Antimodernismus und Exegese (3)

Was bisher geschah: In Fortführung der Strategie des 19. Jahrhunderts, die Kirche von allen Neuerungen in Gesellschaft und geistigem Leben abzuschotten, wurde unter Pius X. (1903-1914) ein streng antimodernistischer Kurs eingeschlagen, der sich in einem Syllabus (Lamentabili sane exitu), einer Enzyklika (Pascendi dominici gregis) und dem Antimodernisteneid niederschlug. Die Absicht, historisch-kritische Exegese aus der katholischen Theologie herauszuhalten, und der Wille, diese Linie mit Macht durchzusetzen und jede Abweichung zu sanktionieren, führte außerdem zu Entscheiden der Päpstlichen Bibelkommission, die gegen neuere Tendenzen in der Exegese ohne Argumentation das Gewicht der Tradition betonten (Folge 1; Folge 2)


Zwar war der antimodernistische Kurs durch römische Dekrete begründet, er wurde aber nicht nur auf den offiziell vorgesehenen Wegen verfolgt. Daneben etablierte sich in der Zeit Pius' X. auch ein Spitzelwesen im Sodalitium Pianum – ein Geheimbund von höchstens 50 Mitgliedern, die unter Decknamen verschlüsselte Informationen austauschten. Die Organisation, deren Gründer Umberto Benigni »eine dezidiert antimoderne Vision von Gesellschaft« (Arnold, Modernismus 128) antrieb, agierte weniger gegen den theologischen als gegen den politischen und sozialen Modernismus. Zu diesem Zweck wurden gezielte Pressekampagnen gestartet und »Informationen« gesammelt und nach Rom weitergegeben, um die päpstliche Politik im gewünschten Sinn zu beeinflussen. Wenn auch weniger Theologen als vielmehr katholische Politiker und Gewerkschafter die Zielscheibe dieser konspirativen Gruppe waren, so zeigt sich doch deutlich das Klima im Pontifikat Pius' X: Vertreter modernistischen Gedankenguts sollten aufgespürt und möglichst »unschädlich« gemacht werden (Benedikt XV. führte diesen Kurs nicht in gleicher Weise fort; Benigni verlor an Einfluss, das Sodalitium wurde im Jahr 1921 förmlich aufgelöst; vgl. ebd. 132).


II. Die Konsequenzen des Antimodernismus für die Exegese 

Die Konsequenzen des Antimodernismus für die Exegese sollen zunächst in biographischer Perspektive betrachtet werden: Wie ist es katholischen Exegeten unter den genannten antimodernistischen Bedingungen ergangen?

Konsequenzen in Forscherbiographien 

Der exemplarische Einblick beschränkt sich auf Fälle, in denen es nicht zu einem Bruch betroffener Exegeten mit der Kirche kam. Die lähmenden und auf Dauer schädlichen Auswirkungen des Antimodernismus zeigen sich am deutlichsten bei jenen katholischen Neutestamentlern, die gemäßigte und (auch im damaligen exegetischen Spektrum) konservative Positionen vertraten – und dennoch vom Bannstrahl aus Rom getroffen wurden, weil sie sich in irgendeiner Hinsicht zu weit von traditionellen Positionen entfernt hatten. Instruktiv ist der Fall von Friedrich-Wilhelm Maier, in den als zweiter Betroffener Fritz Tillmann verwickelt wurde (vgl. zum Folgenden Broer, Gebremste Exegese 63-75; Heil, Exegese). 

Friedrich Wilhelm Maier

Geboren 1883 im badischen Müllheim, studierte Maier Katholische Theologie in Freiburg und Bonn, promovierte im Alter von 22 Jahren mit einer Arbeit über den Judasbrief. Nach der Priesterweihe im Jahr 1906 war er zunächst in der Seelsorge tätig, strebte aber die Habilitation an. Dieses Projekt hatte mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die in Vorbehalten gegen Maier sowohl in der Fakultät wie auch im Ordinariat Freiburg gründeten (vgl. Broer, Modernist 105-112). So kam es dazu, dass sich Maier (nach weiteren Studien in Bonn und Tätigkeit in der Seelsorge) am 27. Juli 1910 in Straßburg habilitierte. Das Thema der Arbeit ist in den Akten nicht dokumentiert, Ingo Broer trägt jedoch triftige Gründe dafür vor, dass es um die Pastoralbriefe gegangen sein muss: Eine für ein breiteres Publikum gedachte Schrift mit dem Titel »Die Hauptprobleme der Pastoralbriefe Pauli«, erschienen 1910, wird im Vorwort als umgearbeitete Fassung einer umfangreicheren Arbeit präsentiert und deren Veröffentlichung für die nächsten Jahre angekündigt (vgl. Broer, Gebremste Exegese 63f mit Anm. 11). Dass es dazu nicht gekommen ist, dürfte auch in den Turbulenzen begründet sein, in die Maiers Forscherkarriere durch ein anderes Projekt geriet. 

