Sonntagsevangelium (74)

5. Sonntag der Osterzeit (C): Joh 13,31-33a.34-35 

In den Abschiedsreden des Johannes-Evangeliums geht es um die Weisung Jesu an seine Jünger für die Zeit nach seinem Weggang (13,33). Grundlage dieses Abschnitts sind nicht Worte des geschichtlichen Jesus; die folgenden Kapitel (bis 17,26) bedenken die Situation der Glaubenden nach Ostern. In den Abschiedsreden begegnet verdichtet, was für das ganze Evangelium gilt: Johannes will nicht berichten, was Jesus einmal gesagt und getan hat; er zeigt auf, was Jesus jetzt für die Glaubenden bedeutet. Noch weniger als die anderen Evangelisten ist er Geschichtsschreiber, und mehr noch als diese ist er Theologe.


Eine Überlappung von Zeitebenen gibt es auch in der Erzählung selbst. Nachdem Judas vom Mahl weg in die Nacht hinausgegangen ist, heißt es: »Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist verherrlicht in ihm.« (13,31) Das mit »verherrlichen« übersetzte Verb enthält im Griechischen (δοξάζειν/doxazein) einen Bezug auf den Lichtglanz, der mit der Sphäre Gottes verbunden ist, Gottes »Herrlichkeit« (gr. δόξα/doxa). Johannes verwendet das Verb, um die Rückkehr des Sohnes zum Vater auszudrücken, als Rückkehr in jene Herrlichkeit, die dem präexistenten Sohn von jeher zukam (s. Joh 17,5.24). Da diese Rückkehr aber über das Kreuz geschieht, ist die Rede von der Verherrlichung paradox. Was der Welt als Erniedrigung erscheint, ist für die Glaubenden Erhöhung und Verherrlichung Jesu. In der Situation des Mahles ist diese Verherrlichung noch nicht erreicht, das »Jetzt« aus 13,31 greift auf die Passion voraus. Anlass dazu ist der Weggang des Judas, der mit dem Verhaftungstrupp wiederkommen wird (18,3). Das auf der Erzählebene noch künftige Ereignis bestimmt die gegenwärtige Abschiedssituation bereits so stark, dass von einem »Jetzt« gesprochen werden kann.

Als erstes Vermächtnis lässt Johannes den scheidenden Jesus die gegenseitige Liebe auftragen. Was ist neu an diesem »neuen Gebot«? Auch das Alte Testament kennt das Gebot der Nächstenliebe (Lev 19,18); und hinter dem Aufruf zur Feindesliebe (Mt 5,44) bleibt es zurück, da der Blick auf das Verhältnis der Glaubenden untereinander begrenzt ist: Die literarischen Figuren der Jünger stehen nach der eingangs beschriebenen Konzeption der Abschiedsreden ja für die Glaubenden. Neu ist das Gebot insofern, als es in der Liebe Christi gründet (»wie ich euch geliebt habe«).

Aus dieser von Jesus erwiesenen Liebe folgt nun nicht die Aufforderung, Jesus zu lieben oder an ihn zu glauben, sondern das Gebot, dass die Jünger einander lieben. Dieser Zusammenhang, der bereits in der Szene der Fußwaschung deutlich wurde (13,14f), ist in verschiedener Hinsicht aufschlussreich. (1) Es gehört zum Wesen der Liebe, dass sie absichtslos ist. Der Ernst der Liebe Jesu erweist sich auch darin, dass sie nicht ergeht, um selbst geliebt zu werden. (2) Auch wenn die Liebe im Blick auf sich selbst absichtslos ist, so zielt sie doch auf die Verwandlung jener, auf die sie sich richtet. Wer Liebe empfängt und in sich verschlossen und auf sich selbst fixiert bleibt, empfängt sie vergeblich. (3) Dass Jesus im Johannes-Evangelium von seiner Liebe spricht, die zur Liebe der Jünger untereinander führen soll, lässt sich als christologische Verlagerung der Verkündigung Jesu verstehen. Die Botschaft vom Reich Gottes ist bestimmt vom Gedanken der vorgängig geschenkten Vergebung durch Gott, aus der sich die Anforderung der Umkehr als Konsequenz ergibt. Bei Johannes ist der gesandte Sohn in diese von Gott erwiesene Liebe eingeschlossen. Angesichts der Einheit von Vater und Sohn (s. Evangelium vom letzten Sonntag: hier) ist dies nur konsequent.

Die Fokussierung auf die Jünger bedeutet nicht, dass das Liebesgebot auf den Binnenraum der Gemeinde beschränkt bliebe: Durch seine Verwirklichung tragen die Glaubenden dazu bei, dass die Jesus-Offenbarung in der Welt gegenwärtig bleibt (13,35).

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