Antimodernismus und Exegese (4)

Was bisher geschah: Nach einer knappen geschichtlichen Verortung des Antimodernismus wurden die gegen die »Modernisten« gerichteten Dekrete vorgestellt (Folge 1; Folge 2). Nach dem exemplarischen Blick auf die Konsequenzen dieser Maßnahmen in Forscherbiographien (Folge 3) soll es nun um die Folgen für das Fach »Neutestamentliche Exegese« als Disziplin der Katholischen Theologie gehen. 


Schlaglichter auf die Konsequenzen für Forschung und Lehre 

Dass unter den dargestellten Bedingungen die Forschung zum Neuen Testament nicht gedeihen konnte, liegt auch der Hand. Die lehramtlichen Vorgaben, die eine Auseinandersetzung mit den aufgebrochenen Fragen unterbinden wollten, und die Responsa der Bibelkommission, die ohne eigentliche Sachargumentation exegetische Fragen entschieden, mussten wie eine Fessel für die katholische Exegese wirken. Wenn deren Vertreter in Kontakt mit der zeitgenössischen protestantischen Exegese bleiben wollten, mussten sie äußerst vorsichtig vorgehen, um nicht dem Modernismusverdacht zu verfallen. Eine Möglichkeit, die Situation der katholischen Exegese in Deutschland zu erfassen, besteht darin, die einzige wissenschaftliche Fachzeitschrift auf katholischer Seite in jenen Jahren zu analysieren (vgl. Klauck, Exegese 377-385; auf diese Ausführungen stützt sich die folgende Darstellung).


Die Biblische Zeitschrift, im Jahr 1903 gegründet, brachte bis ins Jahr 1915 ohne Unterbrechung einen Jahrgang heraus, erschien dann aufgrund der Kriegssituation wie auch anschließend wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten nur noch unregelmäßig bis ins Jahr 1929. 1931 wurde mit einem Herausgeberwechsel ein neuer Versuch unternommen, der aber im Jahr 1938 endete. Eine jährliche Erscheinunsgweise gelingt auch in dieser Zeit nicht mehr. Im Jahr 1957 kommt es, unter anderen Bedingungen, zur Neugründung, deren Jahrgänge als »Neue Folge« neu gezählt werden.

Die Zeitschrift gewinnt in der hier interessierenden Zeit ein fachliches Profil weniger durch thematische Aufsätze, die kaum von bekannten Autoren stammen, sondern durch ihre bibliographischen Notizen, die im Laufe der Zeit umfangreicher werden. Auf diesem Feld wird der Graben zur protestantischen Exegese überwunden. Man registriert deren Neuerscheinungen aufmerksam. Und wenn auch eine gewisse Nähe zu eher konservativen Vertretern erkennbar ist, so werden doch auch andere Werke nicht übergangen, wie etwa die für die Formgeschichte wegweisenden Werke von Karl Ludwig Schmidt, Martin Dibelius und Rudolf Bultmann, literatur- und religionsgeschichtliche Studien von Adolf Deißmann und Wilhelm Bousset oder das Werk von Johannes Weiß über die Geschichte des Urchristentums. Der Kontakt zur wissenschaftlich ernst zu nehmenden Exegese wird nicht durch die (verbotene) Beteiligung an der Diskussion gewährleistet, sondern durch deren Wahrnehmung. Hans-Josef Klauck bemerkt zu den Literaturberichten der Biblischen Zeitschrift
»Man gewinnt geradezu den Eindruck, daß sich unabhängigere Geister bewußt hinter diese Referate zurückzogen« (Klauck, Exegese 383).
Weitere Ausweichfelder sind Textkritik sowie Text- und Auslegungsgeschichte. Die Diskussion um den ursprünglichen Wortlaut biblischer Texte und dessen Entwicklung im Lauf der Überlieferung war einigermaßen unverfänglich. Sicher entstanden so verdienstvolle Studien, sie führten aber nicht zu den Fragen, die die neutestamentliche Wissenschaft außerhalb der von Rom gezogenen Grenzen umtrieben. Ähnlich steht es mit der Auslegungsgeschichte: Sie lässt sich gewissermaßen registrieren und zwingt nicht per se zu inhaltlicher Konfrontation mit den aktuellen Entwicklungen.

