7. Juni 2013

Sonntagsevangelium (80)

10. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 7,11-17

Von der Auferweckung des Jünglings von Nain erzählt Lukas als einziger Evangelist, und er erzählt so, dass Anspielungen auf eine alttestamentliche Geschichte erkennbar werden: die Auferweckung des Sohnes der Witwe von Sarepta (1Kön 17,17-24). Dafür sprechen mehrere Beobachtungen. (1) Nach 1 Kön 17,9f ging Elija hinein nach (wörtliche Übereinstimmung mit Lk) Sarepta, das Stadttor  ist als der Ort erwähnt, an dem Elija auf eine Witwe trifft, das Zusammentreffen ist mit und siehe eingeleitet. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird Elija den einzigen Sohn dieser Frau vom Tod erwecken. (2) Die Formulierung und er gab ihn seiner Mutter (V.15c) verdankt sich vor allem 1Kön 17,23. Sie stimmt wörtlich mit der griechischen Übersetzung dieser Stelle überein. Die Übereinstimmung ist deshalb besonders auffällig, weil im Rahmen der lukanischen Geschichte das »Geben« des Toten an die Mutter etwas deplatziert wirkt. Diese Formulierung weist eher auf einen Zusammenhang, in dem der ehemals Tote getragen wird. Für 1Kön 17,23 passt dies auch, denn bei dem Sohn der Witwe handelt es sich um ein Kind, während der Tote in Lk 7,11-17 in jedem Fall dem Kindesalter entwachsen ist (mit »Jüngling« ist ein Wort übersetzt, das im Griechischen den jungen Mann bezeichnet [νεανισκός]). Frei formulierend hätte der Erzähler wohl nicht zu dem Verb »geben« gegriffen.

Auf eine zweite alttestamentliche Erweckungsgeschichte könnte der Name der Stadt anspielen, vor deren Toren Jesus das Wunder vollbringt. Nain liegt in der Nähe von Schunem, wo Elischa einen Jungen vom Tod erweckt (2Kön 4,18-37). Auch wenn diese Erzählung in Lk 7,11-17 sonst nicht weiter aufgegriffen wird, dürfte die lokale Nähe kaum zufällig sein.

Die Aufmerksamkeit wird nach der szenischen Einleitung (7,11-12b) auf die Witwe gelenkt, deren Not charakterisiert wird. Sie hat nicht nur den Schmerz über den menschlich harten Verlust zu tragen, sondern verliert mit ihrem einzigen Sohn auch ihre wirtschaftliche Absicherung. Dass eine große Menge aus der Stadt an ihrem Schicksal teilnimmt, unterstreicht zusätzlich die große Not der Frau. Entsprechend der Schilderung der Not löst das harte Schicksal der Frau die Reaktion Jesu aus: Er sieht sie, bekommt Mitleid mit ihr, spricht ihr zu. In gewisser Spannung zu der menschlichen Regung Jesu steht die hoheitliche Kyrios-Bezeichnung: »als der Herr (gr.: κύριος/kyrios) sie sah ...« Diese Verbindung von menschlicher Regung und hoheitlicher Charakterisierung ist durchaus typisch für das Jesusbild des Lukas-Evangeliums. Mit der Kyrios-Bezeichnung wird vor allem angedeutet: Jesus besitzt die Macht, das Los der Frau zu ändern. Dies gibt auch der Aufforderung »weine nicht (mehr)!« ihren Sinn. 

Das Wunder selbst geschieht allein durch das machtvolle Wort Jesu, das feierlich gestaltet ist und die Tat Jesu von den Totenerweckungen Elijas und Elischas abhebt: Die Propheten rufen Gott an und strecken sich über dem toten Kind aus (1Kön 17,21f; 2Kön 4,33-35).Was sie von Gott erbeten haben, tut Jesus aus eigener Vollmacht durch ein vernehmbares und verständliches Wort, nicht durch Berührung (und auch nicht unter Verwendung geheimer Formeln wie in einer ähnlichen Erzählung aus der hellenistischen Welt). So erscheint Jesus größer als Elija und Elischa; er handelt in der Macht Gottes, dem es zukommt, über Leben und Tod zu gebieten (s. Dtn 32,39; 1Sam 2,6; 2Kön 5,7). 

Die Reaktion der Zeugen erfasst dies nicht, wenn Jesus als »großer Prophet« bezeichnet wird; sie bietet dennoch einen Anhaltspunkt für die zutreffende Deutung: »Gott hat sein Volk besucht« (7,16). In diesem Sinn hat schon der Lobgesang des Zacharias das Erscheinen des Messias angekündigt (1,68f), so dass in unserer Geschichte deutlich wird, wie diese Ankündigung im Wirken Jesu eingelöst wird. Verglichen mit der Elija-Geschichte zeigt sich erneut ein Überbietungsmotiv. Die Witwe von Sarepta reagiert auf die Auferweckung ihres Sohnes ebenfalls mit einer Aussage über die Bedeutung des Wundertäters: Er verkündet das Wort des Herrn (1Kön 17,24). Jesus vermittelt dagegen die Begegnung mit Gott: In seinem Wirken zeigt sich, dass Gott sich seines Volkes annimmt. Denn was Jesus vollbringt, weist auf die Anwesenheit Gottes, auf seine Macht.