv Schuldigern hatte ich das Adverb gern herausgehört und war dann damit überfordert, dem Rest des Wortes, den Schuldi, einen Sinn abzugewinnen. Man sollte irgendwie gern vergeben – das war für mich die Botschaft dieses Satzes. Dass ich jetzt im Auszug aus Luthers Kleinem Katechismus auf dem heutigen Programmblatt lesen kann, gar nicht so falsch gelegen zu haben, freut mich zwar im Nachhinein. Dennoch: Den Aha-Effekt, den ich erlebt habe, als mir klar wurde, was es mit den Schuldigern wirklich auf sich hat, habe ich als Befreiung empfunden. Zu verstehen, was man betet, ist keine üble Erfahrung.


Ich ziehe daraus den Schluss, dass wir uns nicht fürchten müssen vor der Distanzierung, die sich ergibt, wenn das vertraute Gebet zum Gegenstand von Auslegung wird, zu einem Objekt, dem man gegenübersteht. Sicher kann der vertraute Wortlaut den Betern Heimat und Geborgenheit vermitteln, gerade weil er nicht seziert, sondern einfach repetiert wird. Dennoch kann das Bedenken des Wortlauts das Beten bereichern. Was sich für mich in der Auflösung jenes eher kuriosen Missverständnisses ergeben hat, kann sich in bedeutenderen Zusammenhängen bestätigen ‑ wenn wir den Spuren folgen, die der Evangelist Matthäus zum Verständnis der Vergebungsbitte des Vaterunsers gelegt hat.

Der Kommentar des Matthäus zum Vaterunser

Wenn ich behaupte, die Vergebungsbitte sei die wichtigste des Vaterunsers, ist dies deshalb auch nicht Wichtigtuerei des Predigers, der in einer Predigtreihe gerade den von ihm auszulegenden Satz für den bedeutendsten hielte, um an dieser Bedeutung teilzuhaben. Für Matthäus ist die Vergebungsbitte tatsächlich der wichtigste Satz des Vaterunsers. Dies zeigt jedenfalls das Wort, mit dem er Jesus das Gebet kommentieren lässt: »Wenn ihr nämlich den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, wird sie auch euch euer himmlischer Vater vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, wird auch euer Vater eure Verfehlungen nicht vergeben.« (Mt 6,14f)

Dieser Kommentar klingt erschreckend: Die Zusage göttlicher Vergebung scheint an die Bedingung eines vorgängigen menschlichen Vergebens geknüpft zu sein: »Wenn ihr (nicht) vergebt, dann wird auch euer Vater euch (nicht) vergeben.« Ist also Matthäus der Ansicht, man müsse sich die Vergebung Gottes verdienen, diese wäre nur Antwort auf das Tun des Menschen? Die Vergebungsbitte selbst könnte eine solche Sicht bestärken. Denn wörtlich übersetzt heißt sie bei Matthäus: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben haben unseren Schuldigern.« Also: erst unsere Vergebung, dann als Reaktion auf sie und an ihrem Maßstab bemessen Vergebung durch Gott?

