27. Juni 2013

Sonntagsevangelium (83)

13. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 9,51-62

Mit 9,51 ist ein wichtiger Einschnitt im Aufbau des Lukas-Evangeliums erreicht: Nun beginnt der Weg Jesu nach Jerusalem, an den der Evangelist noch zweimal erinnert (13,22; 17,11). Der Einschnitt ist auch durch eine besondere sprachliche Gestaltung herausgehoben, vor allem durch die auffallende Zeitbestimmung. Lukas spricht von den »Tagen seiner Aufnahme«, die »dabei waren, sich zu erfüllen«, und drückt damit den Gedanken eines von Gott gesetzten Zeitmaßes aus (vgl. Michael Wolter, Das Lukasevangelium, Tübingen 2008, 369). Der jetzt auf die Passion in Jerusalem und die Ostereignisse bis zur Himmelfahrt zulaufende Weg Jesu gründet also in Gottes Willen. Zugleich legt der Erzähler nahe, dass Jesus im Wissen um das gesetzte Zeitmaß auf Jerusalem zugeht.

25. Juni 2013

Die Simulation eines Faktenchecks

Zum Jahr des Glaubens haben Peter Seewald und Bischof Gregor Maria Hanke in Kooperation mit L'Osservatore Romano ein Magazin mit dem Titel »Credo« herausgegeben, das großen überregionalen Zeitungen beiliegt und auch online verfügbar ist. In ihm findet sich ein Beitrag mit dem Titel »Jesus: Der Faktencheck« (S.37). Er soll klären, ob »wir wirklich so wenige historisch gesicherte Fakten [haben], wie Kritiker behaupten«. Als zweite Frage soll in den Text ziehen: »Stimmt es, dass die Evangelien immer wieder verändert und manipuliert wurden?« Wenn diese Fragen auf einer halben Heftseite abgehandelt werden, kann man sich von vornherein auf eine eher vereinfachte Beantwortung einstellen. Diese Erwartung wird auf unerfreuliche Weise nicht enttäuscht.

21. Juni 2013

Sonntagsevangelium (82)

12. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 9,18-24

Wichtige Stationen des Wirkens Jesu werden im Lukas-Evangelium durch das Gebet Jesu vorbereitet (3,21; 6,12; 9,28), so auch die Offenbarung über das Leiden des Messias (9,18). Als Sprecher der Jünger bekennt Petrus Jesus als den »Messias Gottes« (9,20). Dieses Bekenntnis wird mit einem Schweigegebot belegt – nicht weil es falsch wäre, sondern weil es in dieser Form unvollständig ist. Zwar spricht die Leidensankündigung vom Menschensohn, und nicht vom Messias; aber es soll nicht der von Petrus verwendete Titel korrigiert, sondern sein Bekenntnis in den richtigen Rahmen gerückt werden: Jesus ist der Messias, aber er ist es, dem Willen Gottes entsprechend, durch das Leiden hindurch (siehe auch 24,26.46).

14. Juni 2013

Sonntagsevangelium (81)

11. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 7,36-8,3 (oder 7,36-50)

Im Lukas-Evangelium gibt es drei Gastmahlszenen, in denen Jesus von einem Pharisäer eingeladen wird (7,36-50; 11,37-52; 14,1-24). Auch wenn in diesen Szenen Differenzen anklingen oder, wie in 11,37-52, auch sehr deutlich formuliert werden, ergibt sich bei Lukas im Ganzen doch der Eindruck, dass das Verhältnis von Jesus und Pharisäern nicht nur durch Gegnerschaft bestimmt ist. Dies gilt besonders für die Geschichte von der Salbung Jesu durch die Sünderin, in der der Pharisäer sogar einen Namen hat (Simon).

Die Frau bleibt namenlos. Die Identifizierung mit Maria Magdalena, die nachfolgend in 8,2 unter den Begleiterinnen Jesu genannt wird, hat zwar die Rezeptionsgeschichte bestimmt, aber keinen Anhalt im Lukas-Evangelium. Dort ist durch nichts nahegelegt, dass Maria die Frau aus der vorangegangenen Erzählung sein soll. Eine solche Gleichsetzung eröffnet sich nur dann, wenn man die johanneische Fassung der Salbungsgeschichte einblendet, in der eine Maria Jesus salbt (Joh 12,1-8). Sie wird allerdings nicht als Maria von Magdala gekennzeichnet, sondern als Schwester von Marta und Lazarus. Um die Magdalenerin als salbende Frau zu identifizieren, ist also mehr nötig als eine harmonisierende Lektüre der verschiedenen Salbungsgeschichten: wohl das Interesse an dieser in der Jesustradition besonders profilierten Frau.

