Sonntagsevangelium (93)

23. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 14,25-33

In die Worte über die Bedingungen der Nachfolge ist ein Doppelgleichnis eingeflochten, das sich nur im Lukas-Evangelium findet (Lk 14,28-32). An ihm kann man sich sehr gut einen Grundsatz der Gleichnisauslegung klar machen.

Gleichnishafte Texte können verstanden werden als Texte mit »doppeltem Boden« (so eine Formulierung von Kurt Erlemann). Sie verweisen auf etwas, das nicht unmittelbar ausgedrückt wird. Diese zwei Seiten eines Gleichnisses kann man als »Bild- und Sachebene« bezeichnen: zum einen die erzählte Geschichte; der Text, wie er auf der Oberfläche begegnet (Bildebene), zum andern das, worauf der Text verweisen will; was er in der Sache meint (Sachebene). Die Sachebene erschließt sich, wenn man erkennt, woraufhin das auf der Bildebene Dargestellte zugespitzt ist, oder anders: was die Pointe des Bildes ist. Nicht jedes Element eines Gleichnisses hat eine Entsprechung auf der Sachebene, manches dient auch nur dem Arrangement des Bildes und hat darüber hinaus keine Bedeutung. Genau dies lässt sich an dem Doppelgleichnis verdeutlichen, denn es arbeitet mit zwei ganz unterschiedlichen Bildern, die aber dieselbe Pointe besitzen.


Geht es im ersten Fall um einen Bauern, der einen Turm bauen will (wohl als Wachturm; vgl. Mk 12,1), so wird im zweiten Fall ein kriegführender König vorgestellt. Beide Gleichnisse sind allein durch einen Gedanken miteinander verbunden: Vor solchen Vorhaben sollte man überprüfen, ob die gegebenen Mittel wirklich ausreichen; falls nicht, verzichtet man besser auf die Durchführung des Plans. 

Nur auf diesen einen Gedanken kommt es an. Deshalb darf man das Bildfeld des Gleichnisses nicht zum eigentlichen Gegenstand der Aussage machen und etwa folgern, Jesus erkläre hier die Selbstverständlichkeit des Krieges, weil nur die Aussicht auf eine Niederlage den König zur Bitte um Frieden veranlasse. Jesus nimmt hier zum Kriegführen genauso wenig Stellung wie zum Turmbau. Turm, Vermögen, Krieg, König, Krieg, Friedensverhandlungen bedeuten hier als Einzelelemente nichts; sie sind das Bildmaterial, das so zusammengestellt ist, dass die genannte Pointe deutlich wird.

Lukas bezieht diese Pointe auf die Nachfolge. Können die Jünger Jesu wirklich jenen Verzicht üben, von dem vor und nach dem Gleichnis die Rede ist: Verzicht auf die familiären Bindungen (14,26), vor allem aber auf den Besitz (14,33; siehe dazu auch 12,15.33; 18,22)? Gleichnis und Anwendung hängen also auf paradoxe Weise zusammen. Bauer und König zählen ihre materiellen Mittel; die Jünger Jesu überprüfen ihre »Mittel« gerade durch den Verzicht auf sie.

Im Nachfolgespruch 14,26 ist die Übersetzung mit »hassen« missverständlich, denn es geht nicht um eine emotional gefärbte Abneigung gegenüber der eigenen Familie. Vor dem Hintergrund biblischer Sprachtradition ist am besten an die negative Seite einer Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten zu denken. Michael Wolter übersetzt treffend mit »hintansetzen« (Das Lukasevangelium, Tübingen 2008, 515). Die Entscheidung für Jesus in der Nachfolge bedeutet, dass die familiären Bindungen nachrangig eingestuft werden. Dass in die Aufzählung der Familienmitglieder auch die Ehefrau aufgenommen ist, findet sich auffälligerweise nur bei Lukas. Die Fehlanzeige in den anderen Evangelien kann für die Charakteristik der Jesusbewegung historisch ausgewertet werden (s. dazu hier). 

Kommentare

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Prof. Häfner,

im banalen buchstäblichen Sinne könnte man sicher denken, dass hier ein Jungzimmermann ein für ihn naheliegendes Beispiel vom Turmbau brachte, bereits von seinem "Kreuz" wusste und seine Anhänger aufforderte, alle Familienbande abzubrechen, um allein ihm zu dienen.

Doch Gott sein Dank wissen wir, dass hier kein antiker Wanderkyniker oder ein Reformprediger.... als religiöser Rattenfänger unterwegs war, wie es den Anschein hätte, wenn es bei Jesus um den gegangen wäre, der heute (gegen besseres Wissen: siehe auch jesus-lebt-wirklich.de) als einzige historische Hypothese gilt.