Keine Vergebungsleistung

Ehe wir Matthäus zu einem Vertreter der Werkgerechtigkeit machen, sollten wir zwei Dinge bedenken. Zum Ersten die Tatsache, dass das Kommentarwort im Zusammenhang mit einem Gebet gesprochen wird. Hier wird nicht eine abstrakte theologische Aussage über den Zusammenhang von göttlichem Wirken und menschlichem Tun getroffen. Es geht vielmehr um eine Bitte um göttliche Vergebung, und die ist gekoppelt an die eigene Bereitschaft zur Vergebung. Nur wer auch selbst bereit ist zum Nachlass von Schuld, kann sich im Gebet an Gott mit der Bitte um Vergebung wenden. Das Zweite, das bedacht werden sollte: Das Kommentarwort nach dem Vaterunser spricht die Hörer direkt an: »Wenn ihr (nicht) vergebt, dann wird auch euer Vater euch (nicht) vergeben.« Wer ist hier genau gemeint? Die Adressaten der Bergpredigt werden durch zwei Kreise gebildet: zum einen Volksscharen, zum andern die Jünger (Mt 5,1f; 7,28f). Die Seligpreisungen beginnen mit dem Zuspruch an die Armen, die Trauernden, die Sanftmütigen usw., wechseln dann aber zur direkten Anrede, die bis kurz vor Ende der Bergpredigt durchgehalten wird: »Selig seid ihr …« Und an dieser Stelle wird deutlich, dass die Angesprochenen durch ihr Bekenntnis zu Jesus charakterisiert sind: »Selig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen.« (5,11) Wenn die Hörer direkt angesprochen werden, sind also die Jünger Jesu gemeint und mit ihnen die Glaubenden, die sich zu Jesus Christus bekennen. Auch für das Kommentarwort nach dem Vaterunser gilt also: Es geht um diejenigen, die durch ihre Nachfolge das Handeln Gottes in Christus angenommen haben. Entsprechend ist die Beziehung zu Gott als Vater nicht erst durch das Tun der Jünger herzustellen, sie besteht bereits: Es geht darum, wie sich »euer himmlischer Vater« verhält. Also ist die Aussage eingebettet in ein Gottesverhältnis, das durch die Initiative Gottes gekennzeichnet ist, eines Gottes, der sich als Vater Jesu und der Jünger erwiesen hat. Tun und Leistung des Menschen stehen nicht erster Stelle.

Ein Gleichnis zum Thema der Vergebung

Dies bestätigt Matthäus im Rahmen der so genannten »Gemeinderede« mit einem Gleichnis zum selben Thema. Es gründet auf der metaphorischen Qualität des Begriffs »Schuld«. Dessen Doppelsinnigkeit als finanzielle und moralisch oder religiös relevante Schuld, die im Deutschen wie im Griechischen gegeben ist, wird im Gleichnis vom unbarmherzigen Gläubiger (vom »Schalksknecht«) genutzt (Mt 18,23-35). Es geht um einen Schuldner, der mit einer unvorstellbar hohen Summe, zehntausend Talenten, bei seinem König in der Kreide steht. Die Bitte um Zahlungsaufschub beantwortet der König überraschend mit dem Erlass der Schulden. In der zweiten Szene des Gleichnisses vollzieht dieser Schuldner den Rollenwechsel zum Gläubiger: ein anderer Knecht hat Schulden bei ihm – lächerlich wenig im Vergleich zu den zehntausend Talenten –, und doch läuft diese Szene so ab, als ob es die erste nicht gegeben hätte: Die Worte, mit denen der Mitknecht um Zahlungsaufschub bittet, müssten dem Gläubiger noch in den Ohren klingen; gerade hatte er sie selbst fast wortgleich als Schuldner dem König gegenüber verwendet: »Hab Geduld mit mir, und ich werde es dir zurückgeben.« (Mt 18,29; s. 18,26) Anders als der König besteht der  »Schalksknecht« aber auf der Rückzahlung der Schulden. Die Geschichte endet tragisch: Der König nimmt seinen Schuldennachlass wieder zurück.

Der Fehler des Schalksknechts besteht nicht allein darin, dass er eine Schuld von 100 Denaren nicht erlassen hat. Sein Fehler war, dass er dies nicht getan hat, obwohl ihm zuvor eine viel größere Summe erlassen wurde. Dass diese Geschichte aus der Finanzwelt auf das Thema der Vergebung zielt, macht der Evangelist durch den abschließenden Satz deutlich, der an das Kommentarwort zum Vaterunser erinnert: das tragische Ende des Gleichnisses droht auch den Jüngern Jesu, »wenn ihr nicht vergebt, jeder seinem Bruder von Herzen« (18,35). Entsprechend urchristlicher Familienmetaphorik ist mit »Bruder« der Mitglaubende gemeint. Nicht zufällig steht dieses Gleichnis in der Gemeinderede, in der diese Familienmetaphorik besonders stark ausgeprägt ist.