Zwei kennzeichnende Szenen

Vielleicht kann man das Klima jener Jahre am besten mit einer kleinen Szene einfangen, die Lorenz Oberlinner in sein Porträt Anton Vögtles aufgenommen hat. Vögtle war Schüler von Alfred Wikenhauser, der von 1929 bis zu seiner Emeritierung 1951 den Lehrstuhl für neutestamentliche Exegese an der Universität Freiburg innehatte. 
»Bei gelegentlichen gemeinsamen Spaziergängen im Sternwald bei Freiburg zog Wikenhauser, wenn die Sprache auf exegetische Themen kam, seinen Begleiter Vögtle nahe zu sich heran und sprach mit ihm im Flüsterton, obwohl weit und breit kein Mensch und schon gar nicht ein am Gespräch der beiden Exegeten Interessierter zu sehen war« (Oberlinner, Anton Vögtle 462). 
Wikenhauser ist sich bewusst, heikle Themen anzusprechen, über die er wegen der kirchlichen Situation nicht laut und offen sprechen kann. Dies hat sich so fest eingegraben, dass sich der Flüsterton selbst dann einstellt, wenn laut gesprochen werden könnte.

Die Szene belegt aber noch etwas anderes: Abseits dessen, was laut gesagt und veröffentlicht werden konnte, wurden die interessanten exegetischen Fragen durchaus bearbeitet. Das Denkverbot ließ sich nicht so umfassend durchsetzen wie angezielt. Wer die neuzeitliche Freiheitsgeschichte betrachtet, wundert sich darüber nicht allzu sehr; aber ein Verständnis für diese Geschichte darf man hinter den antimodernistischen Maßnahmen ja nicht annehmen. Unterschwellig konnten Exegeten mehr von der zeitgenössischen protestantischen Exegese aufnehmen, als nach außen sichtbar wurde. 

Auch dazu wieder eine kleine Freiburger Szene. Anton Vögtle hat sich in seiner 1949 fertiggestellten Habilitationsschrift mit dem Menschensohn-Titel befasst. In der Arbeit kam er zu dem Ergebnis, dass die Worte vom Menschensohn durchweg auf den geschichtlichen Jesus zurückzuführen seien und dessen Sendungsbewusstsein wiedergäben. Die Arbeit wurde zwar als Habilitationsleistung angenommen, sein Lehrer Alfred Wikenhauser beschied Anton Vögtle allerdings unter vier Augen eine zu apologetische Ausrichtung: Die Arbeit sei »zu wenig kritisch« (so die Formulierung, die Vögtle nach meiner Erinnerung bei der Feier zu seinem 75. Geburtstag gebrauchte, verbunden mit dem Hinweis: »Der Stachel saß!«). Öffentlich eingenommene und eigentliche exegetische Position konnten also durchaus differieren.

Eine Arbeit zur Spruchquelle Q

Nur selten gelang es, die Fragen moderner Exegese direkt aufzugreifen. Josef Schmid, später Neutestamentler in Dillingen und München, bearbeitete in seiner Habilitationsschrift 1930 die Frage nach dem Verhältnis von Matthäus und Lukas. Die Zweiquellentheorie löst das Problem durch die Annahme, beide Evangelisten hätten unabhängig voneinander eine ihnen gemeinsame Quelle (Q) benutzt. Zu diesem Ergebnis kam auch Schmid und landet damit bei der (offiziell verbotenen) Zweiquellentheorie, ohne Schwierigkeiten zu bekommen, wohl auch deshalb, weil diese Nähe begrifflich verschleiert wird. Schmid schrieb »seine Habilitationsschrift über Q, in der allerdings Q nicht genannt wurde!« (Heil, Exegese 162)