13. Juni 2013

Hinweis

Das erste Bild in einem Post auf diesem Blog zeigt das gerade erschienene Heft der Münchener Theologischen Zeitschrift. Die zweite Ausgabe in diesem Jahr ist dem Thema der historischen Rückfrage nach Jesus gewidmet und beleuchtet den gegenwärtigen Stand der Jesusforschung. Auch wenn die verschiedenen Beiträge von grundsätzlichen Fragestellungen und Zugangsweisen ausgehen, ergibt sich im Ganzen auch ein facettenreiches Bild von Jesu Botschaft und Wirken. Wer die Beiträge liest, kann sich vom hohen Reflexionsniveau historischer Jesusforschung überzeugen und erkennen, wie sehr plumpe Pauschalangriffe auf die »liberale Exegese«, die hier jüngst Thema waren, das Bild verzerren.

»Was sollen wir nun sagen?« (Röm 6,1a). Kann, weil das Heftkonzept in meinen Händen lag, das positive Urteil als Selbstlob ausgelegt werden? »Das sei ferne!« (Röm 6,2a: μὴ γένοιτο) Das einzige, das ich mir zugute halten kann, ist, dass ich die richtigen Leute für das Heft gewonnen habe. Im Einzelnen finden sich folgende Beiträge:

  • David du Toit, Die methodischen Grundlagen der Jesusforschung. Entstehung, Struktur, Wandlungen, Perspektiven. 
  • Jürgen K. Zangenberg, Jesus der Galiläer und die Archäologie. Beobachtungen zur Bedeutung der Archäologie für die historische Jesusforschung. 
  • Jens Schröter, Jesus im Judentum seiner Zeit. 
  • Stefan Schreiber, Der politische Jesus. Die Jesusbewegung zwischen Gottesherrschaft und Imperium Romanum. 
  • Lorenz Oberlinner, Jesu Anspruch in Botschaft und Wirken - Merkmale einer »impliziten Christologie«?

Das Heft kann für 12,- € beim Verlag bestellt werden (EOS Verlag + Druck Erzabtei St. Ottilien, D-86941 St. Ottilien), müsste aber auch über den Buchhandel zu beziehen sein (ISSN 0580-1400 / 1 B 9673 F).

7. Juni 2013

Sonntagsevangelium (80)

10. Sonntag im Jahreskreis (C): Lk 7,11-17

Von der Auferweckung des Jünglings von Nain erzählt Lukas als einziger Evangelist, und er erzählt so, dass Anspielungen auf eine alttestamentliche Geschichte erkennbar werden: die Auferweckung des Sohnes der Witwe von Sarepta (1Kön 17,17-24). Dafür sprechen mehrere Beobachtungen. (1) Nach 1 Kön 17,9f ging Elija hinein nach (wörtliche Übereinstimmung mit Lk) Sarepta, das Stadttor  ist als der Ort erwähnt, an dem Elija auf eine Witwe trifft, das Zusammentreffen ist mit und siehe eingeleitet. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird Elija den einzigen Sohn dieser Frau vom Tod erwecken. (2) Die Formulierung und er gab ihn seiner Mutter (V.15c) verdankt sich vor allem 1Kön 17,23. Sie stimmt wörtlich mit der griechischen Übersetzung dieser Stelle überein. Die Übereinstimmung ist deshalb besonders auffällig, weil im Rahmen der lukanischen Geschichte das »Geben« des Toten an die Mutter etwas deplatziert wirkt. Diese Formulierung weist eher auf einen Zusammenhang, in dem der ehemals Tote getragen wird. Für 1Kön 17,23 passt dies auch, denn bei dem Sohn der Witwe handelt es sich um ein Kind, während der Tote in Lk 7,11-17 in jedem Fall dem Kindesalter entwachsen ist (mit »Jüngling« ist ein Wort übersetzt, das im Griechischen den jungen Mann bezeichnet [νεανισκός]). Frei formulierend hätte der Erzähler wohl nicht zu dem Verb »geben« gegriffen.

2. Juni 2013

Der Exegesefälscher

Klaus Berger, »emeritierter Professor für Neutestamentliche Theologie, übt scharfe Grundsatzkritik an der historisch-kritischen Methode der Bibelauslegung« – so wird ein Interview angekündigt, mit dem anscheinend das neueste Buch aus Bergers Feder beworben werden soll: Die Bibelfälscher. Wie wir um die Wahrheit betrogen werden, München 2013 (s. hier). Auch wenn man Werbemaßnahmen eine gewisse Einseitigkeit und plakative Sprache zugesteht, wundert man sich doch, welche Register in diesem Interview gezogen werden. Wie kann ein so gelehrter Mann wie Klaus Berger eine derart plumpe Polemik vom Stapel lassen? Man könnte seine Einlassungen geradezu für eine Satire auf die Kritik an der Bibelkritik halten. Sie scheinen aber tatsächlich ernst gemeint zu sein.