Maier hatte in der von Fritz Tillmann herausgegebenen Kommentarreihe, dem sogenannten Bonner Neuen Testament, die Bearbeitung der synoptischen Evangelien übernommen und zwei Lieferungen zum Matthäus-Evangelium veröffentlicht (bis zur Perikope Mt 9,18-26, deren Kommentierung abbricht). Dem Projekt wurde zum Verhängnis, dass Maier die Zweiquellentheorie voraussetzte, zu deren Annahmen die Abhängigkeit des Matthäus- vom Markus-Evangelium gehört. Die traditionelle Auffassung schreibt dagegen das Matthäus-Evangelium einem Augenzeugen der Geschichte Jesu zu, der natürlich nicht von einem anderen Werk abhängig ist. Maier trug seine Sicht zurückhaltend und behutsam vor (s. dazu weiter unten). Dies bewahrte seinen Kommentar aber nicht vor der römischen Verurteilung. Das Werk wurde auf den Index gesetzt und musste bei dem erreichten Stand abgebrochen werden. Mit dem Werk wurde auch der Autor verurteilt und ihm die Lehrbefugnis entzogen.

Auch der Herausgeber der Reihe, der das Erscheinen dieses Kommentars zu verantworten hatte, wurde verurteilt. Beiden wurde freigestellt, in ein anderes theologisches Fach zu wechseln (vgl. Joseph Ratzinger, Beziehung). Tillmann wurde zu einem einflussreichen und für die Entwicklung des Faches wichtigen Moraltheologen (vgl. Broer, Gebremste Exegese 76-79), konnte aber seltsamerweise Herausgeber des Kommentarwerks bleiben. Maier lehnte eine solche Umorientierung ab und wechselte in die Militärseelsorge. Sein Weg als Exeget war damit aber noch nicht beendet. Ab 1919 wirkte er als Privatdozent an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Breslau, 1921 wurde er außerordentlicher Professor an der Universität Bonn. Neben seiner hauptamtlichen seelsorglichen Tätigkeit konnte er sich in jenen Jahren in unbezahlter Nebentätigkeit der akademischen Lehre widmen (vgl. zu diesen Angaben Heil, Exegese 160f). 

Dies änderte sich im Jahr 1924. Kardinal Bertram von Breslau setzte sich über die römische Verurteilung hinweg und berief Maier auf den dortigen Lehrstuhl für neutestamentliche Exegese. Der Kardinal soll Bedenken mit den Worten entgegengetreten sein, dass nicht Rom, sondern der Kardinal von Breslau bestimme, ob Maier nach Breslau berufen werde (vgl. Broer, Gebremste Exegese 67). Trotz dieser Anerkennung scheint sich Maier von dem Schlag der römischen Verurteilung nicht mehr richtig erholt zu haben. Zum einen publizierte er, der vor 1912 zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt hatte, nur noch sehr wenig. Zum andern ist aus Erinnerungen überliefert, dass Maier häufig auf das Trauma des Entzugs der Lehrbefugnis zurückgekommen ist (vgl. Ratzinger, Leben 57). Als akademischer Lehrer war Maier freilich sehr erfolgreich, nicht nur in Breslau, sondern auch an der Münchener Fakultät, an der er von 1945/46 bis zu seiner Emeritierung 1951 lehrte. In die nächste Generation hat Maier auch dadurch gewirkt, dass etliche einflussreiche Neutestamentler bei ihm Exegese gehört hatten, darunter Otto Kuss, Franz Joseph Schierse, Rudolf Schnackenburg, Wolfgang Trilling und Josef Blank (vgl. Broer, Gebremste Exegese 68). 

Verurteilung moderater Exegeten

Ich komme auf einen bereits angedeuteten Punkt zurück: die Tatsache, dass die Verurteilung im Grundsatz auch eher konservativ und moderat ausgerichtete Exegeten traf. Friedrich Wilhelm Maier hat etwa in seinem kleinen Buch über die Pastoralbriefe aus dem Jahr 1910 deren Abfassung durch Paulus verteidigt. Auch in seinen posthum veröffentlichten Werken zeigt sich, dass Maier die Spannung von biblischem Befund und kirchlicher Entwicklung, etwa in der Ämterfrage, nicht kirchenkritisch bearbeitet hat (vgl. Broer, Gebremste Exegese 72). Und auch in dem Werk, das ihm die Schwierigkeiten mit Rom einbrachte, prescht Maier nicht kühn vor, um etwa Schneisen der Erkenntnis in einen dunklen katholischen Urwald zu schlagen. Die Rolle des Exegeten bestimmt er als unparteiischer Untersuchungsrichter, nicht »böser Staatsanwalt«, der den Text im Blick auf seinen geschichtlichen Gehalt von vornherein unter Anklage stellte. Maier wendet sich einerseits gegen eine »oft mühelose[] apologetische[] Methode«, die »gleich jedem einzelnen synoptischen Abschnitt die Echtheit zuerkennen« will. Andererseits dürfen erzielte Ergebnisse 
»auch nicht deshalb abgelehnt werden, weil sie etwa der Begründung und Stärkung der traditionellen Ansicht von der Glaubwürdigkeit der Evangelien und ihrer Bedeutung als Geschichtsquellen zugute kommen« (Friedrich Wilhelm Maier, Die drei älteren Evangelien: Das Matthäusevangelium, Berlin 1912, 51, zitiert nach Heil, Exegese 164). 
Die Position Maiers zur Jungfrauengeburt bei der Auslegung von Mt 1,18 war aus dogmatischer Sicht sicher nicht anstößig: 
»Wem es seine antisupranaturalistische Weltanschauung nicht verbietet, mit dem urchristlichen Glauben sich eins zu wissen, fühlt sich deshalb auch mit dem Dogma von der Jungfrauengeburt auf dem festen, wissenschaftlich unerschütterlichen Felsengrund des apostolischen Symbolums.« (ebd. 49, zitiert nach Heil, Exegese 165) 
Deutlich ist das Anliegen Maiers, die Impulse der historischen Kritik mit »den berechtigten Forderungen der altkirchlichen Tradition« zu verbinden (ebd., zitiert nach Heil, Exegese 165). Ganz offensichtlich war dies in der Zeit, in der die antimodernistischen Kämpfe auf dem Höhepunkt angekommen waren, schon zu viel. 