Petrus und die Frage nach einer Grenze der Vergebungsbereitschaft

Thematisch nicht weniger deutlich ist die kleine Szene, die Matthäus dem Gleichnis voranstellt (Mt 18,21f). Petrus fragt, wie oft er seinem Bruder, der sich gegen ihn versündigt, vergeben müsse. Man hat den Eindruck, er meine schon ein großherziges Angebot zu unterbreiten, wenn er eine bis zu siebenmalige Vergebung anbietet. Was ihm Jesus antwortet, ist nicht ganz eindeutig. Aber gleich, ob 77-mal oder sieben mal 70 gemeint ist, der Richtungssinn der Antwort ist klar: Petrus muss das Zählen ganz sein lassen, es gibt für die Vergebungsbereitschaft keine Obergrenze (und insofern mag man es als besonders listige Strategie der Vorsehung empfinden, dass wir die Zahl nicht eindeutig übersetzen können). Diese unbegrenzte Vergebungsbereitschaft, gegründet in erfahrener Vergebung durch Gott, also ist die Haltung, die Matthäus mit dem Beten des Vaterunsers und der Bitte um Vergebung verbindet.

Ausschluss statt Vergebung?

Trifft dieses Urteil wirklich zu? Wir lesen doch anderes im Matthäus-Evangelium, gerade in der Gemeinderede: »Wenn Dein Bruder (gegen dich) sündigt, weise ihn zurecht«. Zuerst soll das unter vier Augen geschehen, dann vor ein oder zwei Zeugen; im dritten Schritt soll, wenn nötig, der Fall vor der ganzen Gemeinde verhandelt werden. Und wenn alles nichts hilft, dann sei der sündigende Bruder »«ie der Heide und Zöllner« (Mt 18,15-17). Also doch nichts mit unbegrenzter Vergebungsbereitschaft? Statt Vergebung Zurechtweisung und notfalls Ausschluss? Nun hat Matthäus diese Regel zum Umgang mit dem sündigenden Bruder vor die Szene gestellt, in der Petrus nach dem nötigen Umfang seiner Vergebungsbereitschaft fragt. Man kann dies verstehen als Interpretation durch Komposition: durch die Textabfolge setzt der Evangelist den Akzent nicht auf den Abbruch der Beziehung zum sündigenden Bruder und lässt das Thema und die Rede im Ganzen mit dem Aufruf zur Vergebung enden: »... wenn ihr nicht vergebt, ein jeder seinem Bruder von Herzen.« (18,35)

Vielleicht zielt Matthäus aber auch gar nicht darauf, die Beziehung zu Mitglaubenden abzubrechen, wenn diese wie Heiden und Zöllner betrachtet werden sollen. Diese Verbindung, Heide und Zöllner, kommt nur ein einziges weiteres Mal in seinem Evangelium vor: im Zusammenhang mit dem Gebot der Feindesliebe. Und dort sind Heiden und Zöllner als diejenigen im Blick, die nur auf der Basis von Gegenseitigkeit lieben, eine gestörte Beziehung aber nicht wieder in Ordnung bringen (5,46f). Jesus erwartet von seinen Jüngern mehr (περισσόν: 5,47). Und dieses mehr zielt auf die Überwindung der Grenze zu jenen, von denen eine Erwiderung der Liebe nicht zu erwarten ist. »Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe? Und wenn ihr allein eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die von den Völkern dasselbe?« Wenn der sündige und uneinsichtige Bruder wie »der Heide und der Zöllner« anzusehen ist, dann ist er als derjenige zu betrachten, der in der Begrenzung seiner Liebe übertroffen werden soll. Auch wenn sich der Bruder nicht von seinem falschen Verhalten löst, soll er nicht abgeschrieben werden. Der Endpunkt des dreistufigen Verfahrens ist nicht der Abbruch der Beziehung, sondern die noch intensivere Bemühung um den Bruder. Es bleibt also dabei: Die unbegrenzte Vergebungsbereitschaft, gegründet in erfahrener Vergebung durch Gott, ist die Haltung, die Matthäus mit dem Beten des Vaterunsers und der Bitte um Vergebung verbindet.