Auch diese Gleichnisse lassen bei Licht betrachtet erkennen, dass es dem griechischen Juden Lukas nicht um schlaue Sprüche aus dem Mund eines besonders charismatischen Heilspredigers ging, der von seinen Anhängern forderte den gesamten Besitz und die Familie aufzugeben, ihm bedingungslos zu folgen.

Wie kann man daher die Welt im Glauben lassen, hier hätte ein antiker Guru von seinen Groupies bedingungslose Nachfolge gefordert oder dem hätte ein Hellenist diese Gleichnisse in den Mund gelegt?

Wer hier die Nachfolge forderte kann bei allem was wir über die Zeit, die kulturellen Auseinandersetzungen und die damalige Diskussion wissen, nur das für Juden geltende lebendige Wort, die von den Griechen definierte und maßgebende Vernunft allen Werdens gewesen sein.

Gerhard Mentzel hat gesagt…
Wie kann man wissen, dass auch in Galiläa das Denken und Diskutieren um die Vernunft allen Werdens und ihr Wesen zuhause war und die Welt im Glauben lassen, dass es im Lukastext um einen jungen Heilsprediger ging, der von seinen Anhängern absolute Hörigkeit, gar die Aufgabe der Familienbande forderte?

Die "Münchner Theologische Zeitschrift", in der z.B. Jürgen Zangenberg deutlich macht, wie damals auch in Galiläa griechischer Geist geweht hat, ist doch pure Papierverschwendung und alle archäologische Arbeit umsonst, wenn nicht die Konsequenzen gezogen werden.

Wenn doch bekannt ist, wie nicht nur im Reformjudentum Alexandriens damals die Vernunft das Thema der Theologie war, sondern auch in Qumran bzw. rund um Jerusalem der Neuverstand, das Hören des ewigen Wortes im Weltprozess auf der Tagesordnung stand. Ist es dann nicht geradezu absurd anzunehmen, dass es dem Hellenisten Lukas um die Hörigkeit der Anhänger eines Heilpredigers ging? Wie können wir bei allem Wissen um das damalige Denken einem jüdisch-griechischen Theologen, der Gleichnisse über die Jesusnachfolge gibt, einen charismatischen Besserwisser, Gutmenschen oder sonst wie gearteten Guru als historischen Jesus unterschieben wollen?

Wie können heutige Wissenschaftler damaligen Denkern, deren Texte ständig auf hochtheologische Weise gedeutet werden, unterstellen, einem jungen Guru hörig gewesen zu sein?

Wenn sich die Juden an das ewige Wort (hebr. Vernunft) gehalten haben, aus dem alles hervorging und für die Griechen die Vernunft galt, die damals als das verstanden wurde, was vormals als Wort galt. Gibt es etwas Absurderes, als bei Reformjuden bzw. Griechen wie Lukas, die sich für den bildlosen monotheistischen Glauben begeisterten, von der Hörigkeit gegenüber einem Heilspredigers, wie er hier als einzig historische Hypothese gilt, auszugehen?



Gerd Häfner hat gesagt…
Um auf Ihre letzte Frage zu antworten: Ja, es gibt etwas Absurderes, nämlich davon auszugehen, dass Lukas vom Wirken und Geschick eines etwa 30-jährigen Wanderpredigers erzählt, dies aber gar nicht meint, sondern alles als Chiffre für die Vernunft versteht, obwohl er dies in seinem Text an keiner Stelle andeutet.

Sehr geehrter Herr Mentzel, verzeihen Sie, wenn ich etwas deutlicher werde (Sie sind ja auch nicht gerade zimperlich): Ich bin es Leid, jede Woche Ihre immer gleichen Kommentare zu lesen, die in keiner Weise auf das eingehen, was ich in dem jeweiligen Beitrag schreibe, sondern immer nur Ihre These von der schöpferischen Vernunft als dem einzig möglichen Bezugspunkt der neutestamentlichen Texte formulieren. Wir waren schon einmal so weit, dass Sie dies eingestellt haben. Ich bitte Sie herzlich, zu dieser Enthaltsamkeitsübung zurückzukehren.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Prof. Häfner,

was Sie von verlangen ist das, was Sie im Beitrag über "Antimodernismus und Exegese" anprangern: Die Abschottung vom/ Ausblendung des historischen Wissens. Einzig das buchstäbliche Verständnis soll bleiben.