Protestantische Exegese: Verbindung und Abschottung

Die beschriebene Situation in der exegetischen Forschung muss nicht bedeuten, dass das Fach »Neues Testament« in der Lehre an Katholisch-Theologischen Fakultäten vollkommen abgeschottet von den Entwicklungen in der evangelischen Exegese verlief. Es blieb die Möglichkeit zum Referat von Positionen, die nicht vertreten werden durften. Otto Kuss meint von seinem gemaßregelten Lehrer Friedrich Wilhem Maier, er habe sich nach dem Trauma des eingezogenen Matthäus-Kommentars (s. Folge 3) auf die Lehre konzentriert: 
Er »suchte seinen Hörern und seinen Schülern etwas von dem mitzugeben, was nach seiner Überzeugung redliche wissenschaftliche Arbeit, unabhängige, zuerst und vor allem dem eigenen Gewissen verpflichtete Erkenntnis war und zu sein hatte« (Kuss, Dankbarer Abschied 14). 
Als Hörer Maiers konnte man vielleicht auch einen Eindruck gewinnen von der Kluft zwischen katholischer und protestantischer Exegese. Darauf deutet ebenfalls das Zeugnis von Otto Kuss. Er hatte sein Theologiestudium für zwei Jahre unterbrochen und war zum Studium der klassischen Philologie nach Berlin gegangen. Seine Entscheidung, auch Veranstaltungen aus der Evangelischen Theologie zu besuchen, begründet er mit der Tatsache, er sei mit der protestantischen Theologie »groß geworden« (wenn auch als entschiedener Katholik). 
»Sie wurde mir in ständig wachsendem Ausmaß vertraut, vor allem, als ich mich vorwiegend mit der Exegese des Neuen Testaments zu beschäftigen begann. Alles, aber auch wirklich alles, was dem heranwachsenden ,Wissenschaftler‘ wichtig schien, war von Protestanten, zumeist ,liberalen‘ Protestanten gedacht und geschrieben worden … Von der geschlossenen und insofern auch engen Welt der römisch-katholischen Kirche, den repressiven Praktiken ihrer Exekutive, dem häufig geradezu unwahrscheinlich verblendeten Festhalten an längst veralteten Standpunkten her gesehen, schien die protestantische Theologie eine verlockende Atmosphäre von Freiheit, Unabhängigkeit, wissenschaftlicher Experimentierfreude, weiterlaufender, sich auch dem Ganz-Neuen, Ungewohnten öffnenden Erkenntnis, Überwindung dogmatischer Enge, von ,Zukunft‘ auszustrahlen« (Kuss, Dankbarer Abschied 23f). 
Auch wenn man berücksichtigt, dass die Erinnerung die Situation des noch nicht 25-Jährigen nicht unverändert einfängt, bleibt doch der Eindruck, dass es grundsätzlich möglich war, als Student der katholischen Theologie eine Ahnung von der »anderen Welt« protestantischer Exegese zu bekommen. Es leuchtet ein, dass dies von den Verhältnissen vor Ort abhing.

Andererseits gibt es auch Schilderungen aus jener Zeit, die zeigen, dass in der Praxis der Lehre eine Kluft zur protestantischen Exegese bleiben konnte. Das Beispiel stammt wieder von Anton Vögtle, der es auch zu dem Thema jenes Abstands erzählte. Als er mit seiner Arbeit zum Menschensohn-Problem anfing, hielt er es für eine praktische und innovative Idee, die fraglichen Jesusworte aus den verschiedenen Evangelien in Spalten nebeneinander zu schreiben, so dass man Übereinstimmungen und Eigenheiten leichter identifizieren konnte. Er wollte sich also eine handschriftliche Synopse anfertigen. Dass es so etwas längst in gedruckter Form gab, war nicht einem Studienanfänger, sondern einem Habilitanden nicht bekannt. Das kann man sicher nicht als persönliches Versäumnis werten; es ist Ergebnis einer strukturellen Abschottung zur protestantischen Exegese.

Wie diese Abschottung überwunden wurde, ist Thema der nächsten Folge.

Literatur
  • Heil, Christoph, Exegese als »objektive kritische Geschichtsforschung« und die päpstliche Zensur. Die kirchliche Verurteilung von Friedrich Wilhelm Maier 1912, in: R. Bucher u.a. (Hg.), »Blick zurück im Zorn?«. Kreative Potentiale des Modernismusstreits, Innsbruck 2009, 154-169. 
  • Klauck, Hans-Josef, Die katholische neutestamentliche Exegese zwischen Vatikanum I und Vatikanum II, in: Ders., Religion und Gesellschaft im frühen Christentum. Neutestamentliche Studien, Tübingen 2003, 360-393. 
  • Kuss, Otto, Dankbarer Abschied, München 1982. 
  • Oberlinner, Lorenz, Anton Vögtle (1910-1996), in: C. Breytenbach/R. Hoppe (Hg.), Neutestamentliche Wissenschaft nach 1945. Hauptvertreter der deutschsprachigen Exegese in der Darstellung ihrer Schüler, Neukirchen-Vluyn 2008, 461-476. 

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