Von der Schwierigkeit der Vergebung

Mit der Konzentration auf die Vergebungsbereitschaft hängt ein auffälliges Desinteresse an der Sünde zusammen. Petrus fragt ja: »Wie oft wird mein Bruder sündigen und ich werde ihm vergeben?« Die Schwere der Sünde spielt keine Rolle; es wird keine Grenze der Vergebungsbereitschaft zugestanden für bestimmte Sünden. Keine Gerichtsdrohung für die Sünder, sondern nur für die, die Vergebung verweigern. Dies ist erschreckend einseitig.

Diese Einseitigkeit mag ihren Grund darin haben, dass Matthäus keine besonders schweren Fälle im Blick hat. Immerhin geht es um Verfehlungen innerhalb der Gemeinde. Dann könnte vor allem an Alltagssituationen gedacht sein, in denen sich die Vergebungsbereitschaft bewähren muss. Auch das ist schwierig genug. Wir brauchen gar nicht an schweres Unrecht zu denken, das uns vielleicht zugefügt wurde. Es genügen die kleinen Stiche, die mit der Zeit zu größeren Wunden und durch stetes Erinnern und Bedenken heftiger und bedrohlicher werden können: Ein kleiner Schnitt, den uns ein anderer zugefügt hat, wird so zu einer Fleischwunde, die bis auf die Knochen geht. Es gibt einen Hang, solche Wunden zu pflegen – nicht um sie zu heilen, sondern um sie als Wunden zu erhalten. Aus Fehlern, die wir bei anderen beobachten, formt sich ein Bild, dem der andere dann aber auch zu entsprechen hat. Trifft die Erwartung ein, ist die Empörung über den Fehler des anderen von einer heimlichen Freude begleitet, dass man wieder einmal Recht gehabt hat. Und genauso kann die Enttäuschung der Erwartung, das Ausbleiben des Fehlers, ein Gefühl der Enttäuschung hervorrufen. Man müsste ja umdenken, sein Bild vom andern ändern.

Mehr als »vergessen«

Das wäre noch nicht Vergebung, aber ein erster Schritt dahin: die Bereitschaft, andere nicht auf ihre Mängel festzulegen. Es geht nicht darum, Fehler zu übersehen. Zwar kann das durchaus richtig sein, ist aber nicht Vergebung. Auch das Schlagwort »vergeben und vergessen« erfasst nicht, was Vergebung meint, wenn das Vergessen mehr sein sollte als eine rhetorische Verstärkung des Vergebens. An Fehler nicht mehr zu denken, weil die Gedächtnisleistung zu ihrer Speicherung nicht ausreicht, ist keine Vergebung. Diese braucht, um wirklich zu sein, ein aktives Moment, die Zusage: Was zwischen uns stand durch deine Schuld, soll nicht mehr zwischen uns stehen. Der Knecht im Gleichnis hätte sagen sollen: Ich erlasse dir die 100 Denare. Petrus geht in seiner Frage, wie oft er zu vergeben habe, davon aus, dass er als Vergebender etwas tun müsse. Und im Vaterunser ist die Vergebungsbitte die einzige, in der menschliche Aktivität direkt zur Sprache kommt. Wir-Formen sind im zweiten Teil zwar häufig zu finden, aber gewöhnlich als Objekt: Gib uns unser Brot, führe uns nicht in Versuchung, erlöse uns von dem Bösen, erlass uns unsere Schuld. Auch wenn Vergebung Re-Aktion auf das Handeln Gottes ist, ist sie damit doch auch Aktion. Vergeben ist etwas anderes als vergessen.