Denn wenn Sie unterstellen, ich würde nicht auf die Texte eingehen, die doch nur von einem 30jährigen Heilsprediger handeln würden. Dann blenden Sie nicht nur die meist selbst dargelegten theologischen Bedeutungsinhalte aus (die sich unmöglich auf einen jungen Guru beziehen können). Vielmehr verleugnen sie das reale Geschichtsgeschehen.

Wenn heute klar ist, dass nicht nur rund um das Mittelmeer, sondern selbst in Galiläa, wo die griechischen Verfasser wie Lukas die Geschichte des Logos/der als Josua=Jesus verstandenen und beschriebenen Vernunft verorten (gleichwohl Sie daher gegen alle Vernunft einen jungen Heilspredige als einzige Hypothese bewahren wollen),
-hellenistischer Geist herrschte,
-gleichzeitig Vernunftlehren, nicht nur Stoa diskutiert wurden.
-Götterbilder waren, die nach Erneuerung riefen
-und auch die Auseinandersetzung mit der Kaiserkult bzw. menschlicher Monarchie nach einem neuen schöpferischen Vermittler in damals monistisch begründeter Vernunft (begründetem Monotheismus) rief.

Dann ist es absurd, hier nur einen gutherzigen Junghandwerker, Weisheitslehrer... als das große Heilsereignis sehen zu wollen, das Lukas beschrieb.

Da Sie noch auf keines der vorgebrachten historischen Argumente eingegangen sind, befürchte ich, dass der Vorwurf des Antimodernismus auf Sie zurückfällt.

Ihre Disziplinierungsmaßnahme, meine an der Realgeschichte, wie den biblischen Bedeutungsinhalten orientierte Exegese aufzugeben, um der unglaublichen Buchstäblichkeit zu folgen, kann ich leider nicht gerecht werden. Im Aufklärung-/Reformprojekt "jesus-lebt-wirklich.de" habe ich ihren Block als Beispiel benannte, wie heutige Exegese völliger Schwachsinn ist, wenn die in Jesus zum Ausdruck gebrachte Vernunft nicht bedacht wird.


Gerd Häfner hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Mentzel,

der Antimodernist macht Ihnen einen Vorschlag: Vertun Sie nicht Ihre Zeit, indem Sie auf einem Blog lesen, das »Abschottung vom/Ausblendung des historischen Wissens« betreibt; in dem »gegen alle Vernunft« geschrieben und »völliger Schwachsinn« verbreitet wird.
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Prof. Häfner,

ich vertue keine Zeit. Denn ich sehe ihren Blog als Beispiel, wie nicht nur die bisherige Kritik oder das Wissen um das geistige Umfeld, die Herkunft des Monotheismus oder die kulturelle Auseinandersetzung und Wende in antiker Aufklärung, sondern auch die wöchentliche Bibellese deutlich macht, dass es auch Verfassern wie Lukas nicht um den gegangen sein kann, der heute als historisch betrachtet wird.

Denn kann es bei allem was wir über die damalige Zeit oder einen hellenistischen Monotheismus-Reformdenker wie Lukas wissen, in seinem hochtheologischen Text wirklich nur um die bedingungslose Nachfolge, das Verlassen und Verleugnen der Familie durch die Anhänger eines jungen Heilspredigers gegangen sein?

Kann ein heilspredigender Gutmensch oder ein Gottmensch, auf dem Berger besteht und Ihre Art der Auslegung als Bibelfälschung bezeichnet, das Thema damaliger Theologie bzw. Monotheismusreform gewesen sein, die sich in all den von Ihnen dargelegten Texten ausdrückt?

Mit meinen Kommentaren will ich keine Anschuldigungen betreiben. Ich möchte Anstoß geben, auf neue aufgeklärt-wissenschaftliche Weise nicht nur buchstäblich, sondern im Kontext der Kultur die heute einzig geltende Hypothese vom historischen Jesus zu überdenken.

Wie unter WWW.jesus-lebt-wirklich.de deutlich gemacht, geht es mir nicht um das Abstreiten einer historischen Person, sondern deren Begründung in all ihrer biblisch beschriebenen Bedeutung, die auch in ihrer Exegese bestens deutlich wird.

Wobei nicht die historisch Wahrheit des chr. Wesens der Hauptgrund der Arbeit ist, sondern dessen mündige Wahrnehmung aufgrund heutiger modern-monistischer Welterklärung. Was durch das rein buchstäbliche Verständnis verbaut wird.
Andreas Metge hat gesagt…
Wenn ich, meine Herren, die Kontroverse zwischen Ihnen recht verstehe, dann sind
> alle Argumente ausgetauscht
> von beiden Seiten
> und das zum Ermüden und darüber hinaus.

