Sonntagsevangelium (94)

24. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 15,1-32  (oder 15,1-10)

In Lk 15 sind drei Gleichnisse zusammengestellt, die vom Verlieren und Wiederfinden erzählen. Die ersten beiden (vom verlorenen Schaf; von der verlorenen Drachme: Lk 15,1-10) sind einem Gleichnistyp zuzuordnen, der ausgehend von der Alltagserfahrung auf die Zustimmung der Hörer zielt. Deutlich wird dies an den rhetorischen Fragen: »Wer von euch ... wird nicht ...?«; »welche Frau ... wird nicht ...?« Sie lassen nur eine Antwort zu: Alle würden so handeln wie in dem Gleichnis erzählt.

Der geschilderte Verlust erscheint im zweiten Fall noch härter als im ersten: Von zehn Drachmen, offensichtlich der ganze Besitz der Frau, geht eine Drachme verloren – entsprechend ist auch die Suche nach dem Verlorenen intensiver dargestellt (15,8). Der Grundgedanke ist allerdings in beiden Fällen derselbe: Ein Verlust führt zur Suche, die Suche zum Wiederfinden, der Fund zur Freude, ja sogar zur Mitfreude der Freunde und Nachbarn (15,6.9).

Dieser letzte Punkt passt nicht ganz zum gewöhnlichen Vorgang, der im Bild geschildert wird, und dürfte sich der angezielten Sachaussage verdanken. Die beiden Gleichnisse illustrieren nämlich einen Grundzug des Wirkens Jesu: In ihm ereignet sich die Suche Gottes nach den Verlorenen, den Sündern; und dass Gott sie wiederfindet, muss gefeiert werden.

Die jeweilige Anwendung (15,7.10) bringt darüber hinaus einen neuen Gedanken ein und erweist sich so als nachträglicher Zusatz. Die Freude ist hier bezogen auf die Umkehr des Sünders. Nicht allein das Finden des Verlorenen begründet die Freude, sondern eine bestimmte Haltung des Verlorenen. Das Bild von der verlorenen Drachme ist auf diesen Akzent sicher nicht angelegt – er ist ein typisches Anliegen des Lukas (siehe auch 5,32; 13,1-5; 19,8). 

Im Gleichnis vom verlorenen Sohn (15,11-32) schlägt dieses Anliegen nicht durch. Anders als die Erzählungen vom verlorenen Schaf und der verlorenen Drachme wird hier eine dramatische Geschichte mit offenem Schluss erzählt. Allerdings bietet die Anlage dieser Geschichte einen Anlass für die Frage, ob Umkehr in ihr nicht inszeniert wird. Entscheidend für die Antwort ist das Motiv für die Rückkehr des jüngeren Sohnes. Nachdem er das ausbezahlte Erbe verschleudert hat und durch die Hungersnot auf einem Tiefpunkt an­gekommen ist, besinnt er sich – aber nicht auf seine Schuld, sondern auf die Tatsache, dass es selbst die Tagelöhner seines Vaters besser haben. Deshalb entschließt er sich zur Rückkehr und legt sich, um sein Ziel zu erreichen (Annahme als Tagelöhner), einen Spruch zurecht, in dem er dem Vater gegenüber seine Schuld bekennen will. Der Vater aber nimmt ihn an, noch ehe er diesen Spruch los werden kann und feiert ein Fest aus Freude über die Rückkehr des verlo­renen Sohnes. Nicht die Freude über Umkehr und Schuldbekenntnis begründet das Fest, sondern die Freude darüber, dass der Sohn wieder da, der Verlorene wiedergefunden ist. 

Dieser erste Teil der Erzählung liegt (trotz der anderen Inszenierung) ganz auf der Linie der beiden vorangegangenen Gleichnisse. Der Auftritt des älteren Sohnes bringt dagegen einen neuen Akzent ein: Protest gegen die Freude über das Wiederfinden des Verlorenen, der ältere Sohn fühlt sich ungerecht behandelt. Gegen dessen Ärger hat der Vater argumentativ nichts in der Hand, er rechtfertigt sein Verhalten allein durch das Wiederfinden seines verlorenen Sohnes. 

Dass eine Reaktion des älteren Sohnes nicht erzählt wird, weist auf die ursprüngliche Gesprächssituation. Jesus hat das Gleichnis denen erzählt, die sich im älteren Sohn entdecken können. Bezogen auf die Gottesreichverkündigung Jesu, geht es um den Einspruch gegen den zuvorkommend gütigen Gott, der die Sünder annimmt. Dieser Gott wird von Frommen als ungerecht empfunden. Das Gleichnis lädt sie ein, ihren Widerspruch zu überwinden und sich mitzufreuen darüber, dass die Sünder von Gott wiedergefunden wurden (etwas ausführlicher zu Lk 15,11-32 hier).

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