Sonntagsevangelium (82)

12. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 9,18-24

Wichtige Stationen des Wirkens Jesu werden im Lukas-Evangelium durch das Gebet Jesu vorbereitet (3,21; 6,12; 9,28), so auch die Offenbarung über das Leiden des Messias (9,18). Als Sprecher der Jünger bekennt Petrus Jesus als den »Messias Gottes« (9,20). Dieses Bekenntnis wird mit einem Schweigegebot belegt – nicht weil es falsch wäre, sondern weil es in dieser Form unvollständig ist. Zwar spricht die Leidensankündigung vom Menschensohn, und nicht vom Messias; aber es soll nicht der von Petrus verwendete Titel korrigiert, sondern sein Bekenntnis in den richtigen Rahmen gerückt werden: Jesus ist der Messias, aber er ist es, dem Willen Gottes entsprechend, durch das Leiden hindurch (siehe auch 24,26.46).

Die Leidensankündigungen sind am besten als deutende Rückschau aus nachösterlicher Perspektive zu verstehen. Sowohl die Passions- als auch die Ostertraditionen erwecken nicht den Eindruck, dass die Jünger auf das Geschick von Tod und Auferweckung in irgendeiner Form vorbereitet gewesen wären (s. z.B. Lk 24,10-12). Auch würde man erwarten, dass er etwas mehr mitteilen würde, wenn es Jesus darum gehen sollte, die Jünger mit seinem gewaltsamen Ende und der Auferstehung vertraut zu machen. So bleibt denn das Leidensgeschick letztlich als Rätsel stehen. Dem Tod des Menschensohns wird kein bestimmter Sinn zugesprochen. Es heißt nicht, er geschehe zur Vergebung der Sünden oder sei ein Sterben, das sich »für uns« ereignet habe. Allein seine Verfügtheit, seine Notwendigkeit wird benannt. 

Dies könnte dazu verleiten, ein grausames Gottesbild hinter dem Text anzunehmen: Gott, der hinter jenem »muss« steht, verlange den Tod des Menschensohnes. Dass dies geschehen »muss«, wird aber nicht abgeleitet aus einem abstrakten Nachdenken über Wesen und Handeln Gottes. Es ergibt sich vielmehr aus dem faktischen gewaltsamen Todesgeschick Jesu. Wenn sich Gott in der Auferweckung zu Jesus gestellt hat, wie es der Glaube bekennt, dann muss auch sein Weg ans Kreuz mit dem Willen Gottes in Verbindung stehen. Über diesen Gedanken gehen die Leidensweissagungen nicht hinaus. Sie versuchen nicht, den im Todesgeschick Jesu sich äußernden Willen Gottes zu verstehen oder zu erklären. 

Anders als im Markus-Evangelium trifft die Ankündigung der Passion bei Lukas nicht auf den Widerspruch der Jünger. In Mk 8,32f reagiert Jesus heftig auf den Einspruch des Petrus gegen den Leidensweg und fährt ihn als »Satan« an. Dies streicht Lukas aus dem Text, denn Petrus und die Jünger sollen als Repräsentanten der Kirche und Garanten der Verbindung zum Ursprung nicht in zu starken Gegensatz zu Jesus gebracht werden. 

Außerdem kann Lukas durch jene Auslassung die Worte über die Kreuzesnachfolge (9,23f) unmittelbar an die Leidensankündigung anschließen. Solche Nachfolge verwirklicht sich nicht nur im Martyrium. Durch den Zusatz, sie geschehe täglich, bringt Lukas auch die kleineren Bedrängnisse ins Spiel, in denen sich Nachfolge im Alltag bewähren muss. 

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