Es wäre meiner Meinung an der Zeit, Bekehrungsversuche aufzugeben! BITTE!

Herr Häfner betreibt diesen Blogg.
Her Menszel betreibt eine eigene Webseite.

Wenn Herr Häfner noch nicht überzeugt ist (was der Fall zu sein scheint), kann er sich dort weiter informieren. Wenn er dann immer noch Fragen hat, wird er sich - so schätze ich ihn ein - direkt an Sie wenden.

Aber bitte, Herr Mentzel, respektieren Sie die abweichende Position und entsprechen Sie dem mehrfach geäußerten Wunsch: Hier bitte keine Missionsversuche mehr!

Ich würde Ihnen das sehr danken, und ich vermute, weitere BesucherInnen dieses Bloggs ebenfalls!

Bitte denken Sie einmal darüber nach, ob Sie diesen großherzigen Schritt gehen können und wollen!

Mit allem Respekt!
Andreas Metge
Gerhard Mentzel hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Metge,

abweichende Positionen will ich gern respektieren und um Mission geht es bei den jeweils begründeten Denkanstößen ganz und gar nicht.

Was den Sie ermüdenden Austausch von Argumenten betrifft: Wenn Sie die erste nicht im bisher buchstäblichen Jesusverständnis begründete Erwiderung entdecken, die auf die von mir jeweils in Bezug auf den Text bzw. die Auslegung vorgebrachten Argumente eingeht, dann würde mich das sehr interessieren.

Glaubensmission bzw. das war schon immer so, das denken alle, das liegt mir nicht. Aber für begründete Argumente, die auf den geistigen Kontext der Zeit eingehen, bin ich aufgeschlossen. Da fällt mir auch der gewünschte "großherzige Schritt" leichter.

Und wenn mir jemand beibringt, wieso der gottesfürchtige Theologe Lukas von Gleichnisreden berichtet, weil die ein rebellischer Jungzimmermann vom Stabel gelassen hat (der nach manchen Neutestamentlern nicht lesen und schreiben konnte) oder warum er einem Wanderguru das in den Mund gelegt haben soll, bin ich geheilt.

Vielen Dank!
Andreas Metge hat gesagt…
Sehr geehrter Herr Mentzel,

vorab dies: Bitte sehen Sie mir nach, dass ich in meinem Kommentar Ihren Namen verschrieben habe – ein Tippfehler, der mir leid tut!

Und nun:
• Ich habe nicht die Absicht, sie zu heilen. Selbst wenn ich ein Arzt wäre – wovon sollte ich sie heilen? Ich erlaube mir keine Ferndiagnose.

• Ich will Sie nicht einmal von Ihrer Position abbringen! Ich lese mit Lust und Gewinn die Beiträge des Exegeten in diesem blog. Ab und zu mache ich einen Einwurf.
Wenn sich im Gedankenaustausch (hier im blog oder anderswo) bei Ihnen, bei mir, bei Herrn Häfner oder anderen Personen neue Einsichten einstellen, Veränderungen der eigenen Position, dann ist das doch ein höchst intimes Ereignis bei Ihnen, mir, Herrn Häfner oder anderen.

• Wenn sich dann aber umgekehrt herausstellt, dass die Positionen hinreichend markiert sind, dennoch Differenzen bleiben – dann sollte hier auch niemand versuchen, den anderen von seiner Position abzubringen! Sie nicht, ich nicht, Herr Häfner nicht, andere nicht. Sondern – ich meine das sehr ernst! – freudig zur Kenntnis nehmen: „So sieht das also XY! Wie bunt ist doch diese Welt!“

• Und wenn dann weiterhin Herr Häfner, Sie, ich, andere Personen äußern: „Danke für’s Mitmachen bis hierher! Ich finde, alles ist gesagt, ich will nicht mehr!“, dann – so meine sehr grundsätzliche Ansicht – ist es ein Gebot des Respekts und der Höflichkeit und der Achtung, eben nicht weiter zu machen, sondern das zu akzeptieren. Jeden Versuch, mit einem expliziten oder impliziten „Aaaaber …“ den Austausch fortzusetzen, nenne ich „Missionierung“. Und dass Herr Häfner an dieser Art der Auseinandersetzung speziell mit Ihnen kein Interesse (mehr) hat, kann ich nachvollziehen und respektiere und unterstütze ich vor dem Hintergrund des eben Geschriebenen. Es ist ja sein blog…

Meistgelesen

Zu Mk 5,1-20: Der Besessene von Gerasa

In der Fertigungshalle einer Eklatfabrik

Auferstehung und leeres Grab