Noch krasser zeigt sich das Missverhältnis von Traditionstreue und Verurteilung im Fall Fritz Tillmanns. Betrachtet man seine exegetischen Arbeiten vor seinem erzwungenen Wechsel in die Moraltheologie, kann man fast den Eindruck gewinnen, hier habe Rom einen Verbündeten im antimodernistischen Kampf von sich gestoßen. Tillmann verankert das ganze christologische Bekenntnis bereits im Selbstbewusstsein Jesu: 
Jesus »weiß, …daß er der Heiland und Erlöser, der König des Gottesreiches, der Richter der Welt, der einzige Sohn des lebendigen Gottes ist. Das ist der geschichtliche Jesus, wie ihn die exakte Forschung in den synoptischen Berichten zu finden vermag« (Fritz Tillmann, Methodisches und Sachliches zur Darstellung der Gottheit Christi nach den Synoptikern gegenüber der Modernen Kritik, in: BZ 8 (1910) 41-161.252-262, hier: 154).
Auch in der Ekklesiologie ist Tillmann alles andere als ein Revoluzzer. In seiner Schrift Jesus und das Papsttum aus dem Jahr 1910 stellt er sich gegen den bereits gemaßregelten Münchener Dogmengeschichtler Joseph Schnitzer und führt die Kirchenstiftung samt der Felsenfunktion des Petrus auf den geschichtlichen Jesus zurück (vgl. die Darstellung bei Broer, Gebremste Exegese 82-85). Ingo Broer urteilt, »dass sich die katholische Kirche mit ihrer Verdrängung Tillmanns aus der neutestamentlichen Exegese um einen der besten Köpfe und um einen der entschiedensten und begabtesten Kämpfer für ihre Sache auf diesem Gebiet gebracht hat« (ebd. 85). 

Etwas weniger vornehm und ohne den sicher angemessenen Respekt vor der Institution könnte man in Anspielung auf die Formulierung des Antimodernisteneides auch sagen, die römischen Behörden hätten im antimodernistischen Wahn »– nicht weniger dumm als leichtfertig – die blinde Pauschalverurteilung als einzige und höchste Regel anerkannt«.  

In der nächsten Folge dieser Serie geht es um die Konsequenzen, die der scharfe antimodernistische Kurs für die exegetische Forschung in der katholischen Theologie hatte. 


Literatur
  • Arnold, Claus, Kleine Geschichte des Modernismus, Freiburg 2007. 
  • Broer, Ingo, Gebremste Exegese. Katholische Neutestamentler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: C. Breytenbach / R. Hoppe (Hg.), Neutestamentliche Wissenschaft nach 1945. Hauptvertreter der deutschsprachigen Exegese in der Darstellung ihrer Schüler, Neukirchen-Vluyn 2008, 59-112.
  • Broer, Ingo, Der Münchener Neutestamentler Friedrich Wilhelm Maier – ein Modernist? Neues Licht aufgrund der Personalakte, in: Biblische Zeitschrift 54 (2010) 103-113.
  • Heil, Christoph, Exegese als »objektive kritische Geschichtsforschung« und die päpstliche Zensur. Die kirchliche Verurteilung von Friedrich Wilhelm Maier 1912, in: R. Bucher u.a. (Hg.), »Blick zurück im Zorn?«. Kreative Potentiale des Modernismusstreits, Innsbruck 2009, 154-169. 
  • Ratzinger, Joseph, Die Beziehung zwischen Lehramt der Kirche und Exegese im Licht des 100jährigen Bestehens der Päpstlichen Bibelkommission, in: L'Osservatore Romano 33 (2003) 9f. 
  • Ratzinger, Joseph, Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927-1977), München 1998.

Kommentare

Klaus-Peter Kuhn hat gesagt…
Lieber Herr Häfner,

haben Sie vielen Dank für Ihre kenntnisreiche und erhellende Darlegung zum Thema Antimodernismus. Sie unterstützen mein intuitives Bauchgefühl durch treffliche und stichhaltige Argumente.

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