4. Oktober 2013

Sonntagsevangelium (97)

27. Sonntag im Jahreskreis (C):  Lk 17,5-10

Am Beginn des 17. Kapitels wechseln die Adressaten der Rede Jesu. Nachdem sich Jesu Worte zuvor in erster Linie an die Pharisäer gerichtet hatten (16,14f) und die Jünger als Hörer szenisch nur mitzudenken waren (s. 16,1), spricht Jesus nun wieder zu den Jüngern (17,1-10). Der thematische Leitfaden ist nicht ganz einfach zu erkennen. Vielleicht kann man die kleine Rede in zwei Abschnitte unterteilen, die zum einen das Verhältnis der Jünger bzw. der Glaubenden untereinander (17,1-4), zum anderen ihr Verhältnis zu Gott betreffen (17,5-10).


Das Wort vom Glauben, der einen Maulbeerbaum ins Meer verpflanzt, ist anders als die Parallele bei Markus (Mk 11,23) nicht als Aufruf zu Glaubensstärke gestaltet. Jesus reagiert auf die Bitte der Jünger, ihren Glauben zu mehren (17,5), mit dem Hinweis, sie könnten die genannte Verpflanzung vornehmen, wenn ihr Glaube auch nur so groß wie ein Senfkorn wäre - das kleinste der Samenkörner. Der Zusammenhang von Bitte und Antwort lässt sich auf zweifache Weise deuten.
(1) Jesus weist das Ansinnen einer Glaubensmehrung zurück, weil schon ein »Senfkorn-Glaube« ganz erstaunliche Folgen hat. Die Bitte der Jünger wäre also Aufhänger für eine Belehrung über die Kraft des Glaubens.
(2) Jesus kritisiert die Apostel, die noch nicht einmal einen Glauben haben, der in der Größe mit einem Senfkorn vergleichbar wäre. In diesem Fall wäre die Anrede und der Irrealis der Aussage betont: »Wenn ihr Glauben wie ein Senfkorn hättet ...« Der Glaube der Apostel wäre also bemängelt und trotz des anderen Zusammenhangs eine Parallele zu Mt 17,20 zu erkennen, wo der Kleinglaube der Jünger gerügt ist. Allerdings wäre das Motiv des Lukas kaum die Kritik an den Aposteln als vielmehr die Entlastung der Adressaten des Evangeliums: Sie müssen sich von dem hohen Anspruch des Jesuswortes nicht irritieren lassen, wenn Jesus hier speziell die Apostel im Blick hat (in diesem Sinn Michael Wolter, Das Lukasevangelium, Tübingen 2008, S.568).

Das Gleichnis vom anspruchslosen Dienen (Lk 17,7-10) greift das Verhältnis von Herr und Sklave auf, in der Antike selbstverständliche soziale Wirklichkeit. Und so setzt auch das Gleichnis bei der Alltagserfahrung der Hörer an, erkennbar an den rhetorischen Fragen, die nur eine Antwort zulassen. Wie in vielen anderen Fällen tritt zum bildhaft Erzählten auch hier eine ausdrückliche Anwendung (17,10) – häufig ein nachträglicher Zusatz. Das könnte auch für das Gleichnis vom Herrn und Knecht gelten, denn Bild und Anwendung stimmen nicht ganz überein: Wird der Hörer zunächst in der Rolle des Herrn angesprochen, der über einen Sklaven verfügt (17,7), so findet er sich in der Anwendung in der Rolle des Sklaven (17,10). Dies könnte aber auch rhetorische Strategie des Gleichnisses sein: Die Hörer werden zunächst aus der Sicht des Herrn zur Zustimmung verleitet (der Sklave schuldet dem Herrn den Dienst), ehe sie in die Rolle des Sklaven versetzt werden und nun die Zustimmung nicht mehr zurückziehen können (vgl. ebd. 569).

Die Frage, ob die Anwendung ursprünglich zum Gleichnis gehört, relativiert sich insofern, als sich die Sinnspitze nicht verschiebt, wenn man das Gleichnis für sich genommen auszulegen versucht. Man kommt wohl auch in diesem Fall auf das Verhältnis des Menschen zu Gott als Thema. Das bedeutet nicht, dass der Mensch Sklave Gottes sei; das Bild darf nicht unmittelbar in die gemeinte Sache übertragen werden. Entscheidend ist der Gedanke: Wie der Sklave vor seinem Herrn, so hat auch der Mensch vor Gott keinen Anspruch auf Lohn und Dank geltend zu machen. Lukas lässt diese Aussage an die Apostel gerichtet sein (17,5) und hat vielleicht besonders die Amtsträger seiner Zeit im Blick.