Sonntagsevangelium (68)

4. Fastensonntag (C): Lk 15,1-3.11-32

Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist eigentlich die Geschichte eines Vaters und seiner zwei Söhne. Der Aufbruch des jüngeren Sohnes, der sich das Erbe ausbezahlen lässt, wird nicht negativ gewertet, begründet in sich keine Schuld. Die Sünde, von der der Sohn in seinen Überlegungen spricht (15,18), besteht nicht darin, dass er von zu Hause weggezogen ist, sondern dass er das Vermögen verschleudert und »haltlos gelebt« hat (15,13).

Der soziale Abstieg wird zwar durch den Zwang zum Schweinehüten so inszeniert, dass man auch an die Entfernung vom religiösen jüdischen Erbe denken kann (Schweine sind der Mose-Tora zufolge unreine Tiere). Dennoch steht die materielle Not im Vordergrund: dem Sohn scheint selbst das Schweinefutter begehrenswert. Um den Abstieg möglichst drastisch zu schildern, nimmt der Erzähler die Unstimmigkeit in Kauf, dass der jüngere Sohn eigentlich irgendetwas verdient haben müsste, wenn er sich als Schweinehirt verdingt. Wenigstens zum Schweinefutter müsste es doch gereicht haben, aber »niemand gab ihm davon« (15,16).


Der Sohn besinnt sich – nicht auf seine Schuld, sondern auf die Tatsache, dass es selbst die Tagelöhner seines Vaters besser haben. Deshalb entschließt er sich zur Rückkehr und legt sich, um sein Ziel (Annahme als Tagelöhner) zu erreichen, einen Spruch zurecht, in dem er dem Vater gegenüber seine Schuld bekennen will, weil er sich so die besten Erfolgschancen verspricht (15,17-29). Zu dieser Akzentuierung passt: Der Vater nimmt den Sohn an, noch ehe er diesen Spruch aufsagen kann (15,20) – er reagiert also nicht auf eine Bekundung von Reue – und feiert ein Fest aus Freude über die Rückkehr des verlorenen Sohnes.

Das ruft den Protest des älteren Sohnes hervor, der sich ungerecht behandelt fühlt (dass er um die Geschichte des Jüngeren weiß, muss der Gleichniserzähler voraussetzen). Der Vater hat kein Argument gegen den Ärger des älteren Sohnes, der darin gründet, dass ihm nie ein Fest ausgerichtet wurde. Er rechtfertigt sein Verhalten allein durch das Wiederfinden des verlorenen Sohnes.

Eine Reaktion des Älteren wird nicht erzählt. Dies ist insofern als offener Schluss ernst zu nehmen, als die Reaktion von Seiten der Adressaten des Gleichnisses erfolgen soll. Als entscheidender Zielgedanke der Geschichte ergibt sich:
Der Vater verhält sich gegenüber dem Sohn, der ihn verlassen hat und nun zurückgekehrt ist, gütig und ruft dadurch den Protest des älteren Sohnes hervor, der immer bei ihm geblieben ist. Der Vater versucht sein Verhalten zu rechtfertigen durch die außergewöhnliche Situation: der Verlorene ist wiedergefunden, deshalb konnte er nicht anders handeln.
Fragt man, worauf dieses derart zugespitzte Gleichnis in der Sache zielt, so kann man den ersten Teil (bis 15,24) auf den Grundzug der Verkündigung Jesu beziehen. Das Kommen der Gottesherrschaft bedeutet: Gott nimmt die Sünder als Sünder an, ohne Vorbedingung, so wie der jüngere Sohn vom Vater angenommen wurde, ehe er irgendetwas von Reue und Umkehr sagen konnte. Im Protest des älteren Sohnes wird dem Widerspruch gegen diese Botschaft Jesu Raum gegeben.

Dieser Widerspruch dürfte in erster Linie von den Tora-Frommen gekommen sein, wie wir sie in den Evangelien vor allem in den Pharisäern repräsentiert finden. Sie kritisieren: Der von Jesus verkündete gütige Gott ist ungerecht gegenüber denen, die sich um die Erfüllung des Willens Gottes bemühen. Jesus versucht mit dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, dem Einwand der Frommen zu begegnen. Er verweist auf die besondere Situation: Gott hat jetzt, da er seine Herrschaft aufrichtet, das Verlorene wiedergefunden – und dies ist etwas so Großartiges, dass man sich freuen und mitfeiern muss. 

Die Szene, die Lukas als Rahmen der drei Gleichnisse vom Verlorenen gestaltet hat (15,1f), entspricht also der Stoßrichtung dieser Geschichten und bringt keinen fremden Gedanken ein: Jesus rechtfertigt mit diesen Gleichnissen seine Botschaft vom vergebenden Gott, die sich in der Gemeinschaft mit Sündern ausdrückt. 

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