Rollenwechsel: Zuspruch und Empfang von Vergebung

Ist es aber immer eindeutig, wer bei wem in der Schuld steht, wer in der Situation des Vergebenden ist? Matthäus wählt im Kommentar zum Gleichnis vom Schalksknecht eine raffinierte Formulierung: »... wenn ihr nicht vergebt, jeder seinem Bruder von Herzen.« Zunächst wird dadurch ausgedrückt, dass die Bereitschaft zur Vergebung von allen erwartet wird; niemand ist davon ausgenommen. Wenn wir aber einmal nicht nur an die Bereitschaft denken, sondern den Satz beim Wort nehmen – »...wenn ihr nicht vergebt, jeder seinem Bruder von Herzen« –, dann ist auch derjenige, dem Schuld vergeben wird, selbst in der Situation, Schuld zu vergeben. Die Rollen wechseln, was Empfang und Zuspruch von Vergebung betrifft.

Es wäre also verfehlt, wenn man die Vergebungsbitte des Vaterunsers als Ansporn zu Höchstleistungen in Sachen Vergebung verstehen wollte. Vielleicht ist mein Verhältnis zum andern gar nicht dadurch bestimmt, dass ich ihm vergeben könnte, vielleicht habe ich umgekehrt nötig, Vergebung zu empfangen? Vor allzu viel Selbstsicherheit in der Rollenzuordnung warnt der Jesus der Bergpredigt, auch wenn er nicht von Vergebung spricht: »Was aber siehst du den Splitter, der in deines Bruders Auge ist, den Balken aber in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Oder wie wirst du zu deinem Bruder sagen: Erlaube, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen; und siehe, der Balken ist in deinem Auge? Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge! Und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus deines Bruders Auge zu ziehen.« (Mt 7,3-5) Dies können wir verstehen als Warnung davor, Vergebung in der Pose des Großzügigen zu gewähren. Zu ihr gehört die Einsicht, selbst Vergebung nötig zu haben.

Das Vertrauen auf den vergebungswilligen Gott

Genau damit setzt ja auch die Vergebungsbitte des Vaterunsers ein: nicht mit der Zusicherung eigener Vergebungsbereitschaft, sondern dem in der Bitte enthaltenen Bekenntnis, schuldig geworden und auf Vergebung angewiesen zu sein. Wenn sich diese Bitte an Gott richtet, dann drückt sich darin nicht nur das Vertrauen aus, dass das Gebet einen gnädigen Gott anruft. Damit ist außerdem gesagt: Meine eigene Bereitschaft zur Vergebung soll und muss sich nicht davon abhängig machen, dass andere Menschen mir vergeben. Ich habe einen Gott, vor den ich meine Schuld tragen kann in der festen Zuversicht, dass sie von mir genommen wird. Das bedeutet auch: Wir müssen uns nicht mit dem Anspruch überfordern, fehlerlos zu sein. Dann können wir auch anderen ihre Fehlerhaftigkeit zugestehen und mit ihr ohne Groll leben: in der Bereitschaft zu vergeben und Vergebung anzunehmen; im Vertrauen auf Gott, unseren Vater, auf dessen Vergebungswillen wir uns verlassen können, wenn wir ihn anrufen: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.«

Amen.

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Haben Sie vielen Dank für diese wunderbare Predigt, wenn auch das "Amen" am Schluss sich etwas ungewohnt las. Besonders gefallen hat mir die die treffende Beschreibung zwischenmenschlicher Beziehungen, in denen das Verweigern von Vergebung, das Pflegen und Züchten eigener Wunden, die heimliche Freude über erwartete, möglicherweise erhoffte, Fehler des "anderen" und das Pochen auf seinem Recht beleidigt zu sein, keine Seltenheit sind.

R